Dienstag, 4. November, 09.11 Uhr, Bahnübergang Reitkoog, Archsum

An dem sonst so verlassenen Bahnübergang herrscht reges Treiben. Durch zwei riesige helle Planen, die notdürftig längs der eigentlichen Bahnstrecke gespannt worden sind, ist zwar den Bahnreisenden jede Sicht auf den

»Es ist ein kleines Wunder, dass die Schranke überhaupt noch funktioniert hat«, bemerkt Bastian Kreuzer gerade kopfschüttelnd. »Wenn man bedenkt, dass sie nicht unbedingt für ein zusätzliches Gewicht von schätzungsweise 70 Kilo ausgelegt ist.«

Der Rechtsmediziner zupft vorsichtig an dem giftgrünen Kunststoffseil, mit dem die Leiche immer noch an die Schranke gefesselt ist. »Der Täter oder die Täterin hat hier ganze Arbeit geleistet und den Körper so richtig schön festgeschnürt. Abrutschen konnte also nichts. Und die Schranke selbst ist auch nicht gerade leicht, da hat der Motor für das zusätzliche Gewicht wahrscheinlich eben noch so gereicht. Oder, andere Möglichkeit, die Schranke hat gar nicht funktioniert, und es war nur ein gnädiger Zufall, dass nicht auch noch jemand unter einen vorbeifahrenden Zug geraten ist.«

»Wenn die Schranke nicht hochgegangen wäre, hätte es mit Sicherheit eine Störmeldung gegeben, dann wäre das Opfer vermutlich wesentlich früher entdeckt worden.«

»Stimmt auch wieder«, antwortet Bernstein missmutig.

Wie Bastian Kreuzer sehr genau weiß, lässt sich der Mediziner nur äußerst ungern bei einer Ungenauigkeit oder gar

Während er redet, lässt der Kommissar seinen Blick über die beiden deutlich sichtbaren Beulen schweifen, die der Kopf der Toten aufweist.

»Ich muss das erst untersuchen. Wie Sie sehen können, gibt es hier viel weniger Blut als bei der letzten Leiche. Möglicherweise haben innere Blutungen den Tod ausgelöst. Aber sicher ist das nicht.«

»Wie meinen Sie das?«

Bernstein zuckt die Schultern. »Sie könnte genauso gut vergiftet worden sein, und dann hat ihr jemand noch ein paar Schläge auf den Kopf versetzt.«

»Aber das ist doch sehr unwahrscheinlich.«

»Sicher. Doch Sie müssten mich gut genug kennen, um zu wissen, dass ich mich ungern festlege, bevor ich nicht alles andere ausschließen kann.«

Bastian nickt resigniert. Ihm ist völlig klar, dass sie hier in einer deutlich schwierigeren Situation sind als am Südwäldchen. Denn von einer Tatwaffe, sei es ein Stein, ein Stock, eine Keule oder sonst irgendein schweres Gerät, mit dem Brith Bleiken erschlagen worden sein könnte, ist weit und breit nichts zu sehen. Und das Gelände hier ist außerordentlich übersichtlich. Weite flache Wiesen, die von einer schnurgeraden asphaltierten Straße durchschnitten werden. Kein Baum, kein Strauch, rein gar nichts, was ihnen die Suche nach einer Tatwaffe erschweren könnte.

Als habe er Bastians Gedanken erahnt, erklärt Bernstein jetzt: »Jedenfalls gibt es hier nicht diese weißen Bröselspuren

»Und der Täter hat die Tatwaffe mitgenommen. Zweite Abweichung«, konstatiert Bastian. »Außerdem ist die Kleidung weg. Dritte Abweichung.«

»Tja, sie wird wohl kaum nackt hier entlangspaziert sein«, bemerkt Bernstein trocken.

Bastian verzichtet auf eine Antwort und denkt verbittert: Warum muss immer alles so verdammt kompliziert sein?

»Können Sie schon irgendetwas über den Todeszeitpunkt sagen? Die Kollegin Blanck hat gerade angerufen. Der Ehemann hat ab etwa halb vier am Nachmittag bis nachts gegen eins ein Alibi. Genaueres kann sie noch nicht sagen, es wird sich aber alles gut überprüfen lassen.«

»Wie kommen Sie darauf, dass der Ehemann verdächtig sein könnte?«, murmelt Bernstein, während er vorsichtig an dem toten Leib herumdrückt.

»Der Ehemann ist immer verdächtig, das wissen Sie doch. Und dieser hier ist zwanzig Jahre jünger als seine Frau.«

»Manchmal sind Sie merkwürdig altmodisch, Kreuzer. Ich dachte, so was wäre heutzutage kein Problem mehr.«

»Mag sein«, gibt der Kommissar zu. »Vielleicht habe ich Vorurteile. Aber dass Silja das Alibi überprüft hat, wenn sie ohnehin mit dem Witwer redet, hilft uns schon mal. Jedenfalls dann, wenn Sie einen ungefähren Todeszeitpunkt angeben können.«

»Es ist sehr kalt hier draußen«, beginnt Bernstein etwas umständlich. »Da braucht es nur wenige Stunden, bis ein nackter lebloser Körper so komplett runtergekühlt ist wie dieser hier. Theoretisch könnte die Tat also auch noch kurz

»Das habe ich mir auch schon überlegt. Denn dass es zwei waren, ist nach unseren Erfahrungen eher unwahrscheinlich. Jedenfalls bei so einer merkwürdigen postletalen Inszenierung.«

»Es gibt nichts, was es nicht gibt. Jedes Tierchen findet für sein Pläsierchen vielleicht auch noch ein zweites Tierchen«, antwortet der Rechtsmediziner achselzuckend. »Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Schauen Sie sich mal die Augen an. Die Bindehäute sind fast schwarz. Und wenn ich mich nicht ganz täusche, dauert es auch nicht mehr lange, bis die Leichenstarre einsetzt. Der Kiefer ist schon ziemlich fest.«

Der Mediziner verstummt, als sei damit alles gesagt.

»Der Todeszeitpunkt?«, erinnert Bastian vorsichtig.

Ungehalten zuckt Bernstein mit den Schultern. »Genaueres kann ich erst nach der Autopsie sagen. Bei den Eingeweiden im Bauchraum fängt die Verwesung immer relativ früh an. Vor allem der Darm dürfte daher interessant sein, weil sich dort Enzyme befinden, die eigentlich verdauen sollten.«

»Hm, danke für die Erklärung«, beginnt Bastian nun noch ratloser. »Doch was heißt das jetzt für den Todeszeitpunkt?«

»Wenn wir Glück haben, verrät uns der Mageninhalt etwas darüber. Je nachdem, wann sie zuletzt gegessen hat und wie viel davon schon verdaut ist«, nuschelt der Rechtsmediziner. »Wenn Sie kurz mal hier halten würden, aber ganz

»Glaub schon«, antwortet Bastian, während er mit den behandschuhten Händen die Knöchel der Toten festhält.

Dr. Bernstein wickelt das grüne Seil bedächtig ab, löst hier einen Knoten, dort eine Verschlingung und fordert den Kommissar schließlich ungeduldig auf: »Jetzt greifen Sie schon zu, Kreuzer. Unsere Tote tut Ihnen nichts mehr, und wenn Sie nicht schnellstens die Hüfte stützen, rauscht uns noch die ganze Figur zu Boden. Das wollen wir beide nicht.«

Zaghaft fasst Bastian die Tote mit der einen Hand unter die Hüfte, während die andere weiter die Knöchel stützt. Derweil setzt Bernstein seine Entfesselung fort. Bastian fühlt sich extrem unbehaglich, er kann sich nicht erinnern, jemals einem nackten Mordopfer so nahe gekommen zu sein, und verspürt eine beklemmende Mischung aus Scham, Mitleid und Wut auf den Täter. Als plötzlich ein Ruck durch den Körper fährt, hat der Kommissar Mühe, den toten Leib noch rechtzeitig aufzufangen. Erstaunt nimmt er zur Kenntnis, dass Bernstein kräftiger ist, als er angenommen hat. Der Rechtsmediziner hält den Oberkörper der Toten mit dem linken Arm umfasst und löst die letzten Umschlingungen des Seils mit der freien Hand. Vorsichtig legen dann beide den Leib auf einer vorbereiteten Plane ab.

»Na sehen Sie, war doch gar nicht so schwer«, erklärt Bernstein mit durchaus amüsiertem Gesichtsausdruck.

Bastian nickt beklommen und vermeidet den Blick auf den nackten Körper, der ihm nun noch schutzloser zu sein scheint. Als ihm von hinten eine Hand auf die Schulter tippt, fährt er erschrocken zusammen.

»Woher die gute Laune? Hast du den Fall im Alleingang gelöst?«, versucht er zu scherzen.

»Schön wär’s. Aber es gibt erste Erkenntnisse. Gestern Nachmittag gegen halb vier hat Frau Bleiken noch gelebt, das können sowohl ihr Mann als auch ein ehemaliger Kollege bestätigen. Und sie ist regelmäßig hier spazieren gewesen. Dieser Bahnübergang war so etwas wie ihr Lieblingsort. Es wäre also möglich, dass ihr jemand gezielt aufgelauert hat.«

»Bäume zum Festbinden gibt’s hier ja eher nicht. Da musste dann eben die Schranke herhalten«, überlegt Bastian laut.

»Oder es hat sich um einen Nachahmungstäter gehandelt. So ziemlich jeder Inselbewohner weiß inzwischen, was am Südwäldchen passiert ist«, wirft Silja ein.

»Was willst du damit sagen?«

»Angenommen, es war jemand sauer auf unsere Tote, dann gab es jetzt eine prima Gelegenheit dafür, auf dem Ticket des Seilmörders zu reisen.«

Energisch schüttelt Bastian den Kopf. »Du vergisst, dass wir die Info über das Seil zurückgehalten haben. Außerdem: Selbst wenn jemand von diesem Detail erfahren haben sollte, hätte er immer noch das entsprechende Seil auftreiben müssen. Was gar nicht so leicht ist, wie wir inzwischen wissen.«

»Es gibt aber noch eine andere Spur, der wir nachgehen müssen«, wendet Silja ein, auch wenn ihr die Enttäuschung anzusehen ist. »Unsere Tote hatte am Tag ihres Todes Zoff mit einem Schüler. Er ist handgreiflich geworden, nicht gegen sie, sondern gegen eine Mitschülerin, Elisa

»Dann sollten wir möglichst bald mit ihm reden, bevor alle Einzelheiten dieser Tat auch auf der Insel rum sind.«

»Über eines denke ich schon die ganze Zeit nach«, mischt sich plötzlich Dr. Bernstein in das Gespräch. Er hat bisher über der Leiche gekauert, richtet sich jetzt aber stöhnend auf. »Meine Gelenke wollen auch nicht mehr so wie früher«, erklärt er und reibt sich das Kreuz. Silja und Bastian nicken schweigend und schauen ihn abwartend an.

Bernstein sieht ihre Blicke und runzelt die Stirn. »Was wollte ich gleich? Ach so, ja. Folgendes: Nehmen wir mal an, der Mord ist gestern Abend oder sogar am späten Nachmittag geschehen. Also während das Opfer seinen Spaziergang gemacht hat. Vom Zustand der Leiche her könnte das vermutlich passen. Dann ist es einigermaßen erstaunlich, dass niemand sie vorher entdeckt hat.« Er blickt sich aufmerksam um. »Natürlich ist es einsam hier und zu dieser Jahreszeit auch ziemlich unwirtlich, aber trotzdem gibt es doch Verkehr.« Er deutet hinüber zu den Straßensperren Richtung Keitum und Archsum, die gerade noch am Horizont zu sehen sind. »Da stehen durchaus Fußgänger, Radfahrer und Autos, die vorhatten, hier längs zu kommen.«

»Nicht zu vergessen die Zugreisenden«, fällt Silja ein. »Diese Schranke befindet sich vermutlich auf Augenhöhe, wenn sie unten ist. Also ich meine, da muss doch der eine

»Offenbar nicht«, stellt Bastian lakonisch fest. »Die Leute im Zug sind zu dieser Jahreszeit fast alles Einheimische, die nicht mehr unbedingt beim Fahren die Landschaft betrachten.« Mit zusammengekniffenen Augen mustert er die Straße. »Außerdem gibt es weit und breit keine Laternen. Wer soll dann hier nach Einbruch der Dunkelheit noch groß rumlaufen? Und für den frühen Morgen gilt das Gleiche.«

»Aber ein Autoscheinwerfer müsste die Leiche doch erfasst haben«, überlegt Silja.

»Kommt drauf an. Wenn die Schranke oben war, könnte der Körper außerhalb des Lichtkegels gewesen sein.«

»Aber von weitem müsste man doch …«, beginnt Silja.

»Du weißt ja, wie das ist. Man sieht nur, was man sehen will beziehungsweise was man erwartet. Wenn du mit dem Wagen durch eine stockfinstere Nacht fährst, dann guckst du auf die Straße und nicht nach oben oder zur Seite. Und vielleicht hat es der Zufall so gewollt, dass in den kurzen Phasen, während der die Schranken unten waren, kein Wagen am Bahnübergang wartete.«

»Dann könnte sie also mehr als zwölf Stunden unentdeckt geblieben sein. Wie furchtbar.« Silja mustert die tote Frau am Boden mitleidig.

Während der kurzen Unterhaltung hat Bernstein bereits begonnen, seine Utensilien zusammenzusammeln. Jetzt richtet er sich auf und lässt noch einmal den Blick über die Szene schweifen. »Wenn ich mir das recht überlege, haben wir vermutlich einen idealen Tatort vor uns, jedenfalls aus Sicht des Seilmörders«, murmelt er, wobei seine Stimme außerordentlich zufrieden klingt.

»Was ist das?«, fragt Bastian.

»Gummi, nehme ich an. Vermutlich eine Bremsspur von einem Fahrrad, so schmal, wie sie ist. Der Abrieb ist minimal, aber bei genauer Betrachtung sieht man, dass da jemand heftig in die Klötzer gestiegen ist. Das Rad scheint ausgebrochen zu sein und diese Spur hinterlassen zu haben. Ich sichere auf jeden Fall etwas von dem Material. Außerdem habe ich auch schon alle Fingerabdrücke von der Bahnschranke genommen. Die können natürlich von wer weiß wem stammen, aber manchmal gibt’s eben auch einen Zufallstreffer.«

»Ich will ohnehin noch einmal mit dem Ehemann reden, dann kann ich ihn um seine Fingerprints bitten«, schlägt Silja vor.

»Schaden kann’s nicht«, murmelt Bastian unkonzentriert, während er sich bückt, um die Reifenspur genauer anzusehen. »Wieder ein Fahrrad. Die erste Tote war auch so unterwegs.« Nachdenklich wendet er sich an Silja. »Glaubst du, dass das ein Zufall ist?«

»Was wäre es denn sonst?«, antwortet sie pragmatisch. »Wir wollen doch nicht Täter und Opfer verwechseln. Das erste Opfer ist mit dem Rad gefahren, wie der Täter zum Südwäldchen gekommen ist, wissen wir leider nicht. Das zweite Opfer ist mit sehr großer Sicherheit zu Fuß unterwegs gewesen, jedenfalls hat Jasper Bleiken nichts von irgendwelchen

»Natürlich nicht. Selbst ein Sylter Landregen würde sie nicht unbedingt wegspülen.«

»Da siehst du es, Bastian. Vielleicht dachte irgendein Radfahrer einfach, er würde es noch schaffen, bevor die Schranke runtergeht. Er ist also kräftig in die Pedale getreten und hat dann in letzter Sekunde gesehen, dass es nicht reicht. Dann musste er bremsen, und zwar heftiger, als erwartet. Dabei ist ihm der Hinterreifen weggerutscht. Das kann doch passieren.«

»Manchmal hasse ich deine logischen Fähigkeiten«, grummelt Bastian.

»Falsch«, korrigiert ihn Silja. »Du hast nichts gegen meine logischen Fähigkeiten, sondern ärgerst dich nur darüber, dass ich mich weigere, Fred Hübner zu verdächtigen. Er ist es doch, den du jetzt wieder ins Spiel bringen wolltest. Habe ich recht, oder habe ich recht?«

»Letzteres«, antwortet Bastian mit einem schiefen Grinsen.

»Wusste ich’s doch«, triumphiert Silja. »Aber lass dir eines gesagt sein: Du siehst Gespenster, garantiert!«