Elsbeth von Bispingen liegt in Fred Hübners Badewanne und versucht, sich zu beruhigen. Seit sie am Morgen von dem zweiten Mord erfahren hat, war sie ständig auf Achse. Zuerst zu einer knappen Besprechung im Kommissariat, dann ging es gleich weiter in die Nordseeklinik, wo der Rechtsmediziner sich die Tote vorgenommen hat.
Für gewöhnlich steht Elsbeth jede Obduktion mit Sarkasmus und Galgenhumor durch, aber heute ist ihr die Prozedur unerwartet nahe gegangen. Ständig musste sie sich die letzten Stunden des Opfers vorstellen. Ein Streit in der Schule, sicher zermürbend, aber kein Grund zur Verzweiflung, denn der aggressive Schüler rastet nicht zum ersten Mal aus. Die Rückfahrt nach Archsum, die anschließende Kaffeepause mit dem Ehemann, während der sie von dem Streit berichtet. Käsekuchen in der Küche, Korrekturen im Arbeitszimmer, Rückkehr zur Normalität. Dann die Abfahrt des Ehemannes. Er steigt in den Wagen eines Kollegen, sie winkt den beiden vom Fenster aus zu. Anschließend bricht sie irgendwann auf, vermutlich noch vor Sonnenuntergang. Ein Spaziergang zum Runterkommen. Nichts Aufregendes, nichts Ungewöhnliches, ein Weg, den Brith Bleiken schon hundertmal gegangen ist. Als sie beim Bahnübergang ankommt, passiert es. Jemand schlägt mehrmals mit einem harten, glatten Gegenstand auf ihren Schädel. Sie blutet kaum, muss aber sofort das Bewusstsein verloren haben. Die Todesursache waren innere Blutungen, das hat der Rechtsmediziner vorhin zweifelsfrei festgestellt.
»Subarachnoidalblutung«, murmelte Bernstein mit zufriedener Stimme. »Habe ich’s mir doch gleich gedacht.«
»Bitte was?«, wagte Kreuzer nachzufragen, während Elsbeth und die Blanck einen ratlosen Blick wechselten.
»Wenn man einen kräftigen Schlag auf den Kopf bekommt, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder es platzt etwas auf, und das Blut quillt heraus, um es mal umgangssprachlich auszudrücken. Wenn diese Blutung nicht gestillt wird, stirbt man am Blutverlust. So ist es unserer ersten Toten ergangen. In diesem Fall aber …«, er deutete mit einer beiläufigen Geste auf Brith Bleikens Leichnam, »in diesem Fall hielt die Schädeldecke, und es wurden ausschließlich Blutgefäße im Schädelinneren verletzt. Dann laufen große Mengen Blut in den mit Flüssigkeit gefüllten Raum, der das Gehirn umgibt. Dadurch erhöht sich der Druck auf das Gehirn eklatant. Das kann unbehandelt sehr schnell zu Bewusstlosigkeit, Herzrhythmusstörungen und anschließendem Herzstillstand führen. Wenn nicht innerhalb kürzester Zeit professionelle Hilfe kommt, ist das der Exitus.«
Danach herrschte erst einmal Schweigen im Obduktionssaal. Alle starrten auf die geöffnete Hirnschale, deren Inneres tatsächlich voller geronnenem Blut war.
Bei dem Gedanken daran schüttelt es Elsbeth immer noch. Und obwohl sie ihr Badewasser ziemlich heiß liebt, läuft ihr ein Kälteschauer über den Rücken. Sie taucht tiefer in das heiße Wasser ein. Schaumberge umspielen ihre Knie und ihre Schultern. Trotzdem kann sie den Anblick der Toten auf der Metallliege nicht verdrängen.
Nach dem Öffnen des Gehirns vollzog Bernstein den großen Y-Schnitt und begann mit der Entnahme der Organe. Herz, Leber und Nieren wurden einzeln gewogen und seziert. Alles war ohne Befund, Brith Bleiken war organisch kerngesund. Schließlich untersuchte Bernstein den Mageninhalt. Er würde einen wichtigen Anhaltspunkt zur Bestimmung der Todeszeit liefern, so hofften alle. Und als der Rechtsmediziner den fast unverdauten Käsekuchen entdeckte, ahnten alle Anwesenden, was er kurz darauf in Worte fasste.
»Ein Glücksfall. Die Tote hat bedauerlicherweise keine Zeit mehr gehabt, ihren Kuchen zu verdauen. Um 15 Uhr hat die letzte Mahlzeit stattgefunden, das ist doch richtig, oder?« Als Oberkommissarin Blanck bestätigend nickte, fuhr er fort: »Dann schätze ich mal, dass der Tod zwischen halb fünf und halb sechs eingetreten sein muss. Hier, sehen Sie selbst.« Mit diesen Worten hob er den Mageninhalt auf den Sektionstisch. Elsbeth wird den Anblick der trübgrauen Masse nicht so bald vergessen. Auch Silja Black wurde plötzlich ziemlich blass, und selbst der hartgesottene Kreuzer wandte sich ab.
Doch Bernstein ließ sich von den Reaktionen der Umstehenden nicht beeindrucken. »Hätte sie weitergelebt, wäre die Mahlzeit innerhalb weniger Stunden aus dem Magen verschwunden und komplett in den Zwölffingerdarm gewandert. Dieser Prozess hatte zum Todeszeitpunkt zwar schon eingesetzt, war aber noch lange nicht abgeschlossen. Daher kann ich ziemlich genau angeben, wann die Dame mit der Vorliebe für Käsekuchen gestorben ist. Das wollten Sie doch unbedingt.«
Der Rechtsmediziner schickte einen stolzen Blick in die Runde, der kurz auf dem Gesicht des Hauptkommissars verharrte. Als dessen Reaktion eher verhalten ausfiel, wandte er sich enttäuscht wieder der Leiche zu.
Es war Silja Blanck, die schließlich das Schweigen brach.
»Eines steht damit fest. Jasper Bleiken hat ein bombensicheres Alibi.«
»Warum sollte er auch seine Frau umbringen wollen«, murmelte Bernstein, während er bereits wieder beide Hände in den Darmwindungen der Toten hatte. Einen spöttischen Blick in Kreuzers Richtung konnte er sich nicht verkneifen.
»Hatten Sie ihn in Verdacht?«, hakte Elsbeth sofort nach. Alles, was zur schnellstmöglichen Aufklärung dieser widerlichen Morde beitragen konnte, war ihr hochwillkommen.
»Nicht wirklich«, wiegelte Kreuzer sofort ab. »Leider.«
Bis zum Ende der Obduktion konnte sich Elsbeth ihre übertrieben große Enttäuschung nicht so recht erklären. Doch als sie endlich in ihrem Wagen saß und die wenigen Kilometer zurück zu Fred Hübners Maisonette fuhr, schwante ihr langsam, dass diese Enttäuschung mehr mit Fred selbst zu tun hatte, als ihr lieb sein konnte.
Denn da waren die Bremsspuren von Fahrradreifen am Tatort, die von Leo Blums Truppe entdeckt worden waren. Da war die seltsame Übereinstimmung des Tatzeitpunktes mit Freds Radtour nach Keitum. Schon zum zweiten Mal ist er bei miesem Wetter und trotz der Dunkelheit aufgebrochen, obwohl er für sein Training durchaus auch tagsüber Zeit gehabt hätte. Elsbeth erinnert sich nur zu gut an ihre unangekündigte Ankunft in seiner Wohnung, seine späte Rückkehr bei diesem unwirtlichen Wetter und vor allem an Freds erst mit erheblicher Verzögerung einsetzende Freude über den Überraschungsbesuch seiner Liebsten.
Natürlich macht ihn das alles noch längst nicht verdächtig. Das wäre ja auch lächerlich, versucht Elsbeth sich zu beruhigen. Selbst wenn er die Gelegenheit zu beiden Morden gehabt hätte, so fehlte und fehlt ihm doch das Motiv.
Allerdings erinnert sich die Staatsanwältin ebenfalls noch ziemlich genau an den Abend, als sie allein in ihrer Flensburger Wohnung saß und sich den Auftritt ihres Liebsten in der NDR-Talkrunde angesehen hatte. Sie war wirklich überrascht von der Wucht, mit der sich Freds Wut entladen hat. Natürlich weiß Elsbeth schon lange, dass er ungeduldig sein kann, oft auch zynisch und dabei ungerecht. Aber diese geballte Aggression einer Frau gegenüber, mit der Fred ansonsten nichts zu schaffen hatte, war ihr doch sehr fremd und nachgerade unheimlich.
Entspann dich, sagt sich Elsbeth jetzt nicht zum ersten Mal an diesem Vormittag. Heute ist Fred immerhin tagsüber unterwegs, so dass sie seine Maisonette für sich allein hat. Und darüber ist sie sehr froh. Sie wird jetzt ihr Bad beenden, sich abfrottieren, ihre liebste Bodylotion benutzen und sich anziehen. Danach kann sie sich mit einem kleinen Imbiss an ihr Notebook setzen und dringend wartenden Bürokram erledigen.
Und wenn Fred irgendwann von seinem Training zurückkommt, wird er hoffentlich auf eine entspannte und gelassene Partnerin stoßen und nicht auf dieses peinlich aufgeschreckte Huhn, das ich seit heute früh bin und in dem ich mich selbst nicht wiedererkenne.