Bibbernd steht Silja Blanck im Nieselregen vor dem Backsteinbau des Westerländer Gymnasiums. Die Morgensonne ist längst hinter dicken Wolken verschwunden, die seit einer halben Stunde einen feinen, aber fiesen Feuchtigkeitsschleier absondern. Die Kommissarin steckt die Hände tiefer in die Jackentaschen und blickt an der Glasfront hinauf bis zu der großen Uhr unter dem Giebel. Um halb eins war Silja mit Sören Schmiedinger verabredet. Pünktlich ist der Schüler schon mal nicht. Sie beschließt, noch fünf Minuten auszuharren, bevor sie hineingehen und damit gegen den ausdrücklichen Wunsch Schmiedingers verstoßen wird. »Was sollen denn die Kumpels denken, wenn ich plötzlich mitten im Unterricht von der Polizei vernommen werde«, hatte er wütend während ihres kurzen Telefonats gesagt. »Es reicht schon, dass ich für dieses Gespräch aus dem Unterricht geholt worden bin. Vielleicht können Sie sich das nicht vorstellen, Frau Kommissarin, aber ich habe hier echt schon Ärger genug.«
Um ihn vor der Vernehmung nicht noch mehr gegen sich aufzubringen, hatte Silja einem Termin in der Pause und außerhalb des Gebäudes zugestimmt. Ganz schön entgegenkommend und gutgläubig, wie sich jetzt angesichts der Verspätung zeigt.
Noch einmal blickt sie zur Uhr. In drei Minuten wird sie da drinnen ein Fass aufmachen, das sollte dem Schüler eine Lehre sein.
Während Silja mit festem Blick auf den Minutenzeiger und mit wachsender Ungeduld wartet, passiert genau das, wovor sie sich am meisten gefürchtet hat. Es steigen Erinnerungen an ihre eigene Schulzeit in diesem Gebäude in ihr auf, die sie gern verdrängen würde. Nicht, dass sie nicht gern zur Schule gegangen wäre, sie war sogar eine ziemlich gute Schülerin. Aber alles, was mit ihrer Schulzeit zu tun hat, zieht automatisch andere Erinnerungen nach sich: zunächst an den Wegzug der Familie von der Insel und wenig später an den schrecklichen Mord an ihrer kleinen Schwester. Und damit auch an den Fall, den sie und ihre beiden Kollegen im vergangenen Winter zu lösen hatten. Ein Cold Case, dessen Aufklärung lange unmöglich schien, bis es durch ein waghalsiges Manöver Siljas gelang, den Täter zu stellen. Sehr viele nur oberflächlich vernarbte Wunden sind dabei aufgerissen worden. Das war eine unglaublich schmerzhafte Erfahrung, die aber auch zu der Hoffnung Anlass gab, die Wunden würden nun dauerhaft verheilen. Jedenfalls soweit das bei einem Gewaltverbrechen in der Familie überhaupt möglich ist.
»Hey, sind Sie die Kommissarin, die mich so dringend sprechen wollte? Sorry übrigens, dass ich zu spät bin.«
Silja braucht einen Moment, um aus ihren furchtbaren Erinnerungen zurück in die Gegenwart zu finden.
»Jetzt sind Sie ja immerhin hier«, antwortet sie schmallippig, während sie den Schüler mustert. Er trägt eine Hose mit Tarnmuster und ein überweites Sweatshirt unterm Parka, ist nicht größer als sie selbst und eher schmächtig. Seine Haare sind sehr kurz geschnitten, der Nacken ist ausrasiert, und hinter dem linken Ohr befindet sich eine Spinnentätowierung. Schmiedingers Gesicht ist fein geschnitten, mit wachen hellblauen Augen und einem fast schon sinnlichen Mund.
Schwer einzuschätzen, der Junge, denkt Silja irritiert.
»Was gibt’s denn so Dringendes? Und warum starren Sie mich so an?« In seiner Stimme schläft eine Aggression, die Silja geflissentlich ignoriert.
»Entschuldigung. Schön, dass Sie da sind. Wollen wir ein Stück gehen? Es ist ja ziemlich ungemütlich so im Stehen.«
Er zieht sein Handy aus der Hosentasche und checkt die Uhrzeit. »In fünf Minuten muss ich wieder im Unterricht sein.«
»Ganz bestimmt nicht. Ich regele das mit der Schulleiterin.«
Sören Schmiedinger kneift seine unverschämt blauen Augen zusammen und mustert nun seinerseits die Kommissarin ausgiebig. »Sie haben so richtig Druck, stimmt’s?«
Anstelle einer Antwort wendet sich Silja zum Gehen. Schmiedinger folgt ihr zögernd. Im Laufen dreht er sich eine Zigarette, die er dann allerdings Silja hinhält. »Wollen Sie auch?«
»Danke nein. Ist nicht so meins. Aber rauchen Sie nur.«
Er steckt sich die Zigarette an und nimmt einen langen ersten Zug. Dann fragt er direkt: »Wer hat mich jetzt wieder angeschwärzt?«
»Niemand. Aber Sie hatten Zoff mit einer ihrer Lehrerinnen.«
»Die Sache mit der Bleiken?« Er lacht höhnisch auf. »Die Tante ist so ein verdammter Gutmensch. Immer muss sie sich einmischen. Dabei geht sie meine kleine Kabbelei mit Elisa nun wirklich nichts an.«
»Sie haben gestern Ihre Mitschülerin geohrfeigt. Das ist keine kleine Kabbelei, sondern Körperverletzung, wenn man’s genau nimmt.«
»Ich bitte Sie.« Er schickt Silja einen ironischen Blick. »Außerdem steht die kleine Bitch unter Garantie darauf, wenn man sie hart rannimmt. Ich habe ein Auge für so was.«
Silja muss sich sehr zurückhalten, um den jungen Mann nicht ordentlich zusammenzustauchen. Aber ihre Ermittlung hat Vorrang, und sie möchte ihn nicht schon im Vorfeld der Befragung verärgern.
»Vielleicht zügeln Sie sich mal ein bisschen«, mahnt sie eindringlich. »Angeblich haben Sie nämlich fast auch Ihre Lehrerin tätlich angegriffen.«
»Wer sagt das?«
»Frau Bleiken selbst. Sie hat nach der Stunde mit der Schulleiterin darüber gesprochen.«
»Typisch. Die Weiber haben mich alle beide auf dem Kieker. Ich bin so etwas wie ein Dreckfleck in der ansonsten ach so sauberen Klasse. Die wollen mich loswerden, das ist alles.«
»Herr Schmiedinger«, beginnt Silja eindringlich. »Ihre Lehrerin, Frau Bleiken, ist tot. Sie wurde ermordet. Gestern Nachmittag, nur wenige Stunden nach Ihrer Auseinandersetzung.«
Sören Schmiedinger bleibt abrupt stehen. Er wirft seine Zigarette in den Rinnstein und starrt Silja mit zusammengekniffenen Augen an. Plötzlich hat sein Gesicht alles Weiche verloren. »Sie denken, ich habe die Bleiken umgebracht?«
»Sie hätten ein Motiv«, antwortet Silja knapp.
Er lacht höhnisch auf. »Wenn ich jeden killen würde, der mir dusselig kommt, wäre ich längst ein Massenmörder.«
»Das ist nicht witzig.«
»Ach, wirklich? Darauf wäre ich jetzt echt nicht gekommen.«
Seine Augen funkeln vor unterdrückter Wut, der Mund ist ein einziger Strich.
»Herr Schmiedinger, bleiben wir doch mal bei der Sache«, beginnt Silja, wird aber sofort unterbrochen.
»Hören Sie einfach auf, mir Honig ums Maul zu schmieren, und sagen Sie, was Sie wirklich von mir wollen.«
»Sehr gern. Was haben Sie gestern Nachmittag und am Abend getan? Und gibt es Zeugen dafür?«
»Am Abend war ich bei einem Kumpel Billard spielen. Ansgar Klinker, geht in meine Klasse, Sie können ihn gern fragen.«
»Und wo haben Sie Billard gespielt?«
»In Ansgars Garage, beziehungsweise der seines Vaters. In Tinnum.«
»Hat Sie noch jemand dabei gesehen?«
»Klar doch. Zu unserem kleinen Turnier ist die halbe Schule angereist. Die Zuschauer sind völlig ausgeflippt, weil es so irrsinnig spannend war.«
»Unsere Unterhaltung hat einen außerordentlich ernsten Hintergrund, das scheint Ihnen immer noch nicht klar zu sein. Also die Wahrheit bitte.«
»Wir waren zu zweit. Ich glaube nicht, dass uns sonst noch jemand gesehen hat.« Seine Stimme klingt jetzt ruhiger, fast kleinlaut.
»Und am Nachmittag?«
»Keine Ahnung, da war ich zu Hause. Oder was man so zu Hause nennt. Bei meiner Alten, die natürlich nicht da war.«
»Natürlich?«
»Sie putzt jeden Nachmittag ab vier in einem Kinderladen.«
»Und Ihr Vater?«
»Ist abgehauen, ziemlich bald nach meiner Geburt. Ich habe ihn nie gesehen.«
»Das tut mir leid.« Eine unerwartete Welle der Zärtlichkeit für diesen jungen Mann durchfährt Silja. Sie ahnt, welche Verletzungen sich womöglich hinter der harten Schale verbergen.
»Muss es nicht. War mit Sicherheit besser so. Er hat meine Mutter regelmäßig grün und blau geprügelt.«
»Sollte das Ihnen nicht zu denken geben?«
»Warum?«
»Weil Sie selbst ganz gern mal austeilen, wenn ich das recht verstanden habe.«
»Machen Sie jetzt hier einen auf Sozialarbeiterin, oder wie? Als taffe Polizistin gefallen Sie mir besser.« Der Blick, den er Silja zuwirft, ist durchaus anzüglich.
Die Kommissarin lässt den Blick an sich abperlen und erklärt kühl: »Ich fasse zusammen: Sie waren am Nachmittag zu Hause ohne Zeugen und am Abend mit Ihrem Klassenkameraden Ansgar Klinker in Tinnum. Richtig?«
Er nickt knapp.
»Wo wohnen Sie eigentlich?«
»In Morsum, auf der Wattseite.«
»Und wie sind Sie nach Tinnum gekommen?«
»Mit dem Rad, das geht am schnellsten.«
»Könnten Sie mir die Strecke beschreiben?«
»Immer am Watt längs, dann rüber nach Tinnum. Hinterm Deich ist um diese Jahreszeit niemand, nur Vögel, ist ein cooler Weg.«
»Dauert aber ziemlich lange. Die kürzeste Strecke ist die über Archsum. Aber das wissen Sie sicher selbst.«
»Ich mag die andere Strecke lieber. Warum ist das wichtig?«
»Sie haben mich gar nicht gefragt, wo Ihre Lehrerin ums Leben gekommen ist. Überhaupt haben Sie kaum auf die Mitteilung reagiert, dass sie ermordet worden ist. Das finde ich höchst seltsam, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken«, gibt Silja mit eisiger Stimme zurück.
»Echt? Das ist mir jetzt aber peinlich«, erklärt der Schüler, ohne im Geringsten betroffen auszusehen. »Ich mochte die Bleiken nicht, das ist nun wirklich kein Geheimnis. Aber dass jemand sie abgestochen hat, das ist irgendwie schon ein Ding.«
»Sagen Sie mal, wie kaltschnäuzig sind Sie eigentlich?«
»Sie provozieren mich aber auch ganz schön.« Jetzt klingt er fast weinerlich. Kopfschüttelnd mustert Silja den Schüler, der plötzlich stehen geblieben ist. Er schlägt die Augen nieder und murmelt: »Es ist einfacher so, wissen Sie. Aber klar, natürlich interessiert mich, was ihr passiert ist. Heute früh in den Nachrichten war nichts davon zu hören.«
»Wir haben die Leiche erst in den Morgenstunden gefunden. Am Bahnübergang zwischen Archsum und Keitum. Bestimmt kennen Sie den. Und wenn Sie gestern Nachmittag den kürzesten Weg nach Tinnum genommen hätten, wären Sie genau dort vorbeigeradelt.«
Plötzlich starrt er sie an. Sprachlos, wie es scheint, aber auch wütend.
»Sagen Sie das noch mal!«
»Es wäre der kürzeste Weg gewesen. Und das Wetter war nicht gerade einladend.«
»Sie unterstellen mir, dass ich meine Lehrerin umgebracht habe, verstehe ich das jetzt richtig?«
»Ich wundere mich nur über Ihren Weg und versuche, Ihre Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen«, antwortet Silja vorsichtig.
»Sie spinnen doch. Glauben Sie, ich steige einfach mal vom Rad und murkse meine Lehrerin ab, weil sie mir zufällig über den Weg gelaufen ist?« Sören Schmiedingers sehr blaue Augen funkeln die Kommissarin herausfordernd an, aber sie gewinnt das Blickduell.
Immer noch aggressiv fragt er weiter: »Wie ist sie überhaupt gestorben?«
»Das ist Täterwissen, das ich natürlich nicht weitergeben werde«, antwortet Silja schmallippig.
»Na toll. Und jetzt?« Er stellt sich in Positur, als gelte es, einen Ringkampf zu beginnen.
»Nichts. Zunächst jedenfalls nicht. Ich nehme Ihre Aussage zur Kenntnis, und wir ermitteln weiter. Sollten wir noch Nachfragen haben, werden Sie das rechtzeitig erfahren.«
Sören Schmiedinger zuckt die Achseln, wendet sich kommentarlos ab und geht ein paar Schritte auf seine Schule zu. Doch dann dreht er sich abrupt um. »Und übrigens. Also nur, falls es Sie interessiert. Die Bleiken war ziemlich unglücklich. Wir haben Mathe bei ihr immer montags in der ersten Stunde. Und ich fresse einen Besen, wenn sie nicht mehrmals komplett verheult vor uns gestanden hat. Und daran war ganz bestimmt nicht ich schuld. Schönen Tag noch!«