Dienstag, 4. November, 13.17 Uhr, Kriminalkommissariat Westerland

Hauptkommissar Bastian Kreuzer sitzt an seinem Schreibtisch und versucht, Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Draußen nieselt es ausdauernd, und der Tag ist inzwischen so trüb, dass der Kommissar sogar das helle Deckenlicht anschalten musste. Vielleicht hilft es ja, Klarheit in meine Ermittlungen zu bringen, denkt Bastian frustriert.

Zwei Morde innerhalb von 48 Stunden. Die Opfer sind zwei gesunde Frauen in mittleren Jahren, die sich nicht kannten und sehr wahrscheinlich auch keine Verbindungen ins kriminelle Milieu hatten. Erste Überprüfungen des Handys und des Laptops haben auch bei Brith Bleiken nichts

Plötzlich zuckt ein durch und durch aberwitziger Gedanke durch Bastians Hirn.

Ist vielleicht auch die Staatsanwältin in Gefahr? Schließlich ist sie mit Fred Hübner liiert, dem dritten Gast in der Talkshow-Runde.

Theoretisch könnte natürlich auch Hübner selbst etwas mit den Taten zu tun haben. Als dem Kommissar dieser Gedanke nun schon zum wiederholten Mal durch den Kopf schießt, ist er froh darüber, dass Silja noch nicht von der Vernehmung des Schülers zurück ist. Sie würde sofort widersprechen. Und wenn er ganz ehrlich zu sich selbst ist, überzeugen ihn ihre Argumente sogar.

Wie wäre das zu verhindern?, fragt sich der Kommissar ebenso entsetzt wie ratlos. Und wenn man diesen Gedanken weiterdenkt, wäre Fred Hübner keineswegs ein Verdächtiger, sondern ein Gefährdeter und bräuchte dringend Schutz.

Andererseits ist durchaus nicht klar, dass es sich wirklich um denselben Täter handelt. Zwar deuten die Fesselung, die Verwendung der grünen Leine und die Schläge auf den Kopf zunächst darauf hin. Aber warum lässt der Täter beim ersten Mal sowohl die Tatwaffe als auch die Kleidung liegen und nimmt sie beim zweiten Mal mit? Handelt es sich nicht vielleicht doch um eine Nachahmungstat? Aber woher sollte der zweite Täter die Details der ersten Tat kennen?

Wir waren der Presse gegenüber sehr schmallippig, und Svens Eltern werden doch nichts ausgeplaudert haben. Oder doch?

Bastian erinnert sich gut an die beiden Senioren, die schon ewig in ihrem Reihenhaus leben. Er hat vor zwei Jahren selbst einige Zeit die Souterrainwohnung des Paares genutzt, weil er sich so heftig mit Silja überworfen hatte, dass sie ihn aus ihrer Wohnung warf. Es war mitten in der Hochsaison und alles komplett ausgebucht, da war das Angebot von Meret und Hannes Winterberg für Bastian, der keine eigene Wohnung auf der Insel hatte, die Rettung in der Not.

Während dieses Aufenthalts hat Bastian Svens Eltern etwas näher kennengelernt und weiß daher, dass die beiden ausgesprochen gut vernetzt, um nicht zu sagen, mit der

Ebenso wäre es möglich, dass der zweite Täter lange vor Svens Vater zufällig am ersten Tatort war und sich selbst ein Bild von dem Verbrechen gemacht hat. Das könnte unter Umständen sogar die Benutzung des gleichen Seils erklären, geht es Bastian durch den Kopf. Vielleicht hat der erste Täter nicht nur die Tatwaffe und die Kleidung des Opfers, sondern auch Reste des grünen Seils dort liegen lassen, und der zweite Täter hat es einfach mitgenommen.

So viele Möglichkeiten und so wenige konkrete Spuren.

Frustriert steht der Kommissar auf und holt sich einen neuen Kaffee aus der Maschine. Er ist nur noch lauwarm und schmeckt scharf. Vielleicht hilft er ja trotzdem beim Denken. Mit dem Becher in der Hand geht Bastian zum Fenster und entriegelt es. Frische Luft ist immer gut. Kalt und feucht fährt ein Windstoß durch den Raum und reißt dem Kommissar den Fensterflügel aus der Hand. Die Sturmwarnung aus den Frühnachrichten fällt ihm ein. Doch plötzlich hört er Siljas Stimme hinter sich. Das Tosen des Windes hat ihn ihr Eintreten überhören lassen.

»Mach schnell die Tür zu, sonst fliegt hier alles weg«, ruft er mit einem besorgten Blick auf die Schreibtische, wo mehrere geöffnete Ordner und einzelne Zettelstapel liegen.

Silja will die Tür schließen, aber der Wind schlägt sie ihr aus der Hand und wirft sie eigenmächtig ins Schloss. Mit einem Achselzucken zieht die Kommissarin ihren Mantel aus

»Was ist mit dir?«

»Mir geht immer noch das Gespräch mit Sören Schmiedinger durch den Kopf.«

»Schmiedinger? Ach so, der Schüler. Kommt er als Täter in Frage?«

»Wenn ich das wüsste. Ein Alibi hat er jedenfalls nicht. Er könnte sogar zur Tatzeit mit dem Fahrrad am Tatort gewesen sein.«

»Na, das ist doch schon mal was.«

»Er hat kein Motiv, Bastian«, wendet Silja ein. »Meiner Ansicht nach ist das ein überforderter junger Mann, der es zu Hause nicht leicht hat und mit seiner cholerischen Ader nicht klarkommt.«

»Ach, so nennt man das jetzt? Gilt aber für fast alle Gewalttäter, das ist dir ja wohl klar.«

»Ich habe doch gesagt, dass ich mir nicht sicher bin. Wenn du von vornherein alles besser weißt, hättest du lieber selbst mit ihm gesprochen.«

»Entschuldige. Das war nicht so gemeint.«

»Eines noch. Seiner Meinung nach war die Bleiken ziemlich unglücklich. Vor allem am Montagmorgen habe sie manchmal mit verweintem Gesicht vor der Klasse gestanden.«

»Und du glaubst das einfach so?«, fragt Bastian skeptisch. »Vielleicht will der Schüler nur von sich ablenken.«

»Vielleicht sind aber auch an den Wochenenden irgendwelche Krisen eskaliert. Ausschließen können wir das jedenfalls nicht. Ich spreche noch mal mit der Nachbarin, die sie gefunden hat. Vielleicht ist der ja was aufgefallen.«

»Okay, ich höre.«

Während Bastian ihr seine Überlegungen erläutert, brüht Silja sich einen Tee auf und trinkt ihn langsam. Dabei richtet sie ihren Blick nachdenklich nach draußen, wo der Wind kleine und inzwischen auch größere Äste durch die Luft wirbelt.

»Es gibt Sturm«, sagt sie leise, als Bastian fertig ist.

»Das ist aber nicht unser größtes Problem.«

»Nein, sorry, natürlich nicht.« Entschlossen stellt Silja ihren Teebecher auf den Tisch. »Wenn du mich fragst, gibt es zwei grobe Richtungen, in die wir ermitteln müssen. Erstens: Wir konzentrieren uns auf die Ein-Täter-Theorie. Dann sollten wir uns mit dessen psychologisch auffälliger Disposition beschäftigen.«

»Geht’s etwas konkreter?«

»Warum reicht ihm das Töten nicht? Warum muss er seine Opfer ausziehen und fesseln, und das alles an öffentlichen Orten?«, fasst Silja zusammen.

»Und die zweite Richtung?«

»Die basiert auf deiner Hypothese, dass alles mit der Talkshow zusammenhängt. Da müssen wir uns fragen, welche sensiblen Punkte durch das TV-Gespräch getriggert worden sein könnten. Konkret gesagt«, fügt sie mit einem kleinen Lächeln hinzu, »bei welchem Personenkreis könnten durch das Thema oder das Verhalten der Gäste so starke

»Zur Planung von zwei Morden«, korrigiert Bastian unwillkürlich und setzt dann hinzu: »Vielleicht sogar zur Planung eines dritten.«

»Diese Gefahr besteht aber bei einem psychisch auffälligen Täter auch. Niemand garantiert uns, dass die Mordserie schon vorbei ist.«

»Es sei denn, bei dem ersten Mord gab es ein Motiv, das wir noch nicht kennen, und der zweite Täter war der Schüler, mit dem du gerade gesprochen hast. Möglicherweise ist er der klassische Trittbrettfahrer und irgendwie an Informationen gekommen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren.«

»Wir sollten auf jeden Fall noch einmal mit Brith Bleikens Ehemann sprechen. Ich bin ja sehr behutsam vorgegangen, als ich bei ihm war. Schließlich hatte ich ihm gerade eine Todesnachricht überbracht. Aber er wird uns sicher helfen, wenn wir das Leben seiner Frau ein wenig durchleuchten.«

»Kannst du das übernehmen? Ich würde gern noch einmal ins Fitnessstudio. Schließlich war das der Lebensmittelpunkt des ersten Opfers. Irgendetwas muss da doch noch zu erfahren sein.«

»Wie wäre es, wenn du mit Sven zusammen hingehst, er ist doch auch Mitglied, oder? Dabei könntest du ihn unauffällig nach seinen Eltern befragen.«

»Hey Sven, wo würdest du deine Eltern auf der Plaudertaschen-Skala einordnen? Traust du ihnen vielleicht sogar zu, dass sie ermittlungsrelevante Details rumerzählen? So etwa? Hältst du das wirklich für eine gute Idee?«

»Was ist denn los mit dir, Bastian? Willst du dich

»Entschuldige. Ich weiß auch nicht, warum ich mich so anstelle, aber irgendwie machen mich diese Morde fertig. Mehr als üblich. Viel mehr sogar. Wir tappen völlig um Dunkeln, Leo hat uns auch nicht helfen können, bis auf die Reifenspuren, die allerdings von jedem beliebigen Radfahrer hätten kommen können, hat er nichts Wichtiges feststellen können. Und wir haben keinen wirklich Verdächtigen.«

»Außer dem Schüler vielleicht«, wirft Silja ein.

»Du hast selbst gesagt …«, beginnt Bastian.

»Ja, ich weiß. Er ist ein armes Schwein, und er tut mir leid. Aber natürlich hast du recht, er ist der Erste mit einem handfesten Motiv.«