Dienstag, 4. November, 15.50 Uhr, Redaktion Sylter Anzeiger, Tinnum

»Was haben Sie für uns?«

Der Volontärin Asta Paulsen kippt fast die Stimme vor Aufregung. Die junge Frau spürt ganz deutlich, wie sich auf ihren Wangen rote Flecken bilden, und sie kann nicht verhindern, dass es auch die Kollegen in dem Großraumbüro bemerken. Plötzlich sind alle Blicke auf die stämmige blonde Frau gerichtet.

Asta schlägt die Augen nieder und versucht, sich auf das Telefonat zu konzentrieren. Jetzt nur nichts falsch machen, sagt sie sich hektisch, während sie sich gleichzeitig bemüht, ihre Stimme möglichst professionell klingen zu lassen.

Das Lachen am anderen Ende der Leitung ist vermutlich noch zwei Schreibtische weiter zu hören.

»Ja, aber wie sollen wir Sie denn dann bezahlen?«, fragt sie hilflos und ärgert sich schon wieder über sich selbst. Du bist so was von unprofessionell und peinlich, schimpft sie innerlich. Doch der Mann am anderen Ende der Leitung scheint ihre Frage durchaus verständlich zu finden, vielleicht hat er sogar genau damit gerechnet.

»Wir benutzen einen toten Briefkasten«, raunt er ihr ins Ohr. »Sie deponieren die zweihundert Euro dort, und ich hinterlasse die Ware, sowie ich das Geld habe.«

Asta spürt, wie ihr der Schweiß ausbricht. Sie kommt sich vor wie in einem Spionagethriller. So aufregend hat sie sich das Redaktionsleben nun wirklich nicht vorgestellt. Ein anonymer Tippgeber im aktuellen Mordfall, der morgen die Titelseiten beherrschen wird – und ausgerechnet sie verhandelt mit ihm. Dabei ist sie doch erst in der sechsten Woche ihres Volontariats.

»Okaaay«, antwortet sie gedehnt und hofft, dass die Kollegen sich bald wieder ihren eigenen Belangen zuwenden. »An welchen Ort haben Sie denn gedacht?«

»Den Mülleimer neben dem Parkplatz vom Wenningstedter Gosch«, kommt es wie aus der Pistole geschossen.

»Und welche Garantien bekomme ich?«

»Keine. Sie müssen mir einfach vertrauen.«

»Dafür sind zweihundert Euro aber eine Menge Kies.«

»Ich kann auch zur Konkurrenz gehen.«

»Nein, warten Sie. So war das nicht gemeint.«

Asta überlegt hektisch, ob sie das Telefonat nicht doch an

»Was haben Sie gesagt?«

Gott sei Dank, er ist noch dran!

»Nichts, nichts. Wir machen es genauso, wie Sie vorgeschlagen haben. Um wie viel Uhr?«

»Heute Abend, Punkt sechs Uhr. Oder wann haben Sie Redaktionsschluss?«

»Sechs Uhr passt ganz knapp«, haucht Asta. Wirklich wie im Film, denkt sie aufgeregt. Und ich bin die Hauptfigur.

»Na prima. Sie kommen, deponieren das Geld, dann gehen Sie wieder. Ich werde Sie beobachten, um sicherzustellen, dass Sie auch wirklich abhauen. Innerhalb der nächsten Stunde platziere ich die Ware in dem Mülleimer. Um sieben können Sie wiederkommen und sich alles holen. Aber keine Sekunde früher, ist das klar?«

»Ja. Ist klar.«

»Ich lege es in eine Alditüte, dann erkennen Sie es sofort.«

»Aber dann muss ich ja in dem Abfalleimer rumwühlen«, entfährt es Asta. Wieder schauen die umsitzenden Kollegen irritiert. Einer steht jetzt sogar auf, kommt zu ihr und macht eine fragende Geste. Tonlos formulieren seine Lippe die Worte: Soll ich übernehmen?

Asta schüttelt vehement den Kopf. Dabei kriegt sie nicht mit, was der Typ am Telefon antwortet. Mist!

»Entschuldigung, was haben Sie gerade gesagt?«

»Ein guter Journalist muss sich auch mal die Pfoten dreckig machen. Obdachlose tun das schließlich jeden Tag.«

Aber da hat der anonyme Anrufer bereits aufgelegt. Und Asta beginnt, darüber nachzudenken, woher sie auf die Schnelle zweihundert Euro nehmen soll.