Das Rauschen der Laufbänder sitzt als ständiger Grundton in Bastian Kreuzers Ohren. Ab und an kracht im Hintergrund ein Gewicht zu Boden, oder ein Trainer ruft seinem Trainee anfeuernde Kommentare zu. Über allem liegt die leise hämmernde Musik aus den Deckenlautsprechern, die vermutlich zum Training anspornen soll, aber nach Bastians Meinung einfach nur nervt. Schon mehrmals hat er sich in der Vergangenheit beim Clubmanager darüber beschwert, ist aber immer auf taube Ohren gestoßen. Also fügt er sich auch jetzt ins Unvermeidliche und passt seine Schritte dem Rhythmus an. Das Gleiche tut Sven, der auf dem Band neben Bastian trainiert. So laufen beide Kommissare im Gleichschritt, während ihnen der Schweiß über Gesicht und Nacken rinnt und anschließend in den Shirts versickert.

Als Sven dem Kollegen einen kurzen Blick zuwirft, den Daumen hebt und ruft: »Super, dass wir das zusammen machen«, entschließt sich Bastian, ihn ganz direkt auf die mögliche Weitergabe von Täterwissen durch Meret und Hannes Winterberg anzusprechen.

»Sag mal, deine Eltern wissen aber schon, dass sie keine ermittlungsrelevanten Details weitergeben dürfen, oder?«

Für Sekundenbruchteile kommt Sven aus dem Tritt, fängt sich aber schnell wieder. »Was glaubst du denn? Natürlich. Außerdem habe ich es meinem Vater gleich beim ersten Telefonat noch mal gründlich eingeschärft.«

»Klar doch. Entschuldige die Frage.«

Sven wirft dem Kollegen einen zaghaften Blick zu, dessen Botschaft Bastian sofort versteht. Ich weiß, dass mich das nichts anzugehen hat und dass ich mit dieser Frage meine derzeitigen Kompetenzen überschreite.

»Es gibt gewisse Abweichungen zwischen den Tathergängen, die wir uns nicht erklären können. Oder nur, falls wir es mit zwei Tätern zu tun haben sollten. Dann müsste der zweite aber über Täterwissen verfügt haben. Daher meine Frage.«

»Verstehe«, ist Svens knappe Antwort. Anschließend erhöht er die Geschwindigkeit seines Laufbandes deutlich und legt noch einmal einen Zahn zu.

Gern würde Bastian mitziehen, aber das lässt er lieber bleiben. Inzwischen geht seine Pumpe wie blöd, und er fragt sich nicht zum ersten Mal, ob in Winston Churchills berühmter Antwort auf die Frage nach seinem hohen Alter trotz erheblichen Alkohol- und Zigarrenkonsums nicht vielleicht mehr Wahrheit steckt, als man gemeinhin annimmt. No sports hatte der langjährige britische Premierminister dem fragenden Journalisten angeblich entgegengeschleudert. Und manchmal würde Bastian seiner um einiges jüngeren und fitteren Partnerin Silja diese Antwort auch gern präsentieren, wenn sie wieder einmal mit spöttischem Gesicht sein bescheidenes Wohlstandsbäuchlein beäugt. Aber natürlich würde sie alles auf seine Bequemlichkeit schieben und hätte vermutlich sogar recht damit.

Es ärgert ihn trotzdem, dass Sven das gemeinsame Laufen erheblich weniger anzustrengen scheint. Der Blick des Kollegen klebt nicht wie Bastians eigener am Display der Maschine, immer darum bemüht, jede verbrauchte Kalorie

»Hey, wenn dir irgendwas Besonderes hier auffällt, nur raus mit der Sprache«, keucht Bastian, während er sich bemüht, das Tempo zu halten. Er hatte schon vor Svens Spurt den Verdacht, dass dessen Band schneller läuft als sein eigenes, aber zum Glück ist ein Spionageblick aufs Nachbardisplay ihm ebenso wenig möglich wie umgekehrt Sven der Blick auf Bastians Tempoanzeige.

»Ich denke nur darüber nach, an welchen Geräten die Ludwig wohl trainiert hat und wem sie dabei begegnet sein könnte.«

»Die Clubleitung war bei meiner Befragung vorhin ja leider wieder mal wenig hilfreich.«

»Die haben einfach Angst um ihr Ansehen in der Öffentlichkeit und wollen sich lieber aus allem heraushalten, das kennen wir doch«, schimpft Sven.

»Wenn ihnen das mal nicht noch auf die Füße fällt.«

»Vielleicht stimmt aber auch, was alle sagen. Die Ludwig war eine Eigenbrötlerin und hatte zu niemandem Kontakt.«

»Dann wäre sie zufällig zum Opfer geworden, und wir müssten die Nadel im Heuhaufen suchen.«

Bei dieser Vorstellung geht Bastians Pumpe gleich noch mal so schnell. Ein Mörder, der seine Opfer ohne jedes Schema auswählt und der noch dazu kaum Spuren hinterlässt, ist die absolute Horrorvorstellung für jeden Ermittler.

»Weißt du eigentlich, dass es da hinten einen Kasten mit Karteikarten gibt, auf denen man seine Trainingszeiten und -ergebnisse notieren kann? Stammt wahrscheinlich noch aus der digitalen Steinzeit, aber ich sehe immer wieder Leute, die das Ding benutzen.«

»Wie das alles unter Datenschutzgesichtspunkten gesehen wird, will ich gar nicht wissen«, keucht Bastian und beobachtet ängstlich die Pulsanzeige, die gerade die 160 überschritten hat.

»Der Datenschutz sollte euch jetzt egal sein. Aber ihr könntet alle Karteikarten miteinander abgleichen. Vorausgesetzt natürlich, nicht nur die Ludwig, sondern auch alle anderen haben ihre Trainingszeiten regelmäßig aufgeschrieben.«

»Hast du das denn jemals getan?«

»Nö. Wozu auch?«

»Da hast du deine Antwort.« Bastian merkt, wie ihm plötzlich schwindlig wird. Er fährt die Geschwindigkeit seines Laufbands deutlich herunter und japst: »Ich muss mal ’ne kurze Pause machen. Dabei kann ich ja die Karteikarte der Ludwig kurz checken. Vorausgesetzt, es gibt eine.«

»Schaden kann es nichts. Ich leg inzwischen noch ’nen Zacken zu und gehe in den Endspurt. Wir sehen uns dann in der Umkleide?«

»Jepp.«

Erleichtert stoppt Bastian sein Band und steigt herunter. Bevor er sich zu dem Karteikartenschrank aufmacht, muss er

»Ist was mit dir?«, erkundigt sich Sven mit einem besorgten Seitenblick.

»Nee, alles top. Ich geh dann mal.«

Auf seinem Weg zum Karteikasten schaut Bastian stur geradeaus. Er will gar nicht wissen, wer alles sein Schwanken beobachtet und Rückschlüsse auf die körperliche Fitness der Kriminalpolizei dabei zieht. Als er an dem Karteikartenschrank angekommen ist, kann er sich wenigstens unauffällig festhalten. Der Schrank ist brusthoch, etwa einen Meter breit und hat drei Reihen mit jeweils drei Schubladen, in denen die Karten alphabetisch geordnet stecken. Angela Ludwigs Karte ist schnell gefunden, aber eine Enttäuschung auf ganzer Linie. Außer ihrem Namen und dem Eintrittsdatum gibt es keinen einzigen Eintrag.

»Kann nicht ausnahmsweise mal was klappen?«, seufzt Bastian und schickt einen letzten neidvollen Blick hinüber zu Sven, der inzwischen beim Endspurt angelangt zu sein scheint.

Dann macht der Kommissar sich auf, um mit dem Schweiß hoffentlich auch den Frust unter der Dusche abzuspülen.