Mittwoch, 5. November, 07.50 Uhr, Kriminalkommissariat Westerland

Bastian Kreuzer tobt. Mehrmals hat er bereits den Sylter Anzeiger mit Schmackes auf seinen Schreibtisch geklatscht und dabei alle Flüche des heiligen Abendlandes ausgestoßen. Vor einer knappen Stunde hat ihn ein Anruf Sven Winterbergs aus dem Bett gerissen, schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage. »Sag jetzt nicht, deine Tochter hat wieder eine Tote entdeckt«, hat Bastian zunächst verschlafen ins Telefon gemurmelt. Doch als Sven ihm dann von dem Aufmacher der Gazette berichtete, war er sofort hellwach. »Das gibt’s doch nicht! Das verstößt eindeutig gegen jede Anstandsregel der freien Presse.«

»Ich bin genauso entsetzt wie du«, hat Sven geantwortet. »Aber noch viel verstörender finde ich die Vorstellung, dass da jemand ganz offensichtlich gestern am sehr frühen Morgen die Tote entdeckt und es nicht für nötig gehalten hat, uns zu benachrichtigen.«

»Oder es war noch ganz anders«, hatte Sven mit ziemlich leiser Stimme hinzugefügt.

»Was meinst du?«

»Wir haben uns doch nach dem Motiv des Täters gefragt. Könnte es sein, dass es von Anfang an nur darum ging, Kohle zu machen?«

»Was denkst du denn, was der Sylter Anzeiger für diesen Aufmacher zahlen kann? So reich sind die nun auch wieder nicht.«

»Vielleicht ging es ja nicht um Geld«, formuliert Sven vorsichtig.

»Sondern?«

»Um einen Job. Bei der Zeitung. Als Journalist. Oder um das Geld, das eine Backgroundstory einbringt.«

»Du meinst …« Bastian hat sich aus Gründen, die ihm selbst nicht so ganz klar sind, auszusprechen gescheut, worauf Sven vermutlich angespielt hat.

»Fred Hübner, ganz genau«, hat ihm Sven geholfen. »Wenn ich dich richtig verstanden habe, hat er für keinen der beiden Morde ein Alibi, und er kannte beide Frauen.«

»Er verdient sich seine Knete schon seit Jahren mit sogenannten Enthüllungsstorys. Dies hier könnte die Krönung seiner Karriere werden«, hat Bastian angewidert gemurmelt. »Andererseits bringt man allein aus diesem Grund ja wohl niemanden um. Bevor ich mich hier also wilden Verdächtigungen hingebe, gehe ich dem Ganzen erst mal nach. Der Chefredakteur vom Anzeiger kann sich jedenfalls warm anziehen. Wenn ich mit dem fertig bin, passt der in jede Streichholzschachtel. Und zwar ungefaltet.«

»Kreuzer, endlich. Ich dachte schon, Sie merken’s nie.«

»Sie haben die Zeitung also auch gesehen?«

»Selbstverständlich. Ich starre seit einer Stunde auf diesen unverschämten Aufmacher und zerlege in Gedanken den zuständigen Redakteur in kleinste Stücke.«

»Dann sind wir schon zu zweit. Ich hätte nicht übel Lust, deren Redaktionsräume zu durchsuchen, aber dafür brauche ich Ihre Genehmigung.«

»Halten Sie das nicht für etwas übertrieben?«

»Mag sein«, gibt Bastian zu. »Aber verdient hätten sie das. Was denken Sie?«

»Viel wichtiger ist es, zu erfahren, von wem das Foto ist. Und wann es gemacht worden ist.«

»Der Zeitpunkt ist nicht schwer zu erraten. Es ist halbwegs hell, gibt aber noch keine Schatten. Und es war ein wolkenloser Morgen. Es muss also ganz kurz vor Sonnenaufgang gewesen sein.«

»Okay, stimmt. Also war es vermutlich nicht der Täter, denn der Mord ist am frühen Abend geschehen.«

»Oder der Täter ist zurückgekommen, um sich an dem Anblick zu weiden. Das wäre der Klassiker.«

»Und dann macht er ein Foto und vertickt es an die Presse? Das kann ich mir nicht vorstellen.«

»In jedem Fall. Aber halten Sie sich zurück und benehmen Sie sich nicht wie der Elefant im Porzellanladen. Wir wollen was von denen und nicht umgekehrt, vergessen Sie das nicht. Und wenn die sich auf den Schutz ihres Informanten berufen, dann haben wir ein Problem.«