Stefan Molsheim würde am liebsten sein Telefon küssen. Der Chefredakteur des Sylter Anzeigers streicht sich selbstverliebt durch sein schütteres Haar, das jeden Morgen mehr Aufmerksamkeit erfordert. Der schlanke, aber nicht sehr große Mann, dessen Gesicht vielleicht nicht von Natur aus so glattgezogen aussieht, hat seit den frühen Morgenstunden schon fünf Anfragen wegen der Bildrechte an diesem sensationellen Shot entgegengenommen. Dreimal hat er die Rechte weiterverkauft. Außerdem ist die normale Auflage weg, und sie drucken gerade nach. So fangen die richtig guten Tage an, denkt er, als er aus seinem Glaskasten heraus sieht, wie am Eingang der Redaktion ein Tumult entsteht.
Ein Kerl wie ein Berg stürmt in den Raum und stapft direkt auf Stefans Büro zu. Alle Versuche der Kollegen, ihn aufzuhalten oder nach seinen Absichten zu fragen, pariert er mit unsanften Stößen. Stefan spürt, wie ihm plötzlich kalt wird. Er weiß genau, dass seine stillschweigende Annahme, die Rechte an dem spektakulären Foto gehörten der Redaktion, juristisch höchst zweifelhaft ist. Schließlich gibt es nichts Schriftliches über die Transaktion, die die Volontärin Asta Paulsen gestern Abend heimlich abgewickelt hat. Aber wenn man immer erst nach einer Erlaubnis fragt, kann man keine Zeitung betreiben. Manchmal gehört einfach ein bisschen Chuzpe dazu.
Stefan strafft also die Schultern, verlässt seinen Glaskasten und tritt dem Wutnickel beherzt entgegen.
»Guten Morgen. Kann ich Ihnen helfen?«
»Sind Sie der Chefredakteur?«
Stefan nickt. »Und Sie sind?«
»Bastian Kreuzer, Kriminalpolizei Westerland.«
»Oh, das ging aber schnell«, antwortet Stefan geistesgegenwärtig und bittet den Beamten in sein Büro. »Kaffee? Wasser?«
»Ich will nichts zu trinken, ich will nur eine Antwort.«
Erst jetzt realisiert Stefan, dass der Kommissar die aktuelle Ausgabe des Anzeigers in der Hand hat. Er hält das Blatt sehr dicht vor Stefans Augen und fragt mit bellender Stimme: »Wer hat dieses Foto gemacht?«
Stefan packt die Lust an der Provokation. Schließlich hat er nichts zu befürchten. »Wollen Sie sich nicht setzen?«
»Nein, ich will mich nicht setzen – und Ihren Scheißkaffee können Sie sich sonst wohin gießen. Ich will nur eine klare Antwort auf meine Frage, und das sofort. Von wem stammt dieses Foto?«
»Wir wissen es nicht«, sagt Stefan mit mildem Lächeln.
»Sie wissen es nicht«, höhnt der Kommissar. »Erzählen Sie das Ihrer Großmutter, aber nicht mir.«
»Es ist die Wahrheit. Das Material wurde unserer Volontärin anonym angeboten, sie hat es gekauft, ohne den Verkäufer identifizieren zu können. Wenn Sie möchten, kann ich sie gern rufen lassen.«
»Und ob ich das möchte.«
Wenige Minuten später betritt Asta Paulsen Stefans Büro. Bis vor kurzem wusste er noch nicht einmal von der Existenz dieser beherzten jungen Frau, doch seit gestern Abend sieht der Chefredakteur in ihr eine vielversprechende Mitarbeiterin. Risikobereit, einsatzfähig und in der Lage, selbständige Entscheidungen zu treffen. Stefan empfängt sie also mit einem beruhigenden Lächeln und bietet ihr sofort einen Platz auf dem Bürosofa an. Er selbst setzt sich neben sie und nimmt eine bewusst entspannte Pose ein. Soll der wütende Kommissar doch stehen bleiben, wenn ihm das besser gefällt.
»Also, raus mit der Sprache. Wie sind Sie an dieses skandalöse Foto gekommen?«, blafft der Kommissar ohne jedes einleitende Wort.
Asta Paulsen wirft Stefan einen verängstigten Blick zu, doch als sie sein beruhigendes Nicken sieht, erzählt sie in knappen Worten von dem anonymen Anruf und der Übergabe der Alditüte.
Der Kommissar quittiert ihren Bericht mit einem höhnischen Lachen. »Und diese Räuberpistole soll ich Ihnen abnehmen? Für wen halten Sie sich? Für die Märchentante aus dem Kinderprogramm?«
»Ich sage die Wahrheit«, entgegnet die junge Frau bockig.
»Lassen wir das mal dahingestellt. Was war noch in der Tüte?«
»Nur der Datenstick.«
»Und was war noch auf dem Datenstick?«
»Vier weitere Fotos. Wir haben das Beste ausgesucht«, mischt sich Stefan ein.
»Super, herzlichen Glückwunsch auch. Haben Sie auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, was es anrichtet, wenn alle Welt, auch Kinder oder der traumatisierte Ehemann der Verstorbenen, dieses Foto sehen? Ist Ihnen überhaupt klar, dass Sie hier in Ihrem Provinzblättchen gerade gegen jede Maxime des verantwortungsvollen Journalismus verstoßen?«
»Verantwortungsvoller Journalismus ist es, wenn wir der Öffentlichkeit die Informationen zukommen lassen, die Sie ihr ja offensichtlich verheimlichen wollen«, entgegnet Stefan hoheitsvoll. Endlich hat er wieder Oberwasser. »Oder sollten Sie nicht bemerkt haben, dass die Öffentlichkeit höchst beunruhigt wegen dieser beiden Morde ist und sich ausgesprochen schlecht informiert fühlt, weil die zuständigen Behörden, also vermutlich Sie und Ihre Kollegen, es nicht für nötig halten, relevante Details an die Medien weiterzugeben.«
»Was hier relevant ist und was nicht, können Sie getrost mir und meinen Kollegen überlassen«, kontert der Kommissar. »Anderes Thema: Haben Sie in Ihrer Selbstüberschätzung vielleicht mal darüber nachgedacht, dass der anonyme Anbieter dieser Fotos eventuell sehr gute Gründe hatte, anonym bleiben zu wollen?«
»Und die wären?«
»Der Kommissar fixiert Asta Paulsen jetzt mit einem finsteren Blick. »Es könnte sein, dass Ihre Volontärin gestern Abend direkt mit dem Täter verhandelt hat.«
»Das ist jetzt nicht Ihr Ernst«, flüstert Asta.
»O doch. Und ich will gern noch etwas hinzufügen. Wenn Sie, junge Frau, direkt ihren zuständigen Redakteur informiert hätten und der wiederum uns Beschied gegeben hätte, dann wäre der Lassomörder vielleicht schon gefasst.«
»Der Lassomörder«, wiederholt Stefan beeindruckt. »Das gäbe eine super Headline ab. Wieso ist mir das nicht eingefallen?«
Für Sekunden wirkt der Kommissar, als habe man ihn bei etwas Verbotenem ertappt. Doch schnell hat er sich wieder unter Kontrolle. »Unterstehen Sie sich, diesen Begriff zu benutzen.«
Stefan zuckt nur mit den Schultern und denkt sich seinen Teil. Viel interessanter findet er die Unterstellung des Kommissars, der Täter höchstselbst könne die Aufnahme, die heute auf ihrer Titelseite prangt, gemacht haben. Das wäre natürlich der absolute Megahammer!
»Warum glauben Sie, dass der Mörder seine Tat fotografiert haben könnte?«, fragt er mit schmuseweicher Stimme.
»Ich glaube gar nichts«, ätzt der Kommissar, dem vermutlich jetzt auch aufgeht, dass er sich verplappert hat. »Ich kann es nur nicht ausschließen. Und durch Ihr stümperhaftes Vorgehen ist uns jede Chance genommen worden, diese Hypothese zu überprüfen. Und übrigens, bevor ich es vergesse: Wo ist der Stick jetzt? Denn falls es tatsächlich der Mörder war, der ihn weitergegeben hat, wären natürlich mögliche Fingerabdrücke interessant. Oder haben Sie und Ihre Kollegen etwa nicht daran gedacht, dass es sich um ein wichtiges Beweismittel handeln könnte, und fröhlich darauf herumgetatscht?«
»Ausschließen kann ich das nicht«, antwortet Stefan jetzt doch etwas kleinlaut.
»Das wäre dann Behinderung von Ermittlungen. Super Sache, herzlichen Glückwunsch!«