Fred Hübner sitzt auf seinem Bett und sieht Elsbeth von Bispingen beim Packen zu. Jedes einzelne Kleidungsstück wirft sie mit einer solchen Wucht in den Trolley, dass man meinen könnte, es habe ihr etwas angetan.
»Was ist los mit dir? Bist du wütend?«
»Ganz und gar nicht. Wie kommst du darauf?« Sie schaut ihn nicht an, und es ist klar, dass sie keine Antwort auf diese Frage erwartet.
Er antwortet trotzdem. »Du bist anders als sonst. Du warst es schon vorgestern, als du mich hier auf dem Sofa überrascht hast.«
»Inwiefern anders?« Immer noch kein Blickkontakt. Und ihre Stimme ist kühl und abweisend.
»Hör mal, Elsbeth. Irgendwas ist mit dir, das sehe ich genau.«
»Ich muss mich beeilen, um meinen Zug noch zu erwischen. In Flensburg wartet jede Menge Arbeit auf mich, und heute Mittag habe ich einen extrem wichtigen Termin.« Jetzt wirft sie ihm doch einen kurzen Blick zu. Aber er ist ohne jede Emotion, fast schon abschätzig. »Du kannst das natürlich nicht verstehen. Als freischaffender Lebenskünstler steht es dir ja offen, deine Zeit so einzuteilen, wie du willst.«
»Ich bin Journalist und Autor, ich arbeite für mein Geld genauso hart wie du«, kontert er gekränkt. »Und das weißt du auch.«
Als sie schweigend weiterpackt, platzt ihm der Kragen.
»Himmelherrgott, Elsbeth. Rede mit mir! Nachdem du vorhin den Aufmacher des Anzeigers gesehen hast, warst du schon ziemlich schweigsam. Aber nach dem Telefonat mit Kreuzer, der Teufel soll ihn holen, bist du nachgerade passiv-aggressiv. Was hat der Kerl dir gesagt?«
»Ich spreche nicht über interne Angelegenheiten, das solltest dir mittlerweile klar sein.«
»Na schön, dann nicht.«
Jetzt ist auch Fred sauer. Er steht auf und geht nach unten, um sich einen Espresso zu machen. Es ist schon der dritte heute Morgen, und seine Pumpe geht bereits ziemlich heftig. Aber irgendwie gelingt es ihm immer noch nicht, Elsbeths prüfenden Blick einzuordnen, als er ihr beim Aufstehen den Sylter Anzeiger unter die Nase gehalten hat. Dass sie sich aufregen würde, hat er erwartet. Aber dass sich ihr Misstrauen gegen ihn richten würde, hat ihn nachhaltig verstört.
»Was willst du mir damit sagen?«, hatte sie gefragt, während sie ihm die Zeitung aus der Hand gerissen hat.
»Das ist investigativer Journalismus, wie er sein sollte«, war seine zugegebenermaßen provokante Antwort.
»Das ist eine absolut geschmacklose Sauerei«, hatte sie gefaucht.
Seitdem hängt der Haussegen bei ihnen schief, und Fred ist noch nicht einmal sicher, ob Elsbeths Abreise wirklich von vornherein geplant gewesen ist. Gesagt hatte sie vorher jedenfalls nichts davon.
Sie kann mich doch nicht für die unsauberen Methoden meines Berufsstandes verantwortlich machen, überlegt Fred gerade gekränkt, als ihn eine unglaubliche Idee kommt. Oder denkt sie vielleicht, ich sei verantwortlich für dieses Foto? Nein, das ist unmöglich, und das weiß Elsbeth auch.
Während Fred seinen dritten Espresso kippt, kommt die Staatsanwältin die Treppe herunter und stellt ihren Trolley an der Tür ab.
Sie geht jetzt aber nicht, ohne sich zu verabschieden, schießt es Fred durch den Kopf.
Sekunden später dreht sich Elsbeth um und kommt auf ihn zu. Ihr Gesicht wirkt weicher, und sie streckt ihm entschuldigend beide Arme entgegen.
»Tut mir leid, dass ich so grob war, Fred. Aber diese Morde machen mich irgendwie fertig. Und ich will einfach nicht, dass du etwas damit zu tun hast. Kannst du mir versprechen …«
»Ich habe nichts damit tun. Was unterstellst du mir da?« Fred spürt, wie eine ziemlich kalte Wut in ihm aufsteigt.
»Nein, klar. Das weiß ich doch. Aber es ist alles so verwirrend«, murmelt sie.
»Moment mal. Was ist hier verwirrend?«
Sie seufzt und verdreht die Augen. Es wirkt, als hätten sie beide das alles schon zigmal durchgekaut. Doch offenbar sieht sie ein, dass dies nur in ihrem Kopf stattgefunden hat, und lässt sich immerhin zu einer Erklärung herab.
»Erstens: Du machst diese Radtouren zu so ungewöhnlichen Zeiten. Zweitens: Du legst dich mit zwei Frauen an, die kurz darauf umgebracht werden. Und drittens erscheint plötzlich ein absolut belastendes Foto auf der Titelseite einer Zeitung, für die du in der Vergangenheit schon gearbeitet hast. Wer sagt mir, dass du es nicht gerade wieder tust?«
»Dass ich was wieder tue?«
»Na, für die Zeitung arbeiten.«
Fred weiß nicht, auf welche dieser Unterstellungen er zuerst antworten soll. Er weiß noch nicht einmal, ob er überhaupt darauf antworten soll. Er steht da und schnappt nach Luft. Seine Pumpe geht irgendwie unrund, und plötzlich wird ihm klar, dass er kein Wort herausbringen kann, so ungeheuerlich ist Elsbeths Anschuldigung. Mit wenigen Sätzen hat sie das Vertrauensfundament ihrer Beziehung kräftig erschüttert.
Fred tritt einen Schritt zurück, um jede Berührung ihrer immer noch ausgestreckten Arme zu verhindern. Das könnte er jetzt wirklich nicht ertragen. Dann sagt er leise: »Es ist besser, du gehst jetzt. Lass uns morgen oder übermorgen mal telefonieren. Dann können wir das alles in Ruhe besprechen.«
»Fred, wirklich …«, beginnt sie von neuem.
»Lass mich, bitte. Du versäumst deinen Zug.«