Asta Paulsen sitzt an ihren winzigen Schreibtisch in der letzten Ecke des Großraumbüros und sonnt sich in ihrem Ruhm. Immer wieder blicken Kollegen zu ihr herüber und lächeln ihr anerkennend zu. Kollegen, die sie in den vergangenen Wochen komplett ignoriert oder höchstens mit einem knappen Kopfnicken zur Begrüßung bedacht haben. Asta ist plötzlich eine, mit der man rechnen muss. Der Chef hat sie vor allen anderen gelobt und ausdrücklich ihre Initiative und Spontaneität gutgeheißen. Und, was das Beste ist, sie hat gleich darauf ihren ersten richtigen Rechercheauftrag bekommen. Sie soll möglichst schnell zwei kurze Porträts der Opfer verfassen, damit der Sylter Anzeiger gleich morgen nachlegen und das Bedürfnis seiner Leser und Leserinnen nach zusätzlichen Informationen bedienen kann.
Am liebsten würde Asta mit Brith Bleikens Ehemann oder einer Kollegin der Lehrerin reden. Im Fall des ersten Opfers wäre vielleicht irgendjemand beim Fitnessclub auskunftsbereit. Gerade greift Asta zum Telefon, um ihr Glück zu versuchen, als der Chef noch einmal an ihren Schreibtisch tritt.
»Ich hatte gerade einen Anruf von Fred Hübner. Sagt dir der Name was?«
»N…ein«, stammelt Asta und kommt sich plötzlich wieder ganz klein vor.
»Er hat manchmal als Freier für uns gearbeitet. Geht investigativ und ziemlich unkonventionell vor. Zuweilen auch rücksichtslos. Schreibt allerdings hauptsächlich auf eigene Rechnung größere Sachen. Skandalreportagen, Biographien, so was halt.«
Asta spürt, wie eine Welle der Enttäuschung sie überrollt. Dieser Hübner hat sich bestimmt ihren Auftrag geangelt, und sie geht jetzt leer aus. Aber sie täuscht sich.
»Hübner war eben ziemlich stinkig am Telefon. Offenbar hat die Kripo ihn im Verdacht, unser Informant zu sein und diese Hammer-Fotos gemacht zu haben, die du an Land gezogen hast. Und jetzt wollte er wissen, ob wir ihm das eingebrockt haben.«
»Natürlich nicht. Das weißt du doch.« Asta fühlt sich ein wenig unsicher dabei, den Chef zu duzen, aber er hat sie vorhin ausdrücklich dazu aufgefordert. »Ich habe den Mann nur von hinten gesehen«, verteidigt sie sich. »Er trug einen Hoodie und hatte die Kapuze über den Kopf gezogen. Das könnte jeder gewesen sein.« Sie versteht immer noch nicht, was Stefan Molsheim eigentlich von ihr will.
»Aber vorher hast du mit ihm telefoniert. Vielleicht hat er sich nur künstlich aufgeregt und war es wirklich. Wenn du seine Stimme wiedererkennen könntest, hätten wir einen weiteren Coup.«
»Okay, verstehe«, antwortet Asta langsam. »Soll ich ihn unter irgendeinem Vorwand anrufen?«
»Nicht nötig. Ich habe das Gespräch aufgenommen.«
Stefan Molsheim holt sein Handy aus der Tasche, drückt die Wiedergabefunktion und hält Asta das Handy ans Ohr. Sie schließt die Augen, um sich besser konzentrieren zu können. Der Anrufer gestern hat sehr bestimmt geklungen, vielleicht um eine tieferliegende Unsicherheit zu überdecken. Die Stimme, die sie hier hört, ist einfach nur wütend. Dieser Hübner redet zu laut und spart nicht mit Schimpfwörtern. Beide sprechen keinen Dialekt, und beide Stimmen sind weder besonders tief noch besonders hell. Asta bemüht sich wirklich sehr um eine eindeutige Aussage, aber es fällt ihr schwer, sich festzulegen.
»Kann ich das noch mal hören, bitte?«
»Klar, kein Problem.« Molsheim wiederholt das Abspielen.
»Nein, tut mir leid. Ich kann das nicht mit Bestimmtheit sagen«, muss Asta schließlich zugeben.
»Wäre ja auch zu schön gewesen«, erklärt der Chef, ohne seine Enttäuschung ganz verbergen zu können. »Dann bleibt es dabei, du recherchierst für uns die Bio der beiden Opfer. Fang mit der Fitnesstante an und beeil dich, damit wir den Artikel möglichst schon morgen bringen können.«
»Ich bin nicht sicher, ob ich das schaffe«, beginnt Asta verzagt. »Schließlich muss ich erst jemanden finden, der mit mir redet.«
»Das ist unser Business, meine Beste. Willkommen in der Realität«, antwortet Molsheim, dreht ab und lässt Asta mit ihren Zweifeln allein.