Mittwoch, 5. November, 21.02 Uhr, Weststrandhalle, List

Mit leicht schwankendem Gang und sichtlich angeheitert verlassen vier ältere Damen das Restaurant Wonnemeyer in den Lister Dünen. Es ist ihnen eine liebgewordene Tradition geworden, dass sie ihre monatliche Zusammenkunft hier oben abhalten. Zumindest dann, wenn der Touristenandrang nicht zu groß ist. Zwar ist das Restaurant recht abgelegen, dafür entschädigt aber der Blick über Dünen und Meer, der auch im Winter einfach atemberaubend ist. Im Sommer, wenn das Restaurant voller Badegäste ist, treffen sich die Freundinnen abwechselnd auf ihren Gartenterrassen oder in den heimischen Wohnzimmern.

Karla und Lydia, die sich schon vor Jahren für einen sportlichen Kurzhaarschnitt entschieden haben und auch sonst sehr pragmatisch sind, wohnen seit dem Tod ihrer Männer nicht weit voneinander entfernt im Wenningstedter Süden in zwei winzigen Wohnungen.

Marie dagegen, der der Verkauf des elterlichen Hofes einiges eingebacht hat, konnte sich vor zwanzig Jahren den Luxus leisten, ein Apartment am Lister Watt zu kaufen. Heute wäre eine solche Immobilie auch für sie unbezahlbar. Marie ist von kräftiger Statur und immer sehr gut angezogen, das monatliche Nachblondieren ihrer Haare muss ein Vermögen kosten, argwöhnen die Freundinnen schon lange.

Gisela Manthey, die Vierte im Bunde, ist kürzlich siebzig geworden und hat den runden Geburtstag zum Anlass genommen, einiges in ihrem Leben zu ändern. Als Erstes hat sie aufgehört, ihre braunen halblangen Haare tönen zu lassen, so dass sie nun mit einem grauen Ansatz herumläuft, der ihren Kopf leicht zebraartig wirken lässt. Gisela hat das Glück, immer noch das Lister Haus zu bewohnen, in dem

Doch im Winter schließt das Lister Wonnemeyer schon um neun Uhr, und ihretwegen wollte man natürlich keine Ausnahme machen. Widerstrebend haben sich die vier Damen ihrem Schicksal gefügt und treten nun in den kalten Wind hinaus. Der Himmel ist sternenklar und überwältigend schön, so dass die Freundinnen alle vier auf ihrem Weg die Düne hinunter immer wieder stehen bleiben und hochblicken.

»Ich glaube, ich kann sogar die Milchstraße sehen«, flüstert Gisela nach einer Weile hingerissen.

»Wenn du dich da mal nicht täuschst«, entgegnet Marie skeptisch, während sie mit dem Schlüssel ihren Wagen auf dem Parkplatz entriegelt. »Soll ich dich wieder mitnehmen?«, bietet sie Gisela an, denn deren Haus liegt fast auf dem Weg zu Maries Apartment.

»Nee, lass mal, heute Abend laufe ich das Stück ganz gern zu Fuß. Mir geht gerade so viel durch den Kopf, da tut es gut, ihn noch ein wenig zu lüften. Außerdem hatte ich mindestens einen Grog zu viel«, fügt sie augenzwinkernd an.

»Zwanzig Minuten bist du aber mindestens unterwegs, und es ist wirklich kalt«, gibt Marie zu bedenken.

»Das macht mir nichts.« Gisela zieht die

»Na, dann macht’s gut, bis zum nächsten Mal.« Mit einem letzten Winken steigt Marie in ihren schicken Kleinwagen und braust davon.

»Es würde ihr ja kein Zacken aus der Krone fallen, wenn sie uns mal nach Hause fahren würde«, murmelt Karla und schickt einen verschwörerischen Blick zu Lydia.

»Aber ganz bestimmt nicht heute«, gibt diese zurück. »Ich glaube, sie ist ein bisschen eifersüchtig auf unsere zukünftige Dreier-WG

»Den Eindruck hatte ich auch«, stimmt Gisela zu. »Bisher hat sie sich immer als heimliche Königin gefühlt und sich auch manchmal so aufgeführt, aber jetzt steht sie plötzlich allein da mit ihrem vielen Geld.«

Inzwischen haben die drei die nahe gelegene Bushaltestelle erreicht und festgestellt, dass es bis zur Ankunft des nächsten Busses noch eine gute Viertelstunde dauert.

»Soll ich mit euch warten?«, bietet Gisela an.

»Auf keinen Fall, wir sind ja zu zweit und außerdem dick eingemummelt«, wehrt Karla ab. »Aber pass du auf, dass dir nichts geschieht so allein hier mitten in der Nacht.«

»Was soll so einer alten Schachtel wie mir schon passieren? Außerdem müsst ihr beide ja noch ausknobeln, wer in welches Zimmer zieht. Da will ich mich mal nicht einmischen.«

Mit diesen Worten verabschiedet sich Gisela von ihren zukünftigen Mitbewohnerinnen und macht sich auf den Weg die Straße entlang in Richtung Lister Hafen. Zwar gäbe es eine Abkürzung durch die Dünen zu ihrem Haus im Möwengrund, aber abgesehen davon, dass ein Gang durchs Naturschutzgebiet streng verboten ist, möchte sie trotz des

Mit energischen Schritten stapft sie davon, ohne sich noch einmal umzusehen. Schon den ganzen Abend lang geht ihr einiges durch den Kopf. Denn bei aller vorgeblichen Begeisterung, mit der sie Karla und Lydia den Vorschlag unterbreitet hat, ist ihr doch etwas mulmig dabei zumute. Natürlich hat sie die Vor- und Nachteile eines zukünftigen gemeinsamen Haushalts gründlich abgewogen. Auf der einen Seite stehen Giselas Angst vor der täglichen Einsamkeit ebenso wie die nicht unerhebliche finanzielle Entlastung, die das Zusammenziehen bedeuten würde, doch andererseits liebt sie ihre Unabhängigkeit sehr, und wer weiß schon, was für heimliche Marotten die beiden haben?

Um diese Bedenken zu zerstreuen, hat sie in den letzten Stunden vermutlich mehr getrunken, als ihr guttut. Und der leichte Brechreiz, den sie bereits beim Verlassen des Restaurants gespürt hat, wird inzwischen immer stärker. Er ist auch der wahre Grund dafür, dass sie den von Marie angebotenen Shuttle abgelehnt hat. Das fehlte gerade noch, dass ich ausgerechnet Maries immer blitzsauberen Wagen vollkotze, denkt sie gerade, als ihr der Mageninhalt wirklich hochkommt. Mit einem kurzen Blick zurück überzeugt sich Gisela, dass die Freundinnen an der Bushaltestelle sie nicht beobachten, bückt sich aber sicherheitshalber hinter einen am Straßenrand geparkten SUV, um sich zu erleichtern.

Danach geht es ihr besser. Allerdings ist sie nun noch wackliger auf den Beinen. Ich muss mich kurz mal hinsetzen, sonst kippe ich hier noch um. Eine blaue Bank, die jenseits der Straße einen weiten Blick übers nächtliche Watt bietet, kommt Gisela gerade recht. Sie lässt sich auf das kalte Holz fallen und

Gisela Manthey lenkt ihren Blick noch einmal zum Himmel hinauf. Das da oben ist doch die Milchstraße, da kann Marie sagen, was sie will, denkt sie triumphierend.