Türenschlagend verlässt Lutz Hauptmann die Wohnung seiner Freundin Natalie Zupfmeister. Seit einigen Wochen nervt Natalie ihn mit ihrer beständigen Quengelei. Sie will zu ihm ziehen, sie will heiraten, sie will ein Kind von ihm. Möglichst alles gleichzeitig und sofort. Doch Lutz denkt gar nicht daran, Natalie ihre Wünsche zu erfüllen, denn er fühlt sich gerade so richtig wohl in seinem Leben.
Er hat einen sicheren Job als Filialleiter der örtlichen Bank und nach ewig langem Suchen endlich eine nette Wohnung in der Nähe gefunden, die allerdings deutlich zu klein für zwei oder gar drei Personen wäre. Und er hat gerade erst ein ziemlich vielversprechendes Techtelmechtel mit einer jungen Kollegin begonnen, von der Natalie natürlich nichts weiß. Während Lutz durch das muffig riechende Treppenhaus des heruntergekommenen Gebäudes geht, in dem Natalie eine winzige Bude bewohnt, überlegt er, ob er den zurückliegenden heftigen Streit nicht praktischerweise zum Anlass nehmen sollte, um die Beziehung gleich ganz aufzukündigen. Dann hätte er freie Bahn bei seiner Kollegin und – sollte aus dem Flirt tatsächlich etwas Ernstes werden – auch einen ordentlichen Zeitaufschub, bis die Neue ihm unweigerlich auch wieder mit Heirats- und Fortpflanzungsplänen kommen wird. Lutz kennt das längst. Er ist jetzt Ende dreißig, sieht ganz gut aus und verdient ordentlich. Passt damit also ideal ins durchschnittliche weibliche Beuteschema.
Die Tür, die vom Hausflur zur Straße führt, klemmt wie immer, und Lutz muss sich ernstlich dagegenstemmen, um sie überhaupt öffnen zu können. Aber dann ist er draußen und atmet erleichtert die frostige Nachtluft ein. Lutz checkt kurz sein Handy, grinst, als er das anzügliche Smiley sieht, das seine neue Flamme ihm geschickt hat, und stellt nebenbei fest, dass es in der Nacht Minusgrade geben wird. Kein Wunder, dass seine Finger jetzt schon eiskalt sind. Trotzdem zieht Lutz ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche seines Parkas und fügt seiner ohnehin weißwolkigen Atemluft noch den dichteren Tabakqualm hinzu. Während er die Entspannung genießt, die die Zigarette ihm beschert, denkt er ernsthaft darüber nach, gleich wieder hochzugehen und Schluss zu machen. Dann hätte er es wenigstens hinter sich.
Andererseits sträuben sich ihm schon beim Gedanken an Natalies verheultes Gesicht und ihren vorwurfsvoll beleidigten Tonfall die Nackenhaare. Nein, diese Konfrontation wird er sich ersparen. Sogar Prominente machen jetzt schon per SMS Schluss, das hat ausgerechnet Natalie ihm doch letztens erzählt. Sie ist Friseurin und deshalb schon von Berufs wegen bestens über Klatsch und Tratsch aus diesem Milieu unterrichtet. Da sollte sie sich besser nicht wundern, wenn ihr das auch passiert. Vielleicht fühlt sie sich den von ihr bewunderten Promis dadurch sogar noch näher.
Froh darüber, eine Entscheidung getroffen zu haben, löst sich Lutz von der Hauswand, an der er gelehnt hat, und geht die paar Schritte zu seinem Auto hinüber. Es ist ein gebrauchtes BMW-Cabrio, das zugegebenermaßen seine besten Tage bereits hinter sich hat, aber bei den meisten Frauen immer noch Eindruck schindet.
Lutz wirft die Kippe aufs Pflaster, kratzt die ersten Eisspuren von der Frontscheibe und lässt sich anschließend auf den Fahrersitz fallen. Das Leder ist so kalt, dass er es durch seine Hose spüren kann, aber ein Stoffsitz wäre nicht in Frage gekommen. Der Wagen springt zum Glück gleich an, keine Selbstverständlichkeit bei dieser arktischen Temperatur. Schwungvoll stößt Lutz zurück und verlässt den Parkplatz mit quietschenden Reifen. Bestimmt steht Natalie am Fenster und beobachtet ihn. Soll sie ruhig sehen, wie wütend er ist.
Am Ende der kurzen Stichstraße, die zu Natalies Wohnblock führt, müsste er eigentlich rechts abbiegen und mitten durch List fahren, um auf schnellstem Wege nach Westerland zu kommen. Aber er hat im Verlauf des Abends einiges getrunken und will lieber kein Risiko eingehen, daher entscheidet er sich für den Umweg durch die Dünen und blinkt links. Etwas zu schwungvoll nimmt Lutz die Kurve und gerät gleich anschließend irgendwie auf eine eisig glatte Fläche. Der Wagen rutscht zur Seite und schlingert heftig. Lutz will gegenlenken, aber das Auto gehorcht ihm nicht und bricht schließlich ganz aus. Lutz sieht sich chancenlos auf das Watt zurasen, er flucht laut und unflätig, da erscheint plötzlich mitten in der Drehung eine blau angestrichene Bank mit festem Betonfundament direkt vor ihm.
Millisekunden später knallt es.
Glas splittert, Metall verbiegt sich, Holz bricht.
Dann ist es still.
Der Airbag füllt Lutz’ gesamtes Blickfeld aus, sein Brustkorb schmerzt. Trotzdem donnert er den Kopf absichtlich ein zweites Mal auf die erstaunlich unnachgiebige Glätte des Airbags und heult vor Wut laut auf. Sein erster Gedanke gilt weder dem Auto noch seiner körperlichen Unversehrtheit, sondern Natalie.
Hoffentlich hat sie das eben nicht gesehen, sonst steht sie womöglich gleich hier neben mir, und ich muss auch noch ihr Mitleid ertragen.
Vorsichtig richtet Lutz sich auf und blinzelt aus dem Seitenfenster, das wie durch ein Wunder heil geblieben ist, ins Licht einer nah stehenden Laterne. Noch ist die Straße leer, und Natalies Fenster sind nach wie vor hell erleuchtet. Am liebsten würde Lutz versuchen zurückzusetzen, um diesen ganzen Schlamassel möglichst unbemerkt zu entkommen. Aber der Airbag verhindert jede Aktion und im Übrigen auch den Blick nach vorn, so dass Lutz das Ausmaß der Zerstörung gar nicht abschätzen kann.
Er tastet nach dem Türgriff, um auszusteigen, doch irgendwie klemmt das Schloss, und die verdammte Tür geht nicht auf. Lutz stemmt sich mit aller Kraft dagegen, jedenfalls soweit der Airbag das zulässt, aber vergeblich. Dann hört er klappernde Schritte jenseits des Wagens, denkt an Natalies Gesundheitslatschen, die er schon immer gehasst hat, und hebt den Blick.
Ohne Mantel und Mütze nähert sich Natalie im Laufschritt dem Auto. Doch ihr Blick ist nicht auf den Wagen gerichtet. Als sie näher kommt, versucht sie auch nicht, Lutz mit der Tür zu helfen, sondern läuft um das Auto herum und bleibt irgendwo vor dem Wagen und außerhalb von Lutz’ Blickfeld stehen.
Er kann sie nicht sehen, aber ihr gellender Schrei ist nicht zu überhören.