»Jetzt beruhigen Sie sich erst mal, junge Frau«, versucht Bastian Kreuzer die Zeugin mit der blonden Lockenmähne und dem viel zu dünnen Kleid zu besänftigen. Doch ihr Blick bleibt unstet, Hände und Knie zittern so sehr, dass ihr jeden Moment die Tasse mit dem heißen Tee aus dem Fingern zu gleiten droht. Der Sanitäter, der ihr das Getränk gereicht und auch eine Wärmedecke um die Schultern gelegt hat, mustert sie mit besorgtem Blick, bevor er sich an den Einsatzleiter wendet.
»Wir könnten ihr etwas zur Beruhigung geben, was meinen Sie?«
»Wenn’s irgend geht, würde ich vorher gern mit ihr reden. Sie hat ja alles mitangesehen, wenn ich das richtig verstanden habe. Aber zuerst muss ich hier noch ein paar Kleinigkeiten regeln«, erklärt Bastian und sieht sich um.
Die nächtliche Szenerie auf der nördlichsten Straße der Insel ist an Dramatik kaum zu übertreffen. Neben dem Krankenwagen, in dem der Unfallfahrer gerade erstbehandelt wird, blockiert je ein Einsatzfahrzeug der Polizei die Straße an beiden Enden. Niemand darf hindurch. Zum Glück ist zu dieser Uhrzeit ohnehin kaum Verkehr.
Aber der Hauptkommissar hat aus den Erfahrungen beim letzten Mordfall am Gleisübergang gelernt. Hier wird es ganz sicher niemandem gelingen, heimlich ein Foto vom Tatort zu schießen.
Und der hat es in sich.
Ein schrottreifer Unfallwagen, eine in ihre Einzelteile zerlegte blaue Holzbank, an deren ehemaliger Rückenlehne eine nackte Frau mit einem grellgrünen Seil gefesselt ist. Ganz offenbar ist die Frau nebst Holzlatte durch den Aufprall des Autos ein Stück durch die Luft geflogen und liegt nun verrenkt auf einem sumpfigen Grünstreifen, der die Straße vom Watt trennt. Ihr Hinterkopf ist von verkrustetem Blut bedeckt, und auch die Bank hat etliche Spritzer abbekommen. Neben dem Betonsockel der Bank, der unverändert an seinem Platz steht, befindet sich säuberlich aufgeschichtet ein Stapel von Kleidungsstücken, die vermutlich der Toten gehört haben.
Noch ist der Rechtsmediziner nicht eingetroffen, aber Bastian würde einiges darauf verwetten, dass die nackte Frau nicht durch den Aufprall zu Tode gekommen ist, sondern dass sie es hier mit einem dritten Opfer des Lassomörders zu tun haben, das nur durch einen zynischen Coup des Schicksals post mortem in diesen Auffahrunfall verwickelt worden ist.
Zwei starke Scheinwerfer beleuchten die grausige Szenerie, die bereits von einem Polizeifotografen aus allen erdenklichen Blickwinkeln festgehalten wird.
»Ist der Fahrer schon vernehmungsfähig?«, wendet sich Bastian jetzt an einen zweiten Sanitäter.
»Er steht noch unter Schock, ist aber nicht ernstlich verletzt. Der Airbag hat das Schlimmste verhindert.«
»Was sagt der Alkoholtest?«
»Er hat ordentlich gepichelt, so viel steht schon mal fest. Die Blutabnahme wird euch Genaueres sagen können. Aber fahrtüchtig war der auf keinen Fall mehr.«
»Danke, ich kümmere mich später um ihn, jetzt muss ich mir erst mal einen Eindruck vom Tatort verschaffen.«
Bastian macht einen weiten Bogen um die direkte Linie zwischen dem ursprünglichen Standort der Bank und dem Fundort der Leiche, um mögliche Schleifspuren nicht zu zerstören. Aber insgeheim ist er sicher, dass der Lassomörder auch sein drittes Opfer wieder nach dem Mord ausgezogen und fixiert hat. Nach dem Baum im Südwäldchen und der einsamen Bahnschranke jetzt eben auf dieser isoliert stehenden Bank im Niemandsland an der Nordseite der Insel.
Es wirkt, als wolle er ganz bewusst Zeichen überall auf der Insel setzen. Vielleicht waren wir die ganze Zeit auf dem Holzweg, und es geht gar nicht um die Frauen, schießt es Bastian durch den Kopf. Vielleicht geht es stattdessen um die Orte.
Doch noch ist keine Zeit, über diese These länger nachzudenken. Als Bastian bei der Leiche angekommen ist, fällt ihm als Erstes auf, dass sie schlecht riecht. Natürlich ist da der metallische Geruch des Blutes, gedämpft durch die Kälte. Doch es kommt noch etwas anderes dazu. Bastian bückt sich tief über die Tote und bringt seine Nase dicht an deren Mund, der offen steht und ein Gebiss voller Jacketkronen enthüllt. Kein Zweifel, sie riecht nach Alkohol und nach Erbrochenem. Kann es sich bei dem Opfer vielleicht um eine Obdachlose handeln, die sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufgehalten hat? Andererseits liegt ganz oben auf dem Kleidungsstapel ein fellgefütterter Parka, der nicht wirklich danach aussieht, als stamme er aus einer Altkleidersammlung. Eine nähere Untersuchung der Kleidung wird mit etwas Glück auch einen Ausweis zutage fördern, der ihnen die Identität des Opfers verraten wird, hofft Bastian.
Vorsichtig verlässt er den Liegeplatz der Leiche, der ganz sicher nicht der Tatort ist. Eher kommt dafür schon der ursprüngliche Standplatz der Bank in Frage, allerdings dürfte dort die Spurensicherung schwierig werden, denn der Unfallwagen hat eine ziemliche Verwüstung angerichtet.
Da werden Leo Blums Leute ordentlich was zu tun bekommen, denkt Bastian gerade, als er in der Ferne Silja ausmachen kann, die schon geschlafen hat, als der Anruf vom Revier kam. Sie brauchte einen Moment, um sich anzuziehen, und ist deshalb mit ihrem Privatwagen nachgekommen, während Bastian direkt in eines der Polizeifahrzeuge gesprungen ist, die auf ihrer Fahrt zum Tatort bei ihnen vorbeigekommen sind und ihn abgeholt haben.
Mit schnellen Schritten geht der Kommissar auf Silja zu. Ihr entsetzter Gesichtsausdruck spricht Bände.
»Ist ein ziemliches Chaos hier«, begrüßt er sie. »Kommst du mit zu der Frau dort drüben am Sanitätswagen? Sie war sofort nach dem Unfall am Tatort und hat die Kollegen alarmiert.«
Die Blonde zittert immer noch, ist aber inzwischen in der Lage, halbwegs vernünftige Sätze herauszubringen.
»Ich habe aus dem Fenster gesehen, Lutz ist mein Freund, wir haben uns gestritten, und irgendwann ist er einfach abgehauen«, sprudelt es aus ihr heraus. »Ich dachte, vielleicht überlegt er es sich noch mal und kommt zurück. Aber stattdessen ist er wie ein Wilder losgedüst und hat wohl irgendwie die Kontrolle über sein Auto verloren. Es schlingerte kurz, und dann gab es auch schon diesen enormen Knall, und er ist gegen die Bank gerauscht.«
»Wann sind Sie denn genau aus der Wohnung gelaufen?«, will Silja wissen.
»Direkt nach dem Crash. Eigentlich wollte ich zu ihm und helfen, aber als ich näher kam, da sah ich das da.« Sie unterbricht sich kurz, um sich zu sammeln. Nachdem sie einen Schluck von ihrem Tee getrunken hat, redet sie weiter. »Also da sah ich dann das ganze Blut und diese nackte Frau da hinten liegen. Ich dachte wirklich, ich drehe durch. Also ich meine, das gibt’s doch gar nicht.«
»Sie haben von den anderen beiden Morden gehört?«, erkundigt sich Bastian.
»Ja klar, wer hat das nicht? Aber ich meine, was ist das für ein unglaublicher Zufall?«
»Was meinen Sie genau mit Zufall?«
»Na ja, dass Lutz ausgerechnet auf die Tote draufgebraust ist.«
»Glauben Sie, er hat die Frau gekannt?«
»Keine Ahnung.« Sie stockt und überlegt kurz. »Sie halten ihn jetzt aber nicht für einen Mörder, oder?«
»Wir sind noch ganz am Anfang unserer Ermittlungen«, erwidert Bastian vorsichtig. »Halten Sie Ihren Freund denn für einen Mörder?«
»Was? Nein, natürlich nicht.«
»War er den ganzen Abend lang bei Ihnen?«
»Seit acht etwa. Warum fragen Sie?«
Ihr Blick ist jetzt ängstlich. Bastian kann ihr deutlich ansehen, dass sie fürchtet, entweder zu viel oder das Falsche gesagt zu haben.
»Keine Sorge, Ihr Freund ist im Moment nicht unser Hauptproblem. Haben Sie eigentlich hier irgendetwas angefasst?«
»Nein«, stammelt sie, immer noch verunsichert. »Also ich glaube jedenfalls nicht.«
»Sicherheitshalber würden wir Sie um Ihre Fingerabdrücke bitten.«
»Wirklich? Also ich weiß nicht.« Unschlüssig mustert sie ihre immer noch zitternden Hände.
»Nur zum Abgleich, damit die Kollegen von der Spurensicherung relevante von unwichtigen Spuren unterscheiden können.«
»Okay, ja, wenn es hilft«, stimmt sie schließlich zu.
Bastian und Silja bedanken sich und gehen hinüber zu dem Fahrer des Unfallwagens, der wie betäubt neben dem Sanitätsauto auf einem Klappstuhl sitzt. Die Kommissare stellen sich vor und bitten auch ihn um eine Schilderung des Unfallhergangs. Doch er schüttelt nur hilflos den Kopf.
»Ich kann mich nicht erinnern, tut mir echt leid. Also nicht an dem Aufprall oder was auch immer das war. Nachdem ich Natalies Haus verlassen habe, habe ich vor der Tür noch eine Zigarette geraucht, dann bin ich ins Auto, und danach … ist alles weg. Sorry, wirklich.«
»Sie hatten ganz schön gebechert, habe ich gehört, und dann haben Sie offensichtlich die Kontrolle über ihren Wagen verloren«, versucht Bastian seiner Erinnerung auf die Sprünge zu helfen.
Aber er zuckt nur die Schultern. »Tut mir leid, echt. Die Pappe ist wohl erst mal weg. Und mein Wagen ist auch hinüber. Aber ich wollte doch niemanden umbringen.« Mit Entsetzen im Blick schaut er hinüber zu der nackten Leiche, die wie eine obszöne Inszenierung im Scheinwerferlicht liegt.
»Wir nehmen Sie mit aufs Revier. Zur Blutabnahme und Ausnüchterung«, erklärt Bastian. »Aber so, wie es im Moment aussieht, hält niemand Sie für einen Mörder.«