Als Bastian Kreuzer und Silja Blanck am nächsten Morgen auf der Dienststelle ankommen, werden sie schon von Leo Blum erwartet.
»Na ihr Schlafmützen«, begrüßt der Chef der Spurensicherung die beiden grinsend.
»Wir waren letzte Nacht bis halb drei im Einsatz«, gibt Bastian grummelnd zurück. »Wenn du nachrechnen möchtest, macht das gerade mal vier Stunden Schlaf.«
»Mein Beileid. Hat Bernstein die Leiche schon angesehen?«
»Klar. Von halb eins bis halb zwei war er am Tatort. Seine Laune kannst du dir ja ungefähr vorstellen. Kommst du auf einen Kaffee mit hoch?«
»Ich bin ganz bestimmt nicht um fünf aufgestanden und habe den allerersten Autozug genommen, um jetzt mit euch Kaffee zu trinken. Außerdem sind meine Jungs schon am Tatort, ich wollte nur noch kurz mit euch reden. Aber wenn ich gewusst hätte, dass ich mir hier die Beine in den Bauch stehen muss …«
»Hört doch auf, euch anzuzicken«, unterbricht Silja das Wortgefecht. »Wir sind alle nicht begeistert davon, dass es wieder eine Frau erwischt hat, und wir schlafen auch alle gern länger, als es die letzte Nacht erlaubt hat. Aber wenn wir jetzt anfangen, uns gegenseitig fertigzumachen, können wir gleich einpacken.«
»Apropos einpacken«, hakt Leo Blum nach. »Ich mache mich jetzt wirklich auf die Socken. Habt ihr irgendwelche Sonderwünsche?«
»Wenn du die Tatwaffe auftreiben könntest, wäre das unheimlich nett«, witzelt Bastian, aber Leo bleibt ernst.
»Ist Bernstein da schon konkreter geworden?«
»Glatter harter Gegenstand, vielleicht eine Keule oder ein Baseballschläger. Also ähnlich wie bei dem Mord am Bahndamm, nur dass der Täter diesmal erheblich kräftiger zugeschlagen hat, so dass die Haut gerissen und die Schädelplatten geborsten sind. Ist blutmäßig eine ziemliche Schlacht gewesen, allerdings steht immer noch der Unfallwagen direkt über dem vermutlichen Tatort.«
»Hab schon gehört. Die blaue Bank am Watt. Klingt fast schon idyllisch.«
»Warte, bis du da bist, dann wird dir jeder Gedanke an Idylle vergehen«, widerspricht Silja.
»So schlimm? Ist die Leiche noch vor Ort?«
»Zweimal ja. Es ist ein echtes Gemetzel gewesen, und die Tote liegt noch dort. Wir haben sie nicht angerührt. Ich hoffe, die Kollegen bewachen sie wie Fort Knox.«
»Habt ihr schon die Identität feststellen können?«
Silja nickt. »Gisela Manthey, siebzig Jahre alt, kinderlos und verwitwet. Hat in List gewohnt. Ihre Handtasche mit Geld, Kreditkarten und allen Papieren lag bei den Kleidungsstücken.«
»Also kein Raubmord. Der Typ hat’s einfach nur auf kinderlose Frauen angesehen, ist euch das auch schon aufgefallen?« Leo Blums Stimme klingt ein wenig sarkastisch.
»Sehr komisch. Vielen Dank für diesen außerordentlich konkreten Hinweis. Vor allem, weil uns jetzt eine unserer Hauptthesen weggebrochen ist.«
»Wie meinst du das?«
Bastian verzieht das Gesicht. »Das dritte Opfer hat nachweislich absolut nichts mit der Talkrunde zu tun. Sie war nicht dabei, auch nicht als Gast, und so richtig sportlich sieht sie auch nicht aus.«
»Also alles auf Anfang. Na dann, viel Erfolg euch. Sehen wir uns nachher?«
»In etwa ein, zwei Stunden schauen wir noch mal am Tatort vorbei«, antwortet Bastian. »Aber erst mal wollen wir zum Wohnhaus der Toten. Irgendjemand muss sie identifizieren. Vielleicht finden wir Hinweise auf entfernte Verwandte.«
»Oder auf den Mörder«, fügt Silja hinzu. »Nicht, dass ich wirklich daran glaube, dafür war er bisher zu schlau. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.«