Sonntag, 2. November, 09.27 Uhr, Norderstraße, Westerland

Kriminalhauptkommissar Bastian Kreuzer kann nicht schlafen.

Gestern hat er seiner großen Liebe Silja Blanck das Versprechen für ein gemeinsames Leben gegeben. Silja ist ebenfalls Kommissarin auf Sylt, also haben sich die beiden gegen

Gerade lässt der Hauptkommissar noch einmal die halbe Stunde Revue passieren, die Silja und er umhüllt von Nebelschwaden auf dem Leuchtturm verbracht haben. Man konnte zwar nicht wie erhofft den Weitblick über die Insel genießen, aber dafür herrschte eine fast magische Atmosphäre. Es war, als würden alle Anwesenden über den Dingen schweben, inmitten eines federleichten Dunstes, umschwirrt von einem sagenhaften Möwenballett und umbrandet vom Rauschen und Brausen des Meeres tief unter ihnen.

Als Trauzeugen waren Sven Winterberg und seine Ehefrau Anja mit dabei. Die beiden sind nicht nur gute Freunde, sondern Sven ist auch ein Kollege, nämlich der dritte Kommissar bei der Westerländer Polizei. Gemeinsam mit ihm haben Silja und Bastian in der Vergangenheit schon einige spektakuläre Morde erfolgreich aufgeklärt. Allerdings ist Sven zurzeit vom Ermittlungsgeschehen abgezogen und versieht stattdessen Schreibdienste auf der Wache. Im vergangenen Sommer hatte er seine Dienstwaffe zu einem privaten Treffen mitgenommen, eine Aktion, die einen Toten zur Folge hatte und Sven selbst in Lebensgefahr gebracht hat.

Ihre Freundschaft konnte Svens Degradierung zum Glück

Ursprünglich sollte das feierliche Eheversprechen auf dem Hörnumer Leuchtturm schon im Spätsommer stattfinden, aber einen Termin an dieser sehr nachgefragten Location zu buchen, hat sich als äußerst kompliziert erwiesen. Also sind Silja und Bastian auf den November ausgewichen. Der 1.11. ist doch ein tolles Datum, hatte Silja nach einigem Hin und Her energisch erklärt und sich gegen alle Vernunft sofort nach der Terminbuchung ein sündhaft teures cremefarbenes Kaschmirkleid mit passendem Mantel zugelegt. Bastian wollte nicht nachstehen und ist ebenfalls mit Kaschmirmantel, wenn auch in Dunkelblau, erschienen. Für die anschließende große Sause haben sich beide dann etwas luftigere Kleidung besorgt. Das silberne Cocktailkleid im Zwanziger-Jahre-Stil, mit dem Silja ihn auf der Party überrascht hat, war einfach umwerfend, fand Bastian. Und er findet es immer noch, denn das Kleid hat Silja bei der Heimkehr direkt neben ihrem großen Bett nachlässig über einen Stuhl geworfen.

Gerührt lässt Bastian seinen Blick vom Kleid zurück zur schlafenden Silja wandern. Ihr langes dunkles Haar liegt ausgebreitet wie ein glänzender Schleier neben ihrem schmalen Gesicht, und ein kleines Lächeln spielt um ihren Mund. Ich werde dich immer lieben, verspricht ihr Bastian gerade insgeheim. Und als könne sie im Schlaf seine Gedanken lesen, vertieft sich Siljas Lächeln.

Bastian dreht sich auf den Rücken, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und schließt die Augen. Heute ist Sonntag, und wir bleiben den ganzen Tag im Bett. Es ist schließlich unsere Hochzeitsnacht. Also entspann dich endlich und sieh zu, dass

Und tatsächlich legt sich bald eine angenehme Ruhe über ihn, sein Atem geht langsamer, und ebenso flüchtige wie sinnlose Szenen, die schon halb ins Traumland verweisen, huschen durch seinen Kopf. Bastian dreht sich zur Seite und schlingt seinen Arm um Silja, bereit, sich vollständig dem Schlaf zu überantworten.

Das Schrillen des Telefons erwischt ihn nur Sekunden später. Tief verwirrt richtet er sich auf. Welcher Idiot wagt es, jetzt hier anzurufen?, denkt er erbittert und wäre ganz sicher nicht ans Telefon gegangen, wenn er nicht hätte befürchten müssen, dass das Klingeln auch Silja aus dem Schlaf reißen wird.

Also wuchtet er seinen massigen Körper aus dem Bett, denkt flüchtig an seinen Vorsatz, das Fitnesscenter, in dem er schon länger Mitglied ist, diesen Winter häufiger aufzusuchen, und tapst in die Wohnküche, wo das Telefon steht. Die Tür zum Schlafzimmer schließt er sorgfältig hinter sich.

»Ja. Kreuzer hier. Was ist denn los?«, murmelt Bastian verschlafen in den Apparat.

Am anderen Ende meldet sich ausgerechnet Sven, der doch bis zum Schluss mit ihnen gefeiert hat und jetzt ebenso erschöpft sein müsste wie Silja und Bastian.

»Ich hatte gerade einen Anruf von meinem Vater.«

»Kommt der mit euren Kindern nicht klar, oder was? Und wenn ja, was habe ich damit zu tun?«, unterbricht ihn Bastian ungnädig. Undeutlich erinnert er sich daran, dass Mette und Mäxchen über das Hochzeitswochenende zu Svens Eltern ausquartiert worden sind.

»Heute früh ist mein Vater mit beiden Kindern im

»Das ist jetzt einer dieser ganz üblen Scherze, um Silja und mir die Hochzeitsnacht zu verderben. Besten Dank auch.« In Bastian kocht die Wut hoch. »Dass du dich nicht schämst, bei so etwas mitzumachen. Ich dachte, dafür sind wir nun wirklich zu alt«, poltert er.

»Echt nicht. Ich schwöre. Mein Vater muss fast einen Herzkasper gekriegt haben, wenn man meiner Mutter glauben darf. Er hat es gerade noch geschafft, die beiden Lütten nach Hause zu bringen, dann ist er zusammengeklappt.«

»Lass stecken, Sven. Ich fall auf so einen Blödsinn nicht rein. Wenn ich jetzt im Südwald aufkreuze, stehst du doch nur mit ein paar Kumpels dort und lachst dich schlapp über mich. Oder vielleicht habt ihr auch nur ein fettes Schild mit euren schadenfroh grinsenden Visagen in die Bäume gehängt. Ohne mich, mein Lieber. Schlaf einfach weiter und lass mich in Ruhe.«

Mit diesen Worten unterbricht Bastian die Verbindung und geht grummelnd zurück zum Schlafzimmer. Doch bevor er die Klinke herunterdrücken kann, klingelt das Telefon erneut.

»Jetzt reicht’s aber«, schimpft Bastian und will gerade den Stecker des Festnetzanschlusses aus der Buchse ziehen, als auch Siljas Handy schellt, das auf dem Couchtisch liegt. Wütend greift er sich das Teil, um den Anruf wegzudrücken, da sieht er, dass diesmal nicht Sven am anderen Ende ist, sondern ein Kollege aus der Dienststelle.

Jetzt ist Bastian wirklich sauer. »Hey Leute, was soll der Scheiß?«, blafft er ins Handy. »Habt ihr nichts Besseres zu

»Chef, die Sache hier sieht gar nicht gut aus.«

»Lass mich raten: Ihr steht im Wald direkt vor dieser angeblichen Leiche und wartet auf mich.«

»Stimmt genau.«

»Ich glaube dir kein Wort.«

Anstelle einer Antwort ploppt wenige Sekunden später ein Foto auf Siljas Display auf. Kahle Bäume im Morgennebel. Eine nackte Frau mit eingeschlagenem Schädel. Eine neongrüne Leine, mit der die Tote an einem der Stämme festgebunden ist.

Bastian atmet einmal ganz tief durch.

»Das ist jetzt keine Fotomontage, oder?«

»Leider nicht. Willst du noch ein Video? Sollen wir vielleicht persönlich durchs Bild tanzen, damit du uns glaubst?«

»Entschuldigt, Leute, ich mache mich gleich auf den Weg. Aber eines sage ich euch: Wenn ich das Schwein erwische, das mir die Hochzeitsnacht versaut hat, dann gnade ihm Gott.«