»Wenn sich die Bispingen in die Ecke getrieben fühlt, schlägt sie um sich«, murmelt Bastian Kreuzer und steckt sein Handy zurück in die Jackentasche.

»Was hast du denn erwartet?« Silja zuckt mit den Schultern. »Dass sie begeistert einer Hausdurchsuchung bei ihrem Lover zustimmt?«

»Apropos Hausdurchsuchung.« Bastian sieht sich in dem verlassenen Schuppen um, in dem sie immer noch stehen, und zeigt dann hinüber zu dem Wohnhaus Gisela Mantheys, das still und dunkel am anderen Ende des Gartens liegt. »Hier sind wir ja so weit durch, lass uns rübergehen und sehen, ob wir irgendwelche Hinweise auf den Täter finden können.«

»Gute Idee.«

Inzwischen hat es angefangen zu regnen, graue Wolken hängen tief über der Insel. Silja stößt die Tür auf und tritt in den Regen. Die Kommissarin wartet, bis auch Bastian das Gartenhaus verlassen hat, und will gerade abschließen, als er sie überraschend an der Schulter fasst.

»Warte kurz«, wispert er direkt in ihr Ohr. »Nicht bewegen jetzt.«

»Was ist los?«

»Dreh dich mal vorsichtig um. Bei der Manthey ist plötzlich Licht im Obergeschoss. Da war doch eben noch alles dunkel, oder spinne ich?«

Silja linst über die Schulter und sieht sofort den hellen Lichtschein hinter einem der beiden rückwärtigen Fenster.

»Das Licht ist neu«, bestätigt sie. »Irgendjemand muss

»Na, dann schnappen wir uns den doch mal. Ein bisschen Bewegung in diesem Fall ist genau das, was wir jetzt brauchen.«

»Hoffentlich ist es nicht wieder die Putzfrau«, flüstert Silja, als sie den Garten durchqueren. Dann schlüpfen die Kommissare durch die Terrassentür ins Haus. Von oben sind verhaltene Geräusche zu hören. Ein leises Quietschen, anschließend ein Knarren.

»Na los, worauf warten wir noch«, flüstert Bastian, zieht die Waffe, entsichert sie und geht vorsichtig die Treppe hinauf. Silja folgt ihm mit einigem Abstand.

Oben angekommen, sieht Bastian sich um. Zwei Türen links, zwei rechts. Die rechten beiden führen offenbar zu Zimmern, die zur Straße hin liegen, und sind geschlossen. Die beiden linken Türen stehen offen. Hinter der ersten liegt im Dämmerlicht des trüben Tages ein Badezimmer, aus dem Raum dahinter kommen die Geräusche.

Bastian überprüft zunächst das Bad. »Sauber«, flüstert er und geht dann mit vorgehaltener Waffe weiter in den hell erleuchteten Raum, der von einem Ehebett mit gepolstertem Kopfteil dominiert wird. Gegenüber vom Bett stehen ein Schleiflackschrank und eine dazu passende Kommode, deren oberste Schublade herausgezogen ist. Ein dürrer Mann in Jeans, dicker Jacke und abgetragenen Sneakers beugt sich über die Schublade und wühlt darin herum. Seine dunklen Haare wirken, als hätten sie dringend eine Wäsche nötig. Der Eindringling ist so intensiv in seine Suche vertieft, dass er die Kommissare immer noch nicht bemerkt hat.

Der Dürre fährt herum und starrt die beiden Kommissare an. Er wirkt durchaus überrascht, aber nicht besonders ängstlich.

»Das Gleiche könnte ich Sie fragen.«

Bastian steckt die Waffe weg und hält dem anderen seinen Dienstausweis unter die Nase. »Bastian Kreuzer, Kriminalpolizei Westerland, meine Kollegin Silja Blanck«, stellt er knapp vor.

»Hat meine Tante etwas ausgefressen? Oder was macht die Kripo sonst hier?«

»Sie sind Gisela Mantheys Neffe?«

»Marvin Schöne. Ganz recht. Und bevor Sie weiterfragen. Ich habe einen Schlüssel zu diesem Haus. Wollen Sie meinen Ausweis sehen?«

»Fürs Erste nicht. Vielmehr interessiert uns, was Sie hier suchen.«

»Ich, äh, nichts Bestimmtes.« Seine Augen irren durch den Raum, als stünde die Antwort auf die Frage des Kommissars in irgendeiner Ecke herum. Doch plötzlich straffen sich seine Schultern, und er erklärt energisch: »Um genau zu sein, suche ich nach Fotos aus meiner Kindheit. Gisela, also meine Tante, wollte sie mir immer schon mal zeigen, aber sie konnte die Kiste mit den Fotos nie finden. Und da dachte ich, ich sehe selbst mal nach.«

»Wissen Sie, wo sich Ihre Tante gerade aufhält?«, erkundigt sich Bastian lauernd.

»Äh, nein. Nicht direkt.« Marvin Schöne senkt die Augen. »Ich habe vorhin versucht, sie zu erreichen, aber sie ist nicht ans Handy gegangen. Ich war ein bisschen besorgt, und da

»Und da haben Sie die Abwesenheit Ihrer Tante genutzt, um kurz mal ihre Unterwäsche zu durchwühlen?« Mit einem ironischen Heben der Augenbrauen zeigt Silja auf den Inhalt der Schublade.

»Na ja, die Fotos, wie gesagt«, beginnt Schöne noch einmal.

»Schluss mit der Märchenstunde«, unterbricht ihn Bastian mit scharfer Stimme. »Fotos, dass ich nicht lache. Diesen Blödsinn können Sie Ihrer Großmutter erzählen. Ihre Tante ist gestern Abend Opfer eines tödlichen Überfalls geworden, und vermutlich haben Sie davon gewusst. Was suchen Sie also wirklich?«

Marvin Schöne reagiert nicht ganz so, wie Bastian es sich vorgestellt hat. Er wird sehr blass, schwankt ein wenig, droht fast umzukippen und kann sich knapp auf die Bettkante retten.

»Sie ist tot?«, flüstert er.

Sein Entsetzen wirkt ziemlich echt, findet Bastian. Trotzdem setzt er nach. »Darf ich erfahren, was Sie gestern Abend von acht Uhr abends bis Mitternacht gemacht haben?«

»Erinnern Sie mich nicht daran«, seufzt Schöne.

»Hauptsache Sie erinnern sich«, kontert Bastian humorlos.

»Ich war zocken. In Westerland. Von acht bis zwei Uhr nachts etwa.« Er vergräbt das Gesicht in den Händen und lässt ziemlich viel Zeit verstreichen. Als Bastian stumm abwartet, murmelt Schöne schließlich zwischen seinen Fingern hindurch: »Ich habe eine echte Pechsträhne gehabt und ziemlich viel Geld verloren, das können Sie gern nachprüfen.

»Es stimmt, leider«, sagt Silja leise.

»Und wie? Also ich meine, wann? Was ist passiert?«

Die Kommissare setzen Marvin Schöne ins Bild, ohne ermittlungsrelevante Details zu verraten. Mit keinem Wort erwähnen sie die Todesursache, das grüne Seil, die blaue Bank oder die Tatsache, dass Gisela Manthey nackt war. Der Neffe der Toten hört zu, ohne die Kommissare auch nur einmal zu unterbrechen. Erst als sie ihren Bericht beendet haben, sagt er mit heiserer Stimme:

»Meine Tante war gestern Abend mit drei Freundinnen verabredet, das hat sie mir vor ein paar Tagen erzählt. Ihre alte Clique aus Schulzeiten, zu der sie immer noch Kontakt hatte. Sie muss auf dem Rückweg nach Hause gewesen sein, als man sie erwischt hat. Hat sie sehr leiden müssen?«

»Sie ist infolge eines außerordentlich heftigen Schlages auf den Kopf gestorben, vermutlich hat sie sehr schnell das Bewusstsein verloren«, antwortet Silja.

»Haben Sie vielleicht die Kontaktdaten dieser drei Freundinnen Ihrer Tante, die Sie erwähnt haben?«, setzt Bastian hinzu. »Außerdem wüssten wir natürlich gern, wo genau Sie gestern gezockt haben. Schließlich müssen wir Ihr Alibi überprüfen.«

Marvin Schöne wirkt wenige Sekunden lang so, als wolle er sich über den rüden Ton des Kommissars beschweren.

»Und die Freundinnen Ihrer Tante? Können Sie uns deren Namen auch sagen?«, beharrt Bastian.

»Eine von denen war meine Lehrerin. Frau Schubert, Karla mit Vornamen, soviel ich weiß. War ganz schön unangenehm, die Vorstellung, dass meine Tante immer genau wusste, was ich so im Unterricht angestellt habe. Von den anderen beiden weiß ich die Namen leider nicht, obwohl, doch, eine heißt Marie, glaube ich.«

»Karla Schubert, das ist doch schon mal was«, bedankt sich Silja und notiert den Namen. Anschließend bittet sie den Neffen der Toten noch um seine Kontaktdaten und die genaue Adresse der Spielhalle, in der er sich gestern zur Tatzeit aufgehalten haben will. Als das erledigt ist, fordert Bastian ihn auf, das Haus zu verlassen und den Schlüssel abzugeben. Schöne reagiert überrascht.

»Warum das denn?«

»Herr Schöne, das liegt doch auf der Hand«, erklärt Bastian geduldig. »Sie haben hier irgendetwas gesucht. Fotos? Geld? Vielleicht auch noch etwas ganz anderes. Wir wissen es nicht, und Sie waren mit Ihren Aussagen nicht sehr hilfreich. Daher sollten Sie das Durchsuchen dieses Hauses bis auf weiteres der Polizei überlassen. Selbstverständlich bekommen Sie den Schlüssel zurück, wenn wir damit fertig sind.«

»Aber …«, will Schöne einwenden, wird allerdings von Silja unterbrochen.

»Eine letzte Frage noch. Hatte Ihre Tante vielleicht ein Testament?«