Donnerstag, 6. November, 09.22 Uhr, Fisch Blum, Wenningstedt

Fred Hübner springt von seinem Rennrad und stellt es auf dem Parkplatz neben dem niedrigen Gebäude ab, in dem sich das Fischgeschäft befindet. Kein Auto blockiert den Weg, auch im Laden ist er der einzige Kunde, ganz anders als im Sommer, wenn hier schon vormittags Hochbetrieb herrscht. Fred begrüßt den beleibten grauhaarigen Verkäufer, den er schon seit Jahren kennt, und mustert die Auslage. Jakobsmuscheln, frischer Lachs, Scholle, Seezunge, Nordseekrabben, dazu natürlich diverse Räucherfische sowie verschiedene Matjesspezialitäten. Der Journalist hat bereits ein ausgiebiges Morgentraining hinter sich und beabsichtigt eine zweite Runde am Nachmittag zu fahren. Und danach wird er sich ein einfaches, aber köstliches Abendessen gönnen. Frischer Thunfisch mit Honig-Senf-Marinade auf Scheiben von diesem kleinen runden Haselnussbrot vom Bäcker gegenüber.

»Moin, ist der frische Thun schon da?«

»Gerade gekommen.« Der Fischverkäufer weist auf ein rot glänzendes, fast unsichtbar gemasertes Stück Fisch.

»Sashimiqualität? Ich ess den immer roh«, fragt Fred nach.

»Heute ja. Gestern hätte ich dir den nicht verkauft.«

»Ich nehme fünf Scheiben, möglichst dünn geschnitten.«

Während er zusieht, wie das Thunfischfilet sorgsam in hauchdünne Scheiben zerteilt wird, läuft Fred bereits das

»Schon von der Schweinerei in List gehört?«

»Nein? Was meinst du?«

»Der Fiete, der vorhin den Thun gebracht hat, der hat von bannig viel Polizei im Norden erzählt. Der Fiete wohnt ja am Brünk direkt hinterm Lister Urwald.«

»Ja und?«

»In Richtung Weststrand haben die die Möwenbergstraße komplett abgesperrt, kommt keiner mehr durch.«

»Warum das denn?«

»Also der Manni, das ist ein Kumpel vom Fiete, der ist da frühmorgens noch mit seinem kleinen Mops längs, und der hat erzählt, dass es einen Unfall gegeben hat, ist wohl ein Suffkopp gegen eine von diesen blauen Bänken gerast. Alter BMW, Totalschaden, meint der Manni. Aber da muss noch mehr passiert sein.«

»Vielleicht sollte ich mal gucken fahren«, murmelt Fred mehr zu sich selbst.

»Kannst du gleich vergessen. Die haben ein paar Meter von dem Schrottwagen entfernt ein Zelt aufgebaut, drumrum jede Menge Einsatzwagen und eben die Beamten, die niemanden mehr durchlassen. Manni war der Letzte, der überhaupt noch was hat sehen können. Und in den Nachrichten haben sie auch noch nichts gebracht.«

Der Verkäufer klatscht die Thunfischscheiben auf Fettpapier und sieht Fred fragend an. »War’s das?«

»Fünf von den großen Garnelen nehme ich noch«, antwortet Fred geistesabwesend.

»Spar dir deine Witze für die Badegäste auf.«

»Von denen gibt’s aber grad keine. Auch mal ganz schön, ne?«

»Allerdings. Von mir aus könnten die immer wegbleiben. Stören doch nur.«

»Seh ich anders. Wenn die nicht wären, wär ich meinen Job schneller los, als mein kleiner Enkel Paw Patrol sagen kann. Und du müsstest dir deinen frischen Fisch sonst wo herholen. Die meisten Sylter kaufen doch lieber das abgepackte Zeug bei Lidl oder Aldi in Tinnum.«

Er schüttelt sich kurz bei dem Gedanken an den Supermarktfisch und wiegt anschließend die Garnelen ab.

»Und noch ein kleines Näpfchen von der Honig-Senf-Sauce«, sagt Fred unkonzentriert, während er darüber nachdenkt, ob er Elsbeth anrufen soll. Blöd, dass wir uns ausgerechnet jetzt so gestritten haben. Eigentlich müsste sie sich melden, schließlich war sie es auch, die einfach so abgehauen ist.

Immer noch in Gedanken zahlt Fred den Fisch, lässt sich die Tüte über den Tresen reichen und verabschiedet sich. Draußen besteigt er sein Rad und fährt rüber zu seiner Maisonette am Dorfteich, wo ein paar Enten lustlos im Wasser planschen. Während Fred seinen Wohnungsschlüssel aus der Bauchtasche fummelt, beschließt er, den Anruf bei Elsbeth von der Zahl der Enten abhängig zu machen. Gerade bedeutet ja, ungerade nein. Als hätten sie seine Gedanken erraten, steigen die Enten aus dem Wasser und watscheln auf ihn zu. Fred zählt: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun. Also ungerade. Mist. Das kommt davon, wenn man sich vor einer Entscheidung drückt, ärgert er sich. Doch plötzlich kommt eine zehnte Ente hinter einem Schilfbüschel hervor.

In der Wohnung verstaut Fred seinen Einkauf im Kühlschrank und schält sich aus seinen Klamotten. Ein bisschen bange ist ihm schon vor dem Anruf bei Elsbeth. Wenn sie seine Absicht durchschauen sollte, wird sie unausstehlich werden, so viel ist sicher. Fred steigt erst mal unter die Dusche. Vielleicht haben sich die Enten doch geirrt, und er sollte sich besser auf seinen Instinkt verlassen. Und der sagt ihm eindeutig: Warte ab.

Aber Fred war schon immer ein ungeduldiger Mensch. Bereits beim Abtrocknen steht sein Entschluss fest. Er wirft sich nackt aufs Bett und greift zum Handy.

Elsbeth nimmt den Anruf schon beim zweiten Klingeln an.

»Mit dir hätte ich jetzt am allerwenigsten gerechnet«, begrüßt sie ihn. Klingt ihre Stimme nun erfreut oder doch eher genervt? Oder ist es reine Überraschung?

»Ich wollte das so zwischen uns nicht stehen lassen«, beginnt Fred vorsichtig.

»Lieb von dir.«

Er wartet darauf, dass sie weiterredet, aber es kommt nichts mehr.

»Wir sollten uns aussprechen«, sagt er sanft.

»Gerade ist es schlecht. Hier laufen alle Leitungen heiß.«

»Warum? Was ist los?« Geht doch. Fast ist Fred überrascht von der Steilvorlage, die sie ihm liefert.

»Das weißt du vielleicht besser als ich.«

»Wieso das denn? Ist irgendwas hier auf der Insel passiert?«

Sie lässt mich auflaufen, denkt Fred enttäuscht. Aber nun

»Fred, ehrlich mal, das ist doch kein Zufall, dass du mich ausgerechnet jetzt anrufst. Beschaff dir deine Informationen gefälligst von woanders. Ich kann im Augenblick wirklich nichts für dich tun. Lass uns später noch mal in Ruhe reden, ich könnte dich heute Abend anrufen – falls du das dann überhaupt noch willst.«

»Also Elsbeth, hör mal, das hast du jetzt alles völlig falsch verstanden«, setzt Fred an, aber Elsbeth hat das Gespräch bereits unterbrochen.

Fluchend steht er auf und beginnt, sich frische Sachen anzuziehen. Als er gerade ein Sweatshirt überstreift, das verwirrend nach Elsbeths Parfüm riecht, geht unten die Klingel. Fred steigt die Treppe herunter und öffnet die Tür.

Draußen steht Kommissar Bastian Kreuzer.