Donnerstag, 6. November, 10.24 Uhr, Elkes Spielhalle, Westerland

Als Kommissarin Silja Blanck vor der Spielhalle aus dem Wagen steigt, um Marvin Schönes Alibi zu überprüfen, schlägt ihr der eisig kalte Wind ins Gesicht. Trotzdem bleibt Silja kurz stehen und mustert das Ladengeschäft auf der anderen Straßenseite.

Silja überquert die Straße und zieht die Tür der Spielhalle auf. Zigarettenrauch und der Geruch nach kaltem Schweiß nehmen ihr fast den Atem. Silja muss husten und kneift die Augen zusammen, um sie vor dem beißenden Qualm zu schützen.

»Ich hab heute noch nicht gelüftet, ist so ein verdammter Sturm da draußen, der reißt mir sonst noch die Tür aus den Angeln«, hört sie eine heisere Stimme sagen. Die hochgewachsene vollschlanke Frau, zu der die Stimme gehört, kommt aus der Tiefe des Raums auf Silja zu. Sie ist nicht mehr jung, Silja schätzt sie auf Ende fünfzig, trotzdem trägt sie eine rosafarbene Jogginghose und ein Barbie-Glitzer-T-Shirt. Die Haare der Spielhallenbetreiberin sind vom Blondieren ausgelaugt, aber makellos frisiert. »Was kann ich für dich tun, Kleine?«

Anstatt zu antworten, sieht sich die Kommissarin erst einmal um. Der junge Mann scheint der einzige Kunde zu

»Ich komme nicht, um zu spielen«, stellt sie sofort klar, doch die Blonde lässt sie nicht ausreden.

»Musst dich doch nicht schämen, Püppi. Wir haben alle unsere heimlichen Laster. Komm mal mit, ich spendier dir ’ne Proberunde.«

»Nein, wirklich nicht. Ich bin von der Kripo.«

»Ach du heilige Scheiße.« Die Blonde wirkt trotz des Schimpfworts ziemlich unbeeindruckt. »Hoher Besuch also. Aber ich muss dich enttäuschen. Bei mir ist alles in Ordnung, Konzession, Schankgenehmigung, alles vollkommen legal. Kannste gern überprüfen.«

Silja beschließt, sich alle Formalitäten zu schenken und auf den kumpelhaften Ton der Spielhallenbetreiberin einzugehen.

»Ja sicher. Glaube ich sofort. Aber darum geht’s gar nicht. Ich habe nur ein paar Fragen an Sie, nichts Persönliches. Es geht um einen ihrer Kunden.«

»Klar doch. Komm mit nach hinten, da ist es gemütlicher. Kannst übrigens Elke zu mir sagen, das machen hier alle.«

Silja muss sich das Schmunzeln verkneifen. Eine so zutrauliche Zeugin hat sie wirklich selten erlebt. Etwas skeptisch folgt sie der Blonden in den hinteren Bereich. Hier steht ein Sofa, das sicher bessere Tage gesehen hat und ganz auf einen riesigen Plasmafernseher ausgerichtet ist, der an der gegenüberliegenden Wand befestigt ist. Außerdem befindet

»Trinkst du einen Kaffee mit?«

Der Blick auf die uralte Maschine mit etlichen angetrockneten Kaffeerändern lässt Silja sofort ablehnen.

»Danke nein. Ich habe auch wirklich nur ein paar Fragen.«

»Ja, klar. Schieß los.«

Am liebsten würde Silja die Blonde als Erstes fragen, ob sie jeden Menschen duzt und sich immer so umstandslos bereit erklärt, über ihre Kunden zu plaudern. Aber natürlich ist das jetzt wenig zielführend.

»Ich interessiere mich für einen Ihrer Stammkunden. Marvin Schöne.«

»Ach, der Marvin«, kommt die prompte Antwort. »Das ist ein ganz Lieber, weißt du? Der hängt richtig an mir, nennt mich manchmal sogar Muttchen, ist das nicht rührend?«

»Wie oft ist der denn so bei Ihnen im Laden?«

»Na ja, wenn er mal einen Tag lang nicht auftaucht, fange ich an, mir Sorgen zu machen.«

»Und gestern? War er da hier?«

»Gestern? Ja, klar. Er kam so um fünf, kann auch sechs gewesen sein, aber auf keinen Fall später, weil da meine Lieblingsserie anfing«, sie weist auf den riesigen Fernsehbildschirm, »und die hat er mit mir geguckt. Total süß, wirklich.«

»Und nach der Serie?«

»Da habe ich ihn zu ein paar Gratisrunden eingeladen, weil ich eben so gerührt war. Außerdem ist Marvin immer klamm. Wenn ich den nicht so gern mögen würde, hätte ich ihn mir schon längst mal ernsthaft zur Brust genommen.«

»Warum das denn?«

Silja nickt. »Ich zeige Ihnen auch gern meinen Ausweis.«

»Ach, lass mal stecken, Kleine, ich glaube dir auch so.«

»Also Marvin Schöne hat Schulden bei Ihnen, das habe ich doch richtig verstanden?«

»Aber hallo.«

»Können Sie ungefähr sagen, wie hoch die sind?«

»So an die fünfzehntausend Mäuse sind da in den letzten Jahren locker zusammengekommen. Wahrscheinlich eher zwanzig.«

»Moment mal. Nur damit ich das richtig verstehe. Sie lassen es zu, dass einer ihrer Kunden sich so hoch bei Ihnen verschuldet? Haben Sie denn gar keine Angst, dass Sie das Geld nie wiedersehen?«

Wieder lacht die Spielhallenbesitzerin ihr heiseres Lachen. Dann steckt sie sich eine Zigarette an, nicht ohne Silja anbietend die Packung hinzuhalten.

»Danke, ich rauche nicht.«

»Sehr vernünftig«, sagt die Spielhallenbetreiberin ohne echte Überzeugung und gönnt sich erst mal einen tiefen Zug.

»Es ging um Marvin Schönes Schulden bei Ihnen«, erinnert Silja.

Die blonde Elke winkt ab. »Also normalerweise hätte ich längst die Reißleine gezogen, ich bin ja nicht blöd. Aber

»Verstehe.« Silja überlegt kurz, dann entschließt sie sich, alles auf eine Karte zu setzen. »Möglicherweise habe ich eine erfreuliche Nachricht für Sie«, erklärt die Kommissarin nicht ohne Ironie in der Stimme.

»Echt jetzt? Na, dann mal raus damit.« Die Ironie scheint irgendwo zwischen den beiden Frauen gestrandet zu sein, jedenfalls ist sie definitiv nicht bei der blonden Elke angekommen.

»Frau Manthey ist tot. Sie wurde gestern Nacht ermordet.«

»Frau wer? Ach so, Manthey. Stimmt, so heißt die Tante vom Marvin. Längst nicht mehr Schöne. Ist ja die Schwester seines Vaters und hat einen Manthey geheiratet«, plappert die Spielhallenbesitzerin. Dann hält sie plötzlich inne. »Tot,

»Warum siezen Sie mich plötzlich?«, fragt Silja kühl.

»Ich? Ach so, ja, ist mir gar nicht aufgefallen.«

»Aber mir. Also lassen Sie uns jetzt bitte mal ganz ernsthaft miteinander reden. Frau …, wie war noch mal Ihr Nachname?«

»Krämer, wie der Fernseh-Krömer, nur mit ä«, antwortet sie mit einem verschwörerischen Lächeln.

Aber Silja Blanck ist nicht nach Späßen zumute. »Okay, Frau Krämer. Dann noch einmal ganz ernsthaft: Marvin Schöne war gestern Abend hier bei Ihnen in der Spielhalle?«

»Genau.«

»Ab sechs Uhr ganz sicher?«

»Genau.«

»Und bis wann ungefähr?«

Die Blonde atmet ganz tief ein und lässt dann die Luft geräuschvoll entweichen. »Also bis zwei mindestens. Kann auch drei gewesen sein.«

»Zwei Uhr nachts?«

»Ja, oder drei. Dann habe ich sie alle vor die Tür gesetzt. Irgendwann muss auch ich mal in die Falle.«

»Wer ist sie alle

»Na, der Marvin war ja nicht allein bei mir in der Bude.« Elke Krämer kratzt sich nachdenklich am Kopf, dann zupft sie an ihrem Glitzer-T-Shirt herum. »Der Hinnerk war noch da, außerdem Manni von gegenüber. Und Lars, richtig, den hätte ich fast vergessen. Die vier sind ’ne eingespielte Runde, treffen sich bei mir bestimmt einmal die Woche, wenn das reicht.«

Elke Krämer nickt entschlossen. »Nicht nur er, die haben alle vier gezockt, bis ihnen fast die Griffel abgefallen sind. Hab ganz schön Umsatz gemacht gestern«, fügt sie außerordentlich zufrieden hinzu.

»Sagen Sie mal, diese Kamera hier«, Silja zeigt auf den kleinen Bildschirm, der das Geschehen im vorderen Raum wiedergibt, »zeichnet die das eigentlich alles auf?«

»Warum fragen Sie?«

»Es wäre wichtig für uns, um überprüfen zu können, ob Ihre Aussage der Wahrheit entspricht.«

»Also echt jetzt. Ich werde doch die Polizei nicht anlügen«, empört sich die Spielhallenbetreiberin.

»Zeichnet sie es auf oder nicht?«

»Aber sicher.« Mit beleidigter Miene kramt Elke in einer der Schubladen des Schreibtischs. »Ist ein altes Modell, deswegen ist das alles noch auf Videokassetten. Ich lösche die natürlich alle paar Tage. Immer schön der Reihe nach. Und die von gestern habe ich ganz sicher noch nicht gelöscht. Warten Sie mal … da, das muss sie sein!« Mit einem triumphierenden Blick hält sie eine abgestoßene Kassette hoch. »Sie können die gern mitnehmen, um meine Aussage zu überprüfen, auch wenn es mich ein bisschen kränkt, dass Sie mir nicht einfach so glauben wollen, wo wir uns doch so gut verstanden haben.«

»Ich bin Ihnen jedenfalls sehr dankbar für Ihre Offenheit«, sagt Silja diplomatisch, während sie die Kassette an sich nimmt. »Und noch ein kleiner Tipp zum Abschied: Der Junge, der kurz vor mir hier rausgegangen ist, war mit Sicherheit

Verdattert starrt die Spielhallenbetreiberin Silja an.

»Nichts für ungut und danke für Ihre Hilfe«, verabschiedet sich die Kommissarin, durchquert hastig den Raum mit den immer noch hektisch blinkenden Automaten und ist aufrichtig froh, als sie wieder draußen an der frischen Nordseeluft steht.