Fred Hübner tritt in die Pedale, als sei der Teufel hinter ihm her. Auf sein immer noch hart hämmerndes Herz kann er jetzt unmöglich Rücksicht nehmen. Viel wichtiger ist es für ihn, sich endlich persönlich ein Bild von der Situation zu machen.
Er könnte sich selbst in den Allerwertesten treten dafür, dass er so lange abgewartet hat, ohne sich in diese Mordermittlungen einzumischen. Wie das Kaninchen vor der Schlange hat er vor den stümperhaften Ermittlungen der Kommissare gehockt und darauf gewartet, dass sie endlich zu Potte kommen. Und das hat er nur Elsbeth zu verdanken, die ihn gleich zu Beginn beschworen hatte, sich ruhig zu verhalten. Und was hat er jetzt davon? Die Bullen durchwühlen seine Wohnung, weil ausgerechnet Elsbeth das angeordnet hat.
Mit dieser Verräterin bin ich durch, sagt er sich ein ums andere Mal, während er im Höllentempo die lange gerade Strecke hinauf nach List radelt. Immer wieder peitschen ihm Regenschauer ins Gesicht, und der scharfe Nordwind lässt seine Haut vereisen.
Aber all das wird ihn nicht abhalten. Bisher wusste er nur das Wenige, was in der Presse stand. Und natürlich hat er das Foto vom zweiten Tatort genau studiert. Irgendetwas daran war ihm von Anfang an merkwürdig vorgekommen, aber es ist ihm einfach nicht gelungen herauszufinden, was genau es war.
Aber dafür hat er jetzt brandheiße Informationen über den dritten Mord. Denn während die Polizisten in seiner Maisonette zugange waren, hat Fred so einiges aus deren Unterhaltungen aufgeschnappt. Zwar hatte er AirPods in den Ohren und mehr oder weniger rhythmisch mit dem Kopf genickt, doch war das nur Tarnung, damit die Beamten dachten, er würde nichts mitkriegen. Jetzt weiß er, dass der dritte Mord direkt an der Grenze zum Lister Naturschutzgebiet geschehen ist. Und von seiner Zeit im Gartenhaus der alten Manthey kennt er sich dort noch exzellent aus. Wäre doch gelacht, wenn er es nicht schaffen würde, bis zum Tatort vorzudringen, Absperrung hin oder her.
Gerade hat Fred den Lister Ortseingang erreicht. Doch anstatt nun für den Endspurt noch heftiger in die Pedale zu treten, verlangsamt er fast gegen seinen Willen die Fahrt. Sein Herzmuskel wird es ihm vermutlich danken. Doch es ist nicht die Rücksichtnahme auf seine Gesundheit, vielmehr geht es dort vorn links in den Möwengrund hinein, wo sich das Grundstück von Gisela Manthey befindet, auf dem er die absolut unrühmlichsten und grässlichsten Jahre seines Lebens verbracht hat.
Die Alkoholsucht hatte ihn voll im Griff, manchmal konnte er den Morgen nicht vom Abend unterscheiden, und dauerpleite war er sowieso. Obwohl Etliches aus dieser Zeit in seiner Erinnerung verschwommen und unklar ist, weiß er noch recht genau, wie es war, als die beiden Kommissare zum ersten Mal vor ihm gestanden haben.
Er schlief gerade einen mächtigen Rausch aus, als es heftig gegen die Tür hämmerte. Und dann kamen sie rein. Der Bulle und die halbe Portion. Das Walross und der Schönling hat er sie später getauft, und es hat ewig gedauert, bis er sich widerwillig ihre Namen merken konnte. Kreuzer und Winterberg, seine ewigen Sparringspartner. Fred Hübner könnte wirklich nicht sagen, wie oft er mit denen in den letzten Jahren aneinandergerasselt ist.
Und als er jetzt die Straße erreicht, in der sich diese folgenreiche erste Begegnung abgespielt hat, biegt Fred kurzentschlossen in den Möwengrund ein. Langsam radelt er bis zum Manthey’schen Haus, wo er stoppt und die Fassade ebenso neugierig wie misstrauisch mustert. Neugierig, weil er sehen will, ob sich etwas geändert hat. Hat es nicht. Misstrauisch, weil er auf keinen Fall den Bullen in die Arme laufen will. Doch im Moment scheint alles ruhig zu sein. Entweder die Polizei war schon hier, oder sie hat es erst noch vor.
Obwohl es sicher nicht ratsam ist, ausgerechnet jetzt hier einzudringen, kann Fred dem Impuls nicht widerstehen. Er schiebt das Rad durch die offenstehende Gartenpforte, umrundet das Haus und stellt es sichtgeschützt auf dem hinteren Grundstück ab. Dann geht er wieder nach vorn und drückt gegen die Eingangstür. Selbstverständlich ist sie abgeschlossen, was hat er denn gedacht?
Aber eigentlich interessiert ihn das Wohnhaus der Manthey viel weniger als das baufällige Gartenhaus, seine ehemalige verhasste Wohnstätte. Seit seinem Auszug vor sechs Jahren ist Fred nicht wieder hier gewesen. Auf dem Manthey’schen Grundstück ohnehin nicht, aber selbst den Ort List hat er seither gemieden wie eine verseuchte Gegend.
Und jetzt steht er hier, vor dem Ort seiner größten Erniedrigung, und drückt vorsichtig die Türklinke zum Gartenhaus herunter. Es ist noch nicht mal abgeschlossen, so dass Fred ungehindert eintreten kann.
Drinnen herrscht Chaos. Möbel, Kisten und Gartengeräte stehen wild durcheinander. Fred erkennt sein altes Bett und den Korbstuhl wieder, er meint plötzlich sogar, die beim Hinsetzen unangenehm drückenden Korbstreben unter seinem mageren Hintern zu fühlen. Mit so einer Erinnerungsflut hat er nicht gerechnet, im Gegenteil. Eigentlich dachte er, durch das bürgerliche Leben der letzten Jahre genügend Distanz zu seiner Vergangenheit aufgebaut zu haben, um sich von ihr nicht mehr vereinnahmen zu lassen.
Aber weit gefehlt. Plötzlich ist alles wieder da. Die Verzweiflung ebenso wie der ständige Gedanke an die tröstenden Versprechungen des Alkohols. Sogar den Wunsch, seinem Leben ein Ende zu machen, den er damals fast täglich verspürte, kann er plötzlich nachvollziehen.
Krass, denkt Fred. Obwohl mir das nicht wirklich bewusst war, muss es irgendwo in meinem Hirn eine Schaltstelle gegeben haben, die bisher zuverlässig verhindert hat, dass mich diese Erinnerungen wieder einholen.
Und jetzt stehe ich hier, konfrontiert mit der schwärzesten Etappe meines Lebens. Und was ist der Grund dafür?
Ich stehe unter Mordverdacht.
Wenn das nicht der Brüller ist.
Unwillkürlich lässt sich Fred auf den klapprigen Korbstuhl sinken, dessen Beine sofort nachgeben. Inmitten einer Wolke aus Staub und dem Geruch nach Fäulnis und Moder kracht Fred zu Boden. Als er sich wieder aufrappelt, ist ihm, als habe er hinter sich ein Geräusch gehört. Schritte vielleicht? Oder doch eher …
Bevor Fred über Alternativen nachdenken kann und während er sich noch vom Boden hochstemmt, spürt er einen heftigen Schlag auf den Schädel. Ihm wird schlecht, und er fällt zur Seite. Eine Herzattacke ist das aber nicht, ist sein erster Gedanke. Also blickt er auf, um zu sehen, wer ihn angegriffen hat, doch über seine Augen läuft Blut, alles verschwimmt … und dann erwischt ihn ein zweiter Schlag im Nacken.