Donnerstag, 6. November, 21.19 Uhr, Norderstraße, Westerland

Silja Blanck hasst es, zur Untätigkeit verdammt zu sein. Seit zwei Stunden tigert sie durch die Wohnung und fragt sich, wie sie den Abend verbringen soll. Immer wieder greift sie nach den Autoschlüsseln, um zurück ins Kommissariat zu fahren und ein weiteres Mal alle Akten durchzusehen und alle Informationen, die sie bisher gesammelt haben, zu checken. Aber das hat sie gefühlt schon hundertmal getan und stets ohne Ergebnis. Dabei brauchen sie

Haben wir wirklich alle Verdachtslinien genau verfolgt?, fragt sich die Kommissarin nicht zum ersten Mal. Kann es nicht doch sein, dass ein total durchgeknallter Einzeltäter jedes der drei Verbrechen begangen hat und einfach nur unkonzentriert war oder durch irgendetwas abgelenkt wurde, so dass dadurch die Abweichungen in den drei Fällen entstanden sind?

Vielleicht haben wir uns bisher zu sehr auf die Verbindungen der Opfer zum möglichen Täter konzentriert. Was wäre, wenn die Frauen mehr oder weniger zufällig zum Opfer geworden sind und stattdessen die Auswahl der Tatorte im Vordergrund stand? Darüber haben wir nie weiter nachgedacht. Andererseits wäre es schon ziemlich unwahrscheinlich, dass drei getötete Frauen eine zufällige Verbindung zu Fred Hübner haben.

Mist, ich drehe mich im Kreis, muss Silja sich frustriert eingestehen.

Also bleibt vernünftigerweise nur die Spur, die Bastian und Sven gerade verfolgen: Fred Hübner als Einzeltäter im ersten Fall, Marvin Schöne in Zusammenarbeit mit Elke aus der Spielhalle im dritten Fall. Und der mittlere Mord ist und bleibt ein Rätsel.

Wir haben irgendetwas Fundamentales übersehen, und das werde ich jetzt, verdammt nochmal, rauskriegen, ermutigt sich die Kommissarin, geht zum Kühlschrank, findet eine offene Flasche und gießt sich ein großes Glas Weißwein ein. Normalerweise ist Silja eine strickte Verfechterin des nüchternen, logischen Denkens. Aber sie hat es in den letzten Tagen schon zu oft versucht, sie ist zu oft gescheitert, um nicht inzwischen offen für andere Ansätze zu sein.

Ich lasse jetzt meine Phantasie spielen, gehe von keinen , ermuntert sie sich, setzt sich mit dem Glas auf die Couch und nimmt einen kräftigen Schluck von dem Wein. Er schmeckt kühl und fruchtig und hinterlässt im Abgang einen klaren, fast schon reinigenden Geschmack im Mund.

Silja konzentriert sich auf den zweiten Mordfall und führt sich noch einmal den Hergang vor Augen.

Brith Bleiken geht am Nachmittag spazieren, sie hatte Stress in der Schule und will sich beruhigen. Sie nimmt ihren Lieblingsweg zu dem einsamen Bahnübergang, wo sie am späten Nachmittag zu Tode kommt. Was dort genau geschehen ist, weiß niemand. Erst am nächsten Morgen findet eine Nachbarin Brith Bleiken nackt und tot an die Bahnschranke gefesselt. Irgendjemand muss die Leiche aber vorher entdeckt haben, denn am Folgetag erscheint ein Foto im Sylter Anzeiger. Für diese Zeitung hat Fred Hübner schon verschiedentlich gearbeitet. Auch hier gibt es also eine Verbindung zu dem Journalisten. Aber bringt er wirklich eine Frau um, damit er das Foto der Leiche verkaufen kann? Dazu noch anonym? Wohl kaum.

Silja nimmt den nächsten Schluck Weißwein und grübelt weiter.

Was ist mit dem zweiten Verdächtigen, dem Schüler Sören Schmiedinger, dessen Aggressionen Auslöser des vormittäglichen Ärgers waren? Die Kommissarin erinnert sich sehr deutlich an die Vernehmung Schmiedingers. Er hatte zwar kein Alibi, er hätte sogar zur Tatzeit am Tatort sein können, doch ist sein Motiv ebenso wenig überzeugend wie das von Hübner. Außerdem spricht die zeitliche Nähe zum ersten Mord deutlich dafür, dass es einen Zusammenhang zwischen den Taten

Silja nimmt den nächsten Schluck und überlegt weiter.

Bleibt nur noch Brith Bleikens Ehemann Jasper. Seine Trauer schien echt zu sein, trotzdem ist er der Kommissarin irgendwie suspekt. Als sie versucht zu ergründen, woher ihr Misstrauen stammt, erinnert sie sich an die Maklerprospekte auf Bleikens Couchtisch. Das war gerade mal vierundzwanzig Stunden nach dem Tod seiner Frau. Silja sieht die beiläufige Geste deutlich vor sich, mit der Bleiken die Prospekte vom Tisch gewischt hat. Was hat er noch mal dazu gesagt? Silja nippt wieder an dem Wein, dann weiß sie es wieder.

»Diese Makler sind wie Raubvögel.«

Dann hatte Jasper Bleiken auf den Tod von Briths Eltern verwiesen und erklärt, dass seine Frau und er damals auch von ihnen belagert worden seien.

Silja spürt, dass hier etwas nicht stimmt, dass sie vielleicht gerade dabei ist, einen fundamentalen Widerspruch zu entdecken. Sie nimmt einen weiteren Schluck Wein, schließt die Augen und legt den Kopf zurück aufs Sofapolster.

Wie kommen die Werbebriefe diverser Makler vierundzwanzig Stunden nach einem Mord, von dem sogar wir erst zwölf Stunden vorher erfahren haben, auf den Couchtisch von Jasper Bleiken? Selbst das furchtbare Tatortfoto war erst am nächsten Morgen in der Zeitung.

Darauf gibt es nur eine Antwort: Irgendjemand hat sich schon vor dem Mord mit den Maklern in Verbindung gesetzt und Interesse am Verkauf des Hauses signalisiert. Brith Bleiken war das sicher nicht.

Es muss ein Missing Link zwischen den Fällen geben, da ist sich Silja inzwischen sicher. Und dann weiß sie es plötzlich.

Fred Hübner hat kein Alibi für den Abend des zweiten Mordes, und er hat Bleiken bei der Talkshow kennengelernt. Ist es denkbar, dass beide sich danach noch weitere Male getroffen haben? Dass sie einen Plan ausgeheckt haben, der es auch Hübner ermöglichen würde, seine sicher nicht ganz billige Eigentumswohnung am Dorfteich abzuzahlen? Hat Hübner vielleicht tatsächlich die beiden ersten Morde begangen, und nur der dritte ist eine Nachahmungstat?

Für einige Augenblicke erscheint diese Lösung Silja durchaus plausibel, doch dann muss sie sich eingestehen, dass Fred Hübner alles andere als ein Dummkopf ist. Vielleicht könnte er die erste Tote aus Wut ermordet haben, vielleicht könnte er sich sogar für die auffällige Inszenierung entschieden haben, um den Verdacht auf ein triebgesteuertes Motiv zu lenken. Doch wenn es in Wahrheit nur um den zweiten Mord gegangen und der erste lediglich als Ablenkung inszeniert worden ist, dann hätte Hübner sich doch ein Opfer ausgesucht, das man auf keinen Fall mit ihm in Verbindung bringen kann. Und ganz sicher nicht eine Frau, mit der er sich im Fernsehen öffentlich gezofft hat. Außerdem hätte Bleiken Hübner nicht belastet, indem er ungefragt von einem Streit nach der Talkshow erzählt.

Noch eine Sackgasse mehr, denkt Silja enttäuscht. Dann leert sie ihr Weinglas und greift zum Handy, um Bastian anzurufen.

»Bist du in der Spielhalle?« Auch Silja flüstert jetzt.

»Ist cool hier«, antwortet Bastian jetzt lauter und mit gespielter Begeisterung. »Schatzi, denk dir, ich habe gewonnen. Ich bleib noch ein bisschen.«

»Ist die Krämer da?«

»Die ganze Zeit. Megastimmung hier.«

»Verstehe. Und Marvin Schöne?«

»Außer mir sind nur noch zwei sehr nette junge Türken hier, aber die verlieren leider, habe sie schon zu einer Extrarunde eingeladen«, erklärt Bastian mit seiner falschen Stimme. »Und von Elke muss ich dir nachher unbedingt erzählen, Schatzi, die ist so was von großzügig. Ganz toll, die Frau!«

»Hört sie dich?«

»Ja klar, was denkst du denn?«

»Ich rufe jetzt bei Sven an, und wenn es dort etwas Neues gibt, sage ich dir sofort Bescheid, okay?«

»Mach das. Und schlaf gut. Ich liebe dich auch.«

Mit diesen Worten unterbricht Bastian das Gespräch.

Silja muss in sich hineinlächeln. Sie wusste bisher gar nicht, dass ihr Mann ein so guter Schauspieler ist. Bei der Vorstellung, wie er in der Spielhalle den leutseligen Gamer gibt, wird ihr fast wieder etwas leichter ums Herz, auch wenn sie tatsächlich keinen Schritt weitergekommen sind. Aber vielleicht kann Sven ja etwas Neues berichten.

Es dauert ziemlich lange, bis er am Apparat ist.

»Bist du unterwegs, oder bist du etwa eingeschlafen?«, rutscht es Silja heraus.

»Was du immer denkst«, antwortet Sven empört. »Ich

»Du sitzt also immer noch vor Marvin Schönes Haus im Wagen?«

»Ist totlangweilig hier, das kannst du mir glauben. Aber andererseits auch wieder komisch. Manchmal denke ich, dieser Schöne ahnt, dass wir ihn beschatten. Er läuft die ganze Zeit vor dem hell erleuchteten Fenster herum, trinkt Bier, telefoniert oder redet wild gestikulierend hinüber ins Nebenzimmer.«

»Echt jetzt? So benimmt sich doch kein normaler Mensch.«

»Sage ich ja. Erst dachte ich, der wartet auf jemanden und steht deshalb am Fenster. Aber er schaut nie heraus. Es wirkt, als wolle er auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass er von uns weiß, uns aber trotzdem wissen lassen, wie brav er ist.«

»Wäre natürlich interessant zu wissen, mit wem er telefoniert.«

»Leider hat uns die Bispingen die Telefonüberwachung nicht erlaubt.«

Silja nickt zustimmend, obwohl Sven das nicht sehen kann, dann entsteht eine Pause im Gespräch. Schließlich sagt sie müde: »Vielleicht sollten wir einfach so tun, als habe uns das überzeugt, um ihn in Sicherheit zu wiegen.«

»Das ist aber ziemlich riskant«, gibt Sven zurück. »Vielleicht wartet er nur genau darauf und macht sich sofort auf die Socken, wenn ich weg bin.«

»Dann fahr doch weg und behalte das Haus aus einem Versteck im Auge.«

»Versteck? Du bist gut. Das gibt’s hier nicht. Ich kann mich natürlich im Südwäldchen verkriechen, aber dann bin

»Soll ich vorbeikommen?«, bietet Silja an.

»Ich glaube kaum, dass das eine gute Idee ist. Er hat dich schließlich bei der Manthey im Haus gesehen.«

»Ach stimmt. Aber weißt du was? Ich rufe die Bispingen noch einmal an. Wenn ich ihr erzähle, was du beobachtet hast, dann können wir vielleicht wenigstens die Telefonüberwachung durchkriegen.«

»Okay, tu das. Aber lass dich nicht auffressen, hörst du. Soweit ich weiß, schafft die Bispingen das auch fernmündlich«, scherzt Sven, bevor er das Gespräch beendet.