Bastian Kreuzer wirft sich ein letztes Mal im Bett herum, dann schlägt er endgültig die Augen auf. Seit zwei Stunden liegt er wach, dabei ist er letzte Nacht erst gegen halb eins ins Bett gekommen. Das sind maximal vier Stunden Schlaf, wie er mürrisch nachrechnet. Und wofür das Ganze? Für nichts und wieder nichts.
Die Spielhallenbesitzerin wirkte weder nervös noch angespannt. Es tauchten keine verdächtigen Typen im Laden auf, und mit wem auch immer Marvin Schöne gestern Abend telefoniert hat, Elke Krämer war es jedenfalls nicht. Inzwischen läuft die Telefonüberwachung, allerdings steht zurzeit kein Kollege vor Schönes Haus. Sven ist gegen Mitternacht abgehauen, eine gute Stunde nachdem alle Lampen in Schönes Zimmer ausgegangen waren. Solange wird er wohl kaum im Dunklen gehockt und darauf gewartet haben, dass die Polizei sich verzieht. Nimmt Bastian jedenfalls an, oder besser gesagt: hofft Bastian.
Ale er eine leichte Bewegung neben sich spürt, dreht Bastian sich zu Silja um. Sie scheint gerade aufzuwachen und räkelt sich ausgesprochen verführerisch. Aber die Hoffnung auf ein bisschen Sex am Morgen kann er sich gleich abschminken. Silja und er werden schon froh sein müssen, wenn sie wenigstens Zeit für ein kurzes gemeinsames Frühstück erübrigen können.
Das war also die Woche nach unserer Hochzeit, denkt Bastian verbittert. Doch dann gewinnt die Sorge wegen der drei ungeklärten Mordfälle die Oberhand.
»Wie war dein Abend?«, erkundigt er sich leise, während er Silja zärtlich über den Arm streicht.
»Mein Mann war zocken, und ich habe allein zu Hause gesessen«, antwortet sie augenzwinkernd. »Offenbar ist das das Schicksal aller Ehefrauen.«
»Die blonde Elke ist wirklich eine echte Konkurrenz für dich.« Bastian beschließt, sich das Frühstück zu schenken und stattdessen noch ein wenig bei seiner Liebsten im Bett zu bleiben.
»Es gibt da so einen Spruch, weißt du«, murmelt Silja, während sie sich wohlig unter seinen Liebkosungen windet. »Wenn es zu Hause immer Kalbsfilet gibt, ist Erbsensuppe zur Abwechslung auch mal ganz nett.«
»Fünf Tage nach der Hochzeit? Das wäre mir neu.«
»Stimmt, du hast ja Erfahrung. Es ist schließlich deine dritte Ehe«, antwortet Silja immer noch scherzhaft. Aber Bastian ist sich nicht sicher, ob sich nicht doch eine Spur von Ernst hinter ihrer Bemerkung verbirgt.
»Wer eine Frau wie dich betrügt, dem ist nicht mehr zu helfen.«
Er lässt seine Hände tiefer wandern, aber Silja hält sie auf.
»Lass uns erst diesen Fall abschließen, der Gedanke daran, dass es noch weitere Morde geben könnte, macht mich ganz fertig.« Sie küsst Bastian auf den Mund, dann richtet sie sich auf und streicht sich die langen dunklen Haare aus dem Gesicht. Nachdenklich blickt sie zum Fenster, hinter dem ein heftiger Regenschauer in der Dunkelheit niedergeht. »Die Bispingen scheint übrigens auch mit ihren Nerven am Ende zu sein.«
»Hast du lange mit ihr telefoniert?«
»Das nicht. Aber sie war definitiv anders als sonst. Angefasst irgendwie. Ich hatte das Gefühl, dass sie kurz davor war, mir ihr Herz auszuschütten.«
»Echt jetzt? Das kann ich mir schwer vorstellen.«
»War aber so, glaub mir. Ich konnte es gerade noch abwenden.«
»Im Abwenden bist du gut, das wissen wir ja«, murmelt Bastian und startet einen zweiten Eroberungsversuch.
Doch Silja angelt schon nach ihrem Handy auf dem Nachttisch, um ihre dienstlichen Mails zu checken.
»Leo schreibt hier irgendetwas über interessante Fingerabdrücke, die er auf einer Karteikarte identifizieren konnte«, liest sie verwundert vor. »Haben wir irgendwo eine Karteikarte gefunden?«
»Lass mich nachdenken.« Bastian runzelt in gespielter Anspannung die Stirn. »Im Südwäldchen nicht, am Bahnübergang nicht und an der Bank am Watt auch nicht. Sah ja auch nirgendwo wirklich nach Büro aus.«
Bevor die beiden in ihren Überlegungen weiterkommen, klingelt Bastians Handy.
»Morgen, Sven, auch schon wach?«
»Mäxchen ist Frühaufsteher. Habe ich das nicht schon mal erwähnt?« Sven macht eine kurze Pause, die gerade lang genug ist, um Bastian auf etwas Wichtiges einzustimmen. »Aber ich rufe wegen etwas anderem an.«
»Schieß los.«
»Erinnerst du dich an unseren Besuch im Fitnessstudio?«
»Ja. Wieso?«
»Da waren doch diese Karteikarten mit den Trainingsdaten der Mitglieder. Wir haben uns noch über den Datenschutz unterhalten.«
»Ich erinnere mich. Und weiter?«
»Nachdem du schon zum Duschen abgedampft warst, bin ich auch noch mal zu dem Karteikasten.«
»Hast du mir nicht getraut, oder was?«, fragt Bastian grantig. Er ist wirklich dankbar für Svens freiwillige Unterstützung, aber irgendwelche sinnlosen Alleingänge kann er jetzt echt nicht gebrauchen.
»Ich habe die Karte des ersten Opfers an mich genommen und Leo um einen Gefallen gebeten.«
»Ich verstehe immer noch nicht.«
»Gerade kam eine Mail von Leo. Die Fingerabdrücke von Jasper Bleiken sind auf der Karteikarte von Angela Ludwig.«
»Ach das war damit gemeint«, murmelt Bastian immer noch verwirrt. »Aber was will der Ehemann des zweiten Opfers mit der Karteikarte des ersten Opfers? Und ist er überhaupt Mitglied bei Body Cult?«
»Ich habe gerade da angerufen. Ist er nicht.«
»Und wie soll er dann an die Karteikarte gekommen sein?«
»Sie haben Schnupperkurse für Interessierte. Und nachdem ich ein bisschen Druck gemacht habe, hat der junge Mann, mit dem ich telefoniert habe, die Namenslisten durchgesehen. Und siehe da: Vor knapp vier Wochen war Jasper Bleiken dabei. Das Datum liegt ziemlich genau zwischen der Talkshow und dem ersten Mord.«
»Okay, das ist zwar merkwürdig, aber es sagt noch gar nichts. Wäre doch möglich, dass ein Trainer im Zuge einer Führung durch den Club auch diese Karteikästen erklärt hat. Und Bleiken kannte Angela Ludwig ja immerhin von der Podiumsdiskussion. Er wusste natürlich auch von ihrer Mitgliedschaft bei Body Cult. Vielleicht wollte er mal spicken, was sie so draufhat.«
»Das ist durchaus möglich. Aber es kommt noch besser. Denn jetzt darfst du raten, wer noch an diesem Schnupperkurs teilgenommen hat.«
»Fred Hübner«, antwortet Bastian wie aus der Pistole geschossen und spürt gleichzeitig, wie sein Adrenalinspiegel steigt.
»Falsch.« Svens Stimme klingt trotz des negativen Bescheids triumphierend.
»Was? Wer sollte denn sonst noch …«, beginnt Bastian, doch dann kommt ihm eine absurde Idee. Zögernd fragt er: »Marvin Schöne vielleicht?«
»Ganz genau.«
»Nicht dein Ernst, oder?«
»Absolut. Und jetzt kommt der Hammer: Seine Fingerabdrücke sind auch auf bewusster Karte. Leo ist sich ganz sicher. Zum Glück habt ihr sowohl Bleiken als auch Schöne die Fingerprints abgenommen. Und du weißt ja, wie gründlich Leo ist.«
»Er ist der Beste, völlig klar. Aber was bedeutet diese Entdeckung jetzt für uns? Hast du einen Moment Zeit?«
»Für dich immer.«
»Dann lass uns mal gemeinsam überlegen.« Bastian lässt sich wieder aufs Bett fallen und stopft sich ein Kissen in den Rücken. Aus dem Bad dringen die Geräusche der Dusche, unter der Silja inzwischen steht. Nicht das schlechteste, so ein kleines Gehirntraining am frühen Morgen, wenn es schon mit dem Sex nicht geklappt hat, denkt der Kommissar belustigt.
»Wir müssen davon ausgehen, dass sich Bleiken und Schöne bei der Proberunde im Fitnessclub kennengelernt haben. Schließlich wissen wir nichts über frühere Verbindungen zwischen den beiden.«
»Vielleicht hat Schöne Bleiken angesprochen, schließlich war der kurz davor im Fernsehen.«
»Wie auch immer, es ist möglich, dass sie nach dem Training noch ein Bier trinken gegangen sind und sich dabei näher kennengelernt haben.«
»So nahe, dass sie gleich einen Mord planen? Das glaubst du doch selbst nicht«, widerspricht Bastian.
»Dann bleibt nur die Möglichkeit, dass der gemeinsame Besuch bei Body Cult kein Zufall war.«
»Klingt schon besser. Sie sind gezielt dahin gegangen, um die Ludwig auszuspionieren.«
»Aber woher kennen sie sich dann?«, überlegt Sven am anderen Ende der Leitung.
»Soweit ich mich erinnere, ist Bleiken nicht von der Insel, ein gemeinsamer Schulbesuch entfällt also, obwohl sie annähernd gleich alt sein dürften.«
»Aber Jasper Bleiken arbeitet schon ziemlich lange als Trainer im Fußballverein. Vielleicht hat Schöne da auch mal gekickt.«
»Wir prüfen das sofort«, erklärt Bastian entschieden. »Und du bleibst weiter an Schöne dran. Fahr am besten gleich hin und sieh zu, dass er keinen Verdacht schöpft. Ich setze Silja auf die Fußballsache an und übernehme in der Zwischenzeit selbst Bleiken.«
»Kann aber sein, dass die beiden jetzt sehr vorsichtig sind.«
»Klar, das Risiko müssen wir eingehen. Aber haben wir eine Wahl?«
»Nicht, solange Hübner abgetaucht bleibt. Und irgendwie hängt der ja auch mit drin. Vielleicht meldet er sich sogar bei Bleiken oder Schöne.«
»Wir zapfen auch Bleikens Anschlüsse an, dafür kriege ich sicher grünes Licht von der Bispingen.«
»Dann mache ich mich jetzt wohl mal auf die Socken. Und wir beide bleiben in engem Kontakt?«
»Worauf du dich verlassen kannst, Kumpel.«