Freitag, 7. November, 09.33 Uhr, Möwengrund, List

Fred Hübner schreckt hoch. Er hängt in einer Ecke seiner früheren Behausung, eingeklemmt zwischen dem maroden Korbsessel und einem schrottreifen Rasenmäher. Trotz der Fesseln an seinen Beinen und der Handschelle, mit der die rechte Hand an einen Eisenring gekettet ist, der in einem fetten Betonklotz steckt, hat er eine halbwegs erträgliche Position gefunden und in der Nacht wenigstens eine Weile schlafen können. Aber jetzt ist er plötzlich hellwach. Hat da nicht eben etwas geknackt? Wurde ein Schlüssel im Schloss gedreht? Oder hat ein Tier an der morschen Wand genagt?

Fred bemüht sich, genauer hinzuhören. Denn sehen kann er wenig. Draußen wird es erst langsam hell, und hier drinnen lässt sich der ganze Plunder nur schemenhaft erkennen. Vielleicht ist auch mit meinen Augen etwas nicht in Ordnung, denkt Fred plötzlich. Denn es geht ihm gar nicht gut. Eigentlich ist das sogar die Untertreibung des Jahrhunderts, muss er sich eingestehen. Es geht mir so beschissen wie selten in meinem Leben.

Sein enormer Durst würde dafürsprechen. Fred fühlt sich innerlich völlig ausgetrocknet, er meint förmlich zu spüren, wie seine Gefäße sich zusammenziehen, um die letzten Reste von Flüssigkeit zu bewahren. Gegen dieses extrem fiese Gefühl ist der Hunger, den er hat, absolut zweitrangig. Aber das alles wird überdeckt von dem harten Druck in seiner Brust. Schon als er gestern Mittag – oder war es vorgestern? – in seiner Wohnung zusammengeklappt ist, war ihm klar, dass irgendwas mit seinem Herzen nicht in Ordnung sein kann. Doch der Hass auf diese Idioten von der Kripo, die seine ganze Bude durchkämmt haben, war noch größer als sein Schmerz. Die Wut hat ihm geholfen, sich zusammenzureißen, jede ärztliche Behandlung abzulehnen und alle Kräfte zu mobilisieren. Dabei muss ordentlich Adrenalin am Werk gewesen sein, denn als er erst mal auf dem Fahrrad saß, ging es ihm tatsächlich etwas besser.

Doch dann kam der Überfall und diese ungewisse Zeitspanne, in der er bewusstlos gewesen sein muss. Jemand hat ihn hier angekettet, sein Handy ist weg, seine Uhr natürlich auch und der gesamte Schlüsselbund. Merkwürdigerweise hat man ihm auch die Schuhe ausgezogen. Geblieben sind ihm nur seine Jeans, das Funktionsshirt und vermutlich die Boxershorts darunter. Nichts also, mit dem er auch nur die geringste Chance hätte, die fette Kette zu lösen, die schmerzhaft eng um seine Knöchel gewickelt und mit einem extrem stabil wirkenden Schloss gesichert ist. Auch

Warum er ausgerechnet die linke Hand frei bewegen kann, ist Fred vollkommen schleierhaft. Doch er ist sich sicher, dass es einen Grund dafür gibt. Und vielleicht hilft ihm dieser Grund, wenn er ihn denn entdecken könnte, etwas über die Absichten seines Peinigers zu erfahren.

Gerade wiederholt sich das kratzende Geräusch von draußen, und jetzt ist Fred auch wach genug, um ausschließen zu können, dass sich da ein Schlüssel im Schloss dreht. Eher wird wohl ein kleines Tier am Fundament des Gartenhauses nagen. Die großzügig um ihn herum verteilten Mäusekötel bestätigen ihn in dieser Annahme.

Freds Blick gleitet über die Kötel hinweg und nimmt ins Visier, was noch in seiner Reichweite herumsteht. Verrostete Gartengeräte, eine Kiste mit Einweckgläsern, ein halb gefüllter Laubsack, eine Ansammlung von extrem hässlichen Blumenvasen. Sieht ganz so aus, als habe die alte Manthey nach meinem Auszug ihren gesamten Plunder hier ins Gartenhaus geschafft, denkt Fred gerade, als ihm etwas auffällt, das vermutlich nicht von seiner ehemaligen Vermieterin stammt.

Halb versteckt hinter dem Laubsack steht links von ihm eine Wodkaflasche. Eine ziemliche volle Wodkaflasche.

Habe ich die bei meinem Auszug hier vergessen und die Manthey hat sie aus Sentimentalität die ganzen Jahre über aufgehoben? Wohl kaum. Aber was macht die Flasche sonst hier?

Fred macht sich so lang wie möglich. Die Handschelle zerrt an seiner Haut, fast verliert er das Gleichgewicht, aber er gibt nicht auf. Jetzt muss er nur noch den Laubsack wegzerren, sich anschließend ein klein wenig mehr strecken, und dann kann er die Flasche greifen.

Es ist unerwartet mühsam, zurück in die Ursprungsposition zu kommen, zweimal kippt Fred zur Seite, die Haut an dem gefesselten Handgelenk reißt auf, und Blut sickert über die Handschelle. War das jetzt vielleicht meine Schlagader? Muss ich hier verbluten?

Freds Herz, das die ganze Zeit schon alarmierend ungleichmäßig geschlagen hat, setzt zu einem äußerst unangenehmen Stolpern an. Sein Brustkorb zieht sich zusammen, alles schmerzt. Aber nach einer Weile beruhigt sich sein Puls wieder, und Fred mustert nachdenklich den Betonklotz mit dem eingelassenen Eisenring.

Wo kommt der eigentlich her? Das ist doch nichts, was man üblicherweise zur Hand hat.

Fred merkt, dass ihm das strukturierte Denken schwerfällt. Entweder fordert sein holperndes Herz alle Aufmerksamkeit, oder sein Verstand vernebelt sich plötzlich, und das auf eine Weise, die noch nicht einmal unangenehm ist.

Ich muss mich verdammt nochmal jetzt zusammenreißen, beschwört er sich selbst, sonst kriege ich nie raus, was das hier eigentlich soll.

Doch Freds Blick klebt immer wieder an der Wodkaflasche in seiner linken Hand. Ich habe Durst, ganz entsetzlichen Durst sogar, und hier ist etwas zu trinken, begreift er. Was wäre also naheliegender, als die Flasche anzusetzen und sich einen kräftigen Schluck zu genehmigen? Klar bin ich schon länger trocken, aber es ist eindeutig besser, besoffen zu sein, als zu verdursten. Oder steckt irgendein abgefeimtes Kalkül hinter der Flasche? Ist meine linke Hand nur deshalb nicht gefesselt worden, damit ich mir die Flasche angeln kann?

Aber was gäbe das für einen Sinn?

Als er die Flasche zur Hälfte geleert hat, sinkt er zurück und gibt sich willig dem überwältigenden Glücksgefühl hin, das ihn plötzlich erfüllt.