Das Büro des Sylter Fußballclubs besteht aus einem niedrigen Bungalow mit Glasvorbau. Innen stehen zwei Ikea-Schreibtische und ein paar Plastikstühle, wie Silja durch die bodentiefen Scheiben sehen kann. Ohne anzuklopfen, betritt die Kommissarin den Raum. Silja weiß, dass sie jetzt keine Zeit mehr zu verlieren haben. Sollte es gelingen, eine Verbindung zwischen Jasper Bleiken und Marvin Schöne herzustellen, müssen alle Theorien neu überdacht werden.
Seit dem Morgen beobachten Bastian und Sven die Wohnorte der beiden, und wenn Silja nun das letzte Puzzlestückchen liefern könnte, dann kämen sie vielleicht auch endlich in ihrer Ermittlung weiter.
Die junge Frau hinter dem linken Schreibtisch sitzt vor einem altmodischen Rechner und scheint in ein Computerspiel vertieft zu sein. Sie trägt einen schwarz gefärbten Bob und hat die Lippen rot geschminkt. Auf Silja wirkt sie nicht besonders sportlich, sondern eher wie eine Parfümverkäuferin. Ein kleines Schild auf ihrem Schreibtisch weist sie als Melanie Lorenz aus.
»Moin, moin, entschuldigen Sie bitte, dass ich störe.«
Sehr langsam wendet sich Melanie von ihrem Computerspiel ab und blickt Silja gelangweilt an. Auch ihre Stimme klingt desinteressiert.
»Moin. Kann ich Ihnen helfen?«
Silja hält ihr den Dienstausweis unter die Nase und erklärt: »Ich brauche ein paar Auskünfte zu Ihren Mitgliedern.«
»Also ich weiß nicht. Da gibt es doch diesen Datenschutz.«
»Können Sie nicht lesen? Ich bin von der Kriminalpolizei.«
»Ach so, ja. Na dann. Was wollen Sie denn wissen?« Widerwillig klinkt sie sich aus dem Spiel aus.
»Herr Bleiken arbeitet bei Ihnen als Trainer?«
Melanie nickt, der schwarze Bob wippt. »Jasper coacht die alten Herren. Das läuft alles prima, und Jasper ist so ein toller Typ, also wirklich, er …«
»Danke, das kann ich mir alles denken.«
Mit leichter Verzögerung klappt der rote Mund zu.
»Ich interessiere mich für einen weiteren Herrn. Marvin Schöne. War der mal bei Ihnen Mitglied?«
»Der Name sagt mir nichts. Oder doch. Marvin war mal kurz in meinem Kegelclub Mitglied. Glaube ich jedenfalls.«
»Ums Kegeln geht es jetzt aber weniger. Wie lange machen Sie den Job hier schon?«
»Seit ein paar Jahren. Warum?«
Silja verdreht die Augen und schickt insgeheim ein Stoßgebet zum Himmel. Lieber Gott, gib mir Geduld mit diesem begriffsstutzigen Menschenkind.
»Sicher gibt es Listen, in denen auch ehemalige Mitglieder aufgeführt sind. Also Mitglieder, die vor Beginn Ihrer Tätigkeit hier gekickt haben.«
Melanie Lorenz runzelt die Stirn. Dann kratzt sie sich ziemlich undamenhaft am Hinterkopf. Schließlich murmelt sie: »Die sind alle im Keller.«
Silja atmet einmal tief durch und bemüht sich darum, ihre Stimme ruhig zu halten. »Dann gehen Sie doch bitte und holen die Listen.«
»Da ist es aber sehr staubig. Außerdem ist das alles nicht richtig sortiert. Also nur nach Jahreszahlen und so …«
Jetzt reißt Silja endgültig der Geduldsfaden. »Lesen können Sie aber schon, oder?«
»Natürlich!« Empört erhebt sich Melanie Lorenz von ihrem Platz und schickt sich an, den Raum zu verlassen. Doch dann kehrt sie noch einmal um und zieht mit provozierender Langsamkeit ihre Schreibtischschublade auf. »Ist alles abgeschlossen da unten«, erklärt sie und hält einen Sicherheitsschlüssel hoch, an dem ein kleiner Anhänger mit einem ledernen Fußball befestigt ist.
»Wissen Sie was? Ich komme mit in den Keller und helfe Ihnen suchen.« Sonst bist du morgen noch nicht fertig, setzt Silja genervt in Gedanken hinzu.
»Also ich weiß nicht …«
»Kripo. Schon vergessen?«
»Ach so, ja. Na, wenn Sie meinen.«
»Unbedingt.«
Unten ist es weniger staubig, als Silja befürchtet hatte. Und die Platzierung der Ordner mit den Mitgliederlisten erweist sich als durchaus durchdacht. Bevor Melanie überhaupt den Anschein erweckt, das System zu durchschauen, erkennt Silja bereits, dass es für jede Dekade eine Kladde gibt. Da sie Marvin Schöne auf nicht älter als vierzig schätzt, eher sogar um die dreißig, und da die Wahrscheinlichkeit am größten ist, dass er als junger Mann mal gekickt hat, greift Silja zielstrebig nach der Kladde, die die Ein- und Austritte von vor zwanzig Jahren dokumentiert. Unter den erstaunten Blicken Melanies überfliegt sie die Liste. Nichts. Auch in der nächsten Kladde wird sie nicht fündig.
»Sind die Jugendmannschaften vielleicht irgendwo separat aufgeführt?«
»Da hinten.« Mit einer matten Geste zeigt Melanie zu einem anderen Regal.
»Danke für Ihr ungebremstes Engagement«, zischt Silja und geht hinüber. Auch hier ist alles ordentlich beschriftet. Silja beginnt mit dem Ordner A-Jugend. Zwanzig Sekunden später stößt die Kommissarin einen leisen Triumphruf aus. Sie hat tatsächlich das Gesuchte gefunden. Marvin Schöne ist 2009 in den FC Sylt eingetreten. Offenbar hat er danach jahrelang in der Mannschaft gespielt, bis man ihn schließlich 2015 unrühmlich vor die Tür gesetzt hat, weil er seit einem Jahr seine Mitgliedsbeiträge nicht bezahlen konnte.
»Wissen Sie zufällig, seit wann Jasper Bleiken bei Ihnen im Club aktiv ist?«
Ein Strahlen geht über Melanies Gesicht. »Er hat gerade letztes Jahr seine zehnjährige Mitgliedschaft groß gefeiert.«
»Interessant. Wie groß war die Party denn? Ich meine, waren auch alle diejenigen eingeladen, die früher mal mit ihm in einer Mannschaft gespielt haben?«
»Nicht nur die. Der ganze Club war eingeladen.«
»Sie haben nicht zufällig auch von dieser Veranstaltung eine Liste?«
»Doch, habe ich. Ich habe schließlich die Einladungen verschickt.«
»Wunderbar. Könnte ich die Liste mal sehen?«
»Da müssen wir aber wieder nach oben gehen.«
»Ach, wissen Sie, ich wollte ohnehin nicht hier unten übernachten.«
Melanies Irritation dauert nur wenige Sekunden, dann versteht sogar sie. »Haha, ja witzig.«
Silja nickt gottergeben und folgt dem dunklen Bob die Treppe hinauf. In den Ordnern ihres Rechners kann sich Melanie deutlich schneller orientieren als im Keller, sie findet die Einladungsliste fast sofort.
»Darf ich mal?« Ungeduldig beugt sich Silja zum Bildschirm hinunter, greift nach der Maus und scrollt durch die Namen. Rosental, Rudnick, Salten, Schöne, liest die Kommissarin und kann einen freudigen Ausruf nicht unterdrücken.
»Na bitte, wer sagt’s denn! Sie haben mir wirklich sehr geholfen. Vielen Dank.«