Obwohl der Regen immer stärker wird, harrt Sven Winterberg geduldig in seinem Versteck aus. Der Kommissar ist mittlerweile triefend nass, aus seinen Haaren tropft es beständig auf die gefütterte Barbourjacke, die immerhin wasserfest ist. Für Svens Winterboots gilt das nur bedingt, er kann bereits fühlen, wie die Nässe nach und nach seine Socken durchdringt.

Es war gar nicht so einfach, einen geeigneten Unterschlupf zu finden, denn im östlichen Teil des Südwäldchens stehen fast nur Laubbäume und Sträucher, deren Kronen jetzt natürlich kahl sind und die daher wenig Sichtschutz bieten. Aber zum Glück trägt Sven dunkle Kleidung, so dass er hoffen kann, im trüben Winterlicht unentdeckt zu bleiben. Sein Fernstecher ist von höchster Qualität und liefert ein ausreichend vergrößertes Bild des Wohnhauses von Marvin Schöne. Weder hinter dessen Fenstern noch am Hauseingang hat sich in der letzten halben Stunde irgendetwas geregt. Auch Bastian hat sich noch nicht mit Neuigkeiten von der Leichensuche gemeldet, so dass Sven nicht weiß, ob ihre Operation überhaupt einen Sinn ergibt.

Es macht ihm allerdings Sorgen, dass keines der Schöne’schen Fenster beleuchtet ist. Alle drei Fenster sind nicht besonders groß, und bei diesem Dauerregen muss es in den dahinterliegenden Räumen doch ziemlich dunkel sein, überlegt er gerade. Bevor der Kommissar seinen auffälligen Rückzug hingelegt hat, brannte drinnen sehr wohl Licht. Sollte Schöne also die Abwesenheit des Kommissars blitzschnell

Sven ist unschlüssig. Seufzend beschließt er, auf weitere Anweisungen von Bastian zu warten, auch wenn ihm bei der erzwungenen Untätigkeit immer unwohler wird. Wieder und wieder blickt er auf die Uhr. Falls am Ellenbogen tatsächlich eine vierte Leiche liegen sollte, müssten die Kollegen sie doch längst entdeckt haben. Und falls der von Bastian beobachtete Jasper Bleiken sein Haus verlassen haben sollte, hätte er es auch erfahren.

Ungeduldig tritt Sven von einem Fuß auf den anderen, aber selbst bei dieser Bewegung wird ihm nicht wärmer, im Gegenteil, die Nässe in seinen Boots wird ihm nur noch deutlicher bewusst.

Noch einmal blickt er auf seine Uhr. Es ist jetzt eine knappe Stunde her, dass Bastians neue Anweisungen kamen, und seit einer guten halben Stunde hat er die Fensterfront von Marvin Schöne wieder im Blick, ohne dass es dahinter auch nur die geringste Bewegung gegeben hätte.

Da stimmt was nicht!

Plötzlich ist es für Sven ganz klar. Der Vogel ist ausgeflogen, und er selbst hat es vergeigt. Hat nicht Schöne schon gestern Abend Verdacht geschöpft, als er sich so auffallend häufig am erleuchteten Fenster aufhielt? Was läge näher, als dass ihr Verdächtiger selbst es war, der vorhin den ominösen Anruf fingiert hat, um sie aufzuscheuchen?

Und wir sind ihm voll auf den Leim gegangen. Aber nicht mit mir. Nicht mehr!

Entschlossen verlässt Sven Winterberg das Südwäldchen und marschiert direkt auf den Eingang von Schönes

Ohne sich mit einer Vorstellung aufzuhalten, entgegnet der Kommissar: »Ist Ihr Untermieter zu Hause?«

»Ist vorhin raus. Vor einer guten halben Stunde etwa. Wohin er bei diesem Schietwetter wollte, weiß ich auch nicht.«

»Und mit wem spielen Sie dann Schach?«, erkundigt sich Sven streng.

»Gegen wen, nicht mit wem«, wird Sven sofort verbessert.

»Also gegen wen?«, wiederholt er ungeduldig.

»Gegen mich selbst. Ich mache das jeden Vormittag, meist spiele ich alte Partien nach. Heute ist Karpow gegen Kasparow dran. Der Moskauer Klassiker von 1985. Die elfte Partie mit der Nimzowitsch-Indischen Verteidigung. Interessiert Sie das? Dann können Sie gern reinkommen und zuschauen.«

»Ich komme tatsächlich gern hinein, allerdings nur, um nachzusehen, ob Ihr Untermieter wirklich nicht zu Hause ist.«

»Also Moment mal, Sie können mir ruhig glauben, und außerdem dürfen Sie gar nicht …«

»Kommissar Winterberg, Kriminalpolizei Westerland«, unterbricht ihn Sven mit seiner eindringlichsten Stimme, während er denkt: Wenn der jetzt meinen Dienstausweis sehen will, bin ich geliefert. Denn den musste ich ja leider letzten Sommer abgeben. Aber der Kommissar hat Glück. Eingeschüchtert tritt der Hausherr beiseite.

»Sie können sich gern selbst überzeugen. Ich lüge doch niemanden an. Das habe ich gar nicht nötig. Warum suchen Sie eigentlich nach Herrn Schöne? Sind Sie vielleicht von

Sven hört die Worte nur mit einem halben Ohr, längst hat er in jeden Raum gespäht. Im Wohnraum steht tatsächlich ein Schachbrett auf einem niedrigen Tisch, daneben eine einsame Teetasse. Eines der Schlafzimmer ist sorgfältig aufgeräumt und wirkt blitzsauber. Das zweite, dessen Fenster zur Straße hinausgehen, weist größere Staubflocken auf dem Boden auf und ist ziemlich unordentlich.

»Herr Schöne ist wahrscheinlich nicht zum Aufräumen gekommen«, entschuldigt der Hausherr beschämt seinen schlampigen Untermieter.

»Das ist mir völlig egal. Wichtig ist für mich nur, dass er tatsächlich nicht hier ist. Können Sie mir wirklich nicht sagen, wo er hinwollte? Oder zumindest was er anhatte, als er ging?«

»Keine Ahnung. Ich war gerade bei der Eröffnung, wie gesagt«, entgegnet der Hausherr fast entschuldigend und weist hinüber ins Wohnzimmer, wo sein begonnenes Schachspiel auf ihn wartet.

»Haben Sie was zum Schreiben?«

»Ja natürlich.« Umständlich kramt er in einer Schublade seines Dielenschränkchens und fördert endlich einen Bleistift und einen kleinen Block zutage. Hastig kritzelt Sven seine Handynummer auf den Block.

»Sollte Ihr Untermieter zurückkommen, sagen Sie ihm auf keinen Fall etwas von meinem Besuch, aber rufen mich bitte sofort an.« Er blickt sein Gegenüber eindringlich an. »Kann ich mich auf Sie verlassen?«