Hiermit melde ich mich ab.
Fred Hübner wundert sich selbst darüber, was er für krudes Zeug denkt. Wenn er denn überhaupt so weit an die Oberfläche kommt, um über irgendetwas nachzudenken. Eigentlich schwimmt er nur. Oder ist es Fliegen? Der harte Boden, auf dem er sitzt, die Kälte um ihn herum, die schmerzhaften Fesseln an Hand und Knöcheln, all dies dringt kaum noch in sein Bewusstsein. Am ehesten sind es noch der Durst und der Hunger, die er wahrnimmt, durch alle Schleier hindurch.
Längst ist die Wodkaflasche leer, sie liegt dicht neben Freds linker Hand, der freien, mit der er die Flasche ab und an tätschelt wie ein liebgewordenes Haustier. Für Fred fühlt sie sich warm an, warm und tröstlich, trotz ihrer Leere. Hat sie ihm doch die letzten Glücksmomente in diesem insgesamt eher betrüblichen Leben beschert.
Wilde Szenen jagen an Freds innerem Auge vorbei, Nächte am Strand mit langhaarigen Blondinen, die den jungen Fred über Gebühr anhimmeln, gefolgt von trüben Erinnerungen an endlose Tage voller Gram und Trunkenheit, die er genau hier in dieser gottverlassenen Hütte verbracht hat. Der Alkohol war sein einziger Freund und Gefährte auf einem Weg, der ihn fast ins Nirwana geführt hätte, also genau dorthin, wohin er jetzt auch wieder unterwegs ist. Prost, mein Freund, du bist doch der allerbeste, schießt es Fred in einem Moment trügerischer Klarheit durch den Kopf. In einer Anwandlung von zärtlicher Zuneigung versucht er, die leere Flasche an seiner Seite anzuheben, um vielleicht noch einen letzten Tropfen herauszusaugen. Doch sein Arm versagt den Dienst, die Flasche erweist sich als unendlich schwer. Wie festgeklebt liegt sie am Boden. Fred unternimmt einen zweiten Versuch, aber die Flasche macht sich selbständig und rollt über den rissigen Boden, sie rollt und rollt, das scheppernde Geräusch, das sie dabei macht, beleidigt Freds Ohren. Erst als sie schließlich sehr weit weg, am anderen Ende der Welt, am Rad des alten Rasenmähers strandet, verhallt das Geräusch, und Fred muss erkennen, dass er seinen letzten Freund für immer verloren hat. Er überlässt sich einer Trauer, die endlos scheint, ihn wegschwemmt, aber dann zu anderen tröstlichen Ufern spült. Schon spürt Fred den Sog des Nichts, seine Glieder werden schwerelos, Buntes vermischt sich mit Warmem und Kaltem. Er wird leicht wie ein großer gelber Ball auf dem Wasser und durchlässig wie ein Netz im Meer, das von den Wellen gewiegt wird.
Fred weiß plötzlich: Das ist das Ende, ich habe es mir weniger einfach vorgestellt, vielleicht nur ein bisschen spektakulärer.
Als Freds Kopf schwer auf dem Boden aufschlägt, kommt er für einen Moment wieder zu sich, der Schmerz durchfährt seinen Körper und aktiviert letzte Impulse. Tastend fährt seine linke Hand übers Gesicht, wo es überall feucht ist vom Wasser des großen Flusses, den er sich zu überqueren anschickt. Fred küsst den Boden, der ganz nah an seinen elendig trockenen Lippen ist, doch dort ist nichts Nasses, dort sind nur Staub und eklige Krümel. Der Tod ist auch nicht mehr das, war er mal war, schießt es Fred durch den Kopf. Dann hört er ein Geräusch an der Tür und blickt auf. Ob er wohl die Sense trägt, wie auf den unzähligen Bildern?, fragt sich Fred fast schon amüsiert, während es ihm immer schwerer fällt, die Augen offen zu halten. Aber diesen letzten Blick darf ich keinesfalls verpassen, er ist ganz sicher alle Anstrengungen wert.
Dann fällt ein schmaler Lichtstrahl durch den Türspalt, und plötzlich weiß Fred sehr genau, wer eintreten wird, nämlich eine stattliche Frau mit üppigen Rundungen und feuerrotem Haar. Ich habe sie immer für die Erlösung gehalten, dabei ist sie das ganze Gegenteil gewesen, von Anfang an, die Haarfarbe hätte mich warnen sollen. Der Tanz mit dem Teufel wird stets mit dem Leben bezahlt, man muss nicht Heinrich heißen, um das zu begreifen.
Die Gestalt kommt näher und beugt sich über ihn, Fred wartet auf das sanfte Streicheln der weichen Locken, er will noch einmal den leichten Duft riechen, der stets in ihnen wohnte. Das ist der schönste Augenblick, den ich bitten werde zu verweilen, denkt Fred ergriffen und ist plötzlich sehr gespannt auf das, was kommen wird. Himmel oder Hölle? Das ist hier die Frage.
Der Schlag ins Gesicht trifft ihn völlig unvorbereitet und schmerzt unerwartet heftig. Ich kann doch längst nichts mehr spüren, denkt Fred empört, wer wagt es jetzt noch, meinen Weg aufzuhalten?
Als er hochgerissen wird, unsanft und grob, will er protestieren, doch kein Wort kommt über seine rissigen Lippen, nur gurgelnde Geräusche kann er noch aus der trockenen Kehle pressen. Auch seine Augen haben ihren Dienst aufgekündigt, Fred sieht einen Schatten, der sich über ihn beugt, doch ist das jetzt der Kerl mit der Sichel, die Frau mit den Locken oder irgendein anderer ungebetener Gast? Wer weiß das schon, und wen interessiert es überhaupt?
Fred spürt noch, wie sein ganzer Körper geschüttelt, wie er hochgerissen und wieder fallen gelassen wird. Ein Brüllen dringt an sein Ohr, die Frau mit den Locken ist das eher nicht, denkt Fred mit letztem Bedauern, dann gibt er sich auf und gibt sich hin.
Ich bin erlöst, wer hätte gedacht, dass der alte Goethe doch noch recht behält. Das ganze Theater hier unten kann mich mal, ich fliege jetzt.