Wie ein Irrer rast Sven Winterberg die Lister Straße hoch. Gerade hat er Kampen hinter sich gelassen, jetzt liegt rechts von ihm die Blidselbucht im Nebel. Der große Parkplatz an der Buhne 16 ist ebenso verlassen wie sein viel kleineres Pendant an der Vogelkoje. Aus der Einfahrt zum Klappholttal tuckert ein Pick-up und hupt empört, als Sven in letzter Sekunde vorbeirauscht. Ich habe Vorfahrt, du Idiot, schimpft Sven leise, obwohl er weiß, dass niemand in dieser Jahreszeit und in diesem Nebel mit einem wildgewordenen Autofahrer rechnet, der hier mit über hundert Sachen die Straße entlangbraust.
Doch es kann ihm plötzlich alles nicht schnell genug gehen.
Denn die Geschehnisse der letzten Stunde können keine Zufälle sein, davon ist Sven inzwischen überzeugt. Irgendwie muss alles zusammenhängen. Der anonyme Anruf wegen eines angeblichen Leichenfundes und Marvin Schönes fluchtartiger Aufbruch, kaum dass Sven seinen Beobachtungsposten verlassen hat. Ich hab’s vergeigt, war Svens erste Reaktion, als er sich eingestehen musste, dass das Objekt seiner Observation ihm entwischt war. Doch man konnte das natürlich auch ganz anders sehen.
Schöne stand so unter Druck, dass er alle Vorsicht fahren ließ, um möglichst schnell der Beobachtung zu entkommen. Fragt sich natürlich, was er vorhat. Und wo er überhaupt hinwill.
Dies zu beantworten, fiel Sven nicht leicht. Schnell war ihm klar, dass Schöne nicht so blöd sein würde, Jasper Bleiken oder Fred Hübner aufzusuchen, immer vorausgesetzt, dass er tatsächlich mit einem der beiden oder sogar mit beiden unter einer Decke steckt. Auch die Spielhalle schien Sven kein geeigneter Unterschlupf zu sein. Trotzdem ist er dort vorbeigefahren und hat den Laden gecheckt. Außer einer entrüsteten Betreiberin und zwei unhöflichen Zockern waren nur noch schlechte Luft, Tabaksqualm und der Geruch nach einem billigen After Shave im Raum. Auch ins Hinterzimmer hatte sich Schöne nicht geflüchtet.
Was blieb also? Marvin Schöne würde sich wohl kaum auf der Privatstraße, die zum Ellenbogen führt und an der angeblich eine Leiche liegt, von den Kollegen erwischen lassen. Vielmehr wird er sich verstecken wollen, um fürs Erste den Ermittlern zu entgehen und möglicherweise weitere Aktionen planen zu können. Aber wo soll er hin?
Es gibt nur eine vernünftige Antwort auf diese Frage.
Das Haus von Schönes Tante im Möwengrund steht leer, und die Polizei hat es bereits durchsucht. Das weiß Schöne genau, denn schließlich haben Bastian und Silja ihm den Schlüssel wieder ausgehändigt. Dort kann er sich halbwegs sicher fühlen und gleichzeitig die Aktionen der Kripo im Auge behalten. Schließlich kennt er Bastian und Silja inzwischen und scheint mittlerweile auch Sven als Überwacher identifiziert zu haben. Wie wird er also reagieren, wenn er meinen Wagen plötzlich vor dem Haus seiner Tante auftauchen sieht?
Sven, der inzwischen am Lister Ortseingang angekommen ist, beschließt, alles auf eine Karte zu setzen. Die Zeit für Versteckspiele ist definitiv vorbei, und zwar unabhängig davon, ob sich der Tipp mit dem Leichenfund als wahr erweisen sollte oder nicht. Die Entfernung zwischen dem Möwengrund und der Privatstraße ist gering genug, damit das Haus des dritten Mordopfers als Operationsbasis für einen vierten Mord in Frage käme. Ein Grund mehr, dort nach dem Rechten zu sehen.
Schwungvoll biegt Sven in die schmale Straße ein und erreicht wenige Sekunden später das Haus Gisela Mantheys. Er parkt direkt davor und stellt ein wenig enttäuscht fest, dass hier keine anderen Wagen auf der Straße stehen. Auch die Manthey’sche Einfahrt ist leer. Überhaupt wirkt das ganze Haus total verlassen. Kein Licht hinter den Fenstern, und auch sonst nichts, was auf die Anwesenheit Marvin Schönes hindeuten könnte.
Sven versucht, seine Enttäuschung niederzuringen und sich zu sagen, dass schließlich noch nichts verloren ist. Er steigt aus dem Wagen und geht langsam auf das Haus zu. Stille umgibt ihn. Die Gartenpforte knarrt leise, die Haustür ist abgeschlossen. Na klar, was hat er denn erwartet? Vorsichtig umrundet Sven das Gebäude. Auch auf der hinteren Terrasse kann er zunächst nichts Auffälliges entdecken. Aufmerksam mustert Sven die Fassade. Kein Licht, kein geöffnetes Fenster, alles ist nach wie vor still. Ich hätte mir einen Schlüssel besorgen sollen, ärgert er sich, bestimmt liegt der noch bei den anderen Sachen des Mordopfers im Kommissariat.
Doch jetzt ist es zu spät. Während Sven die Terrassentür mustert und darüber nachdenkt, ob es vertretbar ist, das Haus gewaltsam zu betreten, klingelt sein Handy. Es dauert eine Weile, bis er das Teil mit klammen Fingern aus seiner gefütterten Jacke hervorgefummelt hat. Derweil läutet Big Ben, Svens Klingelton, durch den verlassenen Garten.
»Wobei habe ich dich gestört?«, will Bastian wissen.
»Ich bin immer noch pitschnass und völlig durchgefroren von meinem Beobachtungsposten im Südwäldchen. Daher hat es etwas gedauert, bis ich ans Handy kam.«
»Du bist nicht mehr am Südwäldchen?«
»Nein, ich …«, beginnt Sven, wird aber von Bastian unterbrochen.
»Warte, zuerst noch die aktuellste Info: Der Anruf wegen des Leichenfundes war mit großer Wahrscheinlichkeit ein Fake.« In Bastians Stimme halten sich Enttäuschung und Erleichterung die Waage.
»Dafür hat mein Aufbruch am Südwäldchen für Bewegung gesorgt.«
»Bei mir nicht. Bleiken scheint sich in seinem Haus verschanzen zu wollen. Der geht noch nicht mal einkaufen.«
»Aber Marvin Schöne habe ich aufgescheucht. Er ist sofort abgehauen. Leider war er so schnell, dass er mir entwischt ist«, muss Sven gestehen.
»Mist. Und wo bist du jetzt?«
»Im Möwengrund. Ich dachte, dass er vielleicht zum Haus seiner Tante ist, aber hier scheint niemand zu sein.«
Sven dreht sich zum Garten um und erstarrt mitten in der Bewegung. Er ist nicht allein, und er kennt seinen Angreifer nur zu gut. Sekundenbruchteile später knicken die Beine unter Sven weg wie dürre Äste, er strauchelt, knallt mit dem Kopf auf die Terrassenplatten und verliert sofort das Bewusstsein.