Silja Blanck steht am Fenster ihres Büros und blickt hinaus in den trüben Sylter Vormittag. Wieder einmal tropft Regen von den kahlen Ästen der Bäume, die wenigen Menschen auf den Straßen bewegen sich hastig und geduckt. Ab und an wirbeln Windstöße allerletzte Blätter durch die Luft, in den Rinnsteinen sammeln sich Abfall und Schmutz. Und ebenso trüb wie draußen sieht es auch in Siljas Innerem aus.
Bastian und sie kommen mit dem aktuellen Fall viel zu langsam voran, trotz ihrer Entdeckung, dass Bleiken und Schöne sich schon länger kennen. Aber wo ist Fred Hübner, und was hat es mit dem angeblichen Leichenfund am Ellenbogen auf sich?
Als plötzlich ihr Handy klingelt, ist Silja froh über die Ablenkung. Bastians Stimme klingt heiser, er spricht viel zu schnell, so dass sie Mühe hat, ihn überhaupt zu verstehen.
»Du musst sofort runter in den Wagen. Ich komme auch, aber bei mir dauert es länger, weil ich noch in Archsum sitze.«
»Halt, Moment, wohin soll ich fahren?«
»Nach List, Möwengrund, zum Haus von Gisela Manthey.«
Während Silja ihre Jacke vom Garderobenständer reißt und die Dienstwaffe aus dem Waffenschrank holt, fragt sie nach: »Was erwartet mich da?«
»Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass Sven dorthin gefahren ist, weil er dachte, Schöne habe sich da verkrochen. Angeblich hat Sven niemanden angetroffen, aber während wir sprachen, muss er niedergeschlagen worden sein. Ich hörte noch einen Aufprall und ein Stöhnen, dann wurde die Verbindung unterbrochen.«
»Um Gottes willen, wie lange ist das her?«
»War gerade eben. Ich habe dich sofort angerufen. Und jetzt informiere ich die Beamten am Ellenbogen. Sie werden auf jeden Fall vor dir dort sein, um dich zu unterstützen.«
»Okay, ich bin schon unterwegs«, keucht Silja, während sie das Büro verlässt, die Treppe hinunterhastet, im Laufschritt den Parkplatz überquert und gleichzeitig das Auto mit der Fernbedienung entriegelt.
»Sei vorsichtig, hörst du? Hast du deine Waffe dabei?«
»Habe ich. Mach dir keine Sorgen, ich passe auf mich auf.«
Silja setzt das Blaulicht aufs Autodach und startet den Wagen. Sie spürt, wie ihr Puls rast und das Adrenalin durch ihren Körper schießt. Ihr Kopf wird von nur zwei Gedanken beherrscht:
Endlich geht es voran! Und hoffentlich ist Sven nicht Schlimmes passiert!
Hochkonzentriert fädelt Silja sich durch den Westerländer Verkehr, wobei sie reichlich Gebrauch von Blaulicht und Martinshorn macht. Verschreckt springen Passanten zur Seite, und Autofahrer würgen ihre Wagen ab, während Silja alle Streckenrekorde bricht. Als sie endlich im Möwengrund ankommt, ist Bastians Anruf gerade dreizehn Minuten her.
Silja legt eine Vollbremsung vor dem Manthey’schen Haus hin und stellt erleichtert fest, dass bereits zwei Streifenwagen vor Ort sind. Die Kommissarin springt aus dem Auto und rennt zum Haus. Ein kurzes Rütteln an der verschlossenen Vordertür, dann eilt sie weiter auf die Terrasse, wo sich vier uniformierte Kollegen gerade über eine am Boden liegende Person beugen. Im Näherkommen erkennt Silja Sven Winterberg, der aus einer Kopfwunde blutet.
»Ist er bei Bewusstsein? Habt ihr schon die Rettung alarmiert?«
»Haben wir. Und es scheint, dass er gerade zu sich kommt.«
Auch Silja beugt sich jetzt über den Kollegen, dessen Augenlider zucken und flattern, ohne dass er allerdings die Augen öffnen würde.
»Wer hat ihn niedergeschlagen? War noch jemand hier, als ihr angekommen seid?«, erkundigt sich Silja hastig.
»Wir haben uns erst mal nur um ihn gekümmert«, kommt die entschuldigende Antwort.
»Okay, einer bleibt bei ihm, die anderen kommen mit mir.«
Kurz orientiert sich Silja. Sven liegt mit dem Kopf zum Wohnhaus gewandt, was darauf hindeutet, dass sein Angreifer mit einiger Wahrscheinlichkeit aus dem Garten gekommen ist.
»Wart ihr schon im Gartenhaus?«
Kopfschütteln antwortet ihr.
»Dann los.«
Im Laufschritt legen die Kommissarin und ihre drei Kollegen den kurzen Weg ans Grundstücksende zurück. Die Tür zum Gartenhaus ist nur angelehnt, und Silja stößt sie vorsichtig auf, wobei sie ihre Waffe bereithält.
Im Inneren des heruntergekommenen Gebäudes ist es dämmrig, ein übler Geruch aus Alkohol, Schweiß und Exkrementen verschlägt der Kommissarin fast den Atem. Im ersten Moment sieht sie nur alten Plunder. Kaputte Korbstühle, angeschimmelte Pappkartons, ausrangierte Gartengeräte. Doch dann entdeckt sie den leblosen Körper hinter dem Rasenmäher. Nackte Füße, Jeans, ein T-Shirt. Eine leere Schnapsflasche in einer Ecke. Silja meint, einen erfrorenen Landstreicher vor sich zu haben und tritt mit einem Ausruf des Entsetzens näher.
Sekunden später erkennt sie Fred Hübner. Das Gesicht ist bleich, die Augen sind bizarr verdreht, er ist an einer Hand und beiden Knöcheln gefesselt.
Silja beugt sich über den reglosen Körper und tastet nach seiner Halsschlagader.
»Der Puls ist weg, oder fast, ich kann jedenfalls nichts fühlen. Wir müssen sehen, dass wir ihn zurückholen. Außerdem brauchen wir einen zweiten Krankenwagen, aber schnell!«
Während ein Kollege telefoniert und die anderen beiden hektisch mit der Herzdruckmassage beginnen, sieht Silja sich um. Als Erstes fällt ihr das leicht beschmutzte Blatt Papier ins Auge, das dicht beschrieben ist und direkt neben Fred Hübner liegt.
Silja zieht ein paar Latexhandschuhe aus der Tasche und streift sie über. Dann hebt sie das Blatt auf und überfliegt den Text.
Mit blassen Buchstaben, die nur vom Farbband einer sehr alten Schreibmaschine stammen können, ist hier ein komplettes Geständnis formuliert. Datum, Unterschrift, alles ist da.
Fred Hübner bekennt sich schuldig.
Er habe den Mord an Angela Ludwig aus Wut über ihr anmaßendes Verhalten während der Talkshow begangen. Dann habe er Brith Bleiken, mit der er sich nach der Talkshow gestritten habe, aufgelauert und auch sie ermordet. Gisela Manthey wurde zum Opfer, weil Hübner sich für die frühere schlechte Behandlung rächen wollte. Von Mal zu Mal habe er mehr Freude am Töten und an der Zurschaustellung der getöteten Frauen gefunden, was ihn letztendlich selbst so abgestoßen habe, dass er beschlossen habe, sich selbst zu richten, und zwar genau hier an der Stätte seiner ehemaligen Schande. Er habe sich angekettet und die Schlüssel weit weggeworfen, um es sich nicht im letzten Moment noch anders zu überlegen. Er werde einfach verhungern und verdursten, ein letzter Alkoholrausch solle ihm den Abgang erleichtern.
Unter dem getippten Text findet sich eine derart verkrakelte Unterschrift, dass selbst ein Graphologe Schwierigkeiten haben dürfte, sie einwandfrei Fred Hübner zuzuordnen.
Silja steht wie erstarrt. Immer wieder überfliegt sie den Text. Soll das also die Auflösung dieser drei furchtbaren Verbrechen sein? Ein durchgeknallter Journalist, der mit seiner eigenen Wut ebenso wenig zurechtgekommen ist wie mit seiner Alkoholvergangenheit?
Nach einigem Suchen entdeckt Silja tatsächlich zwei kleine Schlüssel, die kurz vor der Eingangstür am Boden liegen, weit genug von Hübners Körper entfernt, um unerreichbar für ihn gewesen zu sein. Silja greift sich die Schlüssel, und während die Kollegen eine Pause mit der Herzdruckmassage machen, schafft sie es auf Anhieb, Fußfesseln und Handschelle zu lösen. Verblüfft tritt sie einen Schritt zurück und überlässt den Kollegen den immer noch reglosen Körper. Während diese erneut Hübners Brustkorb bearbeiten, liest Silja das Geständnis ein zweites Mal. Vielleicht ist es tatsächlich echt. Die leere Wodkaflasche in der Ecke scheint jedenfalls seine letzte Botschaft zu bestätigen.
Aber wer hat Sven niedergeschlagen, wenn Hübner doch hier drinnen angekettet war?
Bevor Silja weiterdenken kann, hört sie von draußen das erlösende Geräusch der Krankenwagen-Martinshörner und eilt zurück auf die Straße, wo wenige Sekunden später die Wagen zum Stehen kommen und die Sanitäter herausspringen.
»Hinters Haus, schnell«, ruft die Kommissarin. »Ein Mann liegt auf der Terrasse und einer im Gartenhaus. Zumindest der im Gartenhaus muss wiederbelebt werden.«