Freitag, 7. November, 12.43 Uhr, Möwengrund, List

Während Bastian Kreuzer von der Listlandstraße abbiegt, versucht er intensiv, sich an die letzten Äußerungen von Sven Winterberg zu erinnern. Hier scheint niemand zu sein, hat er gesagt, kurz bevor er niedergeschlagen wurde.

Sekunden später war klar, dass Sven sich fatal geirrt hatte.

Doch das ist es nicht, was Bastian beschäftigt, sondern die Überlegung, dass es Sven ganz sicher aufgefallen wäre, wenn ein Auto vor dem Haus oder in der Einfahrt geparkt hätte. Und hat Marvin Schöne überhaupt einen Wagen?

Er könnte mit einem Taxi oder sogar mit dem Bus aus Westerland gekommen sein, aber würde er es auch riskieren, den Ort auf diesem Weg wieder zu verlassen, nachdem er einen

Er wird sich hier irgendwo versteckt halten und abwarten, bis die Aufregung sich legt. Der Möwengrund grenzt an die Lister Dünenlandschaft, das größte Naturschutzgebiet der Insel. Das umliegende Terrain ist also unübersichtlich genug für einen Mann auf der Flucht. Leider auch unübersichtlich genug, um allen Suchenden erhebliche Probleme zu bereiten.

Bevor Bastian seine Schlussfolgerungen aus dieser Überlegung ziehen kann, entdeckt er die beiden Krankenwagen, die Polizeifahrzeuge und auch Siljas Auto vor dem Manthey’schen Haus. Die Hecktüren der Krankenwagen stehen offen, aber es ist weder auf der Straße noch vor dem Haus jemand zu sehen.

Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Und warum sind es gleich zwei?

Bastian bremst, springt aus dem Wagen und läuft seitlich am Haus vorbei. Fast prallt er mit einer Trage zusammen, auf der ein spärlich bekleideter Mann unter einer Sauerstoffmaske liegt. Erst auf den zweiten Blick erkennt der Kommissar Fred Hübner.

Bevor Bastian eine Frage stellen kann, ruft ihm einer der Sanitäter zu: »Er ist schon fast weg, aber mit viel Glück können wir ihn vielleicht zurückholen.«

Verwirrt bleibt Bastian stehen. »Aber es war doch mein Kollege, der niedergeschlagen worden ist.«

»Liegt hinterm Haus«, ist die knappe Antwort, dann sind die Sanitäter mit der Trage auch schon weitergelaufen.

Als Bastian sich umdreht, steht Silja vor ihm. »Gut, dass du kommst. Sven ist gerade zu sich gekommen.«

»Wie geht es ihm?«

»Aber du hast doch gerade gesagt …«

»Die Wunden waren weniger übel, als es aussah. Sven ist bei Bewusstsein und sogar redefähig.«

Bastian atmet tief durch. Jetzt klärt sich alles auf, wagt er zu hoffen.

Sven liegt auf der hinteren Terrasse am Boden, sein Kopf ist höher gelagert und von einem fetten Verband umschlungen. Der Kollege hat trotz seiner Blässe ein leichtes Grinsen aufgesetzt. »Unkraut vergeht nicht«, murmelt er, als Bastian sich über ihn beugt.

»War es Schöne? Hat er dich angegriffen?«, fragt der Kommissar als Erstes.

Sven nickt.

»Wir müssen alle Zufahrtswege nach List und zum Ellenbogen sperren, dann kriegen wir ihn vielleicht noch«, ruft Bastian in die Runde.

Doch Sven hebt die Hand und winkt ihn noch einmal zu sich herunter. »Ich bin nicht ganz sicher«, flüstert er, »aber ich glaube, als er auf mich zustürmte, habe ich ein Fahrrad neben dem Schuppen lehnen sehen.«

»Links oder rechts?«

»Links, glaube ich. Kann sein, Schöne ist damit geflohen.«

»War das vielleicht Fred Hübners Fahrrad?«

»Wieso Fred Hübner?« Auf Svens Gesicht steht Unverständnis.

»Egal. Erhol du dich erst mal. Ich kümmere mich drum.«

Während Bastian und Silja zum Gartenhaus laufen, berichtet Silja in knappen Sätzen, was sie dort vorgefunden

Bastian überfliegt den Text und entscheidet: »Das prüfen wir später. Erst mal ist Schöne wichtiger, Hübner läuft uns schließlich nicht weg.«

Neben dem Gartenhaus lehnt kein Fahrrad, auch nicht auf dem restlichen Grundstück, aber sie finden Reifenspuren im feuchten Gras.

»Wir müssen wissen, wie das Rad ausgesehen hat, und ich weiß auch schon, wer uns das sagen kann. Ich rufe gleich die Bispingen an.«

»Warte mal, Bastian.« Silja, die immer noch die Handschuhe trägt, bückt sich und angelt vorsichtig eine hölzerne Keule aus einem Rhododendronbusch. Sofort ist der Kommissar neben ihr.

»Frisches Blut«, stellt er fest. »Wahrscheinlich von Sven, oder was meinst du?«

»Hübner hat jedenfalls nur ein wenig unter der Handschelle geblutet. Aber guck mal hier.« Silja dreht die Keule und weist auf winzige rostrote Spuren, die sich in haarfeinen Rissen in der Lackierung abgesetzt haben. »Das könnte durchaus älteres, längst getrocknetes Blut sein.«

»Vielleicht ist das die Mordwaffe. Das wäre der Jackpot! Aber was ist das überhaupt für ein Teil?«

»Ein Kegel, würde ich sagen. So einer, wie man ihn auf Kegelbahnen benutzt«, erwidert Silja. »Siehst du den kleinen Haken hier oben? Daran war das Teil vermutlich befestigt, damit man es nach dem Spiel hochziehen konnte.«

»Woher weiß du so was?« Während Bastian sie noch verblüfft ansieht, regt sich etwas in Siljas Erinnerung. irgendwann vor nicht allzu langer Zeit war vom Kegeln die Rede.

Es kommt Silja vor, als bewegten sich mit einem Mal verschiedenste Puzzleteile fast automatisch an ihren Platz. Und sie weiß ganz genau, dass jetzt keine Zeit für lange Erklärungen ist.

»Wir müssen so schnell wie möglich Schöne finden. Und Bleiken festnehmen. Die stecken unter einer Decke, ich schwör’s dir.«

»Hübner auch?«, fragt Bastian verblüfft.

»Keine Ahnung. Aber der läuft uns ja nicht weg.«