Freitag, 7. November, 13.09 Uhr, Staatsanwaltschaft, Flensburg

Als das Telefon klingelt und Elsbeth die Nummer von Hauptkommissar Kreuzer erkennt, ahnt sie sofort, dass etwas Entscheidendes geschehen sein muss. Doch Kreuzers erste Worte scheinen ihre Ahnung zunächst zu widerlegen.

»Wir haben Herrn Hübners Fahrrad immer noch nicht gefunden«, beginnt der Kommissar vorsichtig, »aber wir haben ihn selbst entdecken können.«

»Wo war er? Geht es ihm gut?«

»Er befand sich in dem Gartenhaus in List, in dem er früher gewohnt hat.«

»Bei dieser Manthey? Dem dritten Opfer?«

»Genau. Und Frau von Bispingen, es tut mir sehr leid, was ich Ihnen jetzt sagen muss, aber Herr Hübner ringt zurzeit

»Was? Das kann nicht sein.«

Fred mag sehr vieles sein, davon ist Elsbeth inzwischen überzeugt, möglicherweise sogar ein Mörder, aber ein Selbstmörder ist er ganz gewiss nicht. Doch Kreuzers nächste Sätze sind geeignet, Elsbeths innersten Glauben zu erschüttern.

»Es sieht momentan danach aus, als habe er sich selbst angekettet, die Schlüssel weggeworfen und sich anschließend ins Koma getrunken. Außerdem haben wir ein Geständnis von ihm gefunden. Getippt auf seiner alten Schreibmaschine, die wir ganz hinten im Gartenhaus entdeckt haben.«

Elsbeth fehlen die Worte. Und nicht nur das. Sie hat das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Ihr ist, als habe sich ein eiserner Ring um ihre Brust gelegt, der alles abschnürt.

»Frau von Bispingen? Sind Sie noch dran?«

»Ja, ich …«, beginnt Elsbeth. Mühsam presst sie heraus: »Wo ist er jetzt? Kümmert man sich um ihn?«

»Er ist in der Nordseeklinik. Herrn Hübners Vitalfunktionen waren bereits sehr schwach, als wir ihn gefunden haben. Wir müssen einfach die Daumen drücken.«

Elsbeth spürt, wie auch ihre Vitalfunktionen einem extremen Stresstest unterzogen werden. Für Sekunden wird ihr schwarz vor Augen, zum Reden ist sie nicht mehr fähig.

»Das ist aber noch nicht alles«, fährt der Kommissar fort. »Beziehungsweise nur die eine Seite der Medaille. Wir haben Herrn Hübner nur entdeckt, weil Sven Winterberg den Neffen des letzten Opfers, Marvin Schöne, verfolgt hat. Mein Kollege ist im Garten des Manthey’schen Hauses niedergeschlagen worden. Von Schöne, der daraufhin vermutlich mit Herrn Hübners Fahrrad geflohen ist.«

»Das kann eigentlich nicht sein, aus unterschiedlichen Gründen, die zu erläutern mir jetzt die Zeit fehlt. Nur so viel: Mit etwas Glück haben wir auf diesem Grundstück die Tatwaffe der letzten beiden Morde entdeckt. Mit ihr ist auch Sven Winterberg niedergeschlagen worden. Herr Hübner war zu diesem Zeitpunkt mit größter Wahrscheinlichkeit bereits bewusstlos. Und das belastet eindeutig Marvin Schöne.«

»Ich verstehe das alles nicht.«

»Wir sind sehr in Eile, Frau von Bispingen. Daher möchte Sie zunächst nur darum bitten, mir das Fahrrad von Herrn Hübner zu beschreiben. Wir müssen Schöne finden, möglichst bevor er die Insel verlässt.«

Elsbeth reißt sich zusammen und liefert eine genaue Beschreibung beider Räder, die Fred besitzt.

»Danke, das hilft uns sehr«, sagt Kommissar Kreuzer, dann unterbricht er die Verbindung, ohne sich zu verabschieden.

Elsbeth starrt noch sekundenlang auf das plötzlich verstummte Handy, das wie ein kleiner schwarzer Sarg in ihrer Hand hängt, und versucht, das eben Gehörte zu begreifen.