Jasper Bleiken ist ein Mann, der weiß, wann er verloren hat. Oder wann zumindest eine drastische Kursänderung nötig ist, um das Schlimmste zu verhindern. Und nach Marvins panischem Anruf hat er nicht lange gebraucht, um zu begreifen, dass er nur noch eine Chance hat: die Flucht nach vorn.
Er tritt ans Fenster und sieht die schmale Kommissarin unten im Nieselregen in ihrem Wagen sitzen. Vor einer halben Stunde ist sie hier angekommen, und nichts deutet darauf hin, dass sie demnächst ihren Beobachtungsposten verlassen wird. Kurzentschlossen greift Jasper Bleiken nach seiner Barbourjacke, verlässt das Haus, geht geradewegs auf das Auto zu und klopft an die Scheibe.
»Wollen Sie nicht lieber reinkommen und sich aufwärmen?«, ruft er.
Die Kommissarin lässt die Scheibe herunter. »Mir geht es gut, danke sehr.« Ihre Stimme ist außerordentlich kühl.
»Worauf warten Sie eigentlich? Ich laufe Ihnen nicht weg, ich habe schließlich nichts zu verbergen.«
»Sind Sie sich da ganz sicher?«
Bleiken setzt sein Pokerface auf und nickt. Die Kommissarin lehnt sich in ihrem Sitz zurück, legt den Kopf in den Nacken und blickt ihn durchs offene Fenster abschätzig an.
»Wir haben die Mordwaffe gefunden«, erklärt sie leise. »Die Blutspuren werden gerade untersucht.«
»Meine Frau ist doch aber nicht erschossen worden«, gibt Bleiken geistesgegenwärtig zurück. Wenn du mich auf so banale Weise reinlegen willst, musst du früher aufstehen.
»Das habe ich auch nicht behauptet. Es handelt sich um einen ziemlich schweren Kegel, an dem reichlich Blut klebt.«
Bleiken bemerkt Sekundenbruchteile zu spät, dass er unwillkürlich die Brauen gerunzelt hat. Schnell sagt er: »Und was habe ich damit zu tun?«
Ohne auf seine Frage einzugehen, spricht die Kommissarin weiter. »Was haben Sie eigentlich in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag gemacht?«
»Getrauert«, erwidert er trocken. »Was würden Sie tun, wenn Ihr Mann wenige Tage vorher erschlagen worden wäre?«
»Ich würde nach dem Mörder suchen.«
»Das ist Ihr Job, nicht meiner.«
»Wir sind dabei. Und wenn wir beide uns hier schon so nett unterhalten, können Sie mir gleich noch eine zweite Frage beantworten: Wie gut kennen Sie Marvin Schöne?«
Jasper Bleiken antwortet schnell und entschieden. »Überhaupt nicht. Wer soll das sein?«
»Der Mann, der Sie vor nicht mal zwei Stunden ziemlich panisch angerufen und um ein Versteck für die nächste Nacht gebeten hat.«
Er schluckt. »Sie überwachen mein Telefon?«
»Scheint so, oder?«, kontert sie cool.
»Das war irgendein Irrer vorhin, keine Ahnung, wie der hieß. Und soweit ich mich erinnere, hat er seinen Namen nicht genannt«, redet Bleiken sich raus.
»Aber er hat möglicherweise Ihre Frau erschlagen.«
»Warum verhaften Sie ihn dann nicht, anstatt mir hier allen möglichen Quatsch zu unterstellen.« Inzwischen pladdert es ganz ordentlich. Bleiken spürt, wie das Regenwasser in seinen Kragen rinnt und die Kälte ihm in die Knochen kriecht. Vielleicht ist es aber auch die Angst, die ihn frösteln lässt.
»Wir sind dabei. Und glauben Sie mir, wenn er auspackt, wird es auch für Sie ungemütlich.«
»Sie bluffen doch.« Erschrocken hält Bleiken inne. Er hat einen dummen Fehler gemacht, und er weiß es, bevor ihr Lächeln ihm verrät, dass sie es auch bemerkt hat.
»Dann werde ich Ihrer Erinnerung mal auf die Sprünge helfen«, bietet sie mit falscher Freundlichkeit an. »Marvin Schöne und Sie kennen sich vom Fußballverein. Aber nicht nur das, Sie haben auch vor kurzem gemeinsam an einem Probetraining bei Body Cult teilgenommen und dabei die Karteikarte von Angela Ludwig studiert. Ihrer beider Fingerabdrücke sind darauf.«
»Bei diesem Probetraining waren wir zu mehreren, das stimmt. Und so eine Karteikarte ist tatsächlich rumgegangen. Die habe ganz sicher nicht nur ich angefasst.«
»Nur merkwürdig, dass ausgerechnet Angela Ludwig kurz darauf sterben musste. Übrigens in einer Nacht, für die weder Sie noch Herr Schöne ein Alibi haben.«
»Das macht uns noch nicht zu Mördern.«
Wieder zeigt das Gesicht der Kommissarin dieses feine Lächeln, das ihn gleich wahnsinnig macht. »Aber verdächtig ist es schon, das müssen Sie zugeben.«
Bleiken ist sich plötzlich gar nicht mehr so sicher, ob es eine gute Idee war, sich direkt an die Kommissarin zu wenden. Offenbar weiß sie mehr, als ihm lieb ist. »Hören Sie doch mit dem Blödsinn auf. Mir ist kalt, ich gehe jetzt wieder rein.«
»Warten Sie noch einen Moment, bitte. Ich möchte Sie noch etwas fragen. Nur aus Interesse. Die vielen Kriminalromane in Ihrem Wohnzimmerregal? Sind die von Ihrer Frau, oder lesen Sie die auch selbst?«
»Ich weiß wirklich nicht, was Sie mit dieser Frage bezwecken.«
»Patricia Highsmith beispielsweise hat sich in ihren Büchern einige pfiffige Konstruktionen einfallen lassen. Zwei Fremde im Zug. Jede Wette, Sie kennen den Plot. Alfred Hitchcock hat den Krimi übrigens kongenial verfilmt«, erklärt Silja ungerührt.
»Sie sind geschmacklos. Ich werde mich bei Ihrem Chef über Sie beschweren.«
Bevor die Kommissarin antworten kann, klingelt ihr Handy. Sie blickt aufs Display und sagt – wieder mit diesem Lächeln: »Sorry, aber das ist er.«
»Wer?«
»Na mein Chef, bei dem Sie sich beschweren wollten. Ich reiche das Handy nachher gern an Sie weiter.«
Dann lauscht sie einige Minuten konzentriert ins Telefon. Dabei lässt sie ihn nicht aus den Augen. Verzweifelt versucht er, zu verstehen, was ihr Gesprächspartner sagt, aber das Geräusch des Regens auf dem Straßenpflaster ist zu laut.
Als sie das Gespräch beendet hat, fixiert sie ihn nachdenklich. Er fühlt sich wie das Kaninchen vor der Schlange. Eigentlich noch frei, aber irgendwie auch schon hypnotisiert.
»Wir haben ihn«, erklärt die Kommissarin schließlich.
»Wen?« Es fällt ihm immer schwerer, die unschuldige Miene aufrecht zu erhalten.
»Marvin Schöne, den Herrn, den Sie nicht zu kennen behaupten, obwohl er vielleicht der Mörder ihrer Frau ist, möglicherweise auch Ihr Mittäter beim Mord an Angela Ludwig und auf jeden Fall der Nutznießer des Mordes an seiner Tante Gisela Manthey, für den er ein Alibi hat, Sie aber leider nicht. Eine Hand wäscht die andere. Das sagt Ihnen doch was, wenn Sie schon den Highsmith-Klassiker nicht kennen, oder?«
»Das sind ungeheuerliche Unterstellungen! Ich bin unschuldig.«
»Ich fürchte, Herr Schöne sieht das ein wenig anders. Er hat Sie bei seiner Verhaftung schwer belastet. Sie und Herrn Hübner übrigens auch.«
»Das Schwein bringe ich um«, entfährt es Jasper Bleiken, bevor er sich zurückhalten kann.
»Wen genau meinen Sie?«
»Fred Hübner, wen denn sonst?«, kann er gerade noch antworten.
»Da kommen Sie ein bisschen spät. Das hat Herr Schöne nämlich schon versucht. Aber wie es aussieht, ist Fred Hübner zäher, als Ihnen lieb sein dürfte. Mein Kollege, sorry, mein Chef, bei dem Sie sich ja noch beschweren wollten, hat mir eben mitgeteilt, dass er außer Lebensgefahr ist.«
»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.«
»Tatsächlich? Das wundert mich.«
Die Kommissarin hebt kurz die Brauen, dann legt sie das Handy aus der Hand, greift unter ihre Jacke und zieht eine Waffe hervor. »Herr Bleiken, Sie stehen unter Mordverdacht in einem Fall und unter dem Verdacht, Beihilfe zum Mord in zwei weiteren Fällen geleistet zu haben. Ich muss Sie bitten, sich in Ihrem Haus zu unserer Verfügung zu halten, bis meine Kollegen eintreffen. Ich werde Sie hineinbegleiten und dort mit Ihnen warten.«