»Mas mehr Kingel«, fordert der kleine Max Winterberg, wirft den ganzen Oberkörper auf den Esstisch seiner Großeltern und streckt den Arm aus, um mit seiner kleinen fleischigen Hand an den Teller mit den Hefekringeln heranzukommen.
»Du hattest schon drei Stück, jetzt ist es erst mal genug«, mahnt seine Mutter Anja und löst mit ihren Worten einen veritablen Wutanfall aus.
»Komm, min Jung, wir spielen ein bisschen mit der Briobahn«, versucht Hannes Winterberg, seinen Enkel abzulenken.
»Mas Kingel«, murmelt Mäxchen weinerlich, schielt aber schon hinüber zu dem stattlichen Schienenrund, das den Wohnzimmerteppich bedeckt.
Anja und Sven haben sich vor anderthalb Stunden mit ihren Kindern zu einem ausgedehnten Sonntagsfrühstück bei Svens Eltern eingefunden. Nach den aufregenden und gefährlichen letzten beiden Wochen war die Sehnsucht nach ein bisschen familiärer Normalität groß. Sven ist wieder vollständig bei Kräften, nur eine kleine Narbe am Kopf wird ihm als Erinnerung an den Angriff Marvin Schönes bleiben. Und auch Mette, die nächtelang von furchtbaren Alpträumen geplagt worden ist, hat die letzten Nächte tief und traumlos schlafen können, so dass sie nun vorbehaltlos und vergnügt über die Scherze ihres Großvaters lachen kann. Lediglich Meret Winterberg ist ernster als sonst und wirft ab und an besorgte Blicke in die Runde.
»Dir geht es wirklich wieder gut?«, erkundigt sie sich jetzt bei ihrer Enkelin.
Mette nickt und lässt sich einen Augenblick Zeit mit ihrer Antwort.
»Papa hat mir erklärt, dass die Toten Ruhe finden, wenn die Schuldigen bestraft werden können. Deshalb muss ich diese schrecklichen Träume nicht mehr haben«, sagt sie schließlich leise und wirkt dabei mit ihren zwölfeinhalb Jahren sehr nachdenklich.
»Die drei Frauen werden nicht wieder lebendig, auch wenn du dich noch so grämst. Deshalb ist es gut, die Erinnerungen loszulassen«, pflichtet die Großmutter ihr bei.
»Und außerdem ist Papa jetzt ein Held«, fügt Mette altklug hinzu.
»Wer sagt das denn?«, will Hannes Winterberg vom Wohnzimmerteppich aus wissen, während er die elektrische Lok zur großen Freude seines Enkels auf eine andere auffahren lässt.
»Umfall, Umfall«, kräht Mäxchen fröhlich und so laut, dass die Familie fast das Klingeln der Türglocke überhört hätte.
»Erwartet ihr noch jemanden?«, fragt Anja erstaunt.
»Es gibt noch eine kleine Überraschung.« Mit geheimnisvoller Miene geht Meret zur Tür und kehrt wenig später mit Silja und Bastian im Schlepptau zurück.
»Euch entkommt man wohl nirgends«, flachst Sven in gespielter Verzweiflung, während er aufsteht, um zwei weitere Teller aus der Küche zu holen. Erst dann sieht er die Champagnerflasche in Bastians Hand.
»Bist du befördert worden?«
»Ich nicht, aber du. Gestern rief mich die Bispingen an. Es ist jetzt amtlich: Du bist offiziell belobigt worden und ab dem 1. Januar wieder als Oberkommissar bei uns oben mit an Bord. Meine herzlichsten Glückwünsche dazu!«
Er löst die Metallkappe vom Champagnerkorken und öffnet die Flasche mit einem leisen Plopp.
Während Sven noch einige Sekunden braucht, um die Botschaft zu verdauen, bricht sich bei seiner Frau die Freude ungehindert Bahn. Sie fällt ihm um den Hals und jubelt: »Wie toll ist das denn!«
»Und woher wusstet ihr davon?«, wendet Sven sich irritiert an seine Eltern.
»Wir haben uns gestern alle vier zufällig auf dem Markt getroffen«, erklärt Silja und zwinkert Meret Winterberg zu. »Und da haben wir gedacht, dass so eine Überraschung am Familientisch ganz nett sein könnte.«
»Außerdem haben wir natürlich auf den einen oder anderen Kringel von Oma Meret gehofft«, fügt Bastian hinzu und schickt einen verlangenden Blick zu den restlichen Hefeteilchen auf der Kaffeetafel.
Während ihm Meret lachend die Platte mit dem Süßgebäck hinhält, Sven die Sektgläser aus der Vitrine holt und Mäxchen mit der Brio-Lok einen weiteren Unfall verursacht, fragt Mette schelmisch in die Runde: »Sag mal, Papa, du bekommst doch jetzt auch wieder mehr Geld, oder?«
»Ja, warum?«
»Vielleicht gibst du ja dem Weihnachtsmann ein bisschen was davon ab. Er ist doch sicher auch der Meinung, dass ich nach dem Schock ein Extrageschenk verdient habe.«
»Schlechtes Timing, mein Kind«, antwortet Sven augenzwinkernd. »Hast du nicht gehört, dass die Beförderung erst zum Januar wirksam wird?«
»Manno! Bekomme ich dann wenigstens einen winzigen Schluck von eurem Prickelwasser?«
»Zur Konfirmation das erste Glas, das weißt du genau.«
»Papa, du bist vielleicht ein guter Polizist, aber ein echt strenger Vater«, mosert Mette, verlässt den Esstisch und kniet sich neben ihren kleinen Bruder auf den Teppich. Während sie mit seiner Hilfe in kürzester Zeit ein komplettes Verkehrschaos auf den Bahnschienen anrichtet, prosten die Erwachsenen sich zu.
»Auf den Erfolg!«
»Auf die Familie!«
»Auf die Insel!«