Seufzend legt Staatsanwältin Elsbeth von Bispingen das Telefon zurück in die Halterung und anschließend die beiden Blätter mit ihren Gesprächsnotizen in eine frische Kladde. Die üppige Mitfünfzigerin lässt sich in ihrem Schreibtischstuhl nach hinten fallen und streicht sich nachdenklich die langen roten Locken aus dem Gesicht.
Seit Hauptkommissar Bastian Kreuzer vor einigen Jahren nach Sylt versetzt worden ist, häufen sich dort die Verbrechen. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, dieser Kommissar zieht die Morde an, denkt Elsbeth sarkastisch. Ein erschossener Gastronom in den Hörnumer Dünen, ein Mädchenskelett in der Morsumer Heide, eine erwürgte Frau beim Keitumer Biikebrennen, ein erschlagener Kampener Galerist. Und das sind noch lange nicht alle Fälle, die Kreuzer in den letzten Jahren federführend bearbeitet hat.
Nicht zuletzt ist auch Elsbeths eigene Nichte vor fast zwei Jahren zum Opfer eines Gewaltverbrechens auf der Insel geworden. Seitdem ist ihr ohnehin schon loser Kontakt zu ihrem Bruder und seiner Familie ganz abgerissen. Ein Todesfall in der Familie verändert alles, denkt sie betrübt und nimmt sich nicht zum ersten Mal vor, den Bruder und dessen alkoholkranke Frau bei ihrem nächsten Sylt-Aufenthalt zu besuchen.
Und der steht ganz sicher irgendwann bevor. Vielleicht schon früher, als ihr lieb ist. Denn wie ihr Hauptkommissar Kreuzer gerade am Telefon berichtet hat, ist in der letzten Nacht in Westerland eine Frau brutal erschlagen und anschließend mit einem Seil an einen Baum gefesselt worden. Wenn sich die Ermittler nicht täuschen, wenigstens post mortem, denkt Elsbeth und seufzt noch einmal. Das gibt ordentlich Arbeit.
Es würde Elsbeth allerdings auch die Gelegenheit bieten, Fred Hübner wiederzusehen. Seit dem vorletzten Februar sind Elsbeth und der Journalist ein Paar und haben in den fast zwei Jahren ihrer Beziehung schon einige Höhen und Tiefen erlebt. Da Elsbeth beruflich sehr eingespannt ist, sehen sie sich nicht allzu häufig. Doch ab und an verschlägt es die Staatsanwältin aus Ermittlungsgründen auf die Insel. Da sind dann Treffen außer der Reihe möglich. Leider weiß Elsbeth genau, wie gern sich Fred in laufende Ermittlungen einmischt, und hat sich darüber auch schon oft mit ihm gestritten. Normalerweise würde sie sich also hüten, Fred vorzeitig über den Mord zu informieren. Doch in diesem Fall liegen die Dinge anders.
Hauptkommissar Kreuzer hat keinen Hehl daraus gemacht, dass er Fred vernehmen wird. Und so, wie Elsbeth Kreuzer kennt, wird er ihn nicht mit Glacéhandschuhen anfassen. Die beiden sind kampferprobte Kontrahenten und sich durchaus ebenbürtig. Trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen möchte Elsbeth gern die Erste sein, die mit Fred Hübner über diesen Fall redet.
Also greift sie noch einmal zum Telefon und wählt die Nummer von Freds Festnetzanschluss. Während es läutet, sieht Elsbeth auf die Uhr. Kurz nach zwei. Freds Vormittagstraining ist hoffentlich beendet, wenn sie also Glück hat, ist er jetzt zu Hause und tourt nicht mit seinem Rennrad über die Insel. Und richtig, nach dem achten Klingeln wird abgehoben.
»Hübner.« Freds Stimme klingt verschlafen.
»Hallo, mein Liebster. Störe ich?«, gurrt Elsbeth ins Telefon.
»Niemals«, kommt es zurück. »Was verschafft mir die Ehre?«
»Wie’s aussieht, stehst du unter Mordverdacht«, platzt es aus ihr heraus. Sofort erschrickt sie über ihre eigenen Worte. So wollte sie die Unterhaltung ganz bestimmt nicht beginnen.
Aber er nimmt es gelassen. »Hatten wir das nicht schon mal?«
»Im Ernst jetzt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Kommissar Kreuzer demnächst bei dir auftaucht.«
»Was ist passiert? Und könntest du vielleicht dafür sorgen, dass er seine charmante Kollegin schickt. Die mag ich lieber.«
»Lass die Witze, okay? Es geht um Folgendes: Du hattest doch diesen TV-Auftritt letzten Monat …«
»Erinnere mich nicht daran«, unterbricht er sie. »So was mache ich nie wieder. Ein überforderter Moderator, ein vorlauter Jungspund und eine grenzdebile Alte. Diese NDR-Fuzzis können froh sein, dass ich das überhaupt bis zum Schluss mitgemacht habe.«
»Die grenzdebile Alte war ein Jahr jünger als ich«, wirft Elsbeth nur mäßig amüsiert ein.
»Liebste, ich bitte dich! Was soll der Vergleich? Du bist ein Vollweib, schön, sexy und extrem intelligent. Die Tante aus der Talkrunde ist eine abgemagerte Zicke, die Tag für Tag versucht, ihrem Frust auf dem Laufband davonzurennen.«
»Sollte Kreuzer dich vernehmen, solltest du vielleicht deine Ausdrucksweise überdenken«, kontert Elsbeth kühl.
»Wieso das denn?«
»Angela Ludwig ist tot. Sie wurde letzte Nacht ermordet.«
»Warum wundert mich das nicht? Die Alte konnte einen echt auf die Palme bringen. Lustfeindlich bis zum Gehtnichtmehr und – als würde das nicht schon reichen – auch noch extrem rechthaberisch.«
»Jetzt halt mal die Luft an und lass mich reden, okay. Was hast du gestern Abend gemacht?«
»Ich war mit dem Rad unterwegs. Kleines Extratraining. Nach List hoch und dann wieder zurück.«
»Wann war das?«
»So zwischen sechs und acht, schätze ich. Hab nicht auf die Uhr gesehen. War aber ganz schön frisch draußen.«
»Seit wann fährst du im Dunkeln?«
»Ist das jetzt ein Verhör, Frau Staatsanwältin?«
»Ich möchte dich gern so weit wie möglich aus den Ermittlungen heraushalten, aber dafür muss ich alle Fakten kennen.«
»Na dann. Hier die peinliche Wahrheit. Ich habe den ganzen Tag gebraucht, um meinen inneren Schweinehund zu überwinden. Sogar dein nimmermüder sportlicher Lover hat mal einen Durchhänger. Gegen Abend hat dann mein Über-Ich gesiegt, und ich habe mich noch mal zum Training aufgerafft. War aber schweinekalt draußen, wie gesagt.«
»Was hast du gemacht, nachdem du nach Hause gekommen bist?«
»Geduscht.«
»Und weiter?«
»Ich hab mich mit einem alkoholfreien Grog vor die Glotze geworfen.«
»Allein?«
»Na sicher.«
»Scheiße.«
»Wäre es dir lieber gewesen, ich hätte mir eine Dame vom Escort-Service eingeladen?«
»Hör auf mit den blöden Sprüchen. Wir beide wissen ganz genau, was in der Talkrunde passiert ist. Du hast Angela Ludwig vor laufenden Kameras eine frigide Ziege genannt, deren einzige Lust es sei, ihren ausgemergelten Körper im Fitnessstudio zu malträtieren.«
»Das hast du völlig korrekt widergegeben. Und sie ist daraufhin mit einer Geschwindigkeit an die Decke gegangen, von der sie sich in Cape Canaveral noch ’ne Scheibe abschneiden können. Aber warum macht mich das jetzt verdächtig? Schließlich hat sie ja nicht mich umgebracht, was ich durchaus hätte nachvollziehen können, sondern sie ist selbst abgemurkst worden. Wobei mich natürlich die näheren Umstände beiläufig sehr interessieren würden.«
»Geht’s noch? Damit du dich womöglich in der Vernehmung verquatschst und die Kommissare dir auch noch Täterwissen nachweisen können?«
»Sorry, stimmt. Aber jetzt mal im Ernst. Obwohl ich meine Feindschaft mit Bastian Kreuzer leidenschaftlich gern pflege, halte ich ihn doch nicht für einen Idioten. Warum sollte er also annehmen, dass ich was mit dem Mord zu tun habe?«
»Erstens: Der Mord geschah offenbar im Affekt, die Tatwaffe lag in der Nähe des Tatortes herum und wurde eher zufällig ausgewählt. Und zweitens: Angela Ludwig war mit dem Rad unterwegs und du leider auch. Ihr könntet euch begegnet sein, euch angeblafft haben, und dann bist du ausgerastet.«
»Bullshit.«
»Das denke ich auch. Aber erst mal hört es sich nicht ganz unwahrscheinlich an. Und du hast kein Alibi.«
»Wie wäre es mit Im Zweifel für den Angeklagten, Frau Staatsanwältin?«
Elsbeth von Bispingen seufzt. »Das ist nicht komisch, Fred. Und ich kenne deine Freude an der Provokation nur zu genau. Bitte versprich mir also eines: Wenn Kreuzer bei dir auftaucht, bleib sachlich und höflich. Du hast lediglich kein Alibi für die Mordnacht und außerdem einen öffentlich ausgetragenen Streit mit dem Opfer gehabt. Das heißt noch lange nichts. Aber wenn du dich in Widersprüche verwickeln oder gar deine beleidigenden Äußerungen wiederholen solltest, könnte es unangenehm für dich werden. Und das wollen wir beide nicht.«
»Na gut, Liebste, weil du es bist. Ich werde sanft sein wie ein Lämmchen und in aller Form kondolieren.«
»Keinen Sarkasmus, Fred, bitte!«
»Okay, okay. Aber lass uns über Erfreulicheres reden. Wann darf ich dich auf der Insel erwarten?«
Die Staatsanwältin lässt ihren Blick über den Schreibtisch wandern. Neben der frisch angelegten Akte zum Fall Angela Ludwig hat sie noch eine Vergewaltigung, zwei schwere Einbrüche sowie einen Ehekrach mit Todesfolge zu bearbeiten. »Mach dir keine Hoffnungen. Ich kann vor Arbeit nicht aus den Augen gucken und bleibe auf jeden Fall hier. – Das ist angesichts der Umstände wahrscheinlich ohnehin besser.«
»Und wenn ich es wirklich war? Dann würdest du doch kommen und mir beistehen, oder?«
»Sehr komisch, Fred. Wirklich sehr, sehr komisch!«