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Der August wurde so reif wie eine Frucht. Sonnenbraut und Rainfarn strahlten am Wegesrand, und meine Mutter rief an, um mir mitzuteilen, dass mein Onkel gestorben war.

Akute Pankreatitis und Leberzirrhose. In den letzten Jahren hatten seine Augen die Farbe von altem Urin angenommen, und seine Waden waren zu Ballons angeschwollen. Sie hielten den Leichnam tiefgekühlt, bis alle denkbaren Ammais und Achayans von Dubai bis Brampton, von Kolkata bis Schottland, zurückfliegen konnten, um ihn auf den Friedhof zu bringen. Der Zeitpunkt, zu dem mein Onkel den Löffel abgab, war bemerkenswert. Genau während unseres Erntedankfests. Seine Beerdigung fiel auf dessen Höhepunkt. Wäre ich noch dort gewesen, hätte ich mit großem und boshaftem Vergnügen das Sadya verspeist, als gäbe es an diesem Tag ausschließlich etwas zu feiern. Hätte mir roten Matta-Reis und Kokos-Parippu und Bohnen-Thoren in den Mund geschaufelt wie ein gieriger kleiner Junge. Hätte über die Klagelaute der Trauernden hinweg um einen Nachschlag von dem süßen, cremigen Payasam gebeten.

Zu meiner Mutter sagte ich steif: Verstehe. Tut mir leid, das zu hören. Ich bot nicht an, nach Hause zu kommen, um meine Eltern zu unterstützen. Um meine Mutter zu unterstützen.

Sie weinte. Du bist ein sehr kalter Mensch, sagte sie in unserer Sprache zu mir.

Sein ganzes Leben lang hatte mein Onkel sie tyrannisiert. Einmal hatte er sie in einem betrunkenen Wutanfall vor meinem Vater geschlagen, der ihn daraufhin kurzerhand in die Rhododendronbüsche warf. Danach entschied mein Onkel, dass ich ein strategischeres Ziel war. Er mochte mich, auf seine Weise. Eine Zuneigung, die mit etwas Düsterem und Ranzigem verbunden war.

Die Erinnerungen purzelten zurück, ineinandergerollt wie Socken. Mein Onkel, der vor dem Eisentor der Grundschule auf mich wartete. Wie ich auf ihn zurannte und mein Schulranzen dabei gegen meinen schmalen Rücken schlug. Jenem Menschen entgegen, der mir am meisten Aufmerksamkeit schenkte, der über jeden meiner Witze lachte, der sagte, dass er mich liebe. Ein flinkes Geschöpf mit riesigen Augen war Monchayan. Ein strähniger Hurrikan aus Haar, der das nackte Auge seiner Kopfhaut umkreiste. Er spielte Lego mit mir und trampelte dann auf dem Haus herum, das ich gebaut hatte. Wenn er wieder einmal arbeitslos war, nahm er mich mit auf seine langen, ziellosen Spaziergänge und kniff mich fest in meine Brustwarzen, wenn ich trödelte. Es gab noch andere Dinge, über die ich nicht einmal für eine einzige Sekunde nachdenken wollte.

Und hier war nun meine Mutter und weinte um diesen nutzlosen Mann.

Im Hintergrund hörte ich die Anfangsmusik der Kannada-Serie, die mein Großvater gern vom Bett aus schaute. Gott sei Dank war ich gerade weit entfernt von all den Menschen, die mir wehgetan oder mich übersehen hatten, den Nachbarinnen und Cousins, die meine Eltern gefeiert hatten, als sie kleinere Erfolge vorweisen konnten, und sie sichtbar verachteten, nachdem ihnen diese wieder genommen worden waren. Wenn ich es irgendwie verhindern konnte, würde ich nie wieder dort leben.

Ja, antwortete ich meiner Mutter bissig, du hast recht, sehr scharfsinnig beobachtet.

Nachdem sie aufgelegt hatte, durchfuhr mich ein plötzlicher, stechender Schmerz. Ich dachte an meine Eltern, die zwei Ozeane entfernt lebten, mit ihren nachlassenden Körpern und ihrer eigenen Last.

Schweigend wischte ich die Küchenoberflächen ab und wrang den Lappen in der Spüle aus.

Die Zeiger der Uhr waren dort stehen geblieben, wo sie sich zum Zeitpunkt ihres Falls befunden hatten. Dies wirkte wie eine Metapher dafür, wie Menschen waren. Aus einem Impuls heraus hatte ich sie sichtbar auf ein Küchenregal gestellt. Der Nagel, an dem sie hätte hängen sollen, steckte nach oben verbogen in der Trockenbauwand, nackt und allein.

Ich sehnte mich nach Freundschaft. Thom hatte Peters Angebot angenommen und würde im September anfangen. Er hatte sich nicht einmal bei mir bedankt. Er war mittlerweile aus Madison fortgezogen und wohnte gerade in Wauwatosa im Haus seiner Mutter, wofür er sich schämte, eine Scham, die ich als nicht ganz gerechtfertigt empfand, da dort, wo ich herkam, Kinder bis weit ins Erwachsenenalter hinein bei ihren Eltern lebten.

Aber wie schloss man in Milwaukee Freundschaften? Oder überhaupt irgendwo? Ich war genervt von dem einen Menschen, den ich in der Umgebung kannte. Die Arbeit schien kein fruchtbarer Boden zum Kontakteknüpfen zu sein, sofern ich nicht mit behäbigen mittelalten Republikanerinnen namens Susan zu Weinabenden gehen wollte.

Und selbst wenn ein gewisser perverser Teil von mir das wollte, behandelten mich die Susans, als würde ich nicht existieren. Meine eigene konkrete Susan, eine Projektmanagerin in dem Batterien herstellenden Mischkonzern, bezeichnete mich – wenn ich mich recht erinnere – als eine Ressource. In meinem Beisein.

Ich wünschte mir eine Freundin. Und ich wünschte mir eine Frau. Ich wusste nicht, ob diese beiden Sehnsüchte voneinander getrennt waren. Jemanden, mit dem ich umherstreunen konnte. Eine lachende, lebhafte Frau mit einem Auto.

Pulp Fiction hatte nach nur wenigen Wochen ihr Glück woanders gesucht, und ich merkte, dass es ihr Vergnügen bereitete, mich in sporadischen nächtlichen Textnachrichten mit diesen Eroberungen zu quälen. Ich ging erneut in die Bar, lief eine Stunde bis dorthin und wieder zurück, konnte meinen Erfolg aber nicht wiederholen. Ich schaute mich auf Craigslist um. Alle Inserierenden schienen psychisch labil oder eine sehr teure Taxifahrt entfernt zu sein.

Ich war es bereits leid, die zwei Busse zum Hauptsitz der Fortune-500 -Firma zu nehmen. Fünfundsechzig Minuten des Pendelns, des Wartens, während SUV s – amerikanische Autos, die aussahen, als wären sie mit Lastwagen gekreuzt worden – an mir vorbeirasten.

Schweiß auf meiner Haut. Ich starrte auf die Klimaanlage, die in der Ecke der von meinem Chef bezahlten Wohnung Staub ansammelte. Ohne einen genauen Zeitrahmen zu bestimmen, fragte ich mich, was wohl mit mir geschehen würde.