nem, Griechen, Juden, Stewardessen bei Fluglinien, Iren und Schotten. Wäre sie je einem Bulgaren oder einem Bewohner der Äußeren Mongolei begegnet, dann hätte sie wahrscheinlich entdeckt, daß man auch denen nicht trauen könne.
Elaine beobachtete den Kellner, der den Wein eingoß, mit eigensinniger Miene. Der Ober war dunkel und hatte ein mediterranes Aussehen. Damon hoffte, daß er das Ende von Elaines Tirade nicht mitgekriegt hatte.
«Er hatte also eine Garage in Connecticut», sagte Elaine, als der Kellner gegangen war und sie ein halbes Glas Wein hinuntergegossen hatte. «Ich wette, da gibt es acht andere Onkel, die niemals eine Garage, dafür aber eine Menge anderer Dinge erblickt haben, die die Polizei von Zeit zu Zeit interessiert haben könnten.»
«Ich habe gesagt, hör auf mit der italienischen Masche.»
«Du hast meine Hilfe erbeten.» Jetzt war sie gekränkt. «Wenn du mir nicht zuhören willst, dann brauche ich dir gar nicht erst zu sagen, was ich denke.»
«Okay, okay», sagte er verdrossen, «ich werde diese Liste anfertigen.»
«Und sieh dir auch die Liste deiner Frau gut an, wenn du schon mal dabei bist», sagte Elaine. «Und ich hoffe, du bist am Ende dieser ganzen Affäre noch verheiratet. Bitte» -ihre Stimme wurde weicher - «bitte, sei vorsichtig. Sieh zu, daß dir nichts passiert. Ich muß wissen, daß du okay und gut zuwege bist. Heute wie eh und je. Ich freue mich, dich zu sehen, aus welchem Anlaß auch immer. Tun wir so mit dem Rest der Flasche, als ob dies ein romantischer, erinnerungsträchtiger Lunch wäre und du mein herrlicher alter Liebhaber, der seit dreißig Jahren an gebrochenem Herzen leidet, weil wir uns getrennt haben.»
Sie schenkte sich noch ein Glas Wein ein und hob es ihm zu einem Toast entgegen. «Nun wollen wir die Sache für den Rest der Mahlzeit vergessen und versuchen, aus unserem Zusammensein etwas Freude zu schöpfen, weil wir immer noch fähig sind, zu essen und zu trinken, ohne einander umbringen zu wollen. Und nun mal ehrlich: Findest du, daß ich mir das Gesicht liften lassen sollte?»
6
NACH DEM LUNCH GING ER LANGSAM IN SEIN BÜRO ZURÜCK Und
überdachte, was Elaine ihm gesagt hatte, während sie ihrem Drink zu Leibe rückte; dabei nahm er kaum die Menschen wahr, die sich um ihn herum bewegten; und die Namen von Männern und Frauen, die er in seinem langen Leben gekannt hatte, ordneten sich in seinem Hirn keineswegs zu einer übersichtlichen und brauchbaren Liste, wie Elaine vorgeschlagen hatte, sondern quirlten nebelhaft und konfus durcheinander. Dann sah er plötzlich einen etwas vomübergeneigten kleinen alten Mann mit dicken Brillengläsern in einem schwarzen Mantel mit Pelzkragen auf sich zukommen. Bisher hatte er nur einen Mann mit einem solchen Mantel gekannt - Harrison Gray.
«Harrison!» rief er, eilte ihm entgegen und streckte die Hand aus.
Der Mann blieb stehen und sah ihn verwundert und durch den Gruß halb erschrocken an. Er legte die Hände auf den Rücken. «Hier muß ein Irrtum vorliegen, mein Herr», sagte der alte Mann. «Mein Name ist George.»
Damon trat zurück, blinzelte ein paarmal und schüttelte den Kopf, um seine Gedanken zu klären. «Ich bitte um Entschuldigung», sagte er, beinahe stammelnd. «Sie sehen einem meiner besten Freunde täuschend ähnlich. Ich weiß nicht, woran ich gedacht habe. Er ist tot, müssen Sie wissen ...» Der Mann sah ihn mißtrauisch an, schnüffelte, als entdecke er die vor dem Lunch genossenen Martinis in Damons Atem. «Ich bin nicht tot», sagte er gekränkt. «Wie Sie hoffentlich sehen.»
«Verzeihen Sie, mein Herr», sagte Damon lahm. «Ich muß Geister gesehen haben.»
«Das ist das allermindeste», sagte der Mann trocken. «Und wenn Sie mir jetzt gestatten würden ...»
«Gewiß.» Damon trat zur Seite, um den alten Herrn vorbeizulassen. Dann schüttelte er abermals heftig den Kopf; und während er fühlte, wie ihm am ganzen Körper der kalte Schweiß ausbrach, setzte er den Weg zu seinem Büro fort, wobei er jeden Schritt bedachte und sorgsam beim Überqueren einer Straße auf das Nahen schneller Autos achtete. Als er jedoch vor der Tür seines Hauses in der 43sten Straße stand, hielt er an, starrte dumpf auf die Leute, die ein und aus gingen, und wußte, daß er nicht imstande sein würde, einzutreten, den Fahrstuhl zu nehmen, Miss Walton und Oliver Gabrielsen gegenüberzutreten, als sei dies ein gewöhnlicher Nachmittag und sie könnten sich darauf verlassen, daß er seine Arbeit mit der üblichen Routine erledigen würde.
Tote Männer auf der Straße ansprechen. Er fröstelte bei dem Gedanken. Oft hatte er gerade zu dieser Stunde mit Mr. Gray seinen Lunch eine Straße weiter uptown im Al-gonquin eingenommen, und noch öfter sich vom Speisesaal zur Bar begeben, der Mr. Gray durch viele Jahre eines stillen Säufertums zugetan war, um einen Nachmittagsbrandy zu trinken, Mr. Grays Lieblingsgetränk.
Fast automatisch schlug Damon den Weg zur Sixth Avenue ein, die jetzt Avenue of the Americas hieß (O Amigo, was ist Amerika?), bog in die 44Ste Straße ein und betrat die Algonquin-Bar, die er seit Mr. Grays Tod nur noch selten besucht hatte. Er mochte die Bar und hatte sich keine Rechenschaft über die Gründe gegeben, weshalb der Tod seines Freundes und Partners ein Signal gewesen war, sie zu meiden.
Die Toten haben ihre Ansprüche, dachte er, als er sich an der kleinen vertrauten Bar niedersetzte; die Orte, an denen unsere Gespräche in der Stille eines Nachmittags stattgefunden haben, sind ihnen Vorbehalten. Bis auf ihn war die Bar leer, und er kannte den Barmann nicht mehr. Er bestellte einen Cognac, nicht den üblichen Scotch, denn ihm fiel ein, daß Mr. Gray (seltsamerweise dachte er trotz ihrer langen Freundschaft an ihn als Mr. Gray, statt ihn bei seinem Vornamen zu nennen) Bisquit Dubouchet bevorzugt hatte. Der Geruch beflügelte die Erinnerung, und einen Augenblick war Mr. Gray ein lebendiges Wesen an seiner Seite. Seine Gegenwart war nicht makaber, die Erinnerung nicht leidvoll, sondern warm und tröstlich.
Das letzte Mal, daß er Mr. Gray gesehen hatte, war an seinem und Sheilas zehntem Hochzeitstag gewesen. Damals hatten sie eine kleine Party in ihrer Wohnung gegeben und ein paar Autoren der Agentur eingeladen, die sie besonders schätzten, außerdem einen alten Freund Damons, Martin Crewes, der ein Klient gewesen und nach Hollywood gezogen war, wo er jetzt als hochbezahlter Filmskriptautor lebte und einen Manager hatte, der die Abschlüsse für ihn tätigte. Damals war er gerade in New York, um mit einem Regisseur zu verhandeln, und Damon hatte sich gefreut, als er am vorhergehenden Tag seine Stimme am Telefon gehört hatte. Sie waren gut Freund gewesen, und er hatte sich stets als ehrlicher und begabter Mann und angenehmer Gesellschafter erwiesen. Er hatte zwei schöne Romane über die Kleinstadt in Ohio geschrieben, in der er aufgewachsen war, aber diese hatten sich fast gar nicht verkauft, und Crewes hatte Damon und Mr. Gray gesagt, daß er an die Westküste übersiedeln wolle. «Zum Teufel damit. Ich gebe auf. Ich bin das Verhungern leid. Es muß eine obere Grenze dafür geben, wie oft man mit dem Kopf gegen die Mauer rennt. Das einzige, was ich kann, ist schreiben, und wenn mich jemand dafür bezahlen will, dann soll Gott ihn schützen. Ich will versuchen, keine Scheiße zu fabrizieren, aber wenn sie von mir verlangt wird, dann werde ich sie liefern.» Er war ein witziger Mann mit viel Geschmack, als Damon ihn kannte, aber nach einigen Minuten, während der Drinks vor dem Essen, merkte Damon zu seinem Kummer, daß sich sein Freund in einen humorlosen und hochtrabenden Schwätzer verwandelt hatte, der öde Anekdoten über Produzenten, Regisseure
und Filmstars erzählte und seine Unterhaltung mit einem hohen, nervösen Kichern akzentuierte, das Damon irritierte und ihm auf die Nerven ging.
Er war ein kompakt gebauter, dicklicher junger Mann gewesen, aber jetzt war er bis auf die Knochen abgemagert, und Damon nahm an, daß er mindestens zwei Stunden am Tag Gymnastik trieb und nur Obst und Nüsse aß, um seine straffe Ballettänzerfigur zu pflegen. Sein Haar glänzte in einer unnatürlichen schwarzen Farbe und war zu einer Art Pagenfrisur gestutzt, die die Ohren völlig bedeckte. Er trug einen schwarzen Rollkragenpullover und eine dicke Goldkette, die auf seiner Brust prangte, eine schwarze Hose und ein beigefarbenes Kaschmirjackett. Der Kleinstadtjunge aus Ohio, über den er einst geschrieben hatte, war total zum Verschwinden gebracht worden.
Er war noch kaum zehn Minuten da, als er den anwesenden Gästen bereits mitgeteilt hatte, daß der Film, den er soeben vollendet hatte, eine kühle Sieben gekostet habe, daß der nächste von epischer Breite sein würde und man sich glücklich schätzen könne, wenn er unter Zehn herzustellen sei. Es dauerte eine Weile, bis Damon begriff, daß die Sieben sieben Millionen und die Zehn zehn Millionen waren. Mr. Gray, der später kam als die anderen Gäste, machte aus seiner Abneigung gegen Crewes keinen Hehl. Er begrüßte ihn mit den Worten: «Aha, Stonewall Crewes ist endlich zurückgekehrt, um die Huldigung seiner zwar kritischen, aber treuen Truppen entgegenzunehmen» -und Damon merkte, daß es ein Fehler gewesen war, den Skriptschreiber zu dieser Party einzuladen. Als Mr. Gray zurücktrat, um Crewes zu mustern wie ein Gemälde im Museum, und dann im Ton gespielten Erstaunens ausrief: «Ist das die Uniform der Paramount?», da wußte er, daß Crewes ihn nie mehr aufsuchen würde, wann immer er auch nach New York kommen mochte.
Dennoch war die Party gelungen; Crewes ging früh, nachdem er lediglich etwas Sodawasser, in dem eine Zitronenscheibe schwamm, getrunken und ein wenig am Salat und an den Rändern des gebackenen Schinkens geknabbert hatte, den ihm Sheila auf den Teller getan hatte.
Die Damons wollten am nächsten Tag zu einer Europareise aufbrechen, die einen Monat dauern sollte; und die Freunde, die Europa schon kannten, erzählten ihnen von Orten, die sie auf keinen Fall versäumen dürften; die Freunde hingegen, die Europa nicht kannten, sagten ihnen, wie sehr sie die Reiselustigen beneideten, und Mr. Gray beschenkte Damon mit einer feierlichen Rede und einem ledergebundenen Tagebuch, in dem er seine Eindrücke von der Reise niederlegen sollte; er gab Sheila einen Rechenschieber in einem Etui aus Wildleder, von dem man ablesen konnte, wie man Meter und Zentimeter in Yards und Inches und fremdländische Währungen in Dollars umrechnete.
Die Party endete spät, aber Damon merkte, daß Mr. Gray noch nicht gehen wollte; er schenkte ihm den dritten Brandy des Abends ein und flüsterte: «Bleiben Sie doch noch ein Weilchen», bevor er sich von den anderen Gästen verabschiedete. Sheila begab sich ins Schlafzimmer, um noch das Allerletzte einzupacken, und Damon mixte sich einen Drink und setzte sich auf den Sessel neben dem Couchende, auf dem Mr. Gray Platz genommen hatte.
«Ich muß mich entschuldigen, Roger», sagte Mr. Gray, «für das, was ich Crewes angetan habe. Er war schließlich einer Ihrer Gäste.»
«Unsinn», sagte Damon. «Jeder Mensch, der in einer solchen Aufmachung zu einer Party in New York erscheint, hat verdient, was er kriegt.»
«Ich konnte mich nicht zügeln», sagte Mr. Gray. «Sie wissen, ich habe nichts gegen Filme an sich. Ich liebe sie sogar. Und ich habe auch nichts gegen die Leute, die sie machen. Aber wenn ich einen Mann sehe, der so begabt war wie Crewes und sich dann so hat gehenlassen und in zehn Jahren kein brauchbares Wort mehr geschrieben hat, dann werde ich traurig. Was da vergeudet ist, Mann, was da vergeudet wird! Wir haben Autoren gehabt, denen ich
geraten habe, da- oder dorthin zu gehen und dort zu bleiben, weil ich wußte, daß sie besser damit fahren würden, anderer Leute Material zu bearbeiten und damit die schwere Bürde, selbst kreativ sein zu müssen, nicht mehr zu tragen hätten. Dafür würden sie dann auch noch bezahlt. Ich unterschätze keineswegs die Liebe zum Geld, die manche Leute hegen, und jedenfalls ist es keine Phrase, wenn man sagt, daß der Verlierer sein Leben lang nur im Auftrag schreiben darf. Dann gibt es aber andererseits auch Männer, denen ich geraten habe, einen eigenen Film zu machen, um der Erfahrung und des Geldes willen, weil ich wußte, daß sie zurückkommen und das Werk vollbringen würden, für das sie geboren waren.» Er schlürfte traurig seinen Brandy. «Und in Crewes' Fall war es eine persönliche Enttäuschung. Ich dachte, ich könnte ihn formen. Ich habe einen Einakter von ihm in einer dieser Aufführungen der Equity-Bibliothek gesehen und habe ihn aufgesucht und ihm gesagt, er sei ein Romanschriftsteller und kein Dramatiker, und ich habe ihn ein ganzes Jahr lang finanziert, während er an seinem ersten Buch arbeitete, und er war einer der verheißungsvollsten jungen Männer, die mir je ins Büro gekommen sind. Was ist er jetzt? Ein sonnenverbrannter Gockel, der im Hühnerhof kräht.» Er verzog den Mund vor Ekel. «Ach, warum weiterreden? In unserem Beruf ist Enttäuschung das einzige, das wir todsicher in jeder Morgenpost wiederfinden.» Eine Weile nuckelte er schweigend an seinem Getränk und starrte dabei nachdenklich in die Glut des verlöschenden Feuers. «Nicht nur in unserem Beruf», sagte er bitter. «Mein Sohn, zum Beispiel.»
«Was?» sagte Damon überrascht. Er wußte, daß Mr. Gray verheiratet gewesen und bereits Witwer war, als er ihn kennenlernte, aber den Sohn hatte er noch nie erwähnt.
«Mein Sohn», wiederholte Mr. Gray. «Er ist ein Getreidehändler, der Termingeschäfte macht und dergleichen. Während des Krieges ist er vermögend geworden. Auch danach. Wartete ab, bis die Preise stiegen, bevor er den hungernden Millionen in Europa und Asien Weizen verkaufte. Er war ein brillanter Bursche, schon fast ein Genie. Sein Gebiet waren Mathematik und Physik. Er hätte an jeder Universität eines jeden Staates der Star seiner Fakultät sein können. Er war eine goldene Frucht einer ansonsten verfehlten Ehe. Er machte durchaus von seinen Talenten Gebrauch - zu deichseln, zu feilschen, sich eines jeden Tricks und Winkelzugs zu bedienen, die Gesetz und Marktlage ihm boten. Ich habe vor nicht langer Zeit gelesen, daß er der jüngste Multimillionär der Vereinigten Staaten sei, der sich seine Millionen durch eigene Arbeit erworben hat. Mit dem steinernen Herzen eines Wächters im Konzentrationslager. Das stand im Time-Magazin.»
«Das hab' ich nicht gelesen», sagte Damon.
«Ich hab's nicht in der Tasche mit mir rumgetragen, um es den Freunden zu zeigen.» Mr. Gray lächelte schwach.
«Ich habe nicht einmal gewußt, daß Sie einen Sohn haben», sagte Damon.
«Es schmerzt mich, von ihm zu reden.»
«Sie haben auch nicht von Ihrer Frau gesprochen. Ich hatte angenommen, das sei das schmerzliche Thema.»
«Meine Frau ist jung gestorben.» Mr. Gray zuckte die Achseln. «Auch kein großer Verlust. Ich war schüchtern, und sie war demütig, und sie war das erste Mädchen, das sich von mir küssen ließ. Sie ist, glaube ich, vor Verlegenheit gestorben, Verlegenheit, am Leben zu sein und auf dem Planeten Platz wegzunehmen. Es war kein Funken wahren Lebens in ihr; vom Tag ihrer Geburt an hatte sie die Seele einer Sklavin. Mein Sohn hat sich, meiner Überzeugung nach, zu dem entwickelt, was er ist, weil er sich seine Mutter angesehen und sich gesagt hat, er wolle in jeder nur möglichen Hinsicht anders sein als sie. Und mich hat er verabscheut. Das letzte Mal, daß er mit mir sprach - ich höre noch heute die Verachtung in seiner Stimme, als er es sagte -, hat er mir erklärt, ich sei's zufrieden, in meiner Ecke zu hocken und mein Leben von Brosamen zu fristen;
er sei's nicht.» Mr. Gray stieß ein kurzes Gelächter aus. «Nun ja, da sitze ich immer noch in meiner Ecke, und er ist der jüngste self-made-Multimillionär in Amerika.» Er seufzte, trank seinen Brandy aus, sah Damon fragend an. «Glauben Sie, ich könnte mir noch einen genehmigen?»
«Gewiß», sagte Damon und füllte sein Glas von neuem.
Mr. Gray beugte den Kopf, wie um den Duft des Cognacs einzuatmen. Damon hatte den Eindruck, daß er weine und es zu verbergen suche. «Ach», sagte er schließlich, den Kopf noch gesenkt, «ich habe Sie nicht aufgehalten, um über mein Privatleben zu jammern. Ein alter Mann, spät in der Nacht, unter dem Einfluß von einem kleinen bißchen zuviel Brandy...» Seine Stimme verlor sich. «Wenn's Ihnen nichts ausmacht, Roger, ich habe meine Mappe in der Diele gelassen; könnten Sie sie mir bitte holen?»
Damon ließ sich mit dem Holen der Mappe Zeit, damit Mr. Gray seine Tränen trocknen konnte. Er hörte ihn laut die Nase schnauben. Die Mappe war schwer, und Damon überlegte sich, was wohl darin sein könne oder warum Mr. Gray eine Mappe zur Party mitgebracht habe.
«Aha, da wären wir», sagte Mr. Gray fröhlich, als Damon den Raum betrat. «Sie haben sie gefunden.» Er stellte sein Glas Brandy nieder und nahm die Mappe auf die Knie. Die Mappe war für gewöhnlich mit Manuskripten gefüllt, die er mit nach Hause nahm, um sie nach den Bürostunden und an Wochenenden zu lesen. Er streichelte das abgegriffene Leder und entnahm ihr ein Pillenfläschchen. Er schüttelte sich eine Pille heraus und steckte sie unter die Zunge. Damon merkte, daß die geäderte, leberfleckige Hand zitterte. «Der Brandy bringt das Herz zum Rasen», sagte Mr. Gray fast entschuldigend, als sei er als Gast dem Gastgeber gegenüber unhöflich, wenn er sich seine eigene Nahrung verschaffe. «Die Ärzte warnen mich, aber ganz ohne Laster kann ich nicht leben.» Seine Stimme wurde unvermittelt stärker, und seine Hände hörten auf zu zittern. «Was war das für eine nette Gesellschaft! Und Sheila sieht immer so großartig aus in ihrem eigenen Haushalt. Zehn Jahre, stimmt's? Mein Gott, wie die Jahre verfliegen!» Er war einer der Trauzeugen gewesen. «Ihr paßt zueinander. Wäre ich jünger, dann wäre ich eifersüchtig auf eure Ehe. Und wenn ich Sie wäre, dann würde ich sehr sorgfältig alles vermeiden, was sie stören könnte.»
«Ich weiß, worauf Sie anspielen», sagte Dämon unbehaglich.
«Diese kleinen nachmittäglichen Abwesenheiten, diese Anrufe ...»
«Wir haben eine Übereinkunft, Sheila und ich», sagte Damon. «Eine schweigende Übereinkunft. Gewissermaßen.»
«Ich mache Ihnen keine Vorhaltungen, Roger. Ich habe mir sogar ein anteiliges Vergnügen aus Ihren nachmittäglichen Abwesenheiten gemacht. Ich habe mir in meiner Phantasie vorgestellt, wie es sein würde, wenn man so gut aussieht wie Sie, so scharf ist, so einer, hinter dem die Frauen her sind ... das hat mir so manchen trüben Tag erhellt. Aber Sie sind nicht mehr jung, das Feuer sollte jetzt unter Kontrolle sein, Sie haben etwas Kostbares zu hüten ...»
«Sie haben vorhin schon ganz richtig gesagt, man könne nicht ganz ohne Laster leben.» Damon lachte, um das Gespräch leichter zu gestalten. «Und ich trinke sehr selten Brandy.»
Darüber mußte auch Mr. Gray lachen, ein alter Freund, ein Kumpel am selben Arbeitsplatz. «Na ja», sagte er, «immerhin - Sie können sich das erlauben.» Dann wurde seine Miene wieder ernst. Noch einmal öffnete er die Lasche seiner Mappe, die er auf dem Schoß hielt. Er zog einen prall gefüllten großen Umschlag heraus. «Roger», sagte er leise. «Ich möchte Sie um einen großen Gefallen bitten. Jahre der Arbeit stecken in diesem Umschlag und eine lebenslange Hoffnung. Es ist ein Manuskript.» Er lachte unfroh. «Es ist ein Buch, das ich gerade erst zu Ende geschrieben habe. Das einzige Buch, das ich geschrieben habe oder wahrscheinlich je schreiben werde. Als ich ein junger Mann
war, wollte ich Schriftsteller werden. Ich hab's versucht, aber es führte zu nichts. Ich hatte zuviel gelesen, um noch glauben zu können, daß das von mir Geschriebene überhaupt etwas wert sei. Da habe ich dann das Nächstbeste getan, wie ich meine. Ich wollte zum Gefäß werden, zum Mittler, zum Flußbett gewissermaßen, für das Werk guter Schriftsteller. Hier und da, könnte man sagen, ist mir das auch gelungen, aber darauf kommt's nicht an. Mit dem Alter, sozusagen, mit dem Eintauchen in Worte, mit der jahrelangen Beobachtung, Kritik, Redaktion meinte ich, genügend Weisheit gesammelt zu haben, um selbst etwas schaffen zu können, das dem Rest meines Lebens bleibenden Wert leiht. Wenn Sie jetzt auf Reisen gehen, wird es vielleicht Regentage geben, an denen Sie Ihr Hotel nicht verlassen können, vielleicht auch lange Fahrten im Zug, Nächte, in denen Sie es satt haben, einer fremden Sprache zuzuhören. Wenn Sie zurückkommen, haben Sie es hoffentlich gelesen. Niemand außer mir, nicht einmal eine Tippse, hat es bisher zu sehen gekriegt.» Er holte tief Atem, legte die Hand an die Kehle, als wolle er sich dort nach einer Anstrengung Erleichterung verschaffen. «Wenn Sie mir sagen, daß es gut ist, dann werde ich's rumzeigen. Wenn Sie mir sagen, daß es nichts taugt, werde ich's verbrennen.» Damon nahm den Umschlag. Darauf stand in Mr. Grays sauberer runder Handschrift geschrieben: «Einzelreise von Harrison Gray». «Ich kann kaum abwarten, es zu lesen», sagte er.
«Bitte», sagte Mr. Gray, «Sie müssen mindestens dreitausend Meilen weit weg sein, bevor Sie ein Auge auf die erste Zeile werfen.»
Die Reise war alles, was sie sich erhoffen konnten - und mehr. Sie wanderten ohne Zeitplan, wie die Laune sie trieb, reisig und frei, und fanden ein neues Vergnügen am vier-undzwanzigstündigen Zusammensein Tag um Tag; sie gingen Hand in Hand wie ein junges Liebespaar an der Seine entlang und an den Ufern des Tibers, durch den Palazzo degli Uffici, auf einem Gebirgspfad in den Schweizer Alpen, über die Brücken der Kanäle nahe der großen Lagune. Sie standen schweigend vor der Kathedrale von Chartres und stiegen empor zum Gipfel von Mont St. Michel. Zusammen lasen sie, was Henry James über Paris geschrieben hatte, Ruskins The Stones of Venice und Stendhals Betrachtungen über Rom, sie aßen im Frühlingssonnenlicht eine Bouillabaisse im Restaurant, das den Hafen von Antibes vor sich hatte, und fettuccine alpesto an Tischen, die das Ligurische Meer überblickten. Wäre Mr. Grays Manuskript nicht gewesen, dann hätte Damon sich keine vollkommeneren Ferien vorstellen können. Als Sheila ihn fragte, wie ihm das Buch gefiele, sagte Damon, es sei gut. Aber er log. Das Buch lag tot in seinen Händen. Harrison Gray war als junger Mann ein paar Monate auf einem Trampdampfer um die Inseln des südlichen Pazifik gereist, und das Buch war eine in Romanform erzählte Erinnerung an diese Reise. Es kam ihm vor wie eine langweilige Paraphrase auf Conrads Jugend.
Mr. Gray, dieser zartsinnige und pedantische junge Mann, der so sehr auf die Formulierung einer Phrase achtete, so hellhörig war im Entdecken einer falschen Note in einer erdachten Person, so scharf im Entlarven unechter Töne oder hohler Rhetorik, so versunken in den Glanz der großen Literatur und ihr so ganz ergeben, hatte ein so schales, tolpatschiges Buch voller Gemeinplätze geschrieben, daß Damon innerlich weinte, als er sich durch die Seiten quälte, auf denen keine zwei Sätze standen, die einander bedingten, und keine Spur von der Musik oder der Würze der englischen Sprache war darin zu finden. Als sich der Reisemonat dem Ende näherte, schrak Damon vor dem Gedanken an die Heimreise und den Augenblick zurück, an dem er im Büro seinem alten und geliebten Freund gegenübertreten würde.
Aber Mr. Gray, ein Gentleman mit Zartgefühl bis zu seinem Ende, ersparte Damon die Konfrontation. Als er am ersten Tag nach seiner Heimkehr, das Manuskript unter
dem Arm, sein Büro betrat, wurde er an der Tür von der weinenden Miss Walton empfangen, die damals dünner war und ihr mausiges Haar in koketten Fransen trug; sie erzählte ihm, daß sie nicht gewußt habe, wo sie ihn in Europa erreichen könne, um ihm mitzuteilen, daß Mr. Gray in der vergangenen Woche gestorben war. In jener Nacht entzündete Damon, obwohl es warm und New York schon von der Macht des Sommers ergriffen war, ein Feuer im Kamin des Wohnzimmers und übergab Einzelreise Seite um Seite den Flammen. Es war das mindeste, was er tun konnte, um das Gedächtnis seines Freundes zu ehren.
In Erinnerung an alle diese Dinge starrte Damon auf die Bar und das Glas mit Brandy nieder, hob das Glas und trank es leer, zahlte dem Barmann und verließ das Hotel.
Ausnahmsweise ging er nicht die drei Kilometer nach Hause zu Fuß. Angesichts der vor ihm liegenden langen Nacht mit seiner Frau, mit all den Erklärungen, Geständnissen, Ängsten und Befürchtungen, war er nicht gestimmt, noch anderen betrauerten Toten auf den Straßen New Yorks zu begegnen.
Er hielt ein Taxi an und fuhr stumm nach Hause.
7
als er sheila am nächsten morgen beim Aufbruch zur Arbeit küßte, sah sie ernst und spitz aus. Es war eine strapaziöse Nacht gewesen, die damit begonnen hatte, daß Sheila ihn beim Eintreten fragte: «Was soll das mit der Pistole?»
«Wo hast du was von einer Pistole gehört?» hatte er geantwortet, schon reuig, daß er sie auch nur einen Tag lang in Unkenntnis des Geschehenen gelassen hatte.
«Ich habe mit Oliver zu Mittag gegessen», sagte sie. «Er ist ebenso um dich besorgt wie ich.»
«Na schön», sagte er. «Setz dich hin. Wir müssen etwas miteinander besprechen - ziemlich viel sogar.»
Dann erzählte er ihr mit denselben Worten, die er beim Lunch mit Elaine gebraucht hatte, von dem nächtlichen Telefonanruf. Er beichtete ihr sogar das meiste, wenn auch nicht alles, von dem, was Elaine ihm über die Aufstellung einer Liste von Leuten geraten hatte, die ihm vielleicht übelwollten. Aus Angst, sie zu verletzen oder sie glauben zu lassen, daß er ihr mißtraue, überging er Elaines Rat, Sheila solle eine eigene Liste anfertigen. Aus anderen Gründen überging er auch den Namen einer Frau, mit der er einmal vor langer Zeit eine Affäre gehabt, die ihn jedoch erst vor kurzem aus Chicago angerufen hatte und deren Familie (vielleicht aber auch sie selbst) von dem Gedanken an Rache - sei es mit Gewalt oder in barer Münze - verlockt sein könnte.
«Ich frage dich sehr ungern, Sheila», hatte er nach stundenlangen Diskussionen und Spekulationen, die sich immer wieder im Kreise drehten und, wie es ihm schien, zu keiner Entscheidung führten, gesagt, «aber könnte es vielleicht sein, daß jemand etwas gegen dich hat und sich durch mich an dir rächen will?»
«Hat Elaine so etwas angedeutet?»
«Etwas dieser Art.»
«Sieht ihr ähnlich», sagte Sheila kalt. «Hat sie dich wieder wegen Geld angezapft?»
«Nein, sie hat jetzt einen reichen Freund.»
«Man muß dem Himmel auch für kleine Gaben danken», sagte Sheila ironisch. «Laß mich nachdenken, ob ich meine Feinde zählen kann. Ja, da gibt es einen fünfjährigen Jungen in einer meiner Klassen, der gesagt hat, daß er mich haßt, denn ich habe ihn für zehn Minuten in die Ecke gestellt, weil er ein Mädchen zum Weinen gebracht hatte.» Sie lächelte. «Ach, mein Kopf ist müde und es ist spät. Gehn wir zu Bett; vielleicht wird morgen früh alles klarer sein.»
Aber jetzt war es Morgen und ein gewöhnlicher Arbeitstag, und sie verabschiedete sich von ihm mit besorgter und bekümmerter Miene. Er konnte an den Schatten unter ih-
ren Augen erkennen, daß sie nicht gut geschlafen hatte. Auch er hatte nicht gut geschlafen und wieder davon geträumt, daß sein Vater auf der Marmorbalustrade stand, ein Spielzeugpferd in der Hand hielt, ihm zulächelte und einladend zuwinkte.
Sie küßten sich an der Tür noch einmal, lang und innig, und sie sagte: «Sei auf der Hut», und er sagte: «Gewiß» und ging die Treppe hinunter und aus dem Haus in einen heulenden kalten Frühlingssturm. Unter anderen Umständen hätte er das Wetter als Ermunterung für den langen Marsch uptown empfunden, aber heute verkroch er sich in seinem Regenmantel, schlug den Kragen hoch bis über die Ohren und ging so schnell wie möglich, um einigermaßen warm zu bleiben. Die Gesichter der Leute, an denen er vorüberging, schienen spitz und feindlich, und wenn Gesichter en masse etwas darstellten, dann war es ein allgemein gewordener, allumfassender Haß und eine innere Gewißheit, daß alle Menschen - oder zumindest alle New Yorker - seine Feinde seien.
Im Büro war es nicht viel besser. Als Oliver eintrat, schloß Damon die Tür, die das Zimmer, in dem sie arbeiteten, von dem äußeren Zimmer trennte, um zu verhindern, daß Miss Walton ihr Gespräch mitanhörte. Dann sagte er barsch und zu laut: «In was für ein altes Weib hast du dich eigentlich verwandelt? Daß du über die ganze Stadt Klatsch verbreitest! Ich dachte, wir hätten eine Übereinkunft, daß Vorgänge in dieser Firma in der Firma bleiben.»
«Aha», sagte Oliver. «Sheila hat dir erzählt, daß wir zusammen geluncht haben.»
«In der Tat.»
«Hör zu, Roger», sagte Oliver mit ruhiger Stimme, obgleich Roger merkte, daß er verletzt war. «Sheila war von der Art deines Verhaltens seit ihrer Rückkehr aus Vermont betroffen und ich ebenso. Einen Revolver, um Himmels willen! Du schreist seit Jahren nach einem Gesetz zur Beschränkung der Waffenscheine, und ich habe deinen Namen auf Dutzenden von Petitionen an Kongreßabgeordnete gesehen.»
«Gut - dann habe ich eben meine Meinung geändert», sagte Roger immer noch mit zu lauter Stimme. «Das ist keine Rechtfertigung dafür, daß du hinter meinem Rücken Klatsch erzählst.»
«Roger, wenn ich mit deiner Frau ein Problem erörtere, das nichts mit dem Geschäft zu tun hat, dann verbreite ich keinen Klatsch über die ganze Stadt», sagte Oliver.
«Was macht dich so sicher, daß es nichts mit dem Geschäft zu tun hat? Vielleicht hat es verdammt viel damit zu tun.» Noch während er sprach, wußte Damon, daß er unfair war, aber er konnte sich nicht zügeln. «Und von jetzt an halte deinen verflixten Mund.»
Als Oliver sich abwandte und schweigend durch das Zimmer an seinen Schreibtisch ging, dachte Damon: Ein weiterer Minuspunkt für mich.
Sie sprachen den ganzen Morgen kein Wort mehr miteinander, und Damon konnte nur so tun, als arbeite er, indem er ärgerlich Papiere auf seinem Schreibtisch hin und her schob. Es war fast elf Uhr, als sein Apparat schnarrte.
«Mrs. Damon am Apparat», sagte Miss Walton.
Damon war überrascht. Sheila hatte es sich zur Pflicht gemacht, ihn niemals bei der Arbeit anzurufen. Falls sie doch mal im Büro anrief, dann erst gegen fünf Uhr, wenn sie wußte, daß er im Begriff war, das Büro zu verlassen, und sie ihn bitten wollte, auf dem Heimweg etwas abzuholen, oder wenn sie selbst in der Stadt war und ihn gern in der Nähe des Büros zu einem Drink getroffen oder mit ihm Abendbrot gegessen oder sich einen Film angesehen hätte.
«Stellen Sie durch», sagte er.
«Roger», sagte Sheila ohne jegliche Einleitung, «ich habe über deine Worte nachgedacht, ob ich vielleicht Feinde hätte.»
«Handelt es sich um den kleinen Jungen, den du in die Ecke gestellt hast?» fragte Damon. «Ist er tückisch gewor-
den?» Es war ein schlechter Scherz, und er wußte es, sobald er ihn aussprach.
«Es freut mich, daß du bei so guter Laune bist», sagte Sheila ärgerlich. «Ich bin's nicht.»
«Tut mir leid.»
«Da hat sich im letzten Trimester etwas zugetragen, woran ich hätte denken sollen. Da war nämlich ein Mann, der in der Nähe der Schule rumlungerte, den Kindern Süßigkeiten anbot und sie fragte, ob sie nicht zu einem Eiscreme-Soda mit ihm kommen wollten. Du weißt ja, daß die Mütter ihre Kinder zuweilen verspätet abholen; und die anderen Lehrer und ich selber sind zu sehr beschäftigt, um auf die Straße zu gehen und auf das Erscheinen der lieben Damen zu warten; wir geben den Kindern zwar strenge Anweisungen, sich nicht von dem Außentor wegzurühren, aber bei Vier- oder Fünfjährigen kann man nie wissen. Ich fing an, mir Sorgen zu machen, und bin an einem Nachmittag hinuntergegangen und habe dem Mann gesagt, es gefiele mir gar nicht, daß er vor der Schule herumlungere und die Kinder anspreche. Er war etwa fünfzig Jahre alt und recht gut gekleidet, aber ich wurde bei seinem Anblick schon mißtrauisch gegen ihn. Er tat, als fühle er sich gekränkt und sagte, er sei ein einsamer alter Mann im Ruhestand und liebe Kinder, und er fände es beleidigend, wenn ich auf schlimme Gedanken käme, bloß weil er ein paar Kindern Süßigkeiten anbiete. Danach kam er nicht mehr so oft, aber von Zeit zu Zeit sah ich ihn wieder; dann tat er so, als käme er ganz zufällig gerade vorbei, wenn die Schule aus war. Ich habe den Polizisten davon unterrichtet, und der Polizist hat ihn erwischt, wie er wieder vor der Schule herumlungerte, und ihm gesagt, wenn er ihn noch einmal hier erwische, dann würde er ihn auf Verdacht verhaften. Ich habe ihn seitdem nur noch ein einziges Mal gesehen, rein zufällig, und zwar in unserer Straße und vor unserem Haus, und er hat mich wütend angesehen und gesagt: <Du lesbisches Weibsstück! So, und nun geh hin und melde das der Polizei!>» Sie seufzte. «Ich habe ihn ausgelacht, und ich habe nie wieder daran gedacht - bis heute morgen. Aber ich habe gerade meinen Schreitisch durchstöbert und den Zettel gefunden, auf dem ich den von der Polizei ermittelten Namen aufgeschrieben habe. Willst du ihn wissen? Vielleicht bedeutet er nichts, aber wer weiß?»
«Wie ist der Name?»
«McVane. Seinen Vornamen weiß ich nicht. Das ist schon so viele Monate her, daß es eigentlich nicht möglich erscheint...» Ihre Stimme verlor sich.
«Alles ist möglich. Danke, Sheila.»
«Es tut mir so leid, daß ich dich in deiner Arbeit unterbrochen habe, aber ich dachte, du wolltest das gern wissen.»
«Tue ich.»
«Wie geht's heute morgen im Büro?»
«Wie geschmiert.»
«Hoffentlich hast du Oliver nicht ausgeschimpft.» Ihre Stimme klang besorgt.
«Wir hatten eine kurze Auseinandersetzung.» Er sah, daß Olivers Rücken, der ihm zugewandt war, sich versteifte, und war sicher, daß Oliver wußte, mit wem er sprach und wovon das Gespräch handelte.
«Großer Gott», sagte Sheila. «Welch ein Mist.»
Dann unterbrach Miss Walton. «Mr. Damon», sagte sie, «ein anderes Gespräch wartet auf Sie, ein Herr, der angibt, sein Name sei Schulter. Es sei wichtig, sagt er, und er ruft von einer Telefonzelle an und kann nicht warten.»
«Ich muß jetzt auflegen, Sheila», sagte Damon. «Wenn ich ein bißchen später nach Hause komme, mach dir keine Sorgen.»
«Letztes Bulletin, um dir den Tag zu versüßen», sagte Sheila. «Heute morgen hat mir der kleine Junge gesagt, daß er mich liebhat.»
«Das tut die ganze Welt», sagte Damon und hörte gleich darauf das Knacken, als sie auflegte.
Danach gab es ein paar Geräusche im Telefon, als Miss Walton mit der altmodischen Schaltanlage im Vorzimmer
hantierte. Dann sagte eine Männerstimme: «Schulter.» Die Stimme war barsch und erinnerte Damon an das Geräusch, das eine schwielige Hand verursacht, wenn sie über ein rauhes Stück Borke fährt.
«Jawohl», sagte Damon.
«Mrs. Sparman hat mich gebeten, Sie anzurufen.»
«Wer?»
«Elaine Sparman.»
«Ach so.» Er hatte vergessen, daß Sparman der Name ihres zweiten Mannes gewesen war. Wenn er an sie dachte, dann als Mrs. Damon.
«Ich bin in Ihrer Nähe. Ich gehe jetzt in die große Sand-wich-Bar in der Sixth Avenue. Können Sie dorthin kommen?»
«Wann?»
«Gleich. Da sind noch einige andere Individuen in der Nachbarschaft, mit denen ich reden muß, und bei denen muß ich mich noch vor dem Lunch einstellen.»
«Ich bin in wenigen Minuten dort. Wie erkenne ich Sie?»
Schulter lachte. «Ich bin der einzige Kriminalbeamte im Lokal, und so sehe ich auch aus - von Kopf bis Fuß. Aber für alle Fälle trage ich einen grauen Mantel und habe in meiner Hand eine Nummer des Wall Street Journal.»
«Verstanden. Und vielen Dank.»
«Noch keinen Dank. Ich habe bisher noch nichts für Sie getan. Also in zehn Minuten.»
Damon blieb einen Augenblick sitzen und starrte auf seinen Schreibtisch. Dabei versuchte er, sich vorzustellen, welch düsteres Geschäft Mr. Schulter von der Mordkommission mit diesen anderen Individuen aus der Nachbarschaft, wie er sie nannte, zusammenführen mochte, und ob sich seine Bekanntschaft mit Elaine in der Ausübung seines Berufs ergeben hatte. Er fragte sich darüber hinaus, was das wohl für ein Kriminalbeamter sein mochte, der das Wall Street Journal las. Dann stand er auf und ging, ohne ein Wort an Oliver, in das Vorzimmer, um sich den Mantel zu holen, beauftragte Miss Walton, die Anrufe für ihn entgegenzunehmen, er wisse nicht, wann er zurück sein werde, und ging hinaus. Der Fahrstuhl kam erst nach langer Zeit, und er drückte ungeduldig immer wieder auf den Knopf. Mr. Schulter klang wie ein männlicher Typ, der zehn Minuten meinte, wenn er zehn Minuten sagte. Wenn er in der elften Minute anlangte, wäre, nach Damons Überzeugung, Mr. Schulter verschwunden.
Aber er war nicht verspätet, und als er die Bar betrat, sah er einen stämmigen Mann in einem grauen Mantel, der das Wall Street Journal las, allein saß und eine Tasse Kaffee trank.
«Mr. Schulter?» sagte Damon, als er an den Tisch trat.
Schulter blickte auf. Er hatte ein quadratisches, monumentales Kinn, blauschwarze Bartstoppeln, die aussahen, als könnten sie Rasierapparaten den Garaus machen, und kleine bergblaue Augen über schweren Säcken; diese Augen verrieten keine Spur von Zuneigung oder Vertrauen zum Menschengeschlecht. Als er aufsah, fühlte sich Damon an die Geschütze von Schlachtschiffen erinnert, die sich in den Türmen bewegen, wenn sie zu einer Breitseite ansetzen. Dieser Mann, dachte Damon, versteht etwas von verklausulierten Drohungen und Warnschüssen.
«Setzen Sie sich.» Der Kriminalbeamte faltete seine Zeitung sorgsam zusammen und legte sie neben sich auf den Tisch. Er fragte Damon nicht, ob er etwas zu essen oder trinken haben wollte. Er verplemperte keine Zeit mit Artigkeiten. «Mrs. Sparman hat mir erzählt, daß Sie übers Telefon bedroht worden sind», sagte er. Er klang gelangweilt, als hätte Damon schon längst wissen sollen, daß jeder Mensch in dieser oder jener Weise bedroht würde, daß dies ein Bestandteil des Lebens sei wie das Wetter und daß dagegen wenig, vielleicht auch gar nichts getan werden könne. «Sie hat mir das Wesentliche von dem erzählt, was der Bursche am Telefon gesagt hat. Das gibt nicht viel her, wenn Sie keine Vorstellung haben, wer es war und warum er gerade zu dieser Zeit angerufen hat.»
«Nun ja», sagte Damon. «Ich bin Literaturagent, und ...»
Schulter nickte, die Kanonen zielten ein wenig höher. «Mrs. Sparman hat mich über Ihre Arbeit aufgeklärt.»
«Ich habe einen besonders profitablen Abschluß für eine unbekannte Autorin erzielt, der einen ziemlichen Aufruhr in literarischen Kreisen erregt hat; ich bin interviewt worden, und mein Name und Bild sind in den Zeitungen erschienen.»
Schulter nickte abermals. «Die verdammten Zeitungen», sagte er. «Störenfriede. Ich habe so manche todsichere Überführung dadurch eingebüßt, daß sie in einigen Fällen die Katze aus dem Sack ließen, bevor ich meine Beweisführung vor Gericht sichern konnte. Also - dieses Individuum glaubt, daß es Ihnen etwas anhängen kann und Sie sich's etwas kosten lassen würden, wenn es die Schnauze hält. Klingt Ihnen das einleuchtend, Mr. Damon?»
«Ja.»
«Können Sie sich erklären, warum der Betreffende Sie einen <üblen Burschen) genannt hat?» Schulter starrte Damon mit kaltem Blick an, und Damon wußte, daß er etwas in seinem Gesicht suchte, ein Zucken, eine Änderung des Ausdrucks, die dem Detektiv verraten würden, ob Damon lügen wollte oder nicht.
«Ich habe nicht die leiseste Vorstellung», sagte Damon. Es gab keinen Hinweis in den eisigen blauen Augen des Detektivs, ob er ihm glaubte oder nicht.
«Diese Person, dieser Mr. Zalovsky, hat keine Geldsumme genannt?»
«Nein.»
«Aber er hat gesagt, Sie müßten zahlen, weil Sie ein übler Bursche waren?»
«Ja.»
»Bezahlen bedeutet nicht immer Geld. Es könnte sich auch um Rache handeln.»
«Daran habe ich schon gedacht.»
«Haben Sie eine Vorstellung?»
«Nicht eigentlich», sagte Damon.
«Was soll das heißen?»
Damon hatte aufgrund des barschen, heischenden Tones in Schulters Stimme den Eindruck, daß der Mann von der Mordkommission mit dem Verhör fertig war, ein Paar Handschellen hervorziehen und ihn abführen würde. «Das heißt», sagte Damon, «daß so ziemlich jeder Mensch jemanden kennt, der glaubt, man habe ihn beleidigt.»
«Könnten Sie mir bitte ein Beispiel nennen? Das Sie betrifft?»
«Es betrifft eigentlich nicht mich», sagte Damon. «Meine Frau hat sich heute morgen an etwas erinnert und mit mir am Telefon darüber gesprochen, kurz bevor Sie anriefen.»
«Ihre Frau», sagte der Detektiv. «Mrs. Sparman hat sie erwähnt. Woran hat sie sich erinnert?»
Schulter blickte auf seine Uhr, und Damon erzählte ihm so kurz wie möglich von dem Mann, der vor der Schule herumgelungert hatte, und von Sheila, die zur Polizei gegangen war, und von dem Zusammenstoß vor ihrem Hause, und daß der Mann sie ein «lesbisches Weibsstück» genannt hatte. «Sie hat seinen Namen auf einem Papierfetzen in ihrer Schreibtischschublade gefunden», sagte Damon. »McVane. Kein Vorname.»
Schulter schniefte verächtlich über die kriminologische Achtlosigkeit der Menschen, mit denen er sich abgeben mußte. «Weiß sie den Namen des Polizisten, bei dem sie sich beschwert hat und der angeblich diesen Burschen verwarnt hat?»
«Mit ziemlicher Sicherheit, nein», sagte Damon kleinlaut.
«Die Nummer seines Abzeichens?»
«Ich werde sie fragen, aber vermutlich weiß sie auch das nicht.»
Schulter schüttelte ärgerlich den Kopf. «Wenn die Leute nur lernen wollten, daß sie der Polizei helfen müssen, wenn sie von ihr geschützt werden wollen ...»
«Weder meine Frau noch ich», sagte Damon, nun seiner-
seits ärgerlich, «haben bisher mit der Polizei zu tun gehabt. Wir sind komplette Amateure in Kriminalität.»
«Es gibt immer ein erstes Mal», sagte Schulter. Er sagte es, als könnten Damon und seine Frau von jetzt an eine Reihe von Vorfällen erwarten, die sie zu einer mehr professionellen Einstellung zum kriminellen Verhalten zwingen würden. «Auf alle Fälle werde ich McVanes Namen durch den Computer prüfen lassen und sehen, was das hergibt. Wahrscheinlich nichts.»
Damon zögerte, holte tief Luft. «Ich habe vor etwa zwei Monaten einen Anruf aus Gary im Staat Indiana erhalten», sagte er. «Von einer Dame. In meinem Büro. Ich habe niemandem ein Wort davon erzählt, und ich will nicht, daß meine Frau davon erfährt. Ich möchte Sie sehr bitten, keine Äußerung zu tun, die ihr zu Ohren kommen könnte ...»
«Sie sind derjenige, der bedroht wird, Mr. Damon», sagte Schulter kalt. «Niemand bedroht mich. Ich will mein Bestes tun, aber ich kann nichts versprechen. Wenn Sie jedoch Schutz haben wollen, dann erzählen Sie lieber.»
Es war warm im Restaurant, und Damon zog sein Taschentuch hervor, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Schulter hatte seinen schweren Mantel nicht abgelegt, aber nichts deutete darauf hin, daß die Hitze ihm zusetzte oder daß irgendeine klimatische Spitze ihn im geringsten beeinflussen könnte. Damon sah sich um, ob irgendwer an einem der Tische ihnen nahe genug war, um seine Worte zu hören. «Es war ein Mädchen», sagte er und senkte die Stimme so, daß er beinahe flüsterte und Schulter sich zu ihm beugen mußte, um zu hören, was er sagte. Zum ersten Mal erschien eine Spur von Interesse, ja fast von Vergnügen auf dem Gesicht des Kriminalbeamten. «Ein Mädchen», fuhr Damon fort, «in Wirklichkeit eine junge Frau, verheiratet. Ich hatte ein Verhältnis mit ihr. Ihr Mann war der Trainer eines Schul-Footballteams in Gary, Indiana. Sie war in New York, um ihre Eltern zu besuchen, und ich habe sie kennengelernt. Sie wurde - also sie wurde schwanger. Durch mich. Bisher hatten die beiden es nicht
fertiggekriegt, Kinder zu haben. Sie gaben sich alle Mühe, erzählte sie mir, aber es kam nichts dabei heraus. Sie wollte keine Abtreibung. Sie wollte das Kind behalten, sagte sie, und ihrem Mann den Glauben lassen, es sei seins.»
«Aha», sagte Schulter mit Genugtuung, «dann sind Sie also doch ein übler Bursche.»
«Ich habe keine Schuldgefühle», sagte Damon. «Sie hat von mir Gebrauch gemacht statt von einer künstlichen Befruchtung, das ist alles.»
«So künstlich war das nun auch wieder nicht.» Dieses eine Mal erschien ein Funke der Belustigung im Auge des Kriminalbeamten. «Wollen Sie mir ihren Namen sagen?»
«Ja, das müßte ich wohl. Mrs. Julia Larch.»
«Da könnte ein Zusammenhang bestehen», sagte Schulter nachdenklich.
«Sie wohnt in Gary. Der Anrufer hat gesagt, er käme aus Chicago.»
«Gary ist nicht weit von Chicago. Machen wir ein bißchen weiter. Woher wissen Sie, daß das Kind zur Welt gekommen ist?»
«Sie hat mir einen Brief ins Büro geschrieben.» Damon schloß die Augen und sah den Brief noch einmal vor sich, die übersteile Handschrift auf duftendem blauem Papier. «Ich gratuliere», hatte er gelesen und ein wenig die Nase gerümpft, weil das schwere Papier so stark duftete, «Du bist jetzt der Vater eines siebenpfindigen Knaben.» Er erinnerte sich an die Mischung von Scham und Jubel, als er den Brief und den Umschlag zerriß und die Fetzen in den Papierkorb warf. Er und Elaine, die von Anbeginn gespürt hatten, daß ihre Ehe nicht dauern würde, hatten eine Schwangerschaft sorgfältig vermieden. Sheila hatte sich Kinder gewünscht, aber ihre Mühen waren erfolglos geblieben. Sie hatten sich den Kummer erspart und nicht feststellen lassen, an wem es lag. Jetzt wußte er, daß zumindest er fruchtbar war. Nach dem Tode seines älteren Bruders Davey, der dreizehnjährig an Leukämie gestorben war, war er selbst als Einzelkind aufgewachsen; nun hatte er endlich einen
Sohn, selbst wenn er dessen Namen nicht kannte und ihn wahrscheinlich niemals zu Gesicht bekommen würde. Sein Blut würde weiterleben.
Schulter stellte ihm eine Frage, und er öffnete die Augen. «Wie kommt es», sagte Schulter, «daß sie Sie plötzlich so viele Jahre später, sozusagen aus heiterem Himmel, wieder angerufen hat?»
«Vor etwa einem Jahr hat sie mir wieder geschrieben. Sie käme mit ihrem Sohn nach New York, und sie wollte, daß ich sie und ihn sehe. Sie gab mir die Adresse einer ihrer Freundinnen, wohin ich ihr unbesorgt schreiben könne.»
«Haben Sie das Kind gesehen?»
«Nein, ich habe ihr geschrieben, das läge so weit zurück, und ich fände, wir sollten die Dinge lieber nicht komplizieren», sagte Damon. «Tatsächlich ist mir im Lauf der Jahre aufgegangen, daß ich von dieser Frau eigentlich nichts wußte, daß sie bei ihrem Aufenthalt in und um New York mit einem Dutzend Männern geschlafen haben konnte und daß ihr Sohn jedermanns Sohn gewesen sein kann. Als sie dann wieder anrief, sagte sie, sie hätte meinen Brief in einem Versteck aufgehoben und ihr Mann hätte ihn gefunden.»
Schulter nickte. «Daraus können Sie lernen: machen Sie nie etwas schriftlich. Weiter. Was hatte die Dame sonst noch am Telefon mitzuteilen?»
«Sie weinte, und deshalb fiel es ihr schwer zu sprechen, und sie sprach nicht sehr zusammenhängend, aber ich konnte mir so viel zusammenreimen, daß der Mann angefangen hatte, sie zu schlagen, bis sie die ganze Geschichte preisgab. Wahr oder nicht wahr. Er hätte geschworen, mich zu Brei zu verarbeiten, wenn er mir je begegnete. Und er sagte, ich sollte für den Lebensunterhalt und den Bildungsweg des Jungen aufkommen, wenn mir mein Leben lieb sei.»
«Haben Sie gezahlt?»
«Ich habe ihr einen Scheck über tausend Dollar geschickt.»
«Das war ein Fehler», sagte Schulter. «Da steht Ihr Name drauf und alles andere.»
«Ich sah keinen anderen Ausweg», sagte Damon matt. Wahrheit und die Folgen, dachte er, das war nicht zum Lachen, das war bitterer Ernst.
«Haben Sie ihre Adresse?»
»Ja.« Damon zog ein kleines Notizbuch aus der Tasche, schrieb die Adresse auf, riß das Blatt aus dem Notizbuch und überreichte es Schulter.
«Ich werde einen Polizeihauptmann anrufen, den ich in Gary kenne», sagte Schulter, «und ich werde ihn bitten, den Kerl zu durchleuchten.»
«Bitten Sie ihn um Himmels willen, diskret zu sein.»
«Diskret-» Schulter verzog die Oberlippe. «Das ist ein Wort, das ein Polizeihauptmann im Lexikon nachschlagen muß. Was wollen Sie tun, wenn Sie von diesem Zalovsky das nächste Mal angerufen werden?»
«Ich dachte, Sie könnten mir vielleicht einen Rat geben, was ich tun soll.«
Schulter dachte einen Augenblick nach und nahm einen Schluck von dem kalten Kaffee. «Falls er anruft, versuchen Sie, sich mit ihm auf den nächsten Tag zu verabreden. Dann teilen Sie mir mit, wo und wann das Treffen stattfindet, und ich werde versuchen, da oder wenigstens in der Nähe zu sein, und hoffe, daß er mich nicht bemerkt.»
«Als er mich anrief, hat er gesagt, er wolle mich in zehn Minuten sprechen. An der Ecke. Ich nehme an, der nächste Anruf wird so ähnlich sein. Ich werde keine Zeit haben, Sie zu rufen.»
Schulter blies die Luft durch die Zähne und verursachte dabei ein pfeifendes Geräusch. «Könnten Sie nicht so ein Gerät kaufen, mit dem Sie sich an das Telefon anschließen, so daß Sie seine Worte auf Band aufnehmen? Man kann dieses Zeug in jedem Laden für elektronische Anlagen kaufen.» Er sah auf seine Uhr und schob Tasse und Untertasse von sich. «Ich muß weiter. Wenn Sie noch andere hübsche kleine Geschichten in Ihrer Vergangenheit haben,
wie die von Mrs. Larch, dann versuchen Sie lieber, sich zu erinnern und sie für unsere nächste Begegnung aufzuschreiben - mit Namen und Daten.» Er stand auf, untersetzt, massig, ohne in seinem schweren Mantel zu schwitzen, und setzte sich einen dunkelbraunen Filzhut mit schmaler Krempe auf, der auf seinem massigen Schädel lächerlich klein wirkte.
«Noch ein letztes», sagte er, als Damon aufstand. «Mrs. Sparman hat mir gesagt, daß Sie eventuell eine Lizenz für eine Pistole beantragen wollen.»
«Das stimmt.»
«Wie alt sind Sie, Mr. Damon?»
«Fünfundsechzig.»
«Haben Sie je zuvor eine Handwaffe bedient?»
«Nein, ich habe nie in meinem Leben eine Pistole angerührt.»
«Wo waren Sie während des Krieges?»
«Ich war in der Handelsmarine. Dort wurden keine Feuerwaffen ausgegeben.»
Schulter nickte. «Eine Pistole würde Ihnen mehr schaden als nützen», sagte er. «Es gibt sowieso schon zu viele verdammte Pistolen auf der Straße. Handelsmarine, wie?» Man konnte die Verachtung in der Stimme nicht überhören. «Bezahlte Überstunden für Tage in den Kampfzonen. Schweren Dienst haben wir das gewöhnlich genannt.»
«Sind Sie denn im Krieg gewesen?»
«Erste Marinedivision», sagte Schulter. «Keine bezahlten Überstunden.»
«Waren Sie nicht furchtbar jung? Wie alt sind Sie jetzt -fünfzig?»
«Siebenundfünfzig», sagte Schulter. «Ich habe mich gemeldet, als ich siebzehn war. Lauschige Tage im romantischen Südpazifik. Ein paarmal im Jahr werde ich immer noch gelb. Ja, ich muß jetzt gehen. Ich habe nicht die Zeit, Ihnen meine Lebensgeschichte zu erzählen. Diese blöden Juden im Diamantenviertel - die laufen rum mit Diamanten im Wert von hunderttausend Dollar im Attacheköffer-chen - sie könnten ebensogut eine Inschrift auf ihren Rük-ken pinnen: <Kommt und holt mich>. Dann sind sie überrascht, wenn sie ermordet werden. Wenn ich die wäre, dann würde ich mir einen Zug Infanterie von der israelischen Armee ausleihen, die auf der 47sten Straße patrouilliert. Ich habe einen schweren Nachmittag vor mir - ich muß die liebsten Freunde von zwei Toten genauer unter die Lupe nehmen.» Er drückte seinen lächerlich kleinen Hut fester auf den kahl werdenden Kopf. «Bleiben Sie nach meinem Verschwinden noch ein bis zwei Minuten hier. Ich will nicht, daß wir zusammen auf die Straße treten. Und hoffen wir das Beste.»
Einen Händedruck gab es nicht, und der alte Marinesoldat ging auf die Bar zu; dabei schlingerte er wie ein Seemann im Sturm, als er durch die Tür trat.
8
WÄHREND ER LANGSAM DIE SIXTH AVENUE ENTLANGGING, fiel
ihm ein, daß nahe bei der 50sten Straße ein großer Laden war, in dem es elektronische Geräte zu kaufen gab. Er fühlte sich nach dem Treffen mit Lieutenant Schulter körperlich angeschlagen. Es war, als hätte er sich einer ausnehmend strapaziösen Massage unterzogen.
Schulter war keine große Hilfe gewesen, hatte sogar mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben. Zudem war es peinlich gewesen, von Julia zu erzählen. Nach all diesen Jahren weinend aus der Vergangenheit aufzutauchen, um ihm mit einem solchen Problem zuzusetzen, das nicht er geschaffen hatte! Er erinnerte sich an den Abend, an dem sie sich trafen. Er und Sheila waren zu einer kleinen Party gegangen, bei der sich das Gespräch vornehmlich um Bücher drehte. Jemand hatte Julia zu dieser Party mitgebracht. Als er sich mit ihr unterhielt, erfuhr Damon, daß sie vor ihrer Ehe Bibliothekarin gewesen war, und daß
sie bedauerte, New York verlassen zu haben. Sie beteiligte sich nur hin und wieder am allgemeinen Gespräch, aber das wenige, was sie sagte, ließ deutlich erkennen, daß sie fast alle Werke der zeitgenössischen Schriftsteller gelesen hatte und alle Bücher kannte, die im Laufe des Abends erwähnt wurden. Sogar in Gary hielt sie sich im literarischen Klatsch auf dem laufenden, indem sie eine Menge Zeitschriften las und mit Freunden korrespondierte, die sie in New York zurückgelassen hatte und die sich am Rande der Verlags- und Theaterwelt bewegten. Sie war ein hübsches, zierliches Persönchen, etwas bläßlich, unkonturiert und schüchtern, und sie machte auf Damon keinen besonderen - weder guten noch schlechten - Eindruck.
Er hatte damals einen schweren Stand bei Sheila. Er trank viel, weil sein Geschäft schlecht lief und einige seiner erfolgreicheren Klienten abgewandert waren. An mehreren Abenden in der Woche blieb er bis zwei oder drei Uhr morgens bei Freunden, bei denen man sicher sein konnte, daß sie schon um Mitternacht sinnlos betrunken waren. Er selbst kam meistens auf unsicheren Beinen in seine Wohnung zurück und mußte lange herumtasten, bevor er das Schlüsselloch der Wohnungstür fand. Seine Ausflüchte waren lahm, und Sheila hörte sie sich mit eisigem Schweigen an. Sie hatten sich schon seit Wochen vor dieser Abendgesellschaft nicht mehr geliebt. Als sie wieder zu Hause waren, wünschten sie einander kaum gute Nacht, ehe Sheila das Licht auf dem Nachttisch ausknipste.
Er fühlte sich voller Lust, hatte eine kräftige Erektion und faßte zu ihr hinüber, um sie zu liebkosen. Sie stieß seine Hand ärgerlich zurück. «Ich schlafe nicht gern mit Säufern.»
Von Selbstmitleid überwältigt, legte er sich wieder zurück. Nichts hat mehr seine Richtigkeit, dachte er, alles schlittert bergab, diese Ehe wird nicht mehr lange halten.
Am Morgen wartete er nicht ab, bis Sheila ihm das Frühstück richtete, sondern trank auf dem Weg zum Büro in einer Cafeteria einen Kaffee. Wundersamerweise hatte er keinen Kater. Klaren Sinnes entschied er sich, daß sein Verhalten in den letzten paar Monaten ebenso sehr Sheilas Schuld gewesen sei wie seine eigene. Die Ehekrise hatte mit einem Streit um Geld begonnen. Er brachte sehr wenig nach Hause, Sheila verdiente nicht viel, und die Rechnungen stapelten sich. Dann hatte ihm ein Verleger von zweifelhaftem Ruf, der sich sein Vermögen durch die Veröffentlichung sensationeller, semipornographischer Bücher erworben hatte, einen Job in seinem Betrieb angeboten, um einen gehobeneren Ton einzuführen. Die Bezahlung wäre sehr ansehnlich gewesen, aber der Verleger war ein Prolet, und Damon meinte, man würde zehn Damons brauchen, um ihn respektabel zu machen. Er hatte das Angebot abgelehnt und dann den Fehler begangen, Sheila davon zu erzählen.
Sie war wütend geworden und zeigte es ihm.
«Du hast es bisher zu leicht gehabt, mein lieber Herr Gemahl», hatte sie gesagt. «Integrität ist schön und gut, aber damit bezahlt man keine Rechnungen. Wenn du jemals mit mißbrauchten, verschüchterten, gewalttätigen Kindern zu tun gehabt hättest, so wie ich, dann wüßtest du, was es heißt, die niedrigste und häßlichste Arbeit zu tun, um nicht zu verhungern.»
«Mach kein Drama.»
«Das Drama machst du! Opferst alles, um die heilige Flamme der Literatur am Brennen zu halten. Okay, bleib nur rein, und dreimal Hoch für Roger Damons kostbare Integrität! Ich kenne dich zu gut, um auch nur eine Sekunde lang zu glauben, daß du mir zu Gefallen das geringste ändern würdest. Geh wieder in den schäbigen Schrein deines Büros, rauch deine Pfeife und warte geruhsam, bis der nächste T. S. Eliot durch die Tür kommt und dich mit einem unterschriebenen Vertrag salbt.»
«Sheila», hatte er traurig gesagt, verwirrt von diesem Echo auf Mr. Grays Bericht über sein letztes Gespräch mit seinem Sohn und der Verachtung dieses Sohnes, der gesagt hatte, sein Vater begnüge sich damit, sein Leben von
Brosamen zu fristen und in seiner Ecke sitzen zu bleiben. «Sheila, jetzt redest du nicht wie Sheila.»
«Eins kann ich dir garantieren, mein lieber Gemahl», sagte Sheila hart, «und zwar, daß Armut ein sicheres Mittel ist, den Ton deiner Liebsten zu ändern.»
Danach hatte er das Trinken angefangen und die Zeit bis spät in die Nacht mit den «Boys» verbracht, wie Sheila sie abschätzig nannte. Ein Sturm entschuldigt alles, dachte er, da er zu ehrlich war, um alle Schuld von sich abzuwälzen.
In der Erinnerung an all diese Dinge und an Sheilas vorwurfsvolles, eigensinniges Gesicht, das nun schon seit Monaten diesen Ausdruck trug, dachte er: Sie sieht aus wie eine Bauersfrau und sie benimmt sich wie eine Bauersfrau. Das war häßlich, und das mißfiel ihm; und wenn er auch nicht wissen konnte, wie es schließlich enden würde, war er doch sicher, daß er es nicht länger ertragen konnte.
Er hatte an seinem Schreibtisch gesessen, freudlos seine Konten studiert und voller Zorn daran gedacht, wie Sheila in der vergangenen Nacht seine Hand zurückgestoßen hatte, als das Telefon klingelte. Er nahm den Hörer ab. Es war Julia Larch. Er versuchte, die Überraschung aus seiner Stimme zu verbannen, als sie ihren Namen nannte. «Ich habe daran gedacht, wie nett es war, Ihnen gestern abend zu begegnen», sagte sie, «und um wieviel netter es wäre, Ihnen wieder zu begegnen.»
«Das ist sehr lieb von Ihnen, Mrs.... äh ... Mrs. Larch», sagte Damon.
«Ich habe von Ihnen geträumt, kurz bevor ich heute morgen aufwachte.» Sie lachte leise. «Das war vor etwa zehn Minuten.»
«Ich hoffe, es war ein angenehmer Traum», sagte Damon, der verlegen wurde und hoffte, daß Oliver an seinem Schreibtisch nicht ahnte, was am anderen Ende der Leitung gesagt wurde.
Sie lachte wieder. «Er war sehr sexy», sagte sie.
«Das ist eine gute Nachricht.»
«Und ich habe mir überlegt, ob es nicht ein guter Ab-
achluß meiner Ferien in New York wäre, wenn Sie jetzt gleich zu mir aufs Zimmer kommen würden, bevor ich den Traum vergesse, und mich lieben.»
«Aber ich ... ich», stammelte Damon. «Das ist sehr verlock ...»
«Ich bin im Borden-Hotel. Das ist auf der Ostseite der 39sten Straße, Zimmer Nummer 426. Die Tür ist nicht abgeschlossen.» Und sie legte auf.
Damon legte langsam den Hörer auf die Gabel und war sich peinlich bewußt, wie sehr ihn nach wochenlanger Enthaltsamkeit die Stimme am Telefon erregt hatte.
«Etwas Wichtiges?» fragte Oliver.
«Nur jemand, der sich verabschiedet hat.» Er blieb noch fünf Minuten sitzen und blickte auf die schlimmen Zahlen, die auf der vor ihm liegenden Seite aufgeführt waren; dann stand er auf und verließ das Büro, ging quer durch die Stadt zur 39sten Straße Ost und zu der Hotelzimmertür, die ihm nicht verschlossen sein würde.
Er dachte immer noch über diesen Anruf von vor etwa elf Jahren nach, um ihm zu folgen hatte er sich durch den dichten Mittagstrubel der Sixth Avenue hindurchgekämpft. Im Bett erwies sich Julia weder als bläßlich noch als konturlos oder gar schüchtern, und als die Nacht hereinbrach, hatte er mehr Orgasmen erlebt als je zuvor an einem Tag oder in einer Nacht - auch als er noch ein achtzehnjähriger Jüngling war.
Und wie der Zufall es wollte, nahm von da an sein Schicksal eine jähe Wendung zum Besseren. Ein Klient, dessen zwei letzte Bücher keine Resonanz gefunden und sich nicht verkauft hatten, trat mit einem Roman an die Öffentlichkeit, der sich zwei Monate lang etwa in der Mitte der Bestsellerliste hielt; Damon setzte einen Vertrag für einen Zeitungsmann durch, der zusammen mit einem Filmstar eine Autobiographie verfassen wollte, und vereinbarte einen riesigen Vorschuß; eine Tante in Worcester starb und hinterließ ihm testamentarisch zehntausend Dollar. Er
fühlte kein Bedürfnis mehr zu trinken, und Sheila, die zunächst argwöhnte, daß dies eine vorübergehende Phase wäre, wurde schließlich wieder die alte Sheila und entschuldigte sich für ihre Nörgeleien. Es war nicht mehr nötig, im Bett nach ihr zu greifen, weil sie jetzt nach ihm griff.
Rückblickend konnte er sein Glück der letzten Jahre auf den Tag datieren, an dem er zu Julia Larch aufs Zimmer gegangen war. Wenn er sich jedoch jetzt die Ereignisse der letzten Tage ins Gedächtnis rief, dann wurde er von dem Gefühl übermannt, daß eine neue Ära, düster und kalt, eine Ära der Drohungen und Warnungen, begleitet von Menschen, die mit Mord befaßt waren, eine Ära peinvoller Erinnerungen, angekündigt durch die fortwährende Anwesenheit längst Verstorbener, für ihn ihren Anfang nahm. Er wußte, daß er sich am Nachmittag betrinken würde. Er wußte aber auch, daß Sheila, deren Vertrauen zu ihm als verläßlichem Ernährer inzwischen wiederhergestellt war, es ihm verzeihen würde.
Er hatte den Laden erreicht, in dem elektronische Geräte verkauft wurden; als er sich das Schaufenster betrachtete, staunte er ob der unbegrenzten Erfindungsgabe der Menschheit, die so klug die verzwicktesten, von der Natur gestellten Probleme gelöst und die winzigen Computer, die Radios, die Kassettenrekorder und kleinste Fernsehgeräte geschaffen hatte. Bevor er hineinging, beschloß er, für sein Haustelefon einen automatischen Anrufbeantworter zu kaufen, aber nicht das raffinierte Ding, das sein Zuhause in ein Aufnahmestudio verwandeln konnte. Ich bin nicht zum Spionieren geboren, sagte er sich selbstgerecht. Doch insgeheim wußte er, daß er ein Perfektionist war. Wenn er Zalovskys nächsten Anruf auf Band speicherte, dann würde er sich auch gezwungen fühlen, ihn zu sehen. Wenn aber das Band nicht besprochen war, hätte er, wie er sich vorredete, keinen Grund, dem Manne gegenüberzutreten.
Er trat ein und ging geradewegs zum Ladentisch, wo der
Verkäufer einen Kunden bediente. «Ich will etwas so Kleines und Leichtes, daß ich es auf Reisen in meine Handtasche packen kann», sagte der Kunde.
Damon fuhr zusammen, als er die Stimme hörte. Es war die Stimme des Mannes, der vor dem Krieg mit ihm in der Schauspielschule, später sein Schiffskamerad und enger Freund gewesen war und mehrere Jahre mit ihm eine Wohnung geteilt hatte, Maurice Fitzgerald. Zu der Zeit, als Damon sich entschloß, die Schauspielerei an den Nagel zu hängen, war Fitzgerald bereits sehr erfolgreich auf der Bühne und ständig gefragt. Sie waren gute Freunde geblieben, auch als Damon vom Theater abgewandert war, hatten sich aber sehr frostig getrennt. Ihre Freundschaft hatte einen unheilbaren Bruch erlitten, und Damon war nicht zu der Abschiedsparty gegangen, die für Fitzgerald und Damons frühere Geliebte, Antoinetta Bradley, am Vorabend ihrer Abreise nach London stattfand. Als er jetzt jedoch das vertraute, sorglose Gesicht unter der irischen Tweedmütze sah, schwand die Kälte, und die alte kameradschaftliche Wärme der Tage auf dem Schiff und in der Junggesellenwohnung kehrte zurück. In London hatte Fitzgerald mit seiner sonoren, irischen Stimme und seiner Gabe, jede Rolle zu spielen, eine solide Karriere als zuverlässiger zweiter Hauptdarsteller gemacht. Er hatte gewußt, daß er trotz seiner Begabung niemals ein Star sein würde. Er war klein, und sein Gesicht, das beweglich war und verschlagen, stand einem Komödianten in einer Burleske an. Man konnte ihn beim besten Willen nicht hübsch nennen, selbst seine Mutter nicht, wie er mit wehmütigem Lächeln zu sagen pflegte.
Damon fühlte sich versucht, dem Mann, dessen Rücken ihm jetzt zugewandt war, auf die Schulter zu tippen und zu sagen: «An Deck, Maat.» Doch über seinen ganzen Körper lief ein sonderbares, verwirrendes Kribbeln, und er erinnerte sich an die Begegnung mit dem alten Herrn, den er für Mr. Gray gehalten hatte. So wartete er ab, um noch einmal genau hinzusehen, bevor er etwas sagte. Eine Begeg-
nung in der Woche, wie die mit dem falschen Mr. Gray, hätte jedem gereicht. Als sich der Mann jedoch umdrehte, sah Damon, daß es in der Tat Fitzgerald war; nicht der junge Mann, den er gekannt hatte, mit schwarzem Haar und ungefurchtem Gesicht, sondern ein Mann gesetzten Alters mit grauen Koteletten unter der Mütze.
«Sieh mal einer an», sagte Fitzgerald. «Roger Damon.»
Doch selbst, als sie sich die Hände reichten, wußte Damon, daß er, aus reiner Geisterfurcht, unter keinen Umständen als erster gesprochen hätte. «Was tust du hier im Heimatland?» fragte Damon.
«Ich spiele in einem Stück, für das wir morgen mit den Proben beginnen. Ich hätte nicht gedacht, daß New York mich wieder so packen würde. Gibt's einen Mann so tot im Geiste, und so weiter... Und am zweiten Tag dir in die Quere zu laufen, ist wie der Zuckerguß auf dem Kuchen.» Er musterte Damon liebevoll. «Du siehst gut aus, Roger.»
«Du auch.»
«Ein bißchen ausgefranst an den Rändern.» Er nahm die Mütze ab und berührte seinen Kopf. «Graues Haar. Sorgenfalten um die Augen. Die Augen nicht mehr glänzend und unschuldig. Na, ich bin froh, daß du auch noch deine Haare hast.» Er grinste. «Zwei alte Gockel. Leere zerstörte Chöre, wo spät die süßen Vögel sangen,, und so weiter.»
«Du siehst überhaupt nicht alt aus», sagte Damon. Er spach die Wahrheit. Nach äußerster Schätzung sah Fitzgerald nicht älter aus als fünfzig, obwohl er einige Monate älter war als Damon.
«Das Dasein im Auge der Öffentlichkeit. Das wirkt, in einer vertrackten Weise, Wunder für die bleibende Illusion der ewigen Jugend.»
«Sir», fragte jetzt der Verkäufer, der geduldig beiseite gestanden und den beiden Männern zugeschaut hatte, «Sir, wollen Sie dieses Gerät mitnehmen?»
«Ja.» Fitzgerald warf eine Kreditkarte auf den Ladentisch. «Was kaufst du hier in diesem Zauberschloß?»
«Ich gucke nur und kaufe nicht.» Damon hatte keine Lust, Fitzgerald zu erklären, warum er ein Gerät brauchte, das Telefonanrufe entgegennahm und einen entschuldigte, daß man das Gespräch nicht persönlich führte. «Ich finde, das Wiedersehen sollte man begießen. Findest du nicht?»
Fitzgerald schüttelte bedauernd den Kopf. «Verdammt noch mal. Ich esse Mittag mit dem Produzenten des Stük-kes. Kann die Prominenz doch nicht warten lassen. Ich bin ohnehin schon verspätet.»
«Wie wär's mit morgen abend? Zum Essen bei uns. Ich möchte, daß du meine Frau kennenlernst.» Fitzgerald hatte Elaine gekannt und Damon beglückwünscht, als er sie losgeworden war, aber er war lange vor Damons zweiter Ehe nach London gezogen.
«Das klingt toll», sagte Fitzgerald. «Welche Zeit und wo?»
«Acht Uhr abends. Hier, ich gebe dir meine Adresse.» Er brachte sein Notizbuch zum Vorschein, aus dem er eine Seite herausgerissen hatte, um für Schulter die Adresse Julia Larchs aufzuschreiben. Nun schrieb er seine eigene Adresse für Fitzgerald auf. Die örtlichen Wohnlichkeiten und Namen von Freunden und Feinden, ausgerissen aus einem Notizblock für einen Vierteldollar. Poetenwerk, wie Shakespeare angemerkt hatte.
«Bevor du gehst», sagte Damon und zögerte, ehe er die Frage stellte, «ist Antoinetta mit dir hier?»
Fitzgerald sah ihn mit sonderbarem Ausdruck an. «Sie ist bei einem Flugzeugunglück umgekommen», sagte er fast tonlos. «Vor zehn Jahren. Die Maschine ist in die Irische See gefallen. Die ganze Besatzung vermißt.»
«Das tut mir leid», sagte Damon lahm. «Sehr leid.»
Fitzgerald zuckte die Achseln. «Wen das Los trifft», sagte er. «Ach, ich versuche, das so leichthin abzutun, und ich hatte gedacht, ich könnt's verwinden, aber ich kann es nicht.» Er lächelte mühsam. «Zwecklos, es zu versuchen.» Er machte eine kleine, schwer zu deutende Geste, abschließend, Beileid abwehrend? Damon war sich nicht sicher.
Sie traten zusammen hinaus auf die Avenue.
«Bis morgen um acht», sagte Fitzgerald. «Sag deiner Frau, ich esse alles, was es gibt.» Er sprang behende in ein Taxi. Damon sah, wie er in dem Taxi davonfuhr, dann ging er zurück in denselben Laden zum selben Tisch und kaufte ein Gerät, das Telefonanrufe aufnahm.
Mit dem in eine Schachtel verpackten Gerät ging er in die nächste Bar, bestellte den ersten Drink des Nachmittags und dachte an die guten und schlechten Zeiten, die er gemeinsam mit Fitzgerald durchlebt hatte.
Dazu gehörten die langen Nächte in Downeys Restaurant oder Harolds Bar, wo sich die Schauspieler versammelten, wenn ihre Aufführungen beendet waren; er und Fitzgerald pflegten mit allen, die sich einfanden, über die verschiedenen Talente von O'Neill, Odets, Saroyan, Williams, Miller und George Bernard Shaw zu diskutieren. Fitzgerald, der ein untrügliches Gedächtnis hatte, konnte alle und jeden zitieren, um einen Standpunkt zu beweisen. Darstellungsstile wurden geprüft, und Fitzgerald bezeichnete «Die Methode», wie sie beispielhaft vom «Group Theatre» zelebriert wurde, als die «New Yorker Schule des Nuschelns». Sein Vater war Ire gewesen und hatte am Trinity College in Dublin studiert; seinem Sohn hatte er eine klare und angenehm musikalische Redeweise vererbt, die sich zu Shake-speareschen Höhen aufschwingen oder zu einem schwebenden irischen Akzent herablassen konnte, wenn er Passagen von Joyce zitierte.
Trotz seiner Statur und seines Komödiantengesichts wirkte er anziehend auf Mädchen, von denen stets zwei oder drei zur Hand waren und ihn baten, ihre Lieblingsgedichte aufzusagen und einen der großen Monologe, die Fitzgerald mit gezügelter Leidenschaft und bewundernswerter Klarheit vortrug, auch wenn er noch so betrunken war.
Er hatte zudem ein bemerkenswertes Talent, sich Mädchen auszusuchen, die kochen konnten, und sie im
Triumph in seine Wohnung zu bringen, wo sie Schlemmereien in Gestalt von boeuf bourgognon und fritto misto und ca-nard ä l'orange zubereiteten. Wenn er ein Mädchen fand, das besser kochen konnte als die gegenwärtige Titelinhaberin, dann setzte er diese skrupellos ab und ernannte die neue zur Maitresse de la Maison. Damon konnte den Mai-tresses de la Maison, die bei ihnen verschlissen wurden, während sie zusammen hausten, nicht zählen.
Als Damon Antoinetta zum ersten Mal in die Wohnung mitbrachte, fragte Fitzgerald sie sofort: «Kannst du kochen?»
Antoinetta sah Damon erstaunt an. «Wer ist dieser seltsame Vogel?» fragte sie.
«Halt ihn dir bei Laune», sagte Damon. «Er hat so eine Marotte mit dem Kochen.»
«Sehe ich aus wie eine Köchin?» fragte Antoinetta, und Fitzgerald antwortete:
«Du siehst aus wie eine Göttin, die aus dem Schaum emporsteigt, und der Schaum besteht aus mousse au chocolat.»
Darüber mußte Antoinetta lachen. «Die Antwort ist: Nein. Ich kann entschieden nicht kochen. Was kannst du denn?»
«Ich kann einen Habicht von einer Handsäge unterscheiden und ein zusammengefallenes souffle von einem Lendensteak.» Er wandte sich an Damon. «Was kann ich sonst noch?»
«Diskutieren», sagte Damon, «spät in den Morgen hinein schlafen und die Balken dröhnen lassen, wenn du Yeats zitierst.»
«Kennst du In Flanders Fields?> fragte Antoinetta. «Ich habe es einmal in der Schulaula aufgesagt, als ich zehn war. Die haben gejubelt, als ich fertig war.»
«Kann ich mir denken», sagte Fitzgerald boshaft. Damon kannte Antoinetta gut genug, um zu wissen, daß sie scherzte und für die Frage, ob sie eine Köchin sei, Vergeltung übte. Man konnte jedoch mit Fitzgerald über Dichtung nicht scherzen. Er wandte sich an Damon: «Heirate
diese Dame nicht, lieber Freund», sagte er. Er verriet Damon nie, ob er das gesagt hatte, weil Antoinetta nicht kochen konnte, oder weil er In Flanders Fields nicht mochte.
Schließlich und endlich, dachte Damon, als er sich einen zweiten Drink bestellte, hatte er Fitzgeralds Rat befolgt. Er hatte Antoinetta nicht geheiratet.
Bevor er sie mit nach Hause brachte, hätte er Antoinetta darauf vorbereiten sollen, daß Fitzgerald bei den irischen Lyrikern zur Höchstform auflief. Dann hätte sie vielleicht die Kränkung unterlassen, und Fitzgerald hätte sich von Anfang an für sie interessiert und allen dreien eine Menge Unheil erspart.
Fitzgeralds größte Bewunderung galt dem Poeten William Butler Yeats, und während der langsamen Fahrt eines Geleitzugs über den Atlantik stand er mit Damon am Bug des Liberty-Schiffes, das sich durch die langen Wogen des Nordatlantik schob, und sprach die zauberischen Verse des Dichters. Er rezitierte Seefahrt nach Byzanz als Sondervergünstigung, wenn es so schien, als seien sie außer Gefahr und wenn die See ruhig war. Damon hatte es so oft gehört, daß er es jetzt an einer Bar in der Sixth Avenue stehend mit Fitzgeralds irischem Tonfall flüstern konnte.
Er flüsterte, weil er nicht wollte, daß die anderen Leute in der Bar ihn für einen Verrückten hielten, der Selbstgespräche führte.
Das ist kein Land für Greise. Jugend schlang Arm unter Arm, in Bäumen Vogelbrut - Die sterbenden Geschlechter - im Gesang,
Fälle voll Lachs, makrelensatte Flut,
Fisch, Fleisch, was fliegt, lobpreist allsommerlang,
Was nur erzeugt, geboren wird und stirbt,
Sinnen-, musikverstrickt, läßt man verwaist,
Was Denkmal ist vom alterslosen Geist.
Fitzgerald pflegte leise zu weinen, wenn er ans Ende der ersten Strophe gelangte, und Damon spürte, wie ihm selbst die Tränen in die Augen stiegen, als er sich an diese Augenblicke erinnerte.
Fitzgerald schien den gesamten Shakespeare auswendig zu kennen, und in Vollmondnächten, wenn sich der Geleitzug als perfektes Ziel für die Wolfsrudel der Unterseeboote gegen den Horizont abzeichnete, zitierte er mit dem Mute der Verzweiflung Hamlets Monolog nach Fortin-bras' erstem Auftritt:
Beispiele, die zu greifen, mahnen mich,
So dieses Heer von solcher Zahl und Stärke,
Von einem zarten Prinzen angeführt,
Des Mut, von hoher Ehrbegier geschwellt Die Stirn dem unsichtbaren Ausgang beut Und gibt sein sterblich und verletzbar Teil Dem Glück, dem Tode, den Gefahren preis Für eine Nußschal'. Wahrhaft groß sein heißt,
Nicht ohne großen Gegenstand sich regen,
Doch einen Strohhalm selber groß verfechten,
Wenn Ehre auf dem Spiel. Ich seh' indes beschämt Den nahen Tod von zwanzigtausend Mann,
Die für 'ne Grille, ein Phantom des Ruhms Zum Grab gehn wie ins Bett; es gilt ein Fleckchen, Worauf die Zahl den Streit nicht führen kann,
Nicht Gruft genug und Raum, um die Erschlagenen,
Nur zu verbergen? O, von Stund' an trachtet Nach Blut, Gedanken, oder seid verachtet.
Als er eines Nachts gerade den Monolog gesprochen hatte, wurde ein Schiff aus dem Geleitzug torpediert. Das Schiff explodierte, und sie hatten voll Entsetzen die Flammen beobachtet und die unheilvolle Säule leuchtenden Rauches, als das Schiff unterging. Es war das erste Mal, daß sie die Vernichtung eines ihrer Schiffe mitansahen, und Fitzgerald stieß einen trockenen Schluchzer aus, bevor er mit leiser Stimme sagte: «Guter Freund, wir sind die Eierschale, und alle Gedanken auf See und in ihrer Tiefe sind blutig heute
nacht.» Dann hatte er sich gefaßt und mit ironisch schwingendem Rhythmus aus dem Sturm zitiert:
Fünf Faden tief liegt Vater dein,
Sein Gebein wird zu Korallen;
Perlen sind die Augen sein;
Nichts an ihm, das soll verfallen,
Das nicht wandelt Meereshut In ein reich' und seltnes Gut;
Nymphen läuten stündlich ihm:
Da horch! ihr Glöckchen - Bim! bim! bim!
Danach schwieg Fitzgerald einen Augenblick still; dann sagte er: «Shakespeare; das Wort für alle Lebenslagen. Nie werde ich dazu kommen, den Hamlet zu spielen. Ach, ich hau mich in meine Koje. Sag mir nicht Bescheid, wenn wir von einem Torpedo getroffen werden!»
Sie hatten Glück und wurden nie von einem Torpedo getroffen; sie kamen zurück nach New York, fröhlich, jung und erpicht, die Arbeit wiederaufzunehmen, für die sie geboren waren, wie Mr. Gray bei anderer Gelegenheit gesagt hatte. Damals entschlossen sie sich, gemeinsam eine Wohnung zu mieten. Sie fanden eine nahe dem Hudson, in einer Straße, in der es vorwiegend Gebrauchtwagenhändler und Speicher gab. Es war eine weiträumige, verkommene Wohnung, die sie mit zusammengewürfelten Möbelstük-ken einrichteten, schnell mit Büchern vollstopften und mit Theaterplakaten garnierten; ihre rasch wechselnden Freundinnen versuchten, sie in Ordnung zu halten.
Genau wie Damon hatte er vor dem Krieg geheiratet, von seiner Frau jedoch einen jener stereotypen «Lieber-Hans-Briefe» erhalten, in dem sie ihm gestand, daß sie sich in einen anderen Mann verliebt hätte, den sie nun zu heiraten gedenke. «Es war eine kalte Scheidung», sagte er. «Die gesetzlichen Bande wurden in Reno gelöst, während ich südlich von Island im Atlantik weilte.»
Er schwor, nie wieder zu heiraten, und als eine junge Frau, die drei Monate in der Wohnung überdauert hatte, deutlich zu erkennen gab, daß sie von ihm geheiratet werden wolle, hatte er ihr in Damons Gegenwart stark überzogen einen heroischen Monolog aus einem Stück vorgetragen, in dem er aufgetreten war: «Ich bin von Frauen beschwindelt, von Frauen geschröpft, von Frauen verschmäht, von Frauen geschieden, verlassen, verhöhnt, genarrt, von Frauen verzogen, belogen und betrogen worden. Es bedürfte der Wortgewalt Shakespeares, um meine Beziehungen zu Frauen zu schildern. Ich war der Mohr auf dem Meer, der dämliche Däne, der trippelnde Troilus, der delirische Lear, der falsche Falstaff, der prostituierte Pro-spero, Mercutio mit einem Loch im Leib zweimal so tief und fünfmal so weit wie eine Kirchentür - und alles durch Frauen.»
Dann gab er der Dame einen keuschen Kuß auf die Stirn. «Gibt dir das eine schwache Vorstellung von meinen Gefühlen zu diesem Thema?»
Die Dame hatte gelacht, wie er erwartet hatte, und das Thema nicht wieder angeschnitten. Sie hatte weiterhin friedlich und gemeinsam mit den anderen Mädchen seine Wohnung besucht.
Um die Freundschaft zu erhalten, hatten Fitzgerald und Damon eine Übereinkunft getroffen, daß der andere die Hände von den Mädchen lassen würde, die der eine ins Haus brachte, und das funktionierte sogar bei den wildesten Parties, bis Damon mit Antoinetta ankam, die bald eine Art Fixpunkt in ihrem Leben wurde, drei- oder viermal die Woche bei Damon übernachtete und sogar versuchte, für sie eine Mahlzeit zu zaubern - in einer jener seltenen Zeiten, da Fitzgerald von allen Köchinnen verlassen war.
In der mittäglichen Stille der New Yorker Bar bestellte Damon, zwar frei von Unterseebooten, aber die Beute anderer Gefahren, noch einen Drink. «Doppelt für diese Runde», sagte er zu dem Barmann. Obwohl er seit dem Frühstück
nichts zu sich genommen hatte und auf leeren Magen trank, hatte der Whisky keine Wirkung auf ihn. Er fühlte sich nüchtern und melancholisch in seinen Gedanken an die verlorenen, überschwenglichen Jahre und schließlich an den einen wahrhaft schlimmen Vorfall mit Fitzgerald.
Damon merkte sofort, daß etwas geschehen war, als er nach der Arbeit in die Wohnung trat. Es war ein eiskalter New Yorker Winterabend. Auf dem Heimweg von Mr. Grays Büro war er bis auf die Knochen durchgefroren; er freute sich auf einen Drink und die Wärme des Kaminfeuers, das Fitzgerald, wie er hoffte, entzündet hatte.
Es brannte jedoch kein Feuer, und Fitzgerald hatte gerötete Augen und lief noch im Schlafrock umher, was bedeutete, daß er den ganzen Tag nicht ausgegangen war. Er ging schwankend mit einem Drink in der Hand im Wohnzimmer auf und ab, und Damon erkannte auf den ersten Blick, daß er den ganzen Nachmittag getrunken hatte, was er sonst vor einem Bühnenauftritt niemals tat - und ein solcher stand am selben Abend bevor.
Fitzgerald machte ein verwundertes Gesicht, als Damon das Zimmer betrat. «Ah», sagte er und hob sein Glas, «du hast mich auf frischer Tat ertappt. Für einen Schauspieler ein unverzeihliches Verbrechen, sich alkoholisiert zur Arbeit zu melden.»
«Ist was, Maurice?»
«Bloß», sagte Fitzgerald, «daß ich ein Scheißkerl bin, falls man das heutzutage überhaupt noch Scheißkerl nennt. Hol dir auch was zum Trinken. Wir werden's heute abend beide brauchen.»
«In weniger als drei Stunden geht der Vorhang hoch, Maurice.»
«Ich kann mich durch diesen einträglichen Broadwayschund im Schlaf durchwursteln», sagte Fitzgerald verächtlich. «Ich kann auch den Vorhang ohne mich hochgehen und die Zuschauer raten lassen, wer fehlt.»
«Schluß damit, Maurice. Was ist passiert?»
«Na schön, aber hör auf, mich zu gängeln.» Fitzgerald trat zum Tisch, auf dem die Flaschen, das Eis und die Gläser standen. «Hier, laß dir einen Drink brauen. Die Mädchen sind alle geflohen. Und es wurde auch Zeit.» Seine Hände zitterten, als er einen Drink für Damon mixte und den eigenen auffüllte. Der Flaschenrand klirrte gegen den Rand des Glases. Aus beiden Gläsern Whisky verschüttend, schwankte er durch das Zimmer auf Damon zu. Damon nahm ein Glas, nippte daran und setzte sich.
«So ist's recht, lieber Freund, setz dich. Das wird vielleicht ein langes Palaver.»
«Also, Maurice», sagte Damon, «worum handelt sich's?»
«Es», erwiderte Fitzgerald, «handelt sich um Antoinetta. Oder genauer gesagt, Antoinetta und deinen lieben Freund Maurice Fitzgerald, zutreffend genannt Scheißkerl, Sohn von Gerald.»
«Du brauchst es nicht weiter auszuschmücken», sagte Damon ruhig, obwohl er den Drang bekämpfen mußte, diesem Mann, an dessen Seite er den Krieg überlebt und Hunderte von ausgelassenen Nächten gefeiert hatte, an die Gurgel zu fahren.
«Du hast nichts geahnt?» Fitzgerald gab sich Mühe, reuig auszusehen, aber nach all dem Alkohol war das bewegliche Komödiantengesicht nur eine bösartige Fratze.
«Nein», sagte Damon. «Ich habe nichts geahnt.»
«Gott segne die Unschuldigen in dieser bösen Welt.» Plötzlich schleuderte Fitzgerald sein Glas in den leeren Kamin. Der Whisky zog eine Spur über den Fußboden, und das Glas zersplitterte an der Rückwand des Kamins.
«Wie lange läuft das schon zwischen euch beiden?» Noch war Damon imstande, mit gedämpfter Stimme zu sprechen. Er wollte keine Einzelheiten oder Erläuterungen, er wollte nichts weiter, als das gerötete, höhnische Gesicht loswerden, das über ihm hing. Aber seine Worte kamen automatisch.
«Einen Monat. Gerade genug Zeit für eine Lady, um sich zu entscheiden.»
«Du lieber Gott», sagte Damon, «sie hat das ganze vergangene Wochenende und die letzte Nacht mit mir geschlafen, verdammt noch mal, und du warst im Nebenzimmer.»
«Amoromnia vincit», sagte Fitzgerald. «Oder vielleicht andersherum. Omnia amor vincit. Männer und Frauen, guter Freund, Männer und Frauen. Bestien des Dschungels.»
« Wirst du sie denn heiraten?»
«Vermutlich; zu gegebener Zeit», sagte Fitzgerald. «Hier muß klar Deck geschaffen, Bedauern erklärt werden.» Er hatte eine lange Liebschaft mit einer der Köchinnen gehabt, die er ins Haus gebracht hatte. Sie war ihm bis zum Überdruß ergeben, und Damon vermutete, daß das eins der Decks war, die «klar»gemacht werden mußten.
«Wir haben's nicht eilig zur Kirche», sagte Fitzgerald. «Ich werde Antoinetta eines Tages zu einer anständigen Frau machen.»
«Du bist ein Scheißkerl», sagte Damon bitter.
«Das habe ich als erster gesagt», erwiderte Fitzgerald, «aber ich habe nichts gegen das Zitat. Wo zum Teufel ist mein Drink?»
«Du hast ihn in den Kamin geschleudert.»
«Oh, der verlorene und windverwehte Geist einer Flasche Scotch. Aus den Schriften Thomas Wolfes, eines berühmten amerikanischen Schriftstellers. Ein Stein, ein Blatt, ein ungefundnes Tor. Ebenfalls von dem berühmten Schriftsteller. Gott! Ich kann nie etwas vergessen. Welch eine Last. Ich werde dich nicht vergessen, guter Freund.»
«Danke.» Damon stand auf. «Ich will jetzt packen und dann nichts wie raus.»
Fitzgerald streckte die Hand aus, um ihn aufzuhalten. «Das kannst du nicht. Ich bin's, der gehen muß.»
«Ich bin nicht erpicht, in einem Bordell zu wohnen», sagte Damon. «Vor allem, nachdem ich festgestellt habe, was das rote Licht im Fenster bedeutet.»
«Einer von uns muß bleiben», sagte Fitzgerald. «Unser Mietvertrag läuft noch ein Jahr.»
Damon zögerte. Er konnte eine andere Wohnung nicht bezahlen, wenn er zugleich die halbe Miete für diese Wohnung zahlen mußte.
«Ich will einen Vor-Vorschlag machen», stotterte Fitzgerald trunken. «Wir werfen Kopf oder Schrift. Der Verlierer bleibt und zahlt die volle Miete.»
Dämon seufzte. «Okay», sagte er.
«Hast du 'ne Münze?» fragte Fitzgerald. «Mein ganzes Kleingeld liegt auf dem Tisch in meinem Zimmer, und ich schaudere bei dem Gedanken, dich auch nur eine Minute allein zu lassen, mein Freund.»
«Nun halte mal die Schnauze, Maurice», sagte Damon und suchte in seiner Tasche nach einer Münze. Er zog einen Vierteldollar heraus. «Und wenn du mich noch einmal guter Freund nennst, dann poliere ich dir die Fresse. Ich werfe. Du nennst es.»
«Schrift», sagte Fitzgerald.
Damon warf die Münze, fing sie mit der Handfläche auf und bedeckte sie endlose zehn Sekunden lang mit der anderen Hand. Dann hob er die Hand. Fitzgerald beugte sich vor, um die Münze zu sehen. Mit einem langen zischenden Laut stieß er die Luft aus.
«Es ist Kopf. Ich habe verloren. Ich bleibe», sagte er. «Das Glück im Los. Akzeptable Verluste, wie die Militär« es so zartsinnig formulieren, wenn sie die Pläne für die nächste Invasion ausarbeiten, die nur achtzehntausend Menschenleben fordern wird. Tut mir leid, Roger.»
Damon flippte die Münze auf Fitzgerald, der keine Anstalten machte, sie zu fangen. Sie traf ihn an der Stirn, bevor sie auf den Boden fiel.
Danach ging Damon packen. Das dauerte nicht lange, und als er aus dem Zimmer kam, hörte er Fitzgerald, der sich auf seinen abendlichen Auftritt vorbereitete, unter der Dusche singen.
Fünf Faden tief liegt Antoinetta, dachte Damon und rückte mit seinem Glas ans Ende der Bar, weil eine Gruppe von Männern eingetreten war, die sich neben ihm laut über ein Fernsehspiel stritten, für das einer der Männer den Sponsor vertrat, während die anderen Werbeleiter und Leute waren, die auf irgendeine Weise mit dem Programm zu tun hatten.
Fünf Faden tief, dachte Damon. Gibt es Korallen in der Irischen See? Er hatte Antoinetta nie wiedergesehen. Die Wunde war lange verheilt, und ihr doppelter Treuebruch hatte ihm die Freiheit geschenkt, viele Jahre später Sheila zu heiraten, gesegnete Frau, Geliebte, erztreuer Kumpan. Fitzgerald hatte ihm einen Dienst erwiesen, von dem allerdings weder er noch Damon damals etwas ahnen konnten. Vor der Abschiedsparty für Fitzgerald und Antoinetta Bradley, zu der Damon eingeladen worden, aber nicht gegangen war, hatte er einen Brief von Fitzgerald erhalten, in dem sein bisheriger Freund geschrieben hatte: «Verzeih mir. Ich liebe Dich wie einen Bruder, und ich gehöre nicht zu denen, die das Wort <Bruder> leichthin gebrauchen. Aber Brüder sind vom Schicksal ausersehen, einander Leids anzutun. Denke an Kain. Und wenn wir uns das nächste Mal sehen, hoffe ich, daß wir uns umarmen können.»
Nun denn, dieser Nachmittag war das nächste Mal gewesen, an dem sie sich gesehen hatten, und wenn Damon solchen Gesten zwischen Männern allgemein gehuldigt hätte, dann hätte er seinen alten ränkevollen Freund umarmt. Wenn Maurice am folgenden Abend zum Essen kam, wollte er ihn an seinen Brief erinnern und ihn umarmen.
Inzwischen hatte der Whisky begonnen, seine Wirkung zu tun; die Welt verschwamm vor seinen Augen, und ohne zu wissen warum, versuchte er, die erste Strophe von Seefahrt nach Byzanz zu wiederholen; doch er stolperte über die Worte, konnte die mittleren Zeilen nicht mehr zusammenkriegen und kicherte vor sich hin. Würdevoll sagte er zum Barmann: «Bitte, die Rechnung.»
«Befangen in seinen Gedanken», wie Fitzgerald es formuliert hätte, ließ er den Anrufbeantworter auf dem Schanktisch liegen. Zalovsky oder Lieutenant Schulter lagen in diesem Augenblick seinen Gedanken fern.
Er fand nie die Gelegenheit, Fitzgerald zu umarmen. Als er am nächsten Morgen die New York Times zur Hand nahm, fand er Fitzgeralds Bild auf der Titelseite und daneben die Story: «Maurice Fitzgerald, der bekannte Schauspieler, dessen Karriere an amerikanischen und später auch englischen Bühnen mehr als vierzig Jahre umfaßte, erlitt in dem Restaurant, in dem er mit dem Theaterproduzenten Mr. Nathan Brown speiste, einen Herzanfall und brach zusammen. Er wurde von einer Ambulanz in das Lenox Hill Hospital eingeliefert, wo man jedoch nur noch seinen Tod feststellen konnte.»
Damon legte die Zeitung neben die Kaffeetasse auf den Tisch und starrte leeren Blickes aus dem Fenster auf das gegenüberliegende Haus. Dann senkte er den Kopf und bedeckte seine Augen mit den Händen.
Sheila, die Damon am Frühstückstisch gegenübersaß, merkte an seinem Gesichtsausdruck, daß etwas Schlimmes passiert war. «Was ist los, Roger?» fragte sie besorgt. «Fehlt dir was? Du bist leichenblaß geworden.»
«Maurice ist plötzlich gestorben, gleich nachdem wir uns gestern nachmittag getroffen hatten.»
«Ach, der Ärmste», sagte Sheila. Sie langte hinüber und nahm die Zeitung. Sie überflog die kleine Überschrift unten auf der ersten Seite; dann las sie den kurzen Artikel. «Er war erst fünfundsechzig», sagte sie.
«Mein Alter», sagte Damon. «Zeit zu gehen.»
«Hör auf damit!» erwiderte Sheila scharf.
Damon spürte, daß er sogleich in unbeherrschtes Schluchzen ausbrechen würde. Und dem entgegenzuwirken, flüchtete er sich in einen abgeschmackten Scherz. «Auf alle Fälle», sagte er, «ist ihm heute abend eine gute Mahlzeit durch die Lappen gegangen.»
als er in sein büro kam, entschuldigte er sich als erstes bei Oliver für seinen Ausbruch am Vortag.
«Ach was, jeder hat das Recht, ab und zu mal etwas ärgerlich zu werden», sagte Oliver, verwirrt durch diese Entschuldigung. «Sheila war besorgt, und, ehrlich gesagt, ich auch.» Er schenkte Damon ein kindliches Lächeln. «Ein kleiner Ausbruch reinigt die Luft.»
«Nun ja», sagte Damon. «Sheila weiß inzwischen über alles Bescheid - oder zumindest über alles, was ich weiß. Es besteht für sie daher keine Notwendigkeit mehr, täglich Berichte vom Büro zu erhalten.» Er sagte das ohne Zorn, aber Oliver verstand es.
«Ganz wie du meinst, Boss», sagte er. « Omerta, wie man in Sizilien sagt. Der Code des Schweigens. Aber wenn du jemals Hilfe brauchst...»
«Danke», sagte Damon. «Das geht schon in Ordnung.»
Damon suchte die Telefonnummer von Nathan Brown, dem Produzenten, heraus und rief ihn an. Er mußte lange warten. «Es tut mir furchtbar leid, daß ich Sie habe warten lassen», sagte das Telefonfräulein, als er seinen Namen genannt hatte. Ihre Stimme klang verlegen, und sie war den Tränen nahe. «Dieser Morgen hier... Leute aus der ganzen Welt haben angerufen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie es in unserem Büro zugeht. Ich verbinde Sie mit Mr. Brown.»
Man hörte wiederholt ein Knacken in der Leitung, dann war Brown am Apparat. «Seine letzten Worte galten Ihnen», sagte Brown. «Er erzählte mir nur, <ich habe eben, bevor ich zu Ihnen zum Lunch kam, einen wunderbaren alten Freund getroffen. Das ist ein glückliches Omen. Roger Da-mon, kennen Sie .. .?> und bevor ich erwidern konnte, fing er an, auf seinem Stuhl hin und her zu schwanken. Aber ehe ich zugreifen konnte, um ihm zu helfen, kippte er zu Boden. Im Restaurant wurde es plötzlich grabesstill. Ich nehme an, daß ein Kellner einen Krankenwagen herbeitelefoniert hat, denn schon ein paar Sekunden später, wie mir schien, hörte ich die Sirene. Kurioserweise war mir der Zeitsinn abhanden gekommen. Der Notarzt tat sein möglichstes, aber jede Hilfe kam zu spät, und sie trugen ihn fort. Es ist ein fürchterlicher Verlust für uns alle ... So ein feiner und begabter Mann . ..»
«Wer trifft die Vorkehrungen für die Beerdigung?» Auf dem Weg vom Büro uptown war es Damon gelungen, die Herrschaft über seine Nerven zurückzugewinnen, und er sprach zur Sache.
«Als ich - nachdem alles vorüber war - vom Krankenhaus in mein Büro zurückkam, habe ich auf gut Glück seine Nummer in London angerufen. Eine Dame war am Apparat. Ich wußte nicht, wer sie war - seine Frau oder sonstwer. Ich habe sie gefragt, und sie erwiderte, sie sei eine Freundin, eine sehr enge Freundin, und sie wisse, daß Maurice in England begraben sein wollte. Ich habe mir ihren Namen auf geschrieben. Den gebe ich Ihnen jetzt und auch die Telefonnummer. Vielleicht wollen Sie sie anru-fen.»
«Das will ich», sagte Damon. «Wer richtet die Feierlichkeiten aus?»
«Ich», sagte Brown. «Oder will es zumindest versuchen. Es ist so kompliziert!» Das klang verdrossen und unsicher. Er hatte sich auf den Anfang der Proben eingerichtet und stand nun dort, wo der Vorhang nach dem letzten Akt der Vorstellung niedergeht. «Wollen Sie ihn noch einmal sehen? Er ist in dem ...»
«Nein», sagte Damon. «Ich will den Leichnam nicht sehen, vielen Dank.»
Das Bewußtsein, daß Maurice tot war, bedeutete für ihn die Grenze des Tragbaren; er wollte mit dem fühllosen Faktum des Todes nicht konfrontiert werden. Sein Freund war jetzt nur noch eine Erinnerung in einem langgestreckten Kasten; er hätte nichts dagegen, allein zu der Frau zu reisen, die in seiner Londoner Wohnung den Anruf beantwortet hatte und jetzt den Mann vollends mit Beschlag be-
legen würde, der während des Zusammenlebens mit ihr von dem Gedanken an eine Frau besessen gewesen war, die vor langer Zeit in der Irischen See ertrunken war. Es wäre grausam, sie mit einem amerikanischen Freund zu belasten, der vielleicht unbeherrscht und unvermittelt Geschichten aus der Vergangenheit preisgeben würde, die sie nicht hören wollte.
«Wissen Sie, welcher Religion er angehörte?» fragte Mr. Brown.
«Er war Katholik», sagte Damon. «Kein sehr eifriger. Ich bezweifle, daß er an die jungfräuliche Geburt geglaubt hat.»
«Ja, heutzutage.» Brown seufzte, betrübt über den Verfall des Glaubens seit Moses und Jesus. «Trotzdem habe ich den Priester im Krankenhaus gebeten, ihm die Letzte Ölung zu geben. Im Falle eines Falles, verstehen Sie?»
«Das hat nichts geschadet.» Damon konnte sich nicht erinnern, daß Fitzgerald je die Messe besucht hätte.
«Ich denke, es wäre vielleicht angemessen, wenn wir in ein, zwei Wochen einen Gedenkgottesdienst für ihn abhalten würden. In einem kleinen Theater. Konfessionslos. Er war sehr populär bei seinen Schauspielerkollegen, obwohl sich der größte Teil seiner Karriere in England abgespielt hat. Er hat verschiedene Shakespearetexte für die BBC gesprochen. Davon könnten wir etwas abspielen, und vielleicht könnte jemand ein paar Gedenkworte sagen. Würden Sie, als sein ältester Freund ...?»
«Nein. Tut mir leid», sagte Damon. Er erinnerte sich der Reden Fitzgeralds an jenem Abend, als sie die Münze um die Wohnung geworfen hatten, mußte jedoch bezweifeln, daß selbst eine religiös gemischte Zuhörerschaft, die zum Gedenken an Fitzgerald versammelt war, sie mit Vergnügen anhören würde.
«Hatte er einen Lieblingschoral? Oder ein Gedicht?»
«Als ich ihn kannte, war es Seefahrt nach Byzanz. Sein Geschmack kann sich seitdem gewandelt haben.»
«Wären Sie gewillt, es zu lesen, Mr. Damon?»
«Nein, nehmen Sie einen Schauspieler. Wenn ich es läse, würde er sich im Grabe umdrehen.»
Mr. Brown stieß ein kurzes trauriges Lachen aus. «Wir sind an eine solche Bescheidenheit im Theater nicht gewöhnt», sagte er. «Dabei fällt mir ein, hätten Sie vielleicht einen brillanten jungen Dramatiker unter Ihren Klienten, der darauf brennt, beim Theater anzukommen und einen Produzenten braucht?»
Business, wie üblich, auch wenn tote Freunde ins Flugzeug verladen werden, um über den Ozean zu fliegen. Das Schauspiel geht weiter. Auftritt abgesetzt, das nächste Rennen angesetzt. «Leider nein», sagte Damon.
Mr. Brown seufzte. «Ich muß die Inszenierung des Stük-kes absagen, mit dessen Proben wir gerade anfangen wollten. Mir fällt keiner ein, der ihn ersetzen könnte.»
Gute Inschrift für den Grabstein, fand Damon. Hier ruht Maurice Fitzgerald. Unersetzlich. «Haben Sie die Nummer der Dame in London greifbar?»
«Vor mir.» Brown teilte sie Damon mit, und Damon schrieb sie auf einen Notizblock. «Der Zeitunterschied beträgt sechs Stunden, wie Sie wissen. Ich habe sie geweckt. Sie klang bemerkenswert gefaßt, als ich sie anrief. Englisches Phlegma. Meine Frau würde unter ähnlichen Umständen ihre Kleider zerreißen und gegen ihr Fleisch wüten. Andere Sitten, rassische Eigenheiten. Wohl ähnliche Trauer, nehme ich an.»
Damon hatte den Mann bisher nur flüchtig gekannt und hatte gute Stücke und schlechte Stücke in seiner Inszenierung gesehen, jetzt begann er ihn zu schätzen. Er hatte sich unerfreulichen Anforderungen gegenübergesehen und hatte sich ihnen gestellt. «Sagen Sie mir Bescheid», sagte Damon, «wann die Trauerfeier stattfindet. Ich würde gern dabeisein.»
«Gewiß», sagte Brown. «Und danke sehr. Es ist ein trauriger Tag für uns alle.»
Damon fühlte sich von einer Welle der Müdigkeit überspült und benommen, wie nach einer Narkose. Er blickte
sehnsüchtig auf die Couch aus rissigem Leder, die schon seit Mr. Grays Zeiten im Büro stand und nur gebraucht wurde, wenn zwei oder mehr Personen zu einer Konferenz im Büro waren. Was für Hoffnungen waren dort geweckt, welche Mißerfolge bestätigt worden!
«Oliver», sagte er, «gib doch bitte Miss Walton Bescheid, daß sie uns das Telefon nicht durchstellen soll. Ich möchte mich hinlegen und will versuchen, ein paar Minuten zu schlafen.»
«Gewiß», sagte Oliver. Er machte ein besorgtes Gesicht. Keiner von ihnen hatte je auf der Couch geschlafen. «Fehlt dir was, Roger?»
«Nur ein bißchen schläfrig. Ich hatte eine schlechte Nacht.»
Oliver gab den Auftrag an Miss Walton weiter, und Damon streckte sich auf der Couch aus. Er schlief sofort ein, aber der Schlaf brachte ihm keine Ruhe. Er hatte einen wirren und erschreckend erotischen Traum: Er lag in einem großen Bett, in dem er noch nie geschlafen hatte, mit der jungen und üppigen Antoinetta Bradley und Julia Larch, die Obszönitäten murmelte, und beide gaben sich ihm mit boshafter Zügellosigkeit hin. Maurice Fitzgerald, der in Kleidung und Aussehen genau jenem Fitzgerald glich, den er am Vortag im Elektroladen getroffen hatte, stand mit einem Glas in der Hand dabei und grinste nieder auf das Schauspiel vor seinen Augen; und irgendwo stand auch Damons Vater lächelnd, in goldenes Licht getaucht und einladend winkend auf seiner Balustrade.
Als Damon die Augen öffnete, war er maroder als vor dem Hinlegen und erschüttert durch die Vision von Lust, Verrat und Anklage, durch die lüsterne Verflechtung von Toten und Lebenden, die sein Unterbewußtsein in ein paar Schlafsekunden heraufbeschworen hatte.
Oliver blickte beunruhigt von seinem Schreibtisch zu ihm herüber. «Das war kein richtiger Schlaf», sagte er. «Du hast fürchterliche Geräusche von dir gegeben.»
«Ich habe geträumt.» Damon setzte sich auf und rieb sich die Augen. «Heute abend werde ich wieder Freud lesen.»
«Es klang, als ob du weintest...»
«Ich habe nicht geweint», sagte Damon. «Ganz im Gegenteil.» Er ging zu seinem Schreibtisch. Seine Beine waren bleiern. Er drückte den Knopf seines Telefons, nahm den Hörer und sagte Miss Walton, daß sie wieder Gespräche durchstellen könne.
«Ein Mr. Schulter hat vor kurzem angerufen», sagte Miss Walton. «Ich habe ihm gesagt, Sie seien im Augenblick nicht zu sprechen. Er hat eine Nummer hinterlassen.» Sie gab ihm die Nummer, und er schrieb sie auf. Immerhin, dachte er, war Schulter in seinem Traum nicht vorgekommen. Davon war er verschont geblieben. Er ließ nicht Miss Walton anrufen, sondern wählte die Nummer selbst. Er wollte nicht, daß Miss Walton sich den Kopf darüber zerbrach, warum er mit einem Kriminalbeamten der New Yorker Polizei ein dienstliches Gespräch führte. Als eine männliche Stimme am Telefon sagte: «Mordkommission», wußte er, daß er recht getan hatte, als er selbst durchwählte.
«Bitte Lieutenant Schulter», sagte er zu dem Mann. «Hier ist Mr. Damon, der den Lieutenant zurückruft.»
«Hallo, Mr. Damon», sagte Schulter. Am Telefon ähnelte seine Stimme für Damons Ohr der Stimme Za-lovskys. «Ich habe Nachrichten für Sie. Wir haben Ihren Mr. McVane durch den Computer gesucht und haben einen McVane gefunden, der in Ihrer Nähe am West Broadway wohnt. Es ist sehr wahrscheinlich derselbe Mann. Er ist auf die Beschwerde einer Kindergärtnerin an einer öffentlichen Schule in Manhattan-Süd festgenommen worden, weil es ihr nicht gefiel, wie er bei den Kindern herumlungerte. Als man ihn durchsuchte, fand man ein großes, an der Wade befestigtes Jagdmesser.»
«Ist er im Gefängnis?»
«Sechs Monate, auf Bewährung ausgesetzt, wegen Besitz einer versteckten Waffe», sagte Schulter. «Wir fassen
nach. Wenn wir das Messer an ihm finden, verbüßt er die Strafe.»
«Danke, Lieutenant», sagte Damon.
«Und nun», sagte Schulter, «haben Sie was für mich? Neue Anrufe?»
«Nein, ich warte noch.»
«Haben Sie schon die Liste aufgestellt, um die ich Sie gebeten habe?»
«Ich arbeite daran», sagte Damon.
«An Ihrer Stelle», sagte Schulter, «würde ich nicht zu lange damit warten.»
«Sie können sie in ein, zwei Tagen haben.»
Schulter knurrte, als glaube er nicht, daß Damon sie in ein, zwei Tagen fertig haben würde. «Ich habe mit meinem Freund in Gary gesprochen. Er wird eine ... äh ... Prüfung veranlassen. Wie war noch das Wort, das Sie gebraucht haben?»
«Diskret.»
«Genau. Ich habe ihm gerade gesagt, er solle unter der Hand nachforschen, keine Bundessache daraus machen. Er sagt, er hätte den Mann, Larch, gesehen, der wäre ein Footballtrainer und so. Er sagt, er ist beliebt; er hat drei erfolgreiche Spielzeiten hintereinander gehabt.»
«Das beruhigt mich sehr», sagte Damon. Das war, wie er merkte, ein Fehler, denn Schulter knurrte wieder, lauter denn je zuvor. Er war nicht der Mann, wie Damon feststellte, der Gefallen an Ironie fand, wenn sie die Ausübung seines Berufs betraf.