«Übrigens», sagte Schulter, «haben Sie das elektronische Zeug besorgt, wie ich Ihnen geraten habe?»

Jetzt erst erinnerte sich Damon, daß er das Paket am gestrigen Nachmittag auf dem Bartisch hatte liegenlassen. «Ja», sagte er, «ich habe einen automatischen Anrufbeantworter gekauft.» Er hielt es nicht für ratsam, dem Detektiv mitzuteilen, daß er ihn ein paar Stunden nach dem Kauf in einer überfüllten Bar vergessen hatte.

«Was zum Teufel soll das nützen?» fragte Schulter verächtlich. «Glauben Sie, Mr. Zalovsky wird Ihnen die Nachricht hinterlassen, daß er Sie entweder erpressen oder Ihnen eine Kugel durch den Kopf jagen will?»

«Der Verkäufer hat gesagt, die einzigen Geräte, die er zur Aufzeichnung von Telefongesprächen anbieten kann, geben einen Pfeifton, um den Anrufer darauf aufmerksam zu machen, daß das Gespräch auf Band genommen wird. Und warum soll das nicht gut sein?»

«Über eins bin ich froh, Mr. Damon», sagte Schulter, «nämlich, daß Sie nicht bei mir in der Mordkommission arbeiten. Meinetwegen bauen Sie das verdammte Gerät ein, und wir werden sehen, was daraus wird. Wenn Sie die Liste fertig haben, rufen Sie mich an.»

Darauf folgte ein extra lautes «Klick» im Telefon, als ob Schulter den Hörer auf die Gabel geknallt hätte. Damon blickte nachdenklich auf die Couch, bevor er sich erhob. «Ich muß schnell noch mal weg», sagte er zu Oliver. «Ich habe gestern etwas in einer Bar vergessen, und das ist mir gerade eingefallen.»

Sobald er sich an der frischen Luft befand, war er froh, daß seine Besorgung ihn aus dem Büro hinausführte, fort von der morbiden Versuchung der Couch und den neugierigen, fragenden Blicken, die Oliver ihm verstohlen zuwarf, wenn er glaubte, daß Damon es nicht merkte.

Es war erst elf Uhr, aber die Bar war bereits von hingebungsvollen Vormittagstrinkern aus der Nachbarschaft bevölkert. Der Barmann war derselbe, der ihn am Vortag bedient hatte. Als Damon ihn fragte, ob jemand ein Paket abgegeben hätte, das er gestern hier habe liegenlassen, wurde sein Gesichtsausdruck leer. «Du, Eddy», rief er dem Barmann zu, der die Gäste vorn im Lokal bediente, «haben wir gestern ein Paket gefunden? Dieser Herr sagt, er hätte es hier liegenlassen - um wieviel Uhr etwa, Mister?»

«Vier, fünf - so etwa um die Zeit», sagte Damon.

«Vier, fünf Uhr glaubt er, Eddy.»

Der zweite Barmann schüttelte den Kopf. «Nicht, daß ich was gehört hätte», sagte er.

«Nicht, daß er was gehört hätte», wiederholte der Barmann, als nehme er an, daß Damon taub sei. «Tut mir leid. Trinken Sie heute 'nen Schluck?»

«Klingt wie ein vernünftiger Vorschlag», sagte Damon.

«Was wünschen der Herr?» Da sich Damon jetzt in einen Kunden verwandelt hatte, wurde er berufsmäßig höflich.

Wünschen, dachte Damon, würde er sich, diese Bar zu verlassen, diese Stadt zu verlassen, in ein fernes, fremdes Land zu reisen, wo die Menschen, die gestorben waren, ihm alle unbekannt waren, an einem Strand zu liegen und zu lauschen, wie die Wogen über dreitausend Meilen unbefahrenen Ozeans flüsternd heranrollten. «Einen Scotch mit Soda», sagte er.

Die Toten formierten sich neben ihm an der morgendlich stillen Bar. Was steht zu Diensten, meine Damen und Her-ren? Ein Schuß Jack Daniel mit einem Tropfen Wasser vom Brunnen in Lourdes? Antoinetta, ein Becher Meerwasser gewürzt mit Reue? Maurice, alter Shakespeare-Speier, etwas Kuchen und Ale? Mr. Gray, noch einen Cognac versetzt mit Nepenthe, der alles Leid auslöscht, damit Sie Ihren geschäftstüchtigen Sohn vergessen? Mrs. Larch -wenn auch noch lebendig und munter in Gary, Indiana, wo sie in Träumen zwischen Gräbern geistert -, wie wär's mit einem Pokal voller Nektar für einen fleischlichen Morgen in der 39sten Straße Ost oder einem Glas Champagner in der Sixth Avenue, um einen Geburtstag zu zelebrieren?

Damon schüttelte den Kopf, ärgerlich über seine eigenen Phantasien. Zurück ins Land der Lebenden: McVane mit seinem Messer, Sheila, die am Frühstückstisch Kaffee einschenkt, Elaine mit geliftetem Gesicht und magentarot gefärbtem Haar - und ihrem neuen Freund; Mrs. Dolger, die am Herd steht und Torten bäckt, während die Tantiemen eintrudeln, Lieutenant Schulter zwischen ermordeten Juden, der Listen von Männern und Frauen in dieser realen und körperlichen Welt fordert und möglicherweise im nächsten Augenblick, Pistole in der Hand, in die Bar tritt, auf Mord erpicht.

Mr. Damon, noch ein Scotch?

Eine vernünftige Idee, Mr. Damon, zu dieser Zeit, an diesem Ort und unter diesen Umständen. Bitte noch einen Scotch.

Noch vor kurzen fünf Tagen war er ein ziemlich glücklicher Mann von robuster Gesundheit, zufrieden in seiner Ehe, behaglich in seinem Zuhause, geachtet in seinem Beruf, der ohne Angst die Straßen von New York bei jedem Wetter und zu jeder Tages- und Nachtzeit durchmaß, der nie einen Polizisten um mehr als die Richtung angesprochen hatte, dessen Gedenken an seine Toten durch die Zeit und die Erkenntnis, daß sich die Generationen in unvermeidlichen und ewigen Rhythmen ablösten, verklärt wurde. Dann hatte ein Mann, dem er, soviel er wußte, niemals begegnet war, eine Münze in einen Schlitz gesteckt, eine Nummer gewählt, und die Gräber hatten sich geöffnet. Jetzt stieß er im hellen Tageslicht auf Phantome, erfuhr, daß eine Frau, die er geliebt hatte, schon seit zehn Jahren auf dem Meeresgrund lag, ohne daß er von ihrem Schicksal gewußt hatte. Er war einem Freund begegnet, der ihn einst Bruder genannt hatte, war an eine der schmerzlichsten Minuten seines Lebens erinnert worden, hatte die Hand des Freundes in dankbarer Versöhnung ergriffen, hatte ihn zu einem Essen eingeladen, das nie aufgetragen worden war, weil der Freund nach diesem Händedruck zwischen zwei Gängen einer Mahlzeit in einem vornehmen Restaurant tot umgefallen war.

«Miss Otis Regrets». Ein alter Schlager. «Sie kann zum Tee nicht kommen.» Würde er es wagen, jemals wieder einem Mann die Hand zu schütteln? Konnte er verlangen, daß alle Schlitze abgeschafft, alle Münzen aus dem Umlauf gezogen würden? Konnte er mit verbundenen Augen auf der Straße gehen, so daß er nicht Männer im Fleisch erkannte, die sich längst in nacktes Gebein verwandelt hatten? Konnte er sich selbst befehlen, seine Träume der Zensur zu unterwerfen? War er nicht einfach nur ein Agent für Bücher, Dramen, Erzählungen, milde, harmlose Erdichtun-

gen, bei denen man bloß die Seite zu wenden braucht, wenn man den Tod einer Person beklagte? Oder war er der geheime und furchtbare Agent eines unbekannten Klienten, ein Mittelsmann, der den Tod als Ware verhökert und dessen - echte oder eingebildete - Berührung ihn zum Künder und unbewußten Protokollführer der vergangenen und künftigen Zersetzung machte?

Er war zu einem übersinnlichen Sonargerät geworden, das die Tiefe der Träume nach tödlichen Beutemachern auslotete, das die Formen alter Wracks nachzeichnete, höhnenden und täuschenden Echos nachspürte, die von Walen stammen mochten, von Elritzenschwärmen, von den Liedern der Delphine, den Stimmen der Meerjungfrauen, die in einer nicht gelernten Sprache sangen - aber sie alle sagten: «Hüte dich.»

Er war nicht Hamlet, der Geist seines Vaters schalt ihn nicht, von den grauen Zinnen des Schlafes spornte er ihn nicht an zur Rache, doch er stand stumm im hohen Sommersonnenlicht, ein Kinderspielzeug in der Hand und winkte ihm. Er war kein antiker Grieche, er war nicht mit Odysseus gesegelt, die Schatten der Eltern und Kriegskameraden, die der ihnen zukommenden Bestattungsriten beraubt waren, hatten aus ihrer letzten Bleibe in der Unterwelt keinen Anspruch an ihn.

Er war ein Mann seiner Zeit, vernunftbegabt, überzeugt, daß er, wie seine Mitmenschen, die die äußersten Grenzen des Alls erforscht hatten, ein Abkömmling von Echsen und Affen sei, ein Mann, der von primitiven Gottheiten weder begünstigt noch benachteiligt war, ein wissenschaftlicher Deuter irdischer Phänomene, ein Mann, der an das glaubte, was er berühren, sehen, riechen oder aus bekannten Größen ableiten konnte, und er fühlte sich in ein eisiges, nebelumwalltes Meer der Totenbeschwörung hinübertreiben.

Er erinnerte sich an das Gespräch in Gregors Studio.

«Glaubst du an Vorahnungen?»

«Ich glaube an alles, was sich nicht beweisen läßt.»

War er lediglich ein Wegweiser an der Straße zu einem jenseitigen Vernichtungsort, wo für Menschen, die er geliebt oder die ihn geliebt hatten, oder deren Lebenslauf auf seinen geheimnisvollen Wegen den seinen kaum berührt hatte, eine Endlösung harrte? Oder wurde er gestraft oder zum Werkzeug der Bestrafung? Und wenn er eines von beiden oder beides war - warum? Ein Vertrauensbruch, ein paar Stunden beiläufigen Geschlechtsverkehrs, die Zeugung von Bastarden? Selbstzufriedenheit, die egoistische Mißachtung menschlichen Leidens auf allen Kontinenten des Planeten? Da das zwanzigste Jahrhundert nach Christi Tod nun dem Ende entgegenging: wer hatte die Regeln geschaffen, und wie lauteten sie?

Welche an ihn gerichtete Botschaft war in alldem enthalten? Wer konnte es ihm sagen, welche Ehefrau, welcher Kamerad oder Priester oder Rabbi oder Zigeuner konnte es ihm offenbaren? Gab es einen Kriminalbeamten in der Mordkommission, der sie entschüsseln und ihm in hausbackenem, alltäglichem Englisch sagen konnte, wie sie lautete? Wollte er es wirklich wissen? Trug er, wie die toten jüdischen Diamantenhändler, die Schrift auf dem Rücken: Greift mich. Hier bin ich?

10

der barmann stellte noch ein glas vor ihn auf die Theke. Damon konnte sich nicht entsinnen, daß er es bestellt hätte, aber die Aufmerksamkeit des Mannes gefiel ihm. Er nippte an dem Drink und dachte: Ich muß eine Liste für Lieutenant Schulter anfertigen. Wo soll ich anfangen?

Ordnung muß sein. Er zog sein Notizbuch heraus, schrieb auf die linke Seite Potentielle Feinde - beruflich, und auf die gegenüberliegende rechte Seite Potentielle Feinde -persönlich. Jetzt, dachte er mit Genugtuung, komme ich voran, Organisation ist alles; ich habe Kategorien geschaffen, wie Gregor es ausdrücken würde.

Er nahm einen weiteren Schluck von seinem Drink. Wer hatte ihn jemals offen bedroht? Schritt Nummer eins. Er beglückwünschte sich ob der Klarheit und Logik seines Denkens. Kandidat Nummer eins. In der Erinnerung an einen Gerichtssaal schloß Damon die Augen. Er war geladen worden, um als Zeuge in einem Beleidigungsprozeß auszusagen. Die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe. Gott selbst war durch die Jahrtausende verunglimpft worden. Der Name des Mannes war Machendorf. Er war sein Klient gewesen, ein übellauniger, hagerer, dunkelhaariger, ziemlich junger Mann, dessen Gesicht die ganze Welt verdammte.

Damon hatte die beiden ersten Romane Machendorfs vertreten, und sie waren beide erschienen. Ihre Handlung war voller Roheit und Gewalt; aber sie waren stilistisch unverkennbar von einer gewissen rauhen Ehrlichkeit, und Damon fand, daß Machendorfs Schilderung der abstoßenden Kehrseite des American way of life ein Recht auf Gehör hatte. Der Autor hatte sich korrekt, wenn auch nicht dankbar verhalten, und Damon konnte sich nicht zwingen, ihn zu mögen. Wenn er jedoch nur Leute vertreten wollte, die er mochte, dann hätte er sein Büro schon nach sechs Monaten schließen müssen.

Jetzt lag das Manuskript von Machendorfs drittem Roman, dessen Lektüre er in der vorigen Nacht beendet hatte, wie eine Schranke zwischen ihm und seinem Klienten auf dem Tisch. Machendorf starrte mit finsterem Blick darauf nieder.

Während Machendorf noch an dem Buch arbeitete, hatte er einmal zu Damon gesagt: «Jetzt werden diese Scheißer aufhorchen und Notiz nehmen müssen. Wenn die Kritiker den Verstand haben, mit dem sie geboren sind, müssen sie merken, daß sie's mit einem amerikanischen Céline zu tun haben.»

Als Damon die letzten Zeilen des Buches gelesen hatte, wußte er, daß niemand mit klarem Verstand Machendorf als einen amerikanischen Céline oder einen amerikanischen Sonstwas begrüßen würde.

Damon hatte dem Autor einen guten Rat gegeben: Er hatte ihm von der Veröffentlichung des Manuskripts abgeraten.

Roman oder nicht, aber der Held war der Öffentlichkeit vertraut, seine Bräuche waren ihr wohlbekannt. Machendorf hatte ihn aufs genaueste beschrieben. Die Persönlichkeit wäre von der ersten Seite an fast jedem erkennbar, der die New Yorker Zeitungen las. Der Mann hieß John Ber-kely; Machendorf hatte ihn ungescheut James Berkin genannt. Berkely war ein waghalsiger Grundstücksspekulant und hatte drei oder vier der anspruchsvollsten Bürohäuser im Zentrum von Manhattan hochgezogen. Er besaß einen Rennstall mit Vollblutpferden und war mit einer bildschönen Frau, einem früheren Filmstar, verheiratet. Er spielte gern den Mäzen, indem er Theaterinszenierungen finanzierte, und wurde oft mit seiner Frau am Arm bei spektakulären Premieren oder im Kreis von Rennsportsiegern fotografiert, wo er mit breitem Lächeln und mit aller Behutsamkeit den Siegern in hochdotierten Rennen den Hals tätschelte.

Machendorf hatte - ohne Gespür und wie von einem böswilligen Dämon zum eigenen Untergang getrieben -der Hauptperson des Buches Berkelys Beruf, seinen Rennstall, seine Filmstar-Frau und seinen Hang, in Theaterinszenierungen zu investieren, unverändert belassen. Im Buch hatte Machendorf ihn zur Verkörperung des Bösen gemacht, anrüchig und hassenswert. Berkin und die anderen, ebenfalls dem Leben nachgezeichneten Persönlichkeiten, die in denselben Kreisen verkehrten wie Berkely-Ber-kin, waren in einer düsteren Prosa beschrieben, obszön und profan, wie man sie etwa bei den Graffiti in öffentlichen Bedürfnisanstalten findet.

Vor der Veröffentlichung seines ersten Buches hatte Machendorf als Sekretär in Berkelys Büro gearbeitet und war fristlos von ihm entlassen worden; seine Rachsucht

pulsierte in jeder Zeile. Vielleicht war Berkely tatsächlich schlimm, vielleicht aber auch nicht. Damon war ihm mehrere Male bei Premieren begegnet, aber sie hatten sich nur flüchtig begrüßt, und Damon kannte den Mann nicht genügend, um über ihn urteilen zu können. Während jedoch die Beschreibung seines Charakters und seiner verschiedenen Interessen der Wirklichkeit sehr nahekamen, waren einige Handlungen, die Machendorf seinen Helden begehen ließ, eindeutig erfunden und in übelster Weise dargestellt; Damon hatte nicht den geringsten Zweifel, daß jede Geschworenenbank sich in einem Prozeß gegen den Autor entscheiden würde.

Machendorf hörte in schwelendem Schweigen zu, als Damon ihm so schonend wie möglich erklärte, daß er sich Ärger, großen Ärger auf den Hals laden würde, wenn er das Buch veröffentlichte oder auch nur den Verlegern zeigte. «Demnach», sagte Machendorf, «versuchen Sie mir beizubringen, daß Sie es nicht unter dem Namen der Agentur anbieten wollen.»

«Ich werde es auf keinen Fall anbieten. Punktum.»

«Sie haben viel Geld an mir verdient.»

«Nicht viel. Einiges.» Die zwei Bücher, die Machendorf vor diesem letzten geschrieben hatte, waren mäßig gut gegangen.

«Demnach», sagte Machendorf, «weigern Sie sich, mich zu vertreten.»

«Ja», sagte Damon. «Nicht mit diesem Buch. Ich habe keine Lust, mich auf Millionen Dollar verklagen zu lassen.»

«Sie sind ein scheißdämlicher, spießiger Schuft», sagte Machendorf bitter. «Sie kriegen nie wieder eine Zeile von mir zu sehen, Vertrag oder nicht. Beschränken Sie sich doch auf Kinderbücher - Bobby und Joan im Sommercamp spielen Onkel Doktor - und ähnlichen Mist. Das ist genau Ihre Masche. Und dasselbe gilt für diesen schwulen Albino, den Sie für sich arbeiten lassen und der Ihnen in den Arsch kriecht.»

«Wenn ich jünger wäre», sagte Damon, «dann würde ich Ihnen dafür eine reinhauen. Jetzt werd ich Ihnen mal zeigen, was ich von Ihrem Vertrag halte.»

Machendorf sah schweigend und mit funkelnden Augen zu, wie Damon aufstand, zum Aktenschrank ging, ihn öffnete, die Ordner durchmusterte und einige zusammengeheftete, juristisch aussehende Dokumente herausgriff. «Dies ist Ihr Vertrag, Mr. Machendorf», sagte er und begann, die Blätter zu zerreißen. Machendorf sah ihm mit bösartigem Lächeln zu. Damons Hände zitterten, und er hatte Mühe, jeweils mehr als eine Seite des kräftigen Papiers zu zerreißen. «Zum Teufel damit», sagte er. «Sie haben hoffentlich begriffen, was gemeint ist.» Dann warf er das Papierbündel auf den Boden, Machendorf vor die Füße. «Und jetzt machen Sie, daß Sie hier rauskommen», sagte er.

«Ich will mein Manuskript», sagte Machendorf.

«Hier ist es.» Damon schob den dicken, sauber gehefteten Papierstapel zum Rand seines Schreibtischs. «Es verpestet das Zimmer.»

Machendorf nahm das Manuskript und fuhr mit der Hand liebevoll über den Umschlag. «Sie beschissener Wursthändler», sagte er. «Zehn Prozent. Das ist die Zahl, die zu Ihnen paßt. Zehn Prozent von null Komma nichts. Ich werde Sie auslachen, wenn dieses Buch erscheint und ich auf meiner Jacht sitze und die Kritiken lese.»

«Wäre ich Ihr Freund und wollte Ihnen wohl, dann würde ich hoffen, daß niemand sonst auf der ganzen Welt es auch nur lesen, geschweige denn verlegen würde. Da ich aber Ihr Freund nicht bin, hoffe ich, daß die erste Firma, der Sie es zeigen, es herausbringt und die dickste Reklame dafür macht. Das wäre dann Ihr Ende. Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich muß auf die Toilette. Ich glaube, ich muß kotzen.»

Er ließ den Mann im Büro zurück, stieß aber beim Hinausgehen gegen die Tür, so daß sie offen blieb und sowohl Miss Walton wie Oliver aufmerksam wurden, falls Ma-

chendorf Lust bekam, seinen Schreibtisch oder die von Büchern berstenden Regale als letzten Racheakt zu verwüsten.

Oliver sah ihn fragend an. Es war das erste Mal gewesen, daß Damon ihn gebeten hatte, das Zimmer zu verlassen, während er mit einem Klienten verhandelte. «Was ist pass ...?» setzte Gabrielsen zu einer Frage an.

Damon winkte ab. Er mußte sich tatsächlich übergeben; das war keine Redewendung gewesen. Er eilte aus dem Büro, den Gang entlang zur Herrentoilette und erreichte die Kabine gerade noch zeitig genug, während ihm das Essen schon in die Kehle stieg. Er spuckte, bis sein Körper von trockenem Würgen erschüttert wurde, wusch sich Gesicht und Hände und spülte sich den Mund.

Als er ins Büro zurückkehrte, war Machendorf verschwunden, und Gabrielsen saß wieder an seinem Schreibtisch. «Was hatte das alles zu bedeuten?» fragte er. «Als Machendorf bei dir rauskam, sah er aus, als hätte er gerade eine Kiste Nägel verschluckt.»

«Ich hätte sie ihm gern Stück für Stück zu fressen gegeben», sagte Damon. «Sing Halleluja und streich einen unserer Kunden aus!»

Damons Wunsch sollte sich erfüllen. Das Buch erschien, wenn auch nicht im ersten Verlag, dem Machendorf es vorlegte. Doch der Cheflektor des Verlags, der Machendorfs frühere Bücher verlegt hatte, rief zwei Wochen nach jenem Auftritt Damon in seinem Büro an und erzählte ihm, daß Machendorfs Manuskript vor ihm auf dem Schreibtisch liege. «Was steckt dahinter?» fragte der Lektor. «Warum haben wir das Manuskript nicht wie üblich von Ihnen bekommen?»

«Fragen Sie doch den Autor.»

«Habe ich.»

«Was hat er gesagt?»

«Daß Sie ein alter Furz wären, daß Sie die Fühlung verloren hätten und daß er Sie rausgeschmissen hätte.»

Damon lachte. «Haben Sie das Manuskript gelesen?»

«Genug davon», erwiderte der Lektor, «um zu wissen, daß wir's nicht anrühren werden. Unsere Versicherung würde nicht im entferntesten die Summe decken, die Mr. Berkely zugesprochen würde, wenn wir vor Gericht kämen. Zudem ist es übler Schund.»

«Das sind zwei der Gründe, weswegen ich Machendorf erklärt habe, daß ich ihn nicht mehr vertreten will», sagte Damon. «Ein weiterer ist der, daß er ein äußerst ungehobelter Bursche ist.»

«Das alles habe ich mir schon selbst zusammengereimt, Roger», sagte der Lektor, «aber ich wollte es von Ihnen hören. Vielen Dank. Mr. Machendorfs Manuskript wird noch heute abend auf die Post gehen.»

Das Buch erschien sechs Monate später, und zwar im Verlag jenes Pornographen, der seinerzeit versucht hatte, Damon als Mitarbeiter zu gewinnen. Die sind einander würdig, dachte Damon mit Befriedigung, als er die Ankündigung der Veröffentlichung las. Von den angesehenen Kritikern wurde es fast gar nicht besprochen, aber es erregte breites und hämisches Aufsehen in den Klatschspalten. Einen Monat nach der Veröffentlichung wurden Machendorf und sein Verleger gemeinsam von Mr. Berkelys Anwälten auf einen Schadensersatz von zehn Millionen Dollar verklagt.

Damon und Oliver Gabrielsen veranstalteten an dem Tag, an dem der Bericht in der Times erschien, ein stilles Festessen im Algonquin.

Damon war nicht überrascht, als er von Berkelys Anwälten gebeten wurde, zugunsten ihres Klienten vor Gericht auszusagen, und antwortete, daß es ihm ein Vergnügen sein werde. Er war kein rachsüchtiger Mensch, aber er fand, daß Machendorfs Betragen eine Strafe verdiene. Es machte ihm auch nichts aus, im Gerichtsgebäude zu warten, während andere Zeugen, die man vor ihm aufgerufen hatte, endlos lange vernommen wurden, und daß täglich in

den Zeitungen an prominenter Stelle über den Prozeß berichtet wurde. Die Anwälte verfolgten eine bestimmte Absicht und hoben sich seine Aussage bis zum Schluß auf.

Als er schließlich in den Zeugenstand gerufen wurde und den Eid geleistet hatte, neigte sich die Verhandlung schon dem Ende zu. Er vermied es absichtlich, zu dem Tisch hinüberzublicken, an dem Machendorf und sein Verleger mit ihren Anwälten saßen. Er wollte den Schriftsteller vor seiner Vernehmung nicht sehen. Er wollte ruhig und ausgewogen sprechen, ohne Gehässigkeit, und er fürchtete, daß er sie beim Anblick des haßerfüllten Gesichts nicht mehr aus dem Ton seiner Stimme bannen könne.

Nach einleitenden Fragen zur Person fragte Berkelys Anwalt: «Mr. Damon, wie viele Jahre waren Sie Mr. Machendorfs Agent?»

«Sechs», erwiderte Damon.

«Sie haben seine Rechte beim Verkauf seiner anderen beiden Bücher vertreten?»

«Jawohl.»

«Sie vertreten seine Rechte nicht mehr. Trifft das zu?»

«Ja.»

«Darf ich Sie bitten, dem Gericht mitzuteilen, unter welchen Umständen Sie sich von dem Autor getrennt haben?»

«Mir hat das Buch nicht gefallen. Es war mir zuwider.»

«Gab es noch einen anderen Grund?»

«Ich wollte vor diesem Gericht nicht als der Beklagte erscheinen.»

Im Gerichtssaal brach Gelächter aus, und der Richter schlug einmal mit dem Hammer auf den Tisch.

«Warum haben Sie geglaubt, es bestehe Grund zu der Annahme, daß Sie bei einer Fortsetzung Ihrer Verbindung mit Mr. Machendorf als Beklagter vorgeladen werden könnten?»

Damon dachte einen Augenblick nach. Das letzte Gespräch, das er mit Mr. Gray vor dessen Tode geführt hatte, fiel ihm wieder ein. «Ich wäre das Gefäß, der Mittler, gewissermaßen das Flußbett für das verleumderische Werk eines Schriftstellers geworden und gleichermaßen verantwortlich», sagte er mit Mr. Grays Worten.

«Ich danke Ihnen, Sir», sagte der Anwalt. «Ihr Zeuge», sagte er zu dem gegnerischen Anwalt.

Machendorfs Anwalt schüttelte verdrossen den Kopf, und Damon trat aus dem Zeugenstand. Als er an dem Tisch vorbeikam, wo Machendorf sich Notizen machte, sah dieser mit haßverzerrtem Gesicht zu ihm auf und flüsterte: «Du Schweinehund, damit hast du den letzten Nagel in den Sarg geschlagen. Dafür wirst du mir büßen.»

«Ich zittere», sagte Damon lächelnd.

Er bestellte einen dritten Drink an der Bar. Das war vor über drei Jahren geschehen, und das Gericht hatte Berkely einen Schadensersatz von vier Millionen Dollar zuerkannt, von denen zwei vom Verfasser und zwei vom Verleger bezahlt werden sollten. Das Gericht hatte alle Vermögenswerte Machendorfs beschlagnahmt, und der pornographische Verleger hatte Konkurs angemeldet, sein Geschäft aufgegeben und sich einen Job als Anzeigenakquisiteur in einem der anrüchigen Girlie-Magazine gesichert. Machendorf war in der Versenkung verschwunden, wenn Damon auch vor einiger Zeit gehört hatte, daß er mit einem neuen Roman die Runde machte, mit dem keiner etwas zu tun haben wollte.

Drei Jahre waren eine lange Zeit, aber ein Mann, der im Gerichtssaal zu ihm gesagt hatte, «Schweinehund, dafür wirst du mir büßen» und der annehmen konnte, durch einen Mann, der gegen ihn ausgesagt hatte, seinen Beruf verloren zu haben, war ein geeigneter Kandidat für die Liste berufsbedingter Feinde.

Damon schrieb Machendorfs Namen auf die linke Seite seines Notizbuchs.

DAMONS BLICK GLITT NACHDENKLICH ÜBER DIE BAR. An der

Wand hinter dem Tresen befand sich ein langgezogener Spiegel, der sein Bild zurückwarf. Der Spiegel war alt und gesprungen und dunkel, fast eisenfarben. Das eigene Gesicht kam Damon fern und wesenlos vor, als schwanke es in einem wogenden düsteren Dunst. Wenn ich schon trinken muß, dachte er, dann sollte ich eine Bar aufsuchen, die mir mehr zusagt. Doch er hatte seinen letzten Drink kaum angerührt. Ich darf mein Geld nicht vergeuden, dachte er, ich werde vielleicht schon bald den letzten Cent brauchen, den ich habe.

Das Heft lag noch offen vor ihm, und als er darauf niederblickte, sah er die rechte Seite, die noch leer war bis auf die Überschrift Mögliche Feinde - persönlich.

Es war ihm nie eingefallen, daß er persönliche Feinde haben könne. Machendorfs Fall lag anders, und trotzdem hatte Damon über ein Jahr nicht mehr an ihn gedacht. Das Gedächtnis war eine verzwickte Angelegenheit, und oft war das Vergessen ein Mittel, mit dem sich der Verstand gegen vergangenes Leid und Bedauern über ungenutzte Gelegenheiten abschirmte.

Persönliche Feinde. Jetzt, da er sich zum Erinnern zwang, schrieb er zwei Namen nieder - Frank Eisner und, in Klammern, Melanie Deal.

Er hatte Melanie Deal vor etwa anderthalb Jahren kennengelernt. Als Sekretärin eines Theaterproduzenten namens Proctor war sie mit einigen Verträgen zu ihm ins Büro gekommen, die sich der Produzent von seinem Anwalt hatte aufsetzen lassen. Die Verträge betrafen ein Stück mit dem Titel Ein Apfel für Helena, und das Stück lag bei Damon. Es war schon später Nachmittag, und Oliver Gabrielsen sowie Miss Walton waren bereits nach Hause gegangen. Damon selbst zog sich gerade den Mantel an, um zu gehen, als das Mädchen eintrat. Sie war jung und hübsch, zwei- oder dreiundzwanzig Jahre alt, nach Damons Schätzung. Blonde Strähnen zogen sich über der Stirn durch ihr dichtes brau-nes Haar, als habe sie lange Stunden am Strand in der Sonne liegend verbracht. Ihre Augen waren ebenfalls braun, aber auch sie hatten den Schimmer einer anderen Farbe, was sie ein wenig andersartig, ja, ausgefallen erscheinen ließ, als lächele sie innerlich über einen andauernden Scherz, den nur sie verstand. Damon hatte sie schon einmal gesehen, als er mit Oliver in Proctors Büro gewesen war, um die Vertragsbedingungen für das Theaterstück auszuhandeln. Als die beiden Männer miteinander das Büro verließen, sagte Oliver: «Mensch! Hast du das Mädchen gesehen? Da braut sich was zusammen.»

«Mir schien sie durchaus in Ordnung. Und ihr Chef hat mir gesagt, daß sie sehr tüchtig ist.»

Oliver lachte. «Roger», sagte er, «du wirst alt. Ihr Chef konnte die ganze Zeit, während der sie im Zimmer war, keinen Blick von ihr wenden, und als sie aufstand und in ihr eigenes Zimmer ging, hat er sie mit seinen Blicken praktisch ebenda und dort ausgezogen. Ihm hing buchstäblich die Zunge aus dem Hals, und er machte einen hoffnungslos frustrierten Eindruck. Miss Deal ist vielleicht tüchtig im Büro, aber ich möchte wetten, daß sie ungleich tüchtiger im Bett ist. Und ehrlich gesagt, war ich selber nach fünf Minuten auch reichlich frustriert.»

«Dann scheine ich tatsächlich alt zu werden, wie du sagst.» Damon lächelte. «Ich habe an ihr nichts Besonderes feststellen können.»

Das war das Mädchen, das das Büro betrat, als Damon sich vor dem Weggehen den Mantel anzog. Nach dem, was Oliver gesagt hatte, und aus alter Gewohnheit, die er seit der Zeit der iberischen Dame gebrochen glaubte - er hatte sich seitdem zu unkomplizierter Monogamie gemausert -, sah Damon sie mit mehr Interesse an, als er bei ihrem ersten Anblick aufgebracht hatte, und kam zu dem Schluß, daß sie Oliver mit Recht so durcheinandergebracht hatte. Lüste des Geistes wie des Fleisches. Nymphe, möge in dei-

nen Gebeten all meiner Sünden gedacht sein. Nachdem Damon das Büro abgeschlossen hatte, fuhren sie zusammen im Fahrstuhl nach unten, und Damon sagte: «Ich kehre gewöhnlich auf meinem abendlichen Heimweg irgendwo zu einem Drink ein. Würden Sie mir dabei Gesellschaft leisten?»

Sie sah ihn mit einem Schimmer wissender Belustigung in den Augen an; männliche Annäherung war ihr offenbar nicht fremd. «Das fände ich sehr hübsch, Mr. Damon», sagte sie bescheiden. «Ich hatte gehofft, daß Sie mich fragen würden.» Ihre Stimme klang ein wenig belegt und paßte zu ihrer Erscheinung; Damon vermutete, daß sie daran gearbeitet hatte - entweder in einer Schauspielschule oder bei einem Gesangslehrer. Im Vestibül des Algonquin, wohin er sie mitgenommen hatte, obwohl es nicht der von ihm für einen ersten Feierabend-Drink bevorzugte Ort war, stellte sich heraus, daß seine Vermutung zutraf.

«Ich hatte deswegen auf eine Einladung zu einem Drink gehofft», sagte sie, als sie an ihrem Glas Weißwein nippte, «weil ich mit Ihnen über Apfel sprechen wollte.»

Er lächelte ein wenig darüber, daß sie einfach voraussetzte, sie seien beide Professionals und, wie es bei Theaterleuten üblich ist, den Titel des Stückes abkürzte. «Ich bin eigentlich gar keine Sekretärin», sagte sie. «Ich arbeite bei Mr. Proctor lediglich in der Zeit zwischen zwei Engagements.» Sie sprach in schnellen kleinen Stößen, als ob ihr die Wörter ununterdrückbar in der Kehle hochsprudelten.

«Haben Sie schon auf der Bühne gestanden?»

«Ein paarmal. Off-Broadway. Off-off-Broadway. Liebhaberaufführungen in der Equity-Bibliothek. Theater-schulinszenierungen. Krähwinkel.» Und voller Selbstironie in der Stimme: «Der übliche steinige Weg zum Star. Haben Sie mich mal gesehen?»

«Nicht, daß ich wüßte», sagte Damon. «Nein, ich bin sicher. Wenn ich Sie auf der Bühne erlebt hätte, dann hätte ich mich bestimmt an Sie erinnert.» Er war zu galant, um sich anders auszudrücken.

«Man sollte vor Sardis Restaurant ein Monument errichten. Mit einer ewigen Flamme: Der Unbekannten Schauspielerin.» Sie lachte, ohne Bitterkeit. «Das letzte Stück, in dem ich aufgetreten bin, wurde downtown in einem Theater gespielt. Mann plus Mann.»

«Ich habe das Stück gesehen - allerdings nur die ersten zehn Minuten.» Er erinnerte sich gut. Es war am Tag nach der Premiere wieder abgesetzt worden; das war der Abend gewesen, an dem er mit Sheila hingegangen war. Er sagte dem Mädchen nicht, warum er gegangen war. «Sie müssen später auf getreten sein.»

«Zweiter Akt», erwiderte sie. «Sie haben nichts versäumt. Ich hatte einen großen Auftritt im zweiten Akt. Aber keine Kritik. Die Kritiker sind alle in der Pause gegangen.» Sie lachte fröhlich. «Mutter und Vater auch. Ich hätt's auch getan, wenn ich nicht einen Vertrag unterschrieben hätte.»

«Ich erinnere mich an den Abend», sagte Damon. Er war von dem Produzenten, einem Mann namens Guilder, eingeladen worden. Er kannte ihn selbst nicht, nur seinen zweifelhaften Ruf. Dieser Produzent war ein sehr reicher junger Mann, dessen Familie Bergwerke in Colorado besaß. Er hatte ein paar Theaterproduktionen finanziert, die alle geplatzt waren. Sein Ruf gründete sich weder auf seinen Reichtum noch auf seine Theaterlaufbahn. Er war wegen Überfalls und schwerer Körperverletzung mit Tötungsabsicht verhaftet worden, nachdem er in einer Bar einen jungen Mann aufgegabelt und ihn später in seiner Wohnung aufs übelste verprügelt hatte. Er hatte zu seiner Verteidigung vorgebracht, daß der junge Mann homosexuelle Annäherungsversuche unternommen und er darauf in seiner Wut den Burschen geschlagen habe. Er hatte gewitzte und hochbezahlte Anwälte; und obwohl so ziemlich jeder Mensch im Gerichtssaal wußte, daß Guilder selbst, gelinde gesagt, homosexuelle Neigungen und einen Hang zur Gewalttätigkeit hatte, wurde er freigesprochen.

In einem Presseinterview hatte Guilder die Produzenten der New Yorker Theaterszene wahllos wegen ihrer rückständigen Prüderie, ihrer Stoffwahl und ihrer Inszenierungen angegriffen und verkündet, daß er von nun an selber und ohne Partner Stücke produzieren werde. Mann plus Mann war seine erste eigenständige Produktion Off-Broadway in einem Theater nahe Damons Wohnung, und da Sheila und er am Abend der Premiere nichts Besonderes vorhatten, machten sie noch in letzter Minute von den geschenkten Karten Gebrauch; mehr aus Neugierde als in der Hoffnung, daß das Stück ihnen viel Freude bereiten würde.

Aber auf das, was sich ihnen bot, waren sie nicht vorbereitet. Das Stück handelte von einem Transvestiten und seinen Freunden; und während Damon, dem Zeitgeschmack entsprechend, der Frage der Homosexualität neutral gegenüberstand und oft genug seine eigenen schwulen Klienten zum Essen in seine Wohnung eingeladen hatte, waren die rüde Sprache und die kichernde Zurschaustellung von Nacktheit eine zu große Zumutung für ihn. Er stand mitten in der ersten Szene auf und sagte zu Sheila im vollen Bewußtsein dessen, was er tat: «Komm, gehen wir. Ich habe genug. Das ist der reinste Dreck.»

Sie saßen in der ersten Reihe, und Damon sprach laut und deutlich und ging dann, gefolgt von Sheila, den Gang hinauf. Noch bevor er und Sheila den Ausgang erreicht hatten, waren andere Paare ihrem Beispiel gefolgt, von denen einige laut ihren Protest zur Bühne hinaufriefen.

Guilder stand im Hintergrund des Theaters, als die Damons an ihm vorbeigingen. Damon erkannte ihn nach Fotos in Zeitungen und, in poetischer Pose, auf dem Programmumschlag, aber er ging wortlos an ihm vorüber.

Das Stück wurde nach dieser einzigen Aufführung abgsetzt.

«Ich habe niemals einen Mann so wütend gesehen», sagte Melanie Deal. «Er erklärte dem Ensemble, Sie hätten das Stück absichtlich ruiniert, denn Sie konnten sicher sein, daß alle oder praktisch alle Leute im Premierenpublikum wußten, wer Sie sind, und Ihren Einfluß kannten. Beim zweiten Akt war kein einziger Kritiker mehr anwesend. Der Grund Ihres Handelns sei gewesen, daß Sie ein verkappter Homo seien und nicht vertragen könnten, die Wahrheit auf der Bühne zu sehen; und er versprach dem Ensemble, er würde Sie in Theaterkreisen ruinieren und in die Wüste schicken, wo Sie hingehörten.» Sie kicherte. «Hat er Sie ruiniert?»

«Wie Sie sehen», sagte Damon lächelnd, «kann ich mir noch leisten, Drinks für eine hübsche junge Dame im Al-gonquin zu bezahlen. Allerdings habe ich gerüchtweise gehört, daß er mich in der ganzen Stadt mies gemacht und zweimal Produzenten überboten hat, die von mir vertretene Stücke aufführen wollten, sie aber dann doch nicht gebracht haben.» Damon zuckte die Achseln. «Man muß sich im Theater auf verzogene reiche Jungens gefaßt machen. Niemand nimmt ihn ernst. Wenn ich wirklich für die Absetzung des Stückes verantwortlich war, dann müßte ich dafür eine Medaille für öffentliche Dienste bekommen. Mr. Guilder interessiert mich nicht. Er ist unwichtig. Reden wir statt dessen lieber von etwas Dringlicherem. Was hatten Sie in Sachen Apfel auf dem Herzen?»

«Als Sie im Büro über die Besetzung sprachen... Sie haben beschrieben, wie Helena aussehen müßte. Wie sie die Rolle auffassen sollte.» Sie sprach kurz, stoßweise. «Ja, da habe ich mir gedacht: das bin doch ich, die dieser nette Mann beschreibt.»

Damon lächelte wieder. «Vielleicht war ich ... äh ... in meinem Unterbewußtsein beeinflußt.» Der kleine Flirt war nach seinem Geschmack. «Haben Sie mit Mr. Proctor über einen Test für diese Rolle gesprochen?»

Sie schüttelte energisch den Kopf, wobei ihr das dichte, schimmernde Haar ums Gesicht flog. «Mr. Proctor sieht mich ausschließlich als Sekretärin und als Sexobjekt.» Ein boshaftes Vergnügen spiegelte sich in dem kleinen, feinen Gesicht. «In seiner Vorstellung lebe ich nur an der Schreib-

maschine oder im Bett.» Sie lachte rauh; ihr Gelächter klang ein wenig unbeherrscht. «No Hope, New Jersey. Das sollten Sie ihm sagen, falls er fragt.»

«Und was bedeutet das?»

«Ich habe im Sommertheater in New Hope gespielt, im Bundesstaat New Jersey», sagte sie. «Alles ging schief. Jedesmal wenn wir mit Proben für ein neues Stück anfingen, hat einer gesagt: No hope - also hoffnungslos - in New Jersey. Das wurde unser Stichwort für die Erkenntnis: Nicht eine Chance in Millionen.»

Damon spürte das elektrische Kribbeln des Begehrens und wünschte sich, er hätte das Büro schon früher verlassen und Oliver gebeten, dichtzumachen. Morgen mußte er Oliver mitteilen, daß sein Chef doch noch nicht so alt war, wie er schien.

«Mr. Proctor», fuhr das Mädchen fort, «legt großen Wert auf Ihren Geschmack und Ihre Erfahrung. Wenn Sie ein Theaterstück schicken, liest er es sofort, ganz gleich, was sonst noch auf seinem Schreibtisch liegt. Wenn Sie ein gutes Wort für mich einlegen, dann hört er darauf.» Sie sprudelte die Worte atemlos heraus und beugte sich dabei vor, so daß er unwillkürlich die lockende Form ihrer Brüste in dem engen Kaschmirpullover wahmahm, unter dem sie keinen Büstenhalter trug. Ein generöses Angebot, dachte er in wehmütiger Erinnerung an seine jungen Mannesjahre, und auf dem Silbertablett gereicht. Er verstand jetzt Proctors verzückten Blick, während er mit Melanie Deal vor Augen über Verträge zu sprechen suchte.

Verwirrt bestellte er sich einen neuen Drink, um zu verhindern, daß ihm der Abend außer Kontrolle geriet. Melanie trank ihren Wein aus, und er bestellte ein zweites Glas für sie. Ihr Gesicht war vom Wein und von dem Ungestüm, mit dem sie gesprochen hatte, gerötet. «Ach ja», sagte er und sah sich in der Hotelhalle um, ob vielleicht jemand da wäre, der ihn kannte und das Gerücht verbreiten würde, daß der alte Roger Damon neuerdings Kinder vernasche. Es war aber niemand anwesend, der ihm bekannt war; das erleichterte ihn ein wenig. «Ach ja», sagte er, «die Rollenbesetzung ist vorläufig noch Zukunftsmusik. Und noch haben wir keinen Regisseur. Und außerdem muß der Verfasser den ganzen ersten Akt umschreiben.»

«Das weiß ich alles», sagte sie ungeduldig. «Aber wenn Sie Mr. Proctor den Floh ins Ohr setzen, dann warte ich auch.»

«Ich rate Ihnen, Miss Deal...»

«Melanie.»

«Ich würde Ihnen raten, Melanie», sagte er mit einem Versuch, väterlich zu klingen, «keine von den Rollen auszuschlagen, die Ihnen wahrscheinlich angeboten werden, während wir auf den Beginn der Produktion warten.»

«Ich verlange nichts als die Chance vorzuspielen.» Sie war jetzt ganz ernst; sie beugte sich vor und packte seinen Unterarm mit einer erstaunlich kräftigen Hand. «Sie brauchen nichts weiter zu tun als mich vorzuschlagen.» Sie strich sich das Haar aus der blassen, hohen Stirn zurück. «Sehen Sie her», sagte sie herausfordernd, mit zurückgeworfenem Kopf und funkelnden Augen, «bin ich das Mädchen, das Sie im Büro beschrieben haben, oder nicht?»

«Sie sind schön», sagte er leise, versuchte aber gleich, sich zu fangen und das Kompliment mit einem väterlichen «meine Liebe» banal klingen zu lassen. Irgendwo hörte er eine Uhr schlagen. «Oh, es wird schon spät. Meine Frau wird sich Sorgen machen.» Sheila machte sich niemals Sorgen um die Zeit, zu der er aus dem Büro nach Hause kam, solange es vor acht Uhr abends war, oder wenn er sie angerufen hatte, daß er eine, zwei Stunden später kommen würde, aber er wollte vor diesem verführerischen Mädchen, das den Jahren nach - gelinde gesagt - seine Tochter sein könnte, lieber als Pantoffelheld erscheinen.

«Ich wohne in Ihrer Nähe», sagte sie. «Ich habe im Telefonbuch nachgesehen, nachdem Sie neulich in unserem Büro waren.» Sie lachte. Wieder lag etwas Wildes und Ungehemmtes in ihrem Lachen. «Wir können zusammen gehen. Ich wohne in der 23sten Straße West.»

«Gut», sagte er und wußte schon nicht mehr, ob er sich freute oder bedauerte, sie zu einem Drink eingeladen zu haben, «ich gehe gewöhnlich zu Fuß.»

«Ich bin eine begeisterte Fußgängerin», sagte sie grinsend und nagelte ihn damit fest. «Ich bin eine der berüch-tigsten Geherinnen in New York. Und ich trage keine hohen Absätze zur Arbeit.»

«Na schön», sagte er. Er spürte den Drang nach frischer Luft. Und er bezweifelte, daß sie auf einer öffentlichen Verkehrsader um halb sieben Uhr abends etwas Unziemliches begehen würde.

«Wenn Sie es so wünschen», sagte er, «dann können wir gemeinsam downtown gehen.»

«Genau das wünsche ich mir. Ich bin ein hartnäckiges Scheusal, stimmt's?» sagte sie triumphierend. Sie grinste; ihre vollkommenen Zähne blitzten in ihrem jugendlichen Gesicht.

«Sie werden's noch weit bringen, Melanie», sagte er, als er seine Rechnung beglich. «Innerhalb wie außerhalb des Theaters.»

«Darauf können Sie sich verlassen», sagte sie. Sie half ihm in seinen Mantel, klopfte ihm dabei auf die Schulter, und dann gingen sie aus dem Hotel, wobei sie ihre Hand besitzergreifend unter seinen Ellbogen schob.

Das Wetter hatte sich inzwischen verschlechtert; ein feiner Sprühregen fiel vom Himmel. Damon meinte, es wäre sadistisch, ein Mädchen mit so schönem Haar ohne Kopfbedeckung in so hübschen Mokassins und so zarten Strümpfen an den schönen langen Beinen fast zwei Kilometer im Regen laufen zu lassen. Er wartete einen Augenblick am Hoteleingang und sagte: «Das ist keine Nacht für eine Fußwanderung.»

«Mir macht's nichts aus», sagte sie. «Laß den Nordwind wehn, laß den Himmel stürzen.»

«Haben Sie einen Schal oder etwas Ähnliches?»

Sie schüttelte den Kopf. «Es war sonnig, als ich heute morgen zur Arbeit ging.»

«Wir nehmen uns ein Taxi», sagte er. «Falls wir eins ergattern.»

Gerade in dem Augenblick kam ein Taxi angefahren und hielt vor dem Hotel, und ein Paar stieg aus. Melanie ließ Damons Arm fahren, schoß über den Bürgersteig und hielt die Tür auf, bevor noch der Mann, der gerade ausgestiegen war, diese schließen konnte, und bevor eine Frau, die das Taxi gesehen hatte, als es in die 44ste Straße einbog, und ihm winkend und «Taxi, Taxi» rufend nachgelaufen war, es erreichen konnte.

«Scheißpech, meine Dame», sagte Melanie in grimmigem Siegesbewußtsein, als die Dame keuchend anlangte. Dann winkte sie Damon ungeduldig zu, er solle sich beeilen. Er trabte über den Bürgersteig und sagte, als er in das Taxi stieg, beschämt: «Tut mir leid, meine Dame.»

«Die jungen Leute von heute», sagte die Frau keuchend. «Barbaren. Und diese Sprache!»

Melanie stieg ins Taxi und gab dem Fahrer ihre Adresse. Dann machte sie sich's neben Damon bequem und legte ihm die Hand auf den Oberschenkel. «Das ist ein Omen», sagte sie.

«Was ist ein Omen?»

«Daß wir an diesem regnerischen Abend ein Taxi ergattert haben», sagte sie. «Obwohl ihm in den Straßen von New York die Leute millionenweise nachgerannt sind.»

«Ein gutes Omen oder ein schlechtes?»

«Gutes, Dummerchen.»

«Für die Frau da war's nicht so gut.»

«Alte fette Schlampe», sagte Melanie, ohne der Tatsache Rechnung zu tragen, daß der Mann an ihrer Seite der alten Schlampe um mindestens zwanzig Jahre voraus war. «Die kann gehen, wohin sie will, auf die wartet keiner mehr. Sind Sie abergläubisch? Wegen Omen und dergleichen?»

«Ja, ich ziehe mir morgens immer zuerst den linken Schuh an und steige auf der linken Seite aus dem Bett.» Er lachte. «Bei meinem Alter.»

«So alt sind Sie doch nicht.»

«Meine liebe junge Dame», sagte Damon, «wenn Sie mal eines Morgens aufwachen und Ihre Knochen so knirschen hören wie ich die meinen, dann würden Sie das nicht sagen.»

«Ich will Ihnen mal was erzählen, Mr. Damon», sagte sie und streichelte dabei seinen Schenkel, «Sie sind einer der attraktivsten Männer in New York, egal, wie alt Sie sind.»

«Großer Gott!»

«Wollen Sie hören, was ein paar Damen aus Ihrer Bekanntschaft mir von Ihnen erzählt haben?»

«Bestimmt nicht.» Das Kribbeln, das er im Büro gespürt hatte, als er sie zum ersten Mal genauer angesehen hatte, hatte inzwischen eine alarmierende Anzahl Volt erreicht.

«Ich erzähl's Ihnen trotzdem.» Sie lachte aus boshaftem, fröhlichem Schabernack. «Damen in meiner Schauspielerklasse. Gereifte Damen. Umgetrieben. Wissen, wovon sie reden. Drei Stück. Gut erhalten. Wir haben während einer Pause im Unterricht zusammen Kaffee getrunken. Das Gespräch kam auf Sex. Damenklatsch in der Garderobe.» Sie lachte wieder auf ihre leichte, wilde Weise.

«Ich hätt's lieber, wenn Sie damit aufhören, Melanie», sagte Damon mit aller Würde, die er aufbringen konnte.

«Tun Sie nicht so prüde.» Sie hob ihre Hand von seinem Schenkel, um ihn gleich darauf mit dem Finger scharf ins Bein zu pieken. «Nach dem, was ich von Ihnen gehört habe, halten Sie dieses Benehmen nicht durch. Ganz zufällig hatten alle drei Damen eine Affäre mit Ihnen.»

«Sie sind unmöglich, liebes Kind», sagte er verwirrt. «Ich will nicht wissen, was sie erzählt haben oder wer sie sind.» Er log. So wie sie die Sache erzählte, wußte er, daß ihre Darstellung schmeichelhaft sein und ihn an erfreuliche Augenblicke seiner Vergangenheit erinnern würde.

«Alle diese Frauen», sagte Melanie, «zensierten ihre verschiedenen Liebhaber. Wer der beste war und wer der schlechteste. So in dieser Art. Wenn ich Ihnen die Namen dieser Damen verraten würde, dann wüßten Sie, daß sie auf eine Menge Vergleiche zurückgreifen können. Das Urteil über Nummer eins auf der Liste war einstimmig. Sie wurden mit Abstand zum besten Liebhaber der Stadt erklärt.» Sie lachte wieder. «Die schlechtesten Liebhaber, die sie je getroffen hatten, waren allemal die eigenen Ehemänner.»

Er stimmte notgedrungen in ihr Gelächter ein. Dann sagte er: «Das war vor langer Zeit.» Er erriet, wer die Damen waren. «Ich war damals jünger und aktiver.»

«Vor nicht so sehr langer Zeit», sagte sie. «Und reden Sie nicht dauernd vom Alter. Mein derzeitiger Liebhaber ist fünfzig. Er ist Makler in der Wall Street und hat eine Platinplatte im Schädel. Sie haben ihm in Korea ein Stück von der Schädeldecke weggeschossen. Er war ein großer Held und hat die Brust voller Medaillen, und sein ganzes Haus hängt voller Feuerwaffen, die er von dort mitgebracht hat. Ach ja, er ist kein großer Held mehr, und niemand würde ihm heute für was auch immer eine Medaille anheften. Von Zeit zu Zeit wähnt er sich in einem Schützenloch, oder was er sonst in Korea hatte, und glaubt, ich sei ein Chinese, der sich anschleicht, und sein Haar ist grauer als Ihres, und wir haben's großartig miteinander.»

«Das klingt nach einem Backfischtraum», sagte Damon trocken.

«Ich habe einen Vaterkomplex», sagte Melanie, «und liebe ihn.»

«Schön», sagte Damon, «ich habe keine Tochter, und ich habe keinen Tochterkomplex, und das liebe ich.» Er versuchte, ohne Erfolg, einen gereizten Ton anzuschlagen. «Ich habe seit weiß Gott wie lange niemand anderen mehr berührt als meine Frau.»

Das Mädchen ignorierte seine Worte und strich mit der Hand unter seinem Mantel weit das Bein hinauf. «Ich mache einen Annäherungsversuch, Mr. Damon», sagte sie tonlos, ohne Emotion.

Er streckte seine Hand aus und packte ihren Arm so nachdrücklich, daß sie nicht bis zum oberen Ende gelangte. Er war von ihrer brüsken Unverblümtheit sowohl entzückt

als auch verärgert; verärgert, weil es möglich, ja mehr als möglich war, daß ihr Angebot nicht wegen seines Rufes bei den Damen in der Schauspielklasse erfolgte, sondern als Hebel dienen sollte, damit er sie bei Mr. Proctor für die Rolle in dem Stück vorschlug.

«Zu meiner Zeit», sagte er, «haben die Damen darauf gewartet, daß man sie bat.»

Sie machte keinen Versuch, ihre Hand noch höher zu schieben, sondern sagte: «Dies ist nicht mehr Ihre Zeit, Mr. Damon, und ich bin keine Dame. Ich will wählen und nicht gewählt werden. Mir gefiele es, wenn wir eine lange, schmachtende Liebschaft miteinander hätten, die heute nacht beginnt. Verstohlene Nachmittage, an Wochenenden Entwischen in ländliche Gasthäuser...»

«Das ist aber ziemlich romantisch, <verstohlene Nachmittage», sagte er ironisch.

Sie überhörte seine Ironie. «So ist das heute: Sie können zu gleicher Zeit pragmatisch und romantisch sein», sagte sie ungerührt. «Kämpfen Sie nicht dagegen an. Und erzählen Sie mir nicht, daß Sie nie zuvor erwählt worden sind.»

Er erinnerte sich an Julia Larch. «Kann schon sein», sagte er, erwähnte aber das Hotel in der 39sten Straße nicht. «Nun, die Damen haben es für sich behalten. Sie waren so huldvoll, mir den ersten Zug einzuräumen. Und den zweiten und den dritten.»

«Andere Zeiten, andere Sitten. Haben Sie noch nie von der sexuellen Revolution gehört?» Eine Straßenlaterne warf ein grelles Licht auf ihr Antlitz, aber in dem Licht sah sie jung und lieblich und verletzlich aus.

«Lassen Sie den alten Mann in Frieden ziehen», sagte er milde.

«Ich will Ihnen keinen Frieden geben.» Noch einmal lachte sie, verweigerte jegliche Sentimentalität. Sie blickte aus dem Fenster. «Mein Gott, ich bin schon fast zu Hause.» Als wäre das ein Signal, warf sie sich quer über seine Schenkel, zog seinen Kopf zu sich herab und küßte ihn. Ihre Lippen waren weich und rege, und sie roch wunderbar. Es war ein langer Kuß, und sie ließ erst von ihm ab, als das Taxi vor dem Haus hielt, in dem sie wohnte. Sie setzte sich auf, strich sich den Mantel glatt, und das Gesicht, mit dem sie ihn ansah, war voll von jenem Schabernack, der schon die ganze Zeit knapp unter der Oberfläche verborgen lag. «Letzte Chance», sagte sie. «Kommst du mit rauf zu mir?»

Er schüttelte traurig den Kopf.

«Du wirst es bereuen», sagte sie.

«Sicherlich.»

Sie zuckte die Achseln. «Ich wünsche Ihnen einen fröhlichen häuslichen Abend mit Ihrer Gattin», sagte sie. «Sie brauchen ihr nicht zu erzählen, daß Sie ein guter Mann sind. Ich bin sicher, sie weiß es.» Sie sprang aus dem Taxi und rannte die Vordertreppe des Hauses hinauf, gewandt, anmutig, schnell, ein Kind ihrer Zeit. Seine Zeit war andersgeartet.

Damon sah ihr nach, wie sie davonging, ein Schwall von Trauer übermannte ihn; dann gab er dem Fahrer seine Adresse und lehnte sich zurück auf dem Kunstledersitz, der nach altem Zigarettenrauch stank, schloß die Augen und versuchte, sich auf die Namen der drei Damen zu besinnen, die, wie er vermutete, ihre Kaffeepause mit Melanie Deal verbracht hatten.

Das nächste Mal, daß er sie sah, stand sie in der Eingangshalle seines Bürogebäudes, als er nach Büroschluß herunterkam. Es war eine Woche später.

Sie trug ein Kopftuch, und ihr Gesicht sah verhärmt und besorgt aus. Hätte Oliver sie in diesem Aufzug gesehen, dachte er, dann hätte er sich kaum zu dem Ausruf veranlaßt gefühlt: «Junge, hast du das Mädchen gesehen?»

«Ich muß mit Ihnen sprechen, Mr. Damon», sagte sie unvermittelt. «Allein. Sie sind in Gefahr. Darf ich mit Ihnen gehen?»

«Gewiß.» Er nahm ihren Arm, und sie traten auf die Straße. Automatisch schlug er den Weg zur Fifth Avenue

ein. Es war ein schöner Frühlingsabend, der letzte Sonnenglanz färbte den westlichen Himmel; die Menschen um sie her, von der Last des Tages erlöst, schienen im Vorgeschmack ihrer Freiheit und in der Aussicht auf den kommenden Abend von geheimer Wonne überzusprudeln.

Eine Zeitlang gingen sie nebeneinanderher, ohne zu sprechen; das Mädchen in sich gekehrt und an den Lippen nagend. «Wieso bin ich in Gefahr?» fragte Damon ruhig.

«Ich habe etwas Schreckliches getan. Unverzeihlich, aber ich hoffe, Sie werden mir verzeihen.» Sie klang wie ein verängstigtes Kind.

«Was ist das Schreckliche?»

«Ich habe Ihnen doch von meinem Liebhaber erzählt, dem fünfzigjährigen... dem Börsenmakler. In der Wall Street.»

«Ja.»

«Er heißt Eisner.»

«Ich kenne ihn nicht», sagte Damon scharf. «Was hat er mit mir zu schaffen?»

«Er sagt, er wird Sie umbringen», sagte sie. «Das hat er mit Ihnen zu schaffen.»

Damon blieb stehen und sah dem Mädchen ins Gesicht. «Das ist doch wohl ein Witz!»

Sie schüttelte den Kopf. «Leider nicht.»

«Warum will ein Mann, den ich in meinem Leben nicht gesehen habe, mich töten?» fragte Damon ungläubig.

«Er ist wahnsinnig eifersüchtig. Vielleicht liegt's an der Platinplatte, die man ihm in Korea in die Schädeldecke eingesetzt hat.»

«Ich hab doch gar nicht... ich meine, mit Ihnen ...», stammelte Damon.

«Ich habe ihm aber gesagt, Sie hätten. Ich habe ihm gesagt, ich sei wild auf Sie, und Sie wären wild auf mich.»

«Wozu, in Gottes Namen, haben Sie das getan?» Damon war von eisiger Wut erfüllt und sah mit Genugtuung, daß seine Stimme und sein Gesichtsausdruck das Mädchen zurückschrecken ließen. Er zog sie rauh an sich.

«Er hat mich bei einer Party ins Gesicht geschlagen.» Sie weinte jetzt. «Er glaubte, daß ich mit jemand flirtete. Vor mehr als zwanzig Menschen.» Dann wurde ihre Stimme trotzig und hart. «So was lasse ich keinem Menschen durchgehen. Keinem einzigen. Ich wollte ihm weh tun, und ich habe es getan. Sie waren der erste, der mir eingefallen ist, und er weiß, wer Sie sind und daß Sie erheblich älter sind als er. Das hat's zum Klappen gebracht.»

«Gut gemacht», sagte Damon wütend. «Na schön, Sie gehen jetzt zurück zu dem Idioten und erklären das Ganze: daß Sie gelogen haben, daß wir nichts miteinander gehabt haben und daß zumindest ich todsicher bin, daß wir's auch nie werden. Er kann seine verdammte Pistole wegstecken und zurück zur Wall Street gehen und aufhören, sich aufzuführen wie ein Idiot.»

«Das wird nichts nützen», sagte sie und schniefte die Tränen hoch, wobei sie mehr als je einem verstörten kleinen Mädchen glich. «Das habe ich ihm schon alles in der vergangenen Nacht erzählt - daß ich gelogen habe. Er hat mir nicht geglaubt. Er hat nur in seinem Wohnzimmer gesessen und seinen Revolver geölt, den er aus Korea mitgebracht hat.»

Damon holte tief Atem. «Na schön», sagte er grimmig, «wenn er so verflucht darauf versessen ist, dann sagen Sie ihm heute abend, daß ich morgen in der Fifth Avenue, im Block vor Saks Warenhaus genau zur Mittagszeit unbewaffnet nach Norden gehen werde. Sollen doch die Soldaten schießen und Schluß machen. Und jetzt», sagte er mit eisiger Wut, «machen Sie, daß Sie fortkommen, und kommen Sie nicht mehr in meine Nähe.» Er ließ ihren Arm los und schritt die Avenue entlang in Richtung auf sein Zuhause.

Pünktlich zur Mittagszeit war er am nächsten Tag an der Ecke der Fifth Avenue und der 49sten Straße. Das Wetter war mild und sonnig, und die jungen Mädchen aus den umliegenden Bürohäusern, die ihre Mittagspause mach-

ten, die Frauen, die in den schillernden Läden ein und aus gingen, sie alle schienen leuchtende Farben zu tragen, um das Kommen des Frühlings zu bestätigen. Das war für den einen Mann weder der rechte Ort noch die rechte Zeit, mit einer Pistole auf der Lauer zu liegen, noch für den anderen, seine Hinrichtung zu erwarten.

Damon straffte die Schultern und ging langsam und bedächtig von einem Ende des Blocks zum ändern. Das dauerte vier Minuten. Niemand näherte sich ihm. Kein Schuß fiel. Melodrama, dachte er verächtlich. Spiegelfechterei. Phantastische Liebesspiele. Das übergeschnappte, ehrgeizige junge Mädchen, das sich den Anschein gab, als sei es so modern und so abgebrüht. Der arme Schuft mit der Platte im Schädel, der ostentativ und ihr zur Lehre den Revolver ölte.

Er kannte ein gutes Restaurant in der 63sten Straße, und während er dorthin schlenderte, freute er sich am Frühlingssonnenschein, an den Schaufenstern und den leuchtenden Farben der Frauen, an denen er vorüberging. Dann genehmigte er sich einen ausgesuchten und kostspieligen Lunch samt einer ganzen Flasche Wein.

Er sah, daß sein Glas leer war, dachte, was zum Teufel soll's, und bestellte sich noch einen Whisky. Er wußte, daß er an diesem Tag nicht mehr arbeiten würde; und wenn er bis zum Abend fertig werden wollte, würde ihm der Whisky dabei helfen.

Seit jenem Gespräch in der Fifth Avenue hatte er von Melanie Deal nichts mehr gehört, und das lag nun schon über zwei Jahre zurück. Mr. Eisner, dem Wall-Street-Mak-ler mit der Platinplatte, den Feuerwaffen und der ordenstarrenden Brust, war er nie begegnet. Ein Apfel für Helena war durchgefallen, und der Verfasser versuchte immer noch, den ersten Akt umzuschreiben.

Wenn jedoch ein Mann erklärt hatte, er wolle Damon töten - auch wenn er vor dem Kaufhaus Saks nicht erschienen war, um seine Drohung wahrzumachen dann war das keine lebenslange Garantie für seine Immunität. Dieses alberne Heldenstück hatte damals ausgesehen wie ein Sieg, und Damon hatte seinen Lunch genossen, aber ein bewaffneter Mann überlegt sich's wohl zweimal, ehe er einen Rivalen mitten am hellichten Tage im Gewimmel der Menschen auf der belebtesten Avenue der Stadt New York niederschießt. Er könnte beschlossen haben, sich Zeit zu lassen, eine weniger öffentliche Gelegenheit abzuwarten, auf der Lauer zu liegen, seinen Rachetraum monate-, ja jahrelang zu nähren. Eifersucht war die hartnäckigste der Leidenschaften, die nicht innerhalb von vierundzwanzig Stunden hochwallte und wieder verlosch. Damon war sich sicher, daß Lieutenant Schulter etwas über Eisner wissen wollte. Nach Damons Dafürhalten hatte sich der Makler seinen Platz auf der Liste der persönlichen Feinde verdient, und vielleicht gehörte Melanie Deal mit ihrem Leichtsinn und ihrer Unberechenbarkeit auch dahin. Auf alle Fälle würde es sich lohnen, sie anzurufen.

Er suchte in seinen Taschen nach Münzen fürs Telefon, hielt aber plötzlich inne. Mr. Eisner war nicht der einzige Mann gewesen, der ihn nach ihren Angaben bedrohte. Damon erinnerte sich an Melanie Deals Schilderung von der flammenden Rede, die Guilder nach der Premiere von Mann plus Mann vor dem Ensemble gehalten hatte. Guilder hatte geschworen, ihn zu ruinieren, und hatte so viel Schaden gestiftet, wie Geld und ein geflüsterter Rufmord dazu beitragen konnten. Es hatte nichts genützt, aber sein Mißerfolg mochte seit jener Zeit so sehr an seiner Seele genagt haben, daß er sich zu direkteren Maßnahmen veranlaßt sah. Damon hatte ihn als unwichtig abgetan. Das war sein Fehler gewesen. In seiner jetzigen Lage durfte kein einziges Indiz, so fadenscheinig es auch erscheinen mochte, leichthin übergangen werden. Und die Macht eines frustrierten, irren und reichen jungen Mannes, der nur knapp einer langjährigen Gefängnisstrafe für schwere Körperverletzung mit Tötungsabsicht entronnen war und genügend Geld besaß, um sich Mordgesellen zu dingen, durfte nicht

unbeachtet bleiben. Kein Zweifel, dachte Damon, als er zwei Zehn-Cent-Münzen in seiner Tasche fand, Melanie Deal war einen Anruf wert.

Er ließ sein Glas Whisky auf der Bar stehen und ging durch das Lokal zur Telefonzelle. Er fand ihre Nummer im Band Manhattan, denn er erinnerte sich, daß sie in der 23sten Straße wohnte; erinnerte sich auch an ihre weichen Lippen auf den seinen und an ihre Worte im Taxi: «Ich habe einen Vaterkomplex, und ich liebe ihn.»

Er wählte die Nummer. Eine automatische Durchsage beantwortete den Anruf: «Kein Anschluß unter dieser Nummer.» Er holte sich seine Münzen zurück und dachte einen Augenblick nach. Er konnte zwar Proctors Büro an-rufen und feststellen, wie das Mädchen zu erreichen wäre; aber in Erinnerung an Olivers damalige Bemerkung, daß Proctor sie in seinem Büro praktisch mit den Blicken entkleide, fand er es peinlich, sich dort nach ihr zu erkundigen. Gott weiß, was sich zwischen ihnen abgespielt haben mochte, obwohl sie seine Chancen bei ihr mit dem Ausspruch «No Hope, New Jersey» abgetan hatte.

Einen Augenblick dachte er nach, dann schlug er die Nummer der Schauspielergewerkschaft Equity nach. Dort mußte sie registriert sein, und sein Name würde genügen, um ihn als Theaterfachmann auszuweisen; damit wäre sein Anruf legitimiert. Man würde ihm ihre Nummer ohne weiteres mitteilen. Beim Wählen fiel ihm allerdings ein, daß sein Anruf so legitim auch nicht war.

Es dauerte eine Weile, bis er mit der Person verbunden war, die ihm die gewünschte Auskunft geben konnte, aber schließlich kam eine Frau an den Apparat, die er kannte. «Sophie», sagte er, nachdem sie sich begrüßt hatten, «ich möchte mit einer Schauspielerin namens Melanie Deal in Verbindung treten. Einer meiner Autoren ist der Ansicht, daß er sie für ein Stück, an dem er gerade schreibt, gebrauchen könnte», log er.

«Oh . ..» Darauf folgte eine Pause. «Sie ist vor drei Monaten gestorben. In Chicago. Sie war auf Tournee mit einem wiederaufgenommenen Stück und wurde Opfer eines Autounfalls. Ein betrunkener Schauspieler am Steuer und die Straßen vereist. Tut mir leid. Jammerschade. Sie war ein gewitztes junges Ding und hatte eine Zukunft. Tut mir schrecklich leid. War sie eine Freundin von Ihnen?»

«Nicht eigentlich», sagte Damon. Chicago, dachte er. Eine mehr für meine Träume. Dann legte er auf.

12

er kam auf dem fussboden zu sich. Er nahm Stimmengewirr wahr und den Geruch von verschüttetem Bier und Zigarettenstummeln; Gesichter starrten besorgt auf ihn nieder, und einer sagte: «Nicht bewegen. Sein Hals könnte gebrochen sein.» Einen Augenblick dachte er, er sei ohnmächtig geworden, und versuchte, sich bei den Gesichtem über ihm zu entschuldigen, aber es gelang ihm nicht, die Worte zu bilden. Dann erinnerte er sich. Als er von der Telefonzelle zu dem Platz zurückkam, wo er seinen Drink und sein offenes Notizbuch liegengelassen hatte, brüllten zwei neben ihm sitzende Männer sich gegenseitig an. Es hatte etwas mit Geld zu tun, entsann er sich. Dann ergriff der kleinere der beiden Männer, der ein Gesicht hatte wie ein alter Affe, eine Bierflasche, die auf der Bar stand, und schwang sie gegen den anderen Mann. Der duckte sich, nahm mit dem Schrei «Du diebischer Schuft» hinter Damon Deckung und suchte seinen Kopf zu schützen.

«Na, na», sagte Damon und packte instinktiv nach dem Arm des Mannes mit der Bierflasche, um dem Kampf Einhalt zu gebieten. Er verfehlte ihn, der Mann holte wie verrückt aus* und die Bierflasche krachte gegen Damons Stirn. Er war benommen über der Bar zusammengesunken. Dann mußte er ohnmächtig geworden und auf den Boden gerutscht sein.

Eine warme, klebrige Flüssigkeit tropfte ihm in Augen

und Mund. Er schmeckte Salz. Er setzte sich auf. Die Gesichter über ihm schwankten gegen die verbeulte Blechdecke. «Alles in Ordnung», sagte er mühsam, wischte sich über Augen und Mund und betrachtete seine Hand. Als er darauf Blut sah, sagte er ungereimt: «Das Blut des Lammes. Wenn Sie nichts dagegen haben ...» Es verwirrte ihn, daß er im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit all dieser fremden Leute stand, die gerade erst für einen friedlichen Drink vor dem Mittagessen in die Bar gekommen waren. Als Mann, der Szenen verabscheute, war er die Hauptfigur oder das Opfer einer solchen. Hände halfen ihm auf die Beine. Er hielt sich an der Bar fest, um nicht wieder auf den Boden zu rutschen. Sein Notizbuch war, wie er bemerkte, mit feuchtem Rostrot befleckt. Das Blut des Lammes, das das Papier befleckte, seinen wesentlichen Lebensstoff, jetzt der Altar des Opfers. Der Widder im Dickicht.

«Freundchen», sagte der Barmann, «die allererste Lektion lautet: Spiele nicht den Schiedsmann, wenn in der Kneipe die Fäuste fliegen.»

Damon lächelte schwach. «Ich werd's mir merken. Wo ist der Mann, der's getan hat?»

«Beide längst verschwunden», sagte der Barmann. «Ehrenwerte Herren.» Das klang resigniert. «Der Bursche, der Sie getroffen hat, hat einen Zehner hinterlassen, bevor er Fersengeld gab.» Der Barmann hielt einen Schein in die Höhe. «Er hat gesagt, es täte ihm leid; er wollte eigentlich den anderen Burschen umbringen. Sie waren beide sehr gut gekleidet. Heutzutage kann man sich auf nichts mehr verlassen.»

Eine Frau kam mit einem Verbandskasten aus der Küche gerannt. «Setzen Sie sich lieber, Mister», sagte sie. «Ich will Ihnen die Wunde auswaschen.»

Bevor sie ihn zu einem Stuhl führte, warf er einen Blick auf sein Bild im Spiegel hinter der Bar. Derselbe Geist starrte auf ihn zurück. Der Spiegel war zu dunkel, um das Blut zu zeigen.

Er sank auf einen Stuhl, und die Frau fing an, mit einem feuchten Lappen an seiner Stirn zu tupfen, wodurch die Wunde zu brennen begann; indessen verringerte sich das Stimmengewirr, da die Trinker zu ihren Gläsern zurückkehrten. «Es sieht nicht allzu schlimm aus», sagte die Frau. Sie war dick und schwarz und roch nach Pfannenöl, aber ihre Hände, die ihn betreuten, waren geschickt und sanft. Sheilas Hände im Krankenhaus, fiel ihm ein.

«Gott sei Dank, daß die Flasche nicht zerbrochen ist», sagte die Frau. «Wie fühlen Sie sich?»

«Gut», sagte Damon. Er fühlte allerdings nicht eben viel, außer daß der Raum ihn in Wogen umspülte, und irgendwie klang das Wort Chicago wiederholt durch das leise Summen in seinen Ohren. Er war noch nie bewußtlos geschlagen worden. Er fand das Gefühl nicht unsympathisch. Erst jetzt kam auch die Erinnerung an seinen Fall - wie aus einer großen Höhe. Auch das war nicht unangenehm gewesen, sondern eher euphorisierend. Es gibt für alles ein erstes Mal, dachte er, dankbar für die sanften Hände und den feuchten Lappen, der seine Stirn, die Augen und den Mund gereinigt hatten.

«Sie werden gleich wieder obenauf sein, mein Schatz», sagte die Frau, als sie mit einem Pflaster einen kleinen Verband auf seiner Stirn festklebte. «Aber leider kann ich nichts für Ihre Kleidung tun. Rufen Sie vor dem Nachhausegehen lieber Ihre Frau an und geben Sie ihr eine Vorwarnung, daß Sie nicht ganz so aussehen wie heute morgen, als Sie aus dem Haus gingen.»

«Ich liebe Sie, verehrte Dame», sagte Damon. «Am liebsten würde ich Sie mit nach Hause nehmen.»

Die Frau lachte ein volles, rollendes Lachen. «Das habe ich schon lange nicht mehr gehört, und ich habe mit einer Menge Typen zu tun gehabt, die viel schlimmer verletzt waren als Sie. So, jetzt bleiben Sie erst mal ein Weilchen hier sitzen und warten ab, ehe Sie wieder losmarschieren.»

Damon stand auf. Er hatte das ängstliche Gefühl, daß er nie wieder aufstehen könne, wenn er auf dem Stuhl sitzen

blieb. Durch schiere Willenskraft gelang es ihm, nicht zu schwanken.

«Ich will nur mein Glas leer trinken», sagte er und achtete darauf, daß er richtig artikulierte.

Die Frau sah ihn mitleidig an. «In Ihrem Alter, Schätzchen», sagte sie, «würde ich die jungen Leute ihren Streit unter sich ausfechten lassen.» Sie steckte die Verbandrolle und das Pflaster wieder in den Verbandkasten. «Wenn Sie Hlfe brauchen: ich bin in der Küche. Ich heiße Valeska.»

«Valeska», sagte er, entzückt von dem Namen und neugierig, aus welchem Land er stammen mochte. «Sie sind mein Engel, mein dunkler Engel. Meine Frau hat Hände wie Sie. Gestatten Sie.» Er beugte sich vor und küßte die breite ungefurchte Stirn unter dem ergrauenden Haar.

Sie lachte mit dem gleichen rollenden Klang. «Das mit den Händen und dem Engel weiß ich nicht recht, aber über das <dunkel> weiß ich Bescheid», sagte sie und ging zurück in die Küche.

Damon blickte streng um sich und entmutigte die anderen Gäste, ihm zu helfen. Peinlich berührt wandten die Männer, die ihm zunächst standen, ihre Blicke ab und widmeten sich angelegentlich ihren Drinks. Vor allem, dachte er, indem er die Männer, die ihm jetzt den Rücken zuwandten, drohend betrachtete, kein Mitleid und keine Scherze über den alten Mann, der das ungeschriebene New Yorker Gesetz gebrochen hatte, sich nicht, wie die schwarze Frau es formuliert hatte, in den Streit der jungen Leute einzumischen. Er sah, daß die anderen Trinker wie in einer Reaktion auf das Geschehene die Umgebung seines alten Platzes an der Bar mieden, und ging, fast ohne zu schwanken, von dem Platz, auf dem er gesessen hatte, zur Bar, wo sein Drink neben seinem geöffneten und mit Blut befleckten Notizbuch stand. Sein Glas war bei dem Handgemenge unberührt geblieben, aber das Eis darin war geschmolzen, und der erste Schluck schmeckte wie reines Eiswasser. «Barmann», sagte er mit fester Stimme, «bitte noch einen Drink.»

Der Bartender machte ein besorgtes Gesicht. «Wollen Sie wirklich, Mister?» fragte er. «Vielleicht haben Sie 'ne Gehirnerschütterung, und dann würde Ihnen der Alkohol schwer zu schaffen machen.»

«Einen Black and White», sagte Damon. «Ich bitte darum.»

Der Barmann zuckte die Achseln. «Es ist Ihr Kopf, Mister», sagte er, goß den Whisky in ein Meßglas, gab ihm ein frisches Glas mit Eis und eine kleine Flasche Soda.

Damon trank langsam, fühlte, wie sich seine Kraft neu belebte. Eine Scotch-Infusion, ein wahrer Lebenswecker. Vielleicht, dachte er, das Glas in der Hand, werde ich von nun an ein Gewohnheitstrinker. Mit dem Taschentuch säuberte er die befleckten Seiten in seinem Notizbuch; die Namen Machendorf, Melanie Deal und Mr. Eisner waren unter dem angetrockneten Blut verwischt. Als er seine Rechnung verlangte, sagte der Barmann: «Das geht auf Kosten des Hauses, Mister.»

«Wie Sie wünschen, Sir», sagte Damon. «Ich danke Ihnen.» Er ging ohne Schwanken zur Tür hinaus, war sich aber der rostfarbenen Flecken auf seinem Kragen und Jakkett und der verstohlenen Blicke der Männer an der Bar bewußt.

Es dauerte lange, bis er ein leeres Taxi erwischte, und während er vergeblich winkend am Rinnstein stand, sah er einen etwa zwölfjährigen Jungen über die Straße rennen und dabei den schnellfahrenden Autos ausweichen. Einen Augenblick traute er seinen Augen nicht. Denn der Junge trug einen Baseballhandschuh. Damon fühlte sich an ein Foto erinnert, das sein Vater von ihm aufgenommen hatte, als er gerade so alt war wie dieser Junge und auch gerade von einem Baseballspiel zurückkehrte. Er roch noch das frischgemähte Gras des Spielfeldes am Stadtrand. Der Junge trug keine Kappe und lächelte unbekümmert dem sich nähernden Taxi entgegen, er war dunkelhaarig und genau so gewachsen, wie Damon in dem entsprechenden Alter gewesen war, schlank und kräftig. Einen Augenblick

schien es Damon, daß sein eigenes Lichtbild zum Leben erwacht sei, und er machte schon beinahe Anstalten, den Jungen vor einem auf ihn zudonnemden Taxi zu retten. Aber der Junge erreichte gerade eben noch unversehrt den Gehsteig und machte dem Fahrer eine lange Nase. Das hätte mein Tod sein können, dachte Damon verwirrt. Er schüttelte den Kopf und wandte sich ab, um dem Anblick dieses grinsenden, vertrauten, frechen Gesichts auszuweichen, das sein eigenes hätte sein können, als er noch in diesem Alter war.

Als er heimkam, war er sehr erleichtert, weil Sheila nicht zu Hause war. Manchmal kam sie von der Kindertagesstätte herüber, um sich ein Mittagessen zu kochen. Nun hatte er Zeit, sich umzuziehen, bevor sie ihn sah.

Er ging ins Badezimmer und betrachtete sein Gesicht im Spiegel. Unter der wettergegerbten Röte seiner Haut glaubte er einen grünlichen Schimmer zu entdecken und unter seinen Augen seltsame, mattweiße Säcke.

Dann erinnerte er sich an den Jungen mit dem Baseballhandschuh, der dem Taxi auswich. Er ging zurück ins Wohnzimmer und machte sich auf die Suche nach einem alten Fotoalbum, das er seit Jahren nicht mehr zur Hand genommen hatte. Er und Sheila besaßen nicht einmal eine Kamera, und wenn ihre Freunde Aufnahmen von ihnen machten, war er verstimmt über die Altersspuren in seinem Gesicht. Wenn man ihm eins dieser Bilder gab, sagte er «Danke» und zerriß es sofort. Der Verfall des Alters war betrüblich genug, auch wenn man darüber nicht Jahr für Jahr genauestens Buch führte.

Er fand das Album unter einem Stapel alter New Yorker. Diese ganzen Berichte und Kommentare, diese ganze elegante Prosa, die treffenden, verhaltenen Erzählungen, höflichen Biographien, gewitzten Karikaturen, Buchbesprechungen und Kritiken von Schauspielen, die längst vergessen waren! Er hatte niemals darauf zurückgegriffen oder die Hefte noch einmal gelesen und bezweifelte, daß er es je tun würde, aber dennoch hob er sie im untersten Fach des langen, vollgestopften Bücherregals in ordentlichen Stapeln auf. Vielleicht fürchtete er sich sogar, seine Lieblingsessays und -erzählungen noch einmal zu lesen. Das würde ihn an fröhlichere Zeiten erinnern, an alte Freunde, die verschwunden waren, an die Herausgeber der Zeitschrift, denen er das Werk einiger Klienten vorgelegt hatte; an jene Männer von höchster Intelligenz und Zuvorkommenheit, die später irgendwie aus seinem Leben verschwunden waren.

Er strich mit der Hand liebevoll-wehmütig an dem hohen Zeitschriftenstapel entlang und zog das Fotoalbum aus seinem Ruheplatz unter dem eindrucksvollen papiernen Denkmal seiner jahrelangen intensiven Arbeiten, Erfolge und Mißerfolge hervor - jenem gedämpften, vergänglichen Schrei nach der Unsterblichkeit.

«Ich bin mit einem Papierhamster verheiratet», hatte Sheila gesagt. «Ehe uns dieser Berg aus bedrucktem Papier begräbt, schleiche ich mich eines Tages, wenn du bei der Arbeit bist, hier rein und schmeiße den ganzen Krempel raus, den du angesammelt hast.»

Er staubte das Album ab, setzte sich an den Schreibtisch vor dem Fenster, wo das Licht gut war, und öffnete es. Es machte ihm Mühe, das Foto des zwölfjährigen Roger Damon zu finden. Er hatte die Bilder wahllos eingeklebt, wie sie gerade kamen, wenn er die großen Umschläge leerte, in denen er sie ungeordnet aufbewahrt hatte. Er war damals ans Haus gebunden gewesen; das Bein war noch im Gips, obwohl er schon aus dem Krankenhaus entlassen war; er war noch nicht mit Sheila verheiratet und versuchte, vor der Trauung die Wohnung in Ordnung zu bringen. Das lag nun schon über zwanzig Jahre zurück, und er konnte sich nicht erinnern, das Album seither angesehen zu haben.

Er durchblätterte die spröden, brüchig gewordenen Seiten. Er fand Bilder seines Vaters, der jungenhaft und stämmig aussah, seiner Mutter mit kurzgeschnittenem Bubikopf im Stil der zwanziger Jahre; ein Bild, das Maurice

Fitzgerald und ihn zeigte, beide an Bord eines Schiffes an die Reling gelehnt, Fitzgerald allein, der, breit lächelnd, selbst in Matrosenjacke und -hose verwegen aussah. Fünf Faden tief. Damon erinnerte sich an Fitzgeralds Stimme, als er es rezitierte, und an die Bitterkeit, als am nächsten Tag ein Schiff im Geleitzug sank, und er sagte: «Wir sitzen in einer Eierschale. Sag mir nicht Bescheid, wenn wir von einem Torpedo getroffen werden.»

Damon überblätterte einige Seiten, hielt bei einem Foto von Sheila inne, das kurz vor ihrer Hochzeit an einem Sommertag in Jones Beach aufgenommen worden war. Sheila sah in ihrem einteiligen schwarzen Badeanzug großartig aus. Damon seufzte und verweilte bei dieser Seite. Dann wandte er sie um - und da war das Foto, nach dem er gesucht hatte.

Er musterte das Bild eingehend. Der Baseballhandschuh, den er trug, war klein, nicht wie die großen gerippten Handschuhe, die heute benutzt werden, aber abgesehen davon hätten der Junge auf dem Foto und der Junge, den er in der Sixth Avenue gesehen hatte, Zwillinge sein können.

Er starrte nachdenklich aus dem Fenster und fragte sich, ob er den Jungen wahrhaftig gesehen hatte oder ob es eine Vision gewesen war, ein Streich, den seine Erinnerung ihm nach dem Schlag über den Schädel gespielt hatte. Der Barmann hatte ihn vor dem letzten Drink gewarnt, weil er ihm schwer zusetzen könne, und der Mann konnte recht gehabt haben. Er klappte das Album zu, stand auf, brachte es zurück und schob es wieder unter den Haufen alter Zeitschriften, wo die Vergangenheit - wenigstens für den Augenblick - unter Gedrucktem gut begraben lag.

Dann ging er ins Schlafzimmer und zog sich um. Danach lief er die Treppe hinunter, stopfte das blutbefleckte Hemd und den Schlips, den er getragen hatte, in den Müllschlucker und trug Hose und Jacke zur chemischen Reinigung, um sie säubern zu lassen. Er beschloß, Sheila von dem Streit in der Bar nichts zu erzählen. Das Pflaster auf

der Stirn war klein, und er konnte sagen, daß er sich beim Aufstehen an der Schreibtischlampe im Büro den Kopf gestoßen und Miss Walton den Schaden repariert habe.

Als er von der Reinigung zurückkehrte, merkte er, daß er hungrig war und warf einen Blick in den Kühlschrank, um nachzusehen, was er dort für seinen Lunch finden mochte; dann erschien es ihm jedoch unklug, erkennen zu lassen, daß er schon mittags nach Hause gekommen war, was er während der Woche sonst niemals tat. Er wollte Sheila nicht mehr erklären müssen, als unbedingt notwendig war.

Als er eben ausgehen wollte, klopfte es an die Tür. Niemand, der Sheila und seinen Tageslauf kannte, konnte annehmen, daß zu dieser Tageszeit jemand in der Wohnung sein würde. Er erstarrte für einen Augenblick, ging dann auf Zehenspitzen zum Kamin und nahm den Schürhaken vom Kaminbesteck. Das Klopfen wiederholte sich, dann fing die Türglocke an zu klingeln und klingelte ununterbrochen weiter, als ob sich draußen jemand mit dem Körper gegen den Knopf lehne.

Er ließ den Schürhaken lässig in der Hand baumeln, als habe er gerade den Kamin gereinigt und geistesabwesend vergessen, den Haken dort zu lassen, rief «Ich komme!», ging zur Tür und öffnete sie. Ein großer Mann in Arbeitskluft stand draußen. «Tut mir leid, Mr. Damon», sagte der Mann, «aber der Vermieter sagt, Ihre Frau hat angerufen, weil Ihre Sprechanlage mit der Haustür nicht funktioniert.»

«Ach ja», sagte Damon, hielt aber den Schürhaken noch fest im Griff.

«Wir haben daran gearbeitet, mein Partner und ich», sagte der Mann, «und ich wollte nur testen, ob sie okay ist. Darf ich reinkommen?»

«Ja, gewiß.» Damon trat zurück und versperrte dadurch den Eingang zum Wohnzimmer. «Der Summer und die Sprechanlage sind gleich neben der Tür.»

Der Mann nickte und drückte auf den Summerknopf.

Dann betätigte er den Schalter für die Sprechanlage. «Ja?» Eine Männerstimme tönte aus der Muschel, hohl und mechanisch wie die geisterhaften Stimmen in den Echoräumen der Gruselfilme.

«Kumpel, ich bin in der Damon-Wohnung», sagte der Elektriker. «Kannst du mich hören?»

«Roger», sagte die Stimme. Damon fühlte zum ersten Mal Betroffenheit darüber, daß sein Vorname von ganzen Bereichen der modernen Gesellschaft zur Bestätigung einer einwandfreien Kommunikation benutzt wurde.

«Okay», sagte der Elektriker. «Ich bin gleich wieder unten, und dann können wir essen gehen.» Er wandte sich an Damon. «Das wär's. Wenn Sie nun alle Parteien im Haus veranlassen könnten, das Gerät zu benutzen, werden Sie von keinem unerwünschten Besucher überrascht.»

«Herzlichen Dank», sagte Damon. Er fummelte in seiner Tasche, zog zwei Dollarscheine hervor und reichte sie dem Handwerker. «Hier, besorgen Sie sich was zum Trinken.»

Der Mann grinste, als er das Geld nahm. «Wir sollten eigentlich schon morgens früh kommen. Ihre Frau sagte, die Putzfrau wäre dann in der Wohnung. Ich bin froh, daß wir gewartet haben. Von der Putzfrau kriegt man kein Trinkgeld! Hier ...» Er brachte eine Brieftasche zum Vorschein und entnahm ihr eine etwas mitgenommene Karte. «Wenn Sie wieder mal einen Elektriker brauchen, rufen Sie uns nur an. Wir kommen gleich rüber.»

«Danke», sagte Damon. «Angenehme Mahlzeit.»

Der Mann ging, und Damon betrachtete die Karte in seiner Hand. «Acme-Elektrogeräte», las er. «P. Danusa.» Netter Mann, dachte Damon, ich hätte ihm fünf Dollar geben sollen. Wenn P. Danusa wieder einmal an die Tür kam, sollte er nicht Gefahr laufen, mit einem eisernen Schürhaken eins über den Schädel zu kriegen. Damon stellte den Schürhaken zurück in den Ständer und schickte sich an auszugehen, hielt jedoch inne, weil ihm einfiel, daß er beim Umziehen die Taschen geleert und das verräterische Notizbuch auf der Schlafzimmerkommode hatte liegenlassen. Er holte es, sah, daß es inzwischen getrocknet war und steckte es in die Tasche. Er hatte seine Liste noch nicht fertig. Und außerdem durfte er es nicht irgendwo liegenlassen, wo Sheila es finden konnte.

Als er die Wohnung verließ, schloß er die Tür mit zwei Schlüsseln, einem für das alte Schloß und einem zweiten für das neue, angeblich einbruchssichere Schloß, das Sheila gleich nach dem Lunch mit Oliver Gabrielsen hatte einbauen lassen. Sie hatte es widerwillig getan, aber sie hatte es getan. Sie hatte sich allerdings gegen die Stahltür und die Riegelstange gewehrt. «Ich weigere mich, so zu leben, als wären wir im Krieg», hatte sie gesagt, «bloß wegen eines verrückten Telefonanrufs. Wenn einer bis hierher kommt», fügte sie, von ihrem sizilianischen Blut entflammt, hinzu, «dann finde ich schon etwas, um ihm heimzuleuchten.»

Damon grinste, als er daran dachte. Es war ein Glück für Mr. P. Danusa, daß Sheila nicht das Klopfen an die Tür mit einem Schürhaken in der Hand beantwortet hatte. Sonst wäre es durchaus möglich gewesen, daß Mr. P. Danusa in diesem Augenblick mit einem Loch im Kopf am Fuße der Treppe läge. Damon ging uptown und hielt den Blick auf das Straßenpflaster gerichtet, so daß er niemanden, lebendig oder tot, jung oder alt, in der vorbeiströmenden Menge erkennen konnte. Er ging nicht geradewegs in sein Büro, sondern nahm irgendwo hastig einen Lunch und ging dann zu dem Laden für elektrische Geräte nahe der 50sten Straße. Der Verkäufer erkannte ihn und machte ein überraschtes Gesicht, als er einen automatischen Anrufbeantworter verlangte.

«Haben Sie nicht gestern einen gekauft?» fragte der Verkäufer.

«Habe ich.»

«Stimmt etwas daran nicht? Sie können ihn zurückbringen, wenn er defekt ist.»

«Er ist nicht defekt», sagte Damon. «Ich habe ihn in einer Bar liegenlassen.»

«Schade.» Der Verkäufer warf einen ausgiebigen Blick auf Damons Stirnpflaster und brachte dann ein neues Gerät zum Vorschein. «Das kommt auf sechsundneunzig Dollar und achtzig Cents», sagte der Verkäufer.

Damon gab ihm seine Kreditkarte und unterschrieb den Kontrollabschnitt. Gefahr, dachte er, als der Verkäufer die Schachtel einwickelte, ist ein teurer Luxus.

Diesmal ging er nicht zur Bar. Er war fertig mit Bars und Trinken, zumindest für den heutigen Tag. Er ging zurück zum Büro und gab weder Miss Walton noch Oliver eine Erklärung für seine lange Abwesenheit, obwohl beide ihn fragend anblickten.

«Was ist denn das, Roger?» fragte Oliver und tippte an die eigene Stirn.

«Die Beule der Weisheit», erwiderte Damon kurz angebunden, setzte sich an seinen Schreibtisch und fing an, zwei Kontrakte durchzusehen, die Miss Walton ihm hingelegt hatte.

Vor dem Essen an jenem Abend stöpselten Sheila und er den Nebenanschluß des Telefons im Schlafzimmer aus, verbanden den Anrufbeantworter mit dem Telefon im Wohnzimmer. Sheila sprach die erforderliche Formel darauf: «Mr. und Mrs. Damon sind zur Zeit nicht zu Hause. Falls Sie eine Nachricht hinterlassen wollen, warten Sie bitte auf den Piepton und nennen Sie Ihren Namen und Ihre Telefonnummer. Sie haben dreißig Sekunden Zeit. Danke.» Sie sahen einander unsicher an, als Sheila den Knopf drückte, durch den sie sich vergewissern konnte, daß der Text gut zu verstehen war. Ohne es auszusprechen, wußten sie beide, daß das Gerät eine neue Einmischung in ihr Leben darstellte, eine Kapitulation vor der Wirklichkeit, vor dem Gedanken, daß Mr. Zalovsky existierte und abgewehrt werden mußte.

«Die Wunderwerke der neuen Zeit», sagte Sheila ironisch, als sie das Band zurückspielten. «Wie haben wir nur ohne sie leben können? Und nun laß uns essen.»

Das Essen war fertig, und der Tisch war gedeckt, aber Damon sagte: «Ich möchte lieber auswärts essen. Heb das Zeug für morgen auf.» Er wollte nicht sagen, daß sie, wenn sie zu Hause blieben, Gefahr liefen, nur dazusitzen und den besseren Teil des Abends ängstlich auf das neue Gerät zu starren.

«Bist du sicher, daß du dem gewachsen bist?» fragte Sheila. Sie hatte seine Erklärung zu der Bandage auf seiner Stirn akzeptiert, hatte aber auch bemerkt, daß er zwei Aspirin genommen hatte, als er nach Hause kam. «Keine Kopfschmerzen mehr?»

«Wie weggeweht», sagte Damon. Er nahm niemals und zu keiner Zeit irgendwelche Schmerzmittel, und sie hatten in der ganzen Wohnung nach einer alten Packung Aspirintabletten suchen müssen, die die Reinemachefrau im Küchenschrank hintenan gestellt hatte. «Außerdem», sagte er, «möchte ich mir nach dem Abendbrot gern einen Film ansehen. Hier in der Nähe soll es Breaker Morant geben, und alle, die's gesehen haben, sprechen davon in den höchsten Tönen.» Mit dem Abendessen, dem Film und hinterher ein paar Drinks in einer Bar konnten sie bis beinahe ein Uhr früh außer Hause sein. Sechs oder sieben Stunden Frist, in der sie mit den Problemen fiktiver Gestalten befaßt waren, statt mit den eigenen.

Das Essen im Restaurant war gut, und Sheila war, wie immer, wenn sie allein mit Damon ausging, in bester Form, lebhaft und voller lustiger Anekdoten über die Kinder im Kindergarten und deren Mütter. Sie waren guter Stimmung, als sie sich's, gerade noch rechtzeitig zu Beginn des Films, auf ihren Plätzen bequem machten.

Der Film rechtfertigte alles, was sie darüber gehört hatten, und noch mehr; und sie sahen ihm fasziniert zu, aufmerksam und andächtig wie Kinder. Damon war überzeugt, daß sie ein Meisterwerk sahen. Das war ein Wort, das er fast niemals aussprach und auch nur selten dachte, aber an der gespannten Stille in dem vollen Theater konnte er ermessen, daß seine Ansicht auch von den anderen Zu-

schauern geteilt wurde, die am Ende der Vorstellung in Beifall ausbrachen - etwas, das er in der turnusmäßigen Vorführung eines Films in einem kleinen Kino noch nie gesehen oder gehört hatte. Sheila, die, so weit er zurückdenken konnte, noch nie im Theater geweint hatte, schluchzte am Ende, als die beiden Soldaten, die inmitten einer weiten Landschaft und wie eine Silhouette vor der aufgehenden Sonne auf Stühlen saßen, von einem 'Exekutionskommando erschossen wurden.

Mein Gott, dachte Damon, als er die eigenen Tränen abwischte, was für eine wunderbare Gabe ist doch das Talent, und wie oft wird es mißbraucht. Obwohl der Film von korrupten Machenschaften, dem kaltschnäuzigen politischen Zweckstreben und der blinden, überall vorherrschenden, mißgünstigen Bosheit der menschlichen Rasse handelte, die zu dem unvermeidlichen Tod der beiden Offiziere geführt hatten, konnte er das Aufwallen von Begeisterung und Hochachtung bei den Menschen rings um ihn spüren. Läuterung durch Mitleid und Schrecken, dachte er, obwohl sicher nicht mehr als eine Handvoll der im Theater anwesenden Zuschauer jemals von dieser These gehört oder gelesen hatten.

Doch als sie nach der Vorführung in ihrem Stammlokal den ersten Schluck von ihren Drinks nahmen, begann Damon voller Schwermut über den Film nachzudenken. So großartig er auch gewesen war, meinte er, sei dies jedenfalls nicht der richtige Abend gewesen, ihn sich anzusehen - sicher nicht für ihn. Natürlich waren die beiden Schauspieler, die mutig und gelassen, diszipliniert und mit soldatischer Würde in den Tod gegangen waren, nach der Exekution wieder aufgestanden, und der Regisseur hatte «Schnitt!» gerufen. Sie hatten gelacht, über irgendeinen Ausspruch gescherzt, waren unzweifelhaft hochgestimmt von dannen gegangen, um zur Feier ein Bier zu trinken - es war eine australische Filmproduktion -, und hatten sich darangemacht, ihren Rollentext für die Aufnahmen am nächsten Tag zu lernen.

Welche Witze war er bereit zu reißen, welche Rolle sollte er für morgen einstudieren, welcher Regisseur war zur Hand, um «Schnitt!» zu rufen und die Aktion zu beenden?

In den letzten paar Tagen, dachte er, hatten sich die Toten und mit ihnen Todesgedanken bei ihm gerührt. Za-lovsky mit seiner Warnung, Harrison Gray, dessen Name eigentlich George war, Antoinetta und Maurice Fitzgerald, Gregor mit seiner Neutronenbombe, Melanie Deal, Opfer eines betrunkenen Fahrers. Meisterwerk hin, Meisterwerk her, er wäre besser bedient gewesen, wenn er Karten für irgendein albernes Musical gekauft hätte, worin niemand starb und das bei fallendem Vorhang mit einem Schwall von Tönen glücklich endete.

Er spürte das blutbefleckte Notizbuch in seiner Tasche. Das war die Wirklichkeit und nicht eine Formel der vorchristlichen griechischen Dramatiker; in seiner Tasche lauerte der Schrecken, aber weder Mitleid noch Läuterung.

Auch Sheila war bedrückt; und er vermutete, daß ihre Gedanken den seinen weitgehend glichen. In dieser Empfindung streckte er die Hand aus und ergriff die ihre. Sie gab seiner Hand einen kräftigen Druck und versuchte zu lächeln, aber er sah, daß sie den Tränen nahe war.

Als sie nach Hause kamen, war es nach ein Uhr. Wie magnetisiert wurden ihre Blicke auf den Anrufbeantworter gezogen. «Gehen wir zu Bett», sagte Sheila. «Heben wir uns dieses verdammte Gerät bis morgen auf.»

Der Tag war lang und ermüdend gewesen, und Damon schlief fast sofort ein; Sheilas warmer, nackter Körper hatte sich gegen den seinen geschmiegt. «Sheila, Schild», murmelte er, kurz bevor ihn der Schlaf übermannte.

Seine Träume marterten ihn, und er kämpfte sich wach. Als er wach war, zitterte er. Sorgsam rückte er von der friedlich schlafenden Sheila ab und stieg aus dem Bett. Er zog sich einen wollenen Schlafrock an und ging barfuß ins Wohnzimmer. Er machte kein Licht, sondern setzte sich an den Schreibtisch vor dem Fenster und blickte hinunter auf

die leere Straße. Die Uhr auf dem Tisch zeigte auf vier. Die Träume kamen ihm wieder ins Gedächtnis: Er kleidete sich an für eine Beerdigung und wählte dafür einen dunkelblauen Sergeanzug. Ein Knopf am Ende des Ärmels war lose, und er zog daran, um ihn abzureißen. Aber nicht der Knopf, sondern der ganze Ärmel löste sich in seinen Händen von der Mitte des Unterarms. Im Traum, so erinnerte er sich, war er darüber ein wenig belustigt, aber im Wachen fand er es nicht komisch. Vom Zerreißen der Kleider, fiel ihm ein, hatte der Produzent Nathan Brown am Telefon gesprochen, als sie sich über Maurice Fitzgerald und die Reaktion der Frau unterhalten hatten, die den Anruf in dessen Londoner Wohnung entgegengenommen hatte.

Damon zitterte. Das war nicht der Schlaf, der, wie Shakespeare es beschrieben hatte, «das ganze Knäuel entwirrt und löst».

Ein weiterer Traum, den er gleich nach diesem gehabt hatte, wie eine schnelle Überblendung in einem Film, war noch verwirrender. Der Traum hatte, soweit er sich erinnerte, recht gewöhnlich angefangen; er hatte seine Brieftasche verloren und überall in einem großen Haus danach gesucht, das er nicht erkannte. Er hatte seinen Vater die Treppe herunterkommen sehen. Diesmal war sein Vater ein junger kräftiger Mann, während er selbst in seinem jetzigen Alter war, aber das schien in dem Traum keine Rolle zu spielen. Bei seinem Vater war sein verstorbener Bruder Davey, aber nicht zehnjährig, wie er zur Zeit seines Todes gewesen war, sondern als erwachsener Mann, der sich unerklärlicherweise in Lieutenant Schulter verwandelt hatte: mit Mantel, bläulichen Backen, lächerlich kleinem Hut und auch allem anderen.

Er hatte erklärt, daß er seine Brieftasche verloren habe und daß er einige Sachen kaufen müsse und Geld brauche. Sein Vater hatte gelacht und war weiter die Treppe abwärts gestiegen, hatte dabei aber unbekümmert über die Achsel zu Lieutenant Schulter gesagt: «Davey, gib dem Jungen etwas Geld.» Schulter hatte ein kleines Kunststoffding aus der Tasche gezogen und Damon ausgehändigt. «Da ist Kleingeld drin», sagte er und folgte dem Vater. Damon blickte auf diese sonderbare Kleingeldbörse, konnte aber weder einen Schlitz noch eine Klappe finden, um die Münzen herauszuholen. Er war seinem Vater und Schulter nachgelaufen und hatte gerufen, in dieser Börse könne nicht genügend Geld für die benötigten Einkäufe sein, und vor allem gebe es keine Möglichkeit, um hineinzulangen und es herauszuholen. Sein Vater und Schulter kletterten auf einen Schneewall, der sich an der Seite des Weges gebildet hatte, und keiner der beiden blickte zurück, als Damon versuchte, sie einzuholen, jedoch wiederholt von dem vereisten Wall abrutschte, wobei ihm die eigene Stimme verzweifelt in den Ohren gellte.

Dabei wäre er fast aufgewacht, aber der Schlaf übermannte ihn wieder, als er gerade das Gefühl hatte, er treibe aus der Tiefe eines ihm vertrauten Elements nach oben zu einem Licht, das sich hoch über ihm auf der Oberfläche befand - bis er wieder versank.

Danach mußte er geraume Zeit ruhig geschlafen haben, denn der darauffolgende Traum hatte keine Verbindung zu den anderen beiden. Er konnte sich nicht erinnern, wie der Traum begonnen hatte, aber plötzlich stellte er fest, daß er blutete: nicht aus irgendeiner Wunde, sondern aus jeder Pore seines Körpers, aus Stirn, Brust, Bauch, Penis, aus seinen Knien, Knöcheln und Fußsohlen. Der Traum war so lebhaft gewesen, daß er beim Erwachen sogleich mit der Hand über Kopf und Leib fuhr, um den wilden Blutfluß zu hemmen. Seine Hände blieben trocken. Er hatte einige Augenblicke starr im Bett gelegen, Sheilas friedlichem Atem gelauscht und sich gefragt, wie sie bei einem so dicht neben ihr stattfindenden Tumult noch weiter schlafen konnte.

Glaubst du an Vorahnungen? Vorahnungen wovon?

Dann hatte er sich leise aus dem Bett gestohlen, weil er wußte, daß er in dieser Nacht keinen Schlaf finden würde.

So saß er immer noch um sieben Uhr morgens, als der

Wecker auf dem Tischchen an Sheilas Seite des Bettes klingelte, und er hatte gehört, wie sie ins Badezimmer ging und das Wasser laufen ließ. Dann war Sheila gähnend in ihrem blauen Schlafrock erschienen, war zu ihm gegangen, hatte ihn auf die Stirn geküßt und gesagt: «Guten Morgen. Bist du schon lange auf?»

«Nur ein paar Minuten», log er.

«Hast du gut geschlafen?»

«Wie ein Murmeltier», sagte er.

Sie blickten beide auf den Anrufbeantworter, der mit dem Telefon auf dem Schreibtisch verbunden war. «Nun», sagte Sheila, «sollten wir vielleicht doch feststellen, ob jemand angerufen hat.» Sie sah ihn ängstlich an, und er wußte, daß sie gern von ihm gehört hätte, das könne noch etwas warten.

«Warum nicht?» sagte er möglichst unbekümmert.

Sheila stellte das Gerät an. Es spielte ihre Stimme zurück, dann hörten sie den Piepton, und danach kam eine Männerstimme, eine Stimme, die Damon nur einmal vernommen hatte, die er aber mit Sicherheit jederzeit wiedererkennen würde. «Hier spricht Zalovsky, Mrs. Damon», sagte die Stimme. «Die Nachricht lautet: <Sagen Sie Ihrem Mann, daß ich ihm auf den Fersen bleibe.>»

Sheila stellte das Gerät ab. «Großartige Erfindung», sagte sie, «findest du nicht? Eier und Speck?»

«Ja, Eier und Speck!» sagte Damon.