13

«ich rufe so früh an, um dich noch zu erreichen, bevor du ins Büro gehst», sagte Sheila am Telefon zu Oliver Gabriel-sen. Es war schon über eine Woche her, daß sie zusammen Mittag gegessen hatten. «Ist deine Frau da?»

«Sie ist Gott sei Dank ausgegangen, um frische Brötchen fürs Frühstück zu holen», sagte Oliver. «Ich muß auch mit dir sprechen. Ich wollte dich in der Schule anrufen.» «Können wir gemeinsam lunchen?»

«Wo immer du möchtest.»

«Im gleichen Restaurant. Ein Uhr.»

«Ich werde da sein», sagte Oliver.

Als Sheila das Restaurant betrat, das nur ein paar Blocks von ihrer Schule entfernt lag, wartete Oliver bereits auf sie. Er stand vom Stuhl auf, küßte sie auf die Wange und trat dann zurück, um sie eingehend zu betrachten.

«Ich weiß, ich weiß», sagte sie, »ich sehe furchtbar aus.»

«Sagen wir nicht furchtbar», sagte Oliver, als sie sich an dem kleinen Tisch einander gegenüber setzten. «Sagen wir, nicht ganz auf deiner üblichen Höhe.»

«Es war eine schwierige Woche», sagte Sheila.

«Kann ich mir denken», sagte Oliver. «Ich habe im Büro auch etwas vom Flakbeschuß abgekriegt.»

«Inwiefern?»

Die Kellnerin kam und nahm ihre Bestellungen entgegen. Als sie fort war, fragte Sheila noch einmal: «Inwiefern?»

«Na ja, er sitzt an seinem Schreibtisch wie ein Zombie. Er sagt morgens kaum guten Tag», erklärte Oliver. «Allem Anschein nach hat er ein Fotoalbum mit ins Büro gebracht, und er holt es immer wieder vor, schlägt es auf und starrt stundenlang, wie es scheint, dieselbe Seite an. Einmal mußte ich mit einem Memo zu seinem Schreibtisch gehen, und da hat er die Seite mit der Hand bedeckt, als ob ich versuchen wollte, ihm ein militärisches Geheimnis zu entreißen. Hast du eine Ahnung, was er sich da ansieht?»

«Ich habe seit Urzeiten kein Fotoalbum im Haus gesehen«, sagte Sheila.

«Wenn er das nicht tut», fuhr Oliver fort, «dann verstaut er das Album in der untersten Schublade, der einzigen, die er verschlossen hält, nimmt einen Brief zur Hand, einen Bericht, irgendein Stück Papier und starrt das an. Gewöhnlich essen er und ich zwei-, dreimal in der Woche miteinander. Seit Montag vergangener Woche steht er einfach ge-

gen ein Uhr auf und geht; und damit hat sich's. Das gleiche gilt für die Drinks nach der Arbeit. Wir schätzen uns glücklich, wenn er guten Abend sagt, bevor er die Tür hinter sich zumacht. Und wenn man ihm während des Tages eine Frage stellt, dann antwortet er die meiste Zeit nicht, oder scheint's nicht gehört zu haben, und man muß ihn noch mal fragen, bis er sich zusammenreißt und einen ansieht, als sei er aus einem Traum erwacht.»

Sheila nickte. «Zu Hause ist es genauso. Hast du eine Ahnung, was das Ganze zu bedeuten hat?»

«Nein.»

«Er hat dir nichts von einem Telefonanruf erzählt?»

«Nein.»

«Sagt dir der Name Zalovsky etwas?»

«Nie gehört.»

«Na schön, wenn du ihm helfen willst, mußt du endlich wissen, was dem allen zugrunde liegt», sagte Sheila. «Es begann vor zehn Nächten, als ich übers Wochenende verreist war. Etwa um vier Uhr morgens, so erzählte er mir, klingelte ihn das Telefon aus dem Schlaf. Irgendwer, der seinen Namen mit Zalovsky angab, bedrohte ihn, sagte, er sei aus Chicago, und Roger habe sich als übler Bursche erwiesen - so hat es der Mann gesagt: ein übler Bursche -, und das müsse er jetzt wieder ausbügeln. Er sagte, er würde an der Ecke unserer Straße auf ihn warten. Er sagte, es gehe um Leben und Tod.»

«Großer Gott», sagte Oliver, mit bleicher, sorgenvoller Miene. «Ist Roger gegangen?»

«Nein. Er hat aufgelegt. Ich habe dir bei unserem Lunch erzählt, wie gespenstisch er sich seither benommen hat, und du hast mir von der Pistole erzählt.»

«Na, wenigstens hat er sich meines Wissens bisher noch keine Pistole angeschafft. Das Antragsformular liegt noch auf seinem Schreibtisch. Hat dieser Zalovsky noch einmal angerufen?»

«Einmal», sagte Sheila. «Vor vier Nächten. Er hat eine Nachricht auf unserem Anrufbeantworter hinterlassen.»

«Ich wußte gar nicht, daß ihr einen Anrufbeantworter hattet», sagte Oliver überrascht.

«Ja, jetzt haben wir eben einen.» Sie wiederholte Oliver die Botschaft.

Sie verharrten in Schweigen, während die Kellnerin die Speisen auftrug, die sie bestellt hatten. Als sie gegangen war, sagte Oliver: «Ich würde mich todsicher auch komisch benehmen, wenn ich mitten in der Nacht solche Anrufe bekäme. Habt ihr irgendeinen Hinweis, wer es sein könnte? Und vielleicht, warum er anruft?»

«Nicht den geringsten», sagte Sheila. «Falls Roger einen Verdacht haben sollte, verschweigt er’s mir. Deshalb wollte ich mit dir reden. Dahinter muß irgendein Geheimnis stecken, von dem bis jetzt nichts an die Öffentlichkeit gedrungen ist.» Sie zupfte verwirrt und betrübt Stücke aus ihrem Brötchen. «Er ist so ein liebenswerter Mann. Wo es auch sei: wenn er einen Raum betritt, dann scheinen sich alle Anwesenden zu freuen, daß er da ist. Gewiß kann sich das Ganze um eine Frau handeln, von der ich nie gehört habe. Auch jetzt noch, wo er schon ganz hübsch alt ist. Er läßt sich nie anmerken, daß er sich dessen bewußt ist, aber er scheint Sex auszustrahlen, und das ist ein sicheres Mittel, Unheil zu stiften. Ich hab's bei seinem ersten Anblick schon gespürt, obwohl er damals fast bewegungsunfähig in einem Krankenhausbett lag. Wo immer er hinkommt, scharen sich die Frauen um ihn. Und bewußt oder nicht: er war keinesfalls darüber erhaben, es von Zeit zu Zeit kräftig auszunützen. Das habe ich natürlich schon immer gewußt, und du wahrscheinlich auch ...»

Oliver versuchte zu lächeln, brachte es jedoch nur zu einer verlegenen Grimasse. «Na ja», sagte er, «aber nach meiner Beobachtung hat er mehr Angebote ausgeschlagen als angenommen.»

«Gedämpftes Lob», sagte Sheila. «Auf alle Fälle habe ich mich damit abgefunden. Und in den letzten paar Jahren ist zumindest das nicht mehr vorgekommen. Ich habe ihn zu überzeugen versucht, daß die Anrufe nichts zu bedeuten

hätten, irgendein Spinner, ein Kranker, der seinen Namen aus dem Telefonbuch herausgesucht und aus Jux angerufen hat. Aber davon kann ich ihn nicht überzeugen. Irgendwo in seiner Vergangenheit ist irgendwas passiert, ist irgendwer, der ihm ein Leid zufügen will, und das weiß er, und darum verhält er sich, wie er's tut.» Sie stocherte ohne Appetit in ihrem Essen. «Ich dachte, du wüßtest vielleicht etwas, was ich nicht weiß, von Feinden, die ich nie gekannt oder nie für möglich gehalten habe.»

Oliver wand sich vor Unbehagen. «Na ja», sagte er, «neulich ist er nach dem Lunch ins Büro gekommen - er war blaß und hatte ein Pflaster auf der Stirn, und als ich ihn danach fragte, hat er mich kurz abgefertigt, und selbstverständlich hatte ich gleich den Verdacht, daß ihn jemand geschlagen hätte, aber es ging mich schließlich nichts an ...»

Sheila nickte. «Mich hat er deswegen auch angelogen. Er sagte, er hätte sich den Kopf an seiner Schreibtischlampe gestoßen und Miss Walton hätte ihn verbunden.»

«Wir haben nicht mal ein Heftpflaster im Büro», sagte Oliver. «Und als er spät an diesem Nachmittag, lange nach der Mittagszeit, zurückkam, trug er einen anderen Anzug als am Morgen.»

«Den habe ich erst gestern abgeholt», sagte Sheila. «Als ich zur Reinigung ging, um einen Pullover von mir abzuholen, wurde mir gesagt, sie hätten auch eine Jacke und eine Hose, die mein Mann ihnen vorige Woche gebracht habe. Derartige Besorgungen überläßt er sonst immer mir. Ich wußte nicht mal, daß er weiß, wo die Reinigung ist...» Sie sah Oliver scharf an. «Sonst noch was?»

Oliver zögerte. «Ich möchte nicht illoyal gegen Roger sein», sagte er. «Wenn er dir nicht erzählen will, was ihn bewegt, dann will ich nicht derjenige sein, der etwas verrät.»

«Worum handelt es sich?» fragte Sheila streng. «Wenn er sich nicht selber helfen kann, dann sind wir die einzigen, die ihm helfen können.»

Oliver seufzte. «Ja, so wird's wohl sein», sagte er. «Also: Als er vor zwei Tagen zum Essen ging, suchte ich einen Brief, den wir von einem Klienten im Westen erhalten hatten, und den ich für ihn beantworten sollte. Schon das sieht ihm nicht ähnlich. Wenn ein Brief an ihn adressiert ist, dann beantwortet er ihn gewöhnlich unverzüglich selber, aber in den letzten paar Tagen ...» Oliver ließ den Satz unbeendet. «Und üblicherweise hält er seinen Schreibtisch so ordentlich wie ein Buchprüfer seinen Rechenschaftsbericht. Aber da lag alles durcheinander, überall Papiere, Zettel mit Adressen, Anweisungen, die nicht unterschrieben waren, wahllos eines auf dem anderen. Ich mußte stöbern, um den Brief zu finden, aber schließlich fand ich ihn und nahm ihn an mich und entdeckte darunter ein offenes Notizbuch. Ich hatte bemerkt, daß er es den ganzen Morgen angestarrt und dann beiseite geschoben hatte, als sei er darüber verärgert.» Voller Unbehagen hielt er inne. «Nein wirklich, Sheila, wenn er meinte, daß du darüber Bescheid wissen solltest, dann würde er es dir selber sagen.»

«Du bist schon über zehn Jahre verheiratet, Oliver», sagte sie, «und hast immer noch keinen blassen Schimmer von der Ehe. Was für ein Notizbuch?»

«Das Notizbuch, das er immer in der Tasche mit sich rumträgt», sagte Oliver widerstrebend, «Gedächtnishilfen, Ideen für Magazinartikel, Adressen, dergleichen Dinge. Ja, und das war offen. Auf den offenen Seiten waren* aber keine Adressen; oder Notizen.» Er holte tief Atem, als müsse er sich für das wappnen, was er sagen wollte. «Auf die eine Seite hatte er geschrieben: Potentielle Feinde - beruflich. Auf der anderen Seite stand: Potentielle Feinde - persönlich. Und dann ein paar Namen unter den beiden Überschriften.»

«Was für Namen?»

«Ich konnte nur einen davon lesen», sagte Oliver. «Auf der beruflichen Seite: Machendorf. Du erinnerst dich - Roger hat in diesem Verleumdungsprozeß gegen ihn ausgesagt.»

«Roger würde gegen die eigene Mutter aussagen, wenn er glaubte, daß es sein muß», sagte Sheila. «Und die anderen?»

«Die konnte ich nicht entziffern.»

«Warum nicht?»

«Sie waren mit Blut überkrustet.»

Der Widerhall von Olivers letzten Worten schien zwischen ihnen zu hängen, sie beide zu zerstören und eine Zeitlang zum Schweigen zu bringen.

Dann sprach Sheila. «Dazu ist entweder nichts mehr zu sagen oder sehr viel mehr zu sagen. Was meinst du?»

«Sehr viel mehr», sagte Oliver.

Sheila nickte, hob aber auch gleich die Hand, um ihn am Sprechen zu hindern. Eine Frau mit einem kleinen Mädchen an der Hand kam lächelnd auf ihren Tisch zu.

«Mrs. Damon», sagte die Frau, «offenbar kennen Sie dieselben Lokale wie ich. Ich freue mich sehr, Sie zu sehen. PhyHis» - sie zog die Tochter an der Hand - «sag Mrs. Damon guten Tag.»

«Ich hab sie den ganzen Morgen lang gesehen», sagte das kleine Mädchen. «Ich habe ihr schon guten Tag gesagt.»

Sheila lachte und sagte zu Oliver, der aufgestanden war und auf die Vorstellung wartete: «Phyllis ist eine meiner Schülerinnen in der Schule. Eine meiner besten Schülerinnen, nicht wahr, Phyllis?»

«Mami findet das gar nicht», sagte Phyllis und blitzte ihre Mutter an.

«Aber Phyllis», sagte die Frau, «wie kommst du denn darauf?»

«Durch dich», sagte Phyllis.

Sheila lachte von neuem und stellte Oliver der Frau vor, die Mrs. Gaines hieß. Gleich danach nahm Mrs. Gaines ihre Tochter bei der Hand und wandte sich zum Gehen, kam jedoch noch einmal zurück. «Ach, es tut mir so leid, daß ich Sie neulich abends verfehlt habe. Ich hätte so gern Ihren Mann kennengelernt.» «Wo war das?» fragte Sheila.

«Im Konzert. Ich habe Mr. Damon dort in der Pause gesehen, aber Sie waren gerade nicht da.»

«An welchem Abend war das?» fragte Sheila.

«Freitag. Als Mozarts Requiem gespielt wurde. War es nicht hinreißend?»

«Hinreißend», sagte Sheila.

«Sag Mrs. Damon hübsch auf Wiedersehn, Phyllis.»

«Ich sehe sie ja morgen früh», sagte das kleine Mädchen.

Mrs. Gaines zuckte hilflos die Achseln. «Die kindliche Logik. Es war ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Mr. Ga-brielsen.» Dann führte sie das kleine Mädchen zum anderen Ende des Restaurants.

«Kluges kleines Mädchen», sagte Sheila. «Ich hoffe, sie wird später mal nicht wie ihre Mutter.»

Nach einer Pause sagte Oliver: «Dein <hinreißend> klang ein bißchen merkwürdig.»

«Wirklich? Ja, kann schon sein. Ich war nämlich Freitag abend gar nicht im Konzert. Und Roger hat mir auch nicht gesagt, daß er gehen wollte. Er hat angerufen und mir mitgeteilt, er müsse schnell Abendbrot essen und anschließend mit einem eurer Klienten einer Probe beiwohnen.»

«Aber», sagte Oliver, «was kann ihn deiner Meinung nach denn dazu bewogen haben?»

«Vielleicht Mozart», sagte Sheila.

«Was soll Mozart damit zu tun haben, daß er sich für dich eine Geschichte ausdenkt? Ein Konzert ist ja schließlich nicht wie ein Rendezvous mit einer Frau.»

«Gerade dieses Konzert», sagte Sheila betont langsam, «könnte als ein Rendezvous gedeutet werden. Mozarts letztes Werk, bestellt vom Grafen Waldegg-Stuppach, sollte als Seelenamt für dessen Frau gesungen werden.» Sheilas Stimme sank zu einem Flüstern herab. «Dies irae. Lacrimosa. Eine andere Art von Rendezvous. Denk daran, daß Roger katholisch getauft ist, auch wenn er keinen besonderen Gebrauch davon macht.»

Oliver fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und bedeckte dabei die fast unsichtbaren weißen Augenbrauen und die blassen, verstörten Augen. «Welch ein Pech», sagte er, «daß wir diese Frau getroffen haben.»

Sheila zuckte die Achseln. «Sie wohnt in der Nähe, und die Schule ist nahe, und sie war heute vermutlich zu faul, um selber zu kochen. Und schließlich wird ein Rendezvous meistens so oder so entdeckt. Ich könnte einen Drink vertragen.» Sie winkte der Kellnerin. «Ich nehme einen Calvados», sagte sie zu Oliver. «Ich hatte mal einen Geliebten, der während des Krieges in der Normandie gekämpft und mich mit Calvados bekannt gemacht hat. Er pflegte seine Feldflasche damit zu füllen; das habe ihm, wie er sagte, den Krieg erträglich gemacht. Die meiste Zeit hätte es geregnet; Wasser war also genug da. Was willst du haben?»

«Das gleiche.»

«Zwei Calvados», sagte Sheila zur Kellnerin. Während sie warteten, daß die Kellnerin mit den zwei Gläsern zurückkam, tranken sie ihren Kaffee aus. «Salut», sagte Sheila mit erhobenem Glas, als die Kellnerin sich entfernt hatte. «Wenn Roger Listen seiner Feinde anlegt, dann wäre es vielleicht ein guter Gedanke, wenn wir unsererseits auch welche machten. Mit oder ohne Blutflecken.» Sie lächelte matt. «Ich habe einen Anwärter. In meiner eigenen Familie. Ein Neffe, ein Sohn meiner Schwester. Er heißt Gian-Luca Sciacca. Er hatte Pech in Vietnam und ist dort schwer verwundet worden. Als er zurückkam, war er heroinsüchtig. Sein Vater warf ihn aus dem Haus, und er ging in eine Klinik, um die Sucht loszuwerden. Dort haben sie ihn über ein Jahr lang behandelt. Dann erschien er eines Tages an unserer Tür. Er schwor, er sei von dem Zeug herunter, aber er brauche eine Bleibe, während er sich einen Job suche, und außerdem sei er pleite. Ich habe das mit Roger besprochen, aber wir waren finanziell unter Druck und konnten uns nicht leisten, ihm ein Hotel zu bezahlen; deshalb schlug Roger vor, ihn bei uns wohnen zu lassen, bis er einen Job gefunden hätte. Das war insofern eine Belastung, als unser Extrazimmer kein richtiges Bett hat. Nur eine Couch. Roger benutzt es, wenn er zu Hause arbeiten oder Briefe schreiben muß. Gian-Luca mußte auf der Couch schlafen. Das ging ein paar Wochen lang gut, obwohl er durchaus kein angenehmer Mensch war, den man die ganze Zeit um sich haben mochte. Er ist ein mürrischer, schlampiger junger Mann, furchtbar aggressiv und mit einem massiven Groll auf die ganze Welt. Er fand einen Job als Angestellter in einer Versandabteilung, wurde aber rausgesetzt, als er mit einem Vorarbeiter in Streit geriet und mit dem Schraubenschlüssel auf ihn einschlug.» Sheila schüttelte traurig den Kopf, als sie daran dachte, wie die Anwesenheit von Gian-Luca ihre Ehe belastet hatte. «Danach hörte er auf, sich um eine Anstellung zu bemühen, und fing vermutlich an, auf der Straße zu dealen. Ich hatte den Verdacht, daß er wieder Heroin spritzte, und ich nehme an, daß Roger denselben Verdacht hegte. Dann verschwanden Gegenstände aus der Wohnung - eine silberne Kaffeekanne, altes Porzellan, ein silbernes Tablett, das uns Mr. Gray zur Hochzeit geschenkt hatte, ein langes Tranchiermesser mit Beingriff... andere Sachen.» Sie seufzte. «Eine Zeitlang merkte Roger nicht, daß die Sachen fehlten. Die Lage war ohnedies schon schlimm genug, und ich hatte nicht den Mut, Roger zu beichten, daß mein Neffe uns für seinen täglichen Schuß zu Bettlern machte.»'

«Arme Sheila», sagte Oliver leise.

«Das <arm> traf auf alle zu», sagte Sheila, «Gian-Luca eingeschlossen.»

«Was tat Roger, als er's merkte?»

«Das war vielleicht ein Abend», sagte Sheila mit dem Versuch, einen leichten Ton anzuschlagen, was ihr jedoch mißlang. «Es gab einen schrecklichen Streit, in dem Gian-Luca beim Haupte seiner Mutter schwor, daß er keine Drogen mehr brauche und daß er in seinem Leben nie etwas gestohlen habe. Roger forderte ihn auf, noch in dieser Minute das Haus zu verlassen, und wenn er's nicht täte,

würde er die Polizei holen. Gian-Luca weigerte sich, zu gehen. Er legte sich einfach auf die Couch im Wohnzimmer, verschränkte die Arme und sagte, er werde sich nicht fortbewegen. Roger sagte nichts mehr. Er ging wortlos zur Couch, packte Gian-Luca und hob ihn hoch. Der Junge war so dünn und schwach, daß ihn ein Kind hätte tragen können, und Roger ist einer der kräftigsten Männer, die ich kenne, und er ist furchterregend, wenn er wütend wird. <Mach die Tür auf>, sagte er zu mir, während sich der Junge in seinen Armen zu wehren suchte. Ich öffnete die Tür, und Roger trug ihn zum Treppenabsatz und warf ihn die Treppe hinunter. Er war nicht verletzt, aber er schäumte vor Wut. Er kollerte die Hälfte der Stufen runter, ehe er aufstehen konnte. Dann schüttelte er die Faust gegen Roger und schrie: <Das sollst du mir büßen, du kaltarschiger, angelsächsischer protestantischer Schweinehund. Und du auch, du scheiß-italienische fette Trine.> Die übliche Konversation am Familientisch.» Sie lächelte gequält. «Roger ging ihm nach, die Treppe runter während ich mich an ihn hing, damit er den Jungen nicht totschlage, und der Junge kriegte es mit der Angst und ist fortgelaufen. Und weg war er.»

«Und wie ist es ausgegangen?» fragte Oliver.

«Das war's. Wir haben ihn nie wiedergesehen. Aber seine Mutter hat mich ein paar Monate später weinend angerufen und erzählt, daß Gian-Luca verhaftet worden sei, als er eine Dame in der Bronx mit einem großen Tranchiermesser bedroht und zugleich versucht hat, ihr die Handtasche zu entreißen. Allerdings entpuppte sich die Dame als Polizistin, und er wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Das Messer war, wie ich vermute, dasjenige, das er aus unserer Küche geklaut hat. Die drei Jahre sind jedenfalls vor vier Monaten abgelaufen, und seither ist er vermutlich wieder auf dem Kriegspfad und bedeckt den Familiennamen mit neuem Glanz. Ich könnte mir denken, daß er sich einen Platz auf der persönlichen Liste verdient hat.»

«Das sollte ich meinen», sagte Oliver. «Hattest du Roger erzählt, daß er verhaftet worden war?»

«Nein. Das war vielleicht ein Fehler, aber ich wollte keine häßlichen alten Erinnerungen aufrühren. Ich erzähl's ihm heute abend», sagte Sheila. «Ich will ihm auch sagen, er soll den Anrufbeantworter abschalten, und wenn Za -lovsky das nächste Mal anruft, soll er sich mit ihm verabreden. Roger ist mutig, und wenn er genau weiß, welcher Situation er sich gegenübersieht, dann wird er auch damit fertig. Jetzt ist er total ins Schwimmen geraten. Naturgemäß sieht er auf allen Seiten Gefahren und weiß nicht, wohin er sich wenden soll, und das reibt ihn auf. Ich tue so, als merkte ich nichts, aber er wirft sich im Schlaf herum, als müsse er in seinen Träumen mit Schatten kämpfen, und er sitzt fast die halbe Nacht aufrecht im Bett...»

«Das zeigt sich langsam auch in seinem Aussehen», sagte Oliver. «Ich habe ihn noch nie so angestrengt und abgespannt gesehen. Und die Arbeit häuft sich, aber er rührt sie nicht an. Ich versuche, so gut wie möglich alles aufzuarbeiten, aber ich bin nur Mannschaft, kein Offizier, und wenn eine Entscheidung fällig ist, dann muß er sie treffen. Aber dennoch ...» Die Besorgnis war ihm anzusehen. «Es gefällt mir gar nicht, daß er das von dir erwähnte Risiko auf sich nimmt und, wem auch immer, allein und wahrscheinlich im Dunkeln an einem einsamen Ort gegenübertritt ...»

«Er wird nicht allein sein», sagte Sheila entschieden. «Ich werde bei ihm sein.»

«Sheila», protestierte Oliver, «der Kerl ist vielleicht ein Mörder.»

«Das werden wir ja dann erfahren», sagte sie. «Und nun - was hast du zum Verbrecheralbum beizutragen?»

«Nichts wirklich Brauchbares, fürchte ich», sagte Oliver. «Ich hätte auch auf Machendorf getippt. Er ist brutal und ist in seiner Kindheit behandelt worden wie ein Dorfköter. Wenn man einen Mann danach beurteilen kann, wie er schreibt, dann ist er mit Gewalttätigkeit geladen. Und

sonst...» Er spitzte den Mund beim Nachdenken und sah dabei aus wie ein gedankenverlorenes Kind. «Sonst gibt's nur noch einen, der mir einfällt: Gillespie.»

«Das ist 'ne Überraschung», sagte Sheila. «Roger hält große Stücke auf ihn.»

«Hielt große Stücke auf ihn», erwiderte Oliver. «Nach seinem ersten Buch. Das war ein Wurf. Dann ist er verrückt geworden. Manisch-depressiv, paranoid, schizophren - egal, was du willst -, er war es. Als er sein zweites Buch anbrachte, meinte Roger, es sei eine Art absurden Wahnwitzes. Er gab es auch mir zu lesen, bevor er mit dem Burschen redete. Es war reines Kauderwelsch, dreihundert Seiten lang. Es ergab überhaupt keinen Sinn. Als er ins Büro kam, um mit uns darüber zu reden, war, was er selber sagte, ebenfalls völlig sinnentleert. Er hatte eine seiner manischen Perioden, wie mir schien, mußte dauernd lachen, ging heftig gestikulierend im Büro auf und ab, schrie, das Buch sei das Größte seit Joyce und er sei sicher, daß er den Nobelpreis dafür bekommen werde. Darauf begann er, noch ehe wir ein Wort dazwischenwerfen konnten, zu erzählen, daß er vom FBI und dem CIA und den Russen und den Juden verfolgt werde, weil er atomare Geheimnisse besitze, die sie aus ihm herausfoltern wollten. Die Leute gäben falsches Zeugnis wider ihn, er habe viele falsche Freunde, die sich in einem gigantischen Komplott gegen ihn verschworen hätten. Er wisse, wer sie seien. Der Tag des Gerichts werde kommen für sie. Aber inzwischen hätten sie auch seine Frau gegen ihn beeinflußt und hätten versucht, ihn in eine Irrenanstalt einzuliefern, und als ihr das nicht gelungen sei, habe sie die beiden Kinder mitgenommen und sei vor ihm davongelaufen. Das war ein Tag ... Junge!»

«In was für einer Welt wir doch leben», sagte Sheila. «Was für ein Geschlecht wir doch sind! Wir durchleben Tage wie den eben beschriebenen, wir erleben Szenen wie damals, als Roger einen kranken, ausgemergelten Jungen die Treppe hinabgeworfen hat, und dann gehen wir baden, gehen zum Essen, gehen ins Konzert, hören uns Beethoven an, freuen uns an einem Schauspiel, kaufen uns auf dem Heimweg eine Zeitung, schieben die Zeitung beiseite, um sie beim Frühstück zu lesen, nachdem wir die Schlagzeilen überflogen haben, die marktschreierisch von einem Massaker in Indien, einem Luftangriff im Libanon, einem Flugzeugabsturz mit zweihundert Toten berichten. Wir lieben uns, schnarchen, machen uns Sorgen um den Kontostand in der Bank, vergessen, uns in die Wahlliste einzutragen, treffen Vorbereitungen für einen Urlaub ...» Sie schnitt eine Grimasse, als gedenke sie aller ihrer Ferien ohne Freude. Dann schüttelte sie den Kopf und sagte: «Was habt ihr mit dem verrückten Mann und seinem Manuskript getan?»

«Was hättest du getan?» fragte Oliver.

«Wahrscheinlich genau das, was du und Roger getan habt», sagte Sheila müde, «gleichviel, was es war.»

«Wir haben versucht, ihn zu beruhigen. Wir haben ihm gesagt, wir würden das Buch lesen, aber es müsse gewiß noch daran gearbeitet werden, bevor wir es dem Verleger zeigen könnten, und daß Stellen darin seien, die wir nicht verstanden hätten.» Oliver hielt sein Glas Calvados gegen das Licht und blinzelte es an, als könne er dort, in der blaßgoldenen Essenz des Apfels - der ersten Frucht - eine Lösung von Gillespies Dilemma finden. «Gillespie nahm unsere Erklärungen ganz fröhlich auf. Er nannte uns seine erbärmlichen, erdgebundenen Freunde, selbstverständlich könnten wir sein Buch nicht verstehen, es sei für feinere, zartsinnigere Seelen geschrieben, die in künftigen Jahrhunderten die Welt bevölkern würden. Tatsächlich, sagte er, sei er hocherfreut, daß wir sein Buch nicht verstehen könnten; hätten wir's verstanden, dann hätte er gewußt, daß es ihm mißlungen sei; wir würden es erst verstehen, wenn wir viele Male gestorben und viele Male in einer neuen Inkarnation wieder zurückgekommen wären. All das immer wieder von einem wiehernden Gelächter unterbrochen. <Ich ehre euch>, sagte er. <Ihr seid die Boten mei-

ner Apotheose. Überreicht das Manuskript Charles Ber-nard in meiner Verlagsanstalt; er hat eine Spur vom göttlichen Hauch, und ihr werdet für alle Zukunft in den Annalen der Literatur erwähnt sein.> Dann deklamierte er das ganze Sonett - du kennst es, das die Zeile hat, Nicht Gold noch Bronze überlebt dies mächt'ge Lied.»

«Roger hat mir kein Wort von alledem erzählt», sagte Sheila.

«Er hat keinem Menschen auch nur ein Wort davon erzählt, und er hat auch mich zu absolutem Schweigen verpflichtet. Er wollte die Schwierigkeiten des Autors nicht noch vergrößern, indem er verbreitete, daß er total ausgeflippt sei. Und das ist das erste Mal, daß ich es einem anderen Menschen gegenüber erwähne.»

«Was hat Roger Gillespie persönlich gesagt?»

«Was konnte er sagen?» erwiderte Oliver achselzuckend. «Er sagte, er wolle am nächsten Morgen das Manuskript eigenhändig abgeben. Dann regte er so diskret wie möglich an, es könnte nützlich sein, wenn Gillespie sich ein wenig mit einem Psychiater unterhielte. Gillespie sah ihn argwöhnisch an. Psychiater seien mit jenen verschworen, sagte er, sie schälten die Gehirne der Schriftsteller aus den Schädeln und hinterließen nur leere Hirnschalen. Dann blickte er auf eine Uhr an seinem linken Handgelenk, dann auf eine, die er am rechten Handgelenk trug, und schließlich holte er eine dritte aus seiner Tasche und blickte auch auf diese. Er flüsterte, als wolle er uns ein großes Geheimnis mitteilen. Die Zeit in Washington, die Zeit in Moskau und die Zeit in Jerusalem, vertraute er uns augenzwinkernd an. Zeit zum Gehen, sagte er und tanzte aus dem Büro.»

«Hat Roger am nächsten Tag das Buch tatsächlich an Mr. Bernard übergeben?» fragte Sheila.

«Hat er. Er hält sein Versprechen auch gegenüber anstaltsreifen Irren. Bernard fragte ihn, was er von dem Buch hielte, und Roger erwiderte: <Kein Urteil. Lesen Sie's selbst.> Zwei Tage später rief Bernard an. Er sagte, das Buch sei undurchdringlich - das war das Wort: undurchdring-

lich. Er ist ein anständiger Mensch, er hätte etwas viel Schlimmeres sagen können. Wir haben das Manuskript durch einen Sonderboten am nächsten Morgen zurückgekriegt. Wir hatten keine Ahnung, wo Gillespie wohnte, er hatte uns nur mitgeteilt, daß er eine ganze Anzahl von sicheren Häusern hätte und niemals zwei Tage hintereinander in demselben Bett schliefe. Wir konnten nichts tun als warten. Schließlich kam Gillespie ins Büro. Es war ein regnerischer Tag, aber er ging ohne Hut und Mantel und sah aus, als habe man ihn vom Meeresgrund hochgezogen. Er sagte, er komme wegen seines Vorschusses. Als Roger ihm mitteilte, es gebe keinen Vorschuß und das Manuskript sei zurückgeschickt worden, nahm er's anfänglich philosophisch. Sie haben Augen, sagte er, aber sie sehen nicht. Bernard sei ein heuchlerischer Freund, er habe ihn falsch eingeschätzt. Er habe auch Roger falsch eingeschätzt. Die Kabale, sagte er, habe viele üble Wurzeln, die sich immer noch ausbreiteten, aber der Tag des Gerichts werde zeigen, daß der Baum umgehauen werde. Sein Wortschatz war plötzlich quasibiblisch geworden. Er bettete das Manuskript in einen schadhaften Pappkarton und ging hinaus. Es regnete jetzt noch mehr als bei seinem Eintreten, und wenn er in diesem Wolkenbruch nur zwei Blocks weit gegangen ist, dann muß das Manuskript in diesem Pappkarton zu einem durchweichten, unleserlichen Kehricht geworden sein.» Oliver trank seinen Calvados aus. «Noch einen?» fragte er. «Nein, danke», sagte Sheila. «War das das Ende der Gillespie-Saga?»

«Nicht ganz«, antwortete Oliver. «Etwa eine Woche später kam er wieder ins Büro, um noch einmal seinen Vorschuß zu fordern. Er hatte sich seit seinem letzten Besuch nicht rasiert und muß auf Bänken oder im Asyl übernachtet haben, denn seine Kleidung war ziemlich schmutzig und ramponiert. Roger war gerade nicht da, und ich sagte, ich wisse nichts von einem Vorschuß. <Sagen Sie gefälligst Roger Damon>, sagte Gillespie zu mir, <das nächste Mal, wenn ich komme, soll er, verdammt noch mal, gefälligst

anwesend sein.> Ich fragte ihn, wann das sein würde. <Wenn das Buch es mir befiehlt>, sagte er und ging. Er ging nicht nach Hause, wo immer das zu der Zeit gewesen sein mag. Er ging in Bernards Büro und fragte ihn nach dem Vorschuß, und als Bernard ihm sagte, daß es keinen Vorschuß geben werde, holte er eine Pistole hervor, begann, wie Bernard mir erzählte, bedrohlich damit herumzufuchteln und mit allerlei Gedichtfetzen und mit Zitaten aus seinem Buch um sich zu werfen. Glücklicherweise bemerkte Bernards Sekretärin, was sich da abspielte, und rief die Polizei. Als diese kam, lachte Gillespie sie aus und warf ihr die Pistole zu. Es war ein Kinderspielzeug. Man brachte ihn ins Krankenhaus Bellevue zur psychiatrischen Untersuchung, aber er legte seine normalste, überzeugendste, bescheidenste Platte auf; man hat ihn nach ein paar Tagen laufenlassen, und wir haben nie wieder etwas von ihm gesehen oder gehört.»

Sheila senkte gepeinigt die Lider. «Ich mag nicht daran denken, wo Mr. Gillespie sich im Augenblick aufhält und was er tut.»

«Ich auch nicht», sagte Oliver traurig. «Aber wir können nichts dagegen tun. Allerdings» - er machte eine Pause -«allerdings könnte man daran denken, daß bei seinem nächsten Auftritt im Büro die Pistole, die er in der Tasche hat, vielleicht keine Spielzeugpistole ist.»

14

als sheila nach dem miitagessen in die Schule zurück-kehrte, lag dort ein Telegramm für sie, das der Arzt ihrer Mutter in Vermont aufgegeben hatte. Ihre Mutter befand sich in einem besorgniserregenden Zustand. Sie hatte einen Schlaganfall erlitten und war ins Krankenhaus von Burlington gebracht worden.

Sheila rief Damon im Büro an, aber Miss Walton sagte, Mr. Damon sei noch nicht von seiner Lunchpause zurückgekehrt, aber Mr. Gabrielsen komme gerade durch die Tür, und ob Mrs. Damon mit ihm sprechen wolle.

«Ja», sagte Sheila. Als Oliver schließlich am Telefon war, berichtete sie ihm von dem Telegramm und bat ihn, Roger auszurichten, er solle sie zu Hause anrufen, wo sie vor dem Abflug nach Vermont mit einer Maschine der Allegheny-Fluglinie ihre Koffer packen würde. Wenn er vor ihrer Fahrt zum Flughafen nicht mehr zurückkäme, dann würde sie zu Hause einen Zettel für ihn hinterlassen. «Oliver», sagte sie mit besorgter Stimme, «ich will dir nicht zur Last fallen, aber ich lasse Roger gerade in diesen Tagen äußerst ungern allein. Ich weiß nicht, wie lange ich fortbleiben muß, aber könntest du ihn nicht vielleicht für ein paar Tage zu dir ins Haus nehmen? Ich möchte nicht, daß er - vor allem nachts - allein in der Wohnung ist, und ich weiß, daß er sich weigern würde, in ein Hotel zu gehen.»

«Aber selbstverständlich, Sheila», sagte Oliver. «Ich will's versuchen. Ich kann allerdings für nichts garantieren. Er scheint zur Zeit überhaupt nicht zu hören, was ich sage. Aber ich werde mein Bestes tun. Ich will ihn auffor-dem, bei uns zu wohnen, oder biete ihm an, zu ihm zu ziehen, bis du zurückkommst, und tue auch sonst alles, was du vorschlägst.»

«Du bist ein lieber Freund, Oliver», sagte Sheila.

«Ich hoffe, daß alles gutgeht in Vermont.»

«Danke.» Sie legte auf, nahm sich ein Taxi und stellte in der Wohnung als erstes den Anrufbeantworter an. Niemand hatte eine Nachricht hinterlassen. Sie stöpselte das Gerät wieder aus und fing an, Sachen in eine Reisetasche zu werfen. Sie wartete, solange sie konnte, schrieb eine eilige Notiz für Roger, legte sie auf den kleinen Tisch in der Diele gegenüber der Wohnungstür, rannte die Treppe hinunter und hielt ein vorüberfahrendes Taxi an, das sie zum Flughafen bringen sollte.

Damon nahm seinen einsamen Lunch in einem Restaurant ein, in dem er nicht bekannt war. Er wollte an diesem

Nachmittag niemanden sehen, mit niemandem sprechen. Er hatte in der vergangenen Nacht wieder einen rätselhaften Traum gehabt und wollte sich ungestört überlegen, wie er zu deuten sei. In seinem Traum hatte er sich mit Sheila in einer großen Gesellschaft befunden und war umgeben von sehr vielen Menschen, von denen er keinen kannte. Das Essen war auf einem Büfett angerichtet, und die Leute wanderten mit ihren Tellern voller Speisen umher. Das Essen war ausgesucht gut und lag schwer im Magen, war aber sehr schmackhaft. Plötzlich trat sein Vater ein, aber nicht als der lächelnde rosige Mann in Damons früheren Träumen, auch nicht der junge, sorglose Mann, der seinem Bruder Davey - der sich irgendwie zu Lieutenant Schulter ausgewachsen hatte - zurief: «Gib ihm etwas Geld, Davey.» Diesmal stand der Vater im Alter irgendwo zwischen dem jungen Mann des einen Traumes und dem älteren des anderen. Er war schlanker geworden, trug eine verdrossene und höhnische Miene zur Schau, und Damon war erstaunt, ihn zu sehen, weil sein Vater eigentlich im Gefängnis sein müßte. Damon wußte nicht, weswegen er ins Gefängnis gekommen oder warum er wieder entlassen war, und fragte: «Wie kommt es, daß du wieder draußen bist, Papa?»

«Man hat gestern hundertzwanzig von uns entlassen», sagte sein Vater. Er sah sich mißmutig nach den anderen Gästen um, ging dann zu Sheila und fragte: «Bist du noch meine Frau oder nicht?»

«Natürlich», sagte Sheila, «bin ich noch deine Frau.»

«Warum ißt du denn dann diesen ganzen vornehmen Fraß?» fragte sein Vater, nahm ihr den Teller aus der Hand und stülpte ihn um, so daß der größte Teil der Speisen als zähe Soße auf den Boden tropfte.

Vielleicht war der Traum noch weitergegangen, aber an mehr konnte Damon sich nicht erinnern.

Damon, der einsam und verstört in dem lärmerfüllten Restaurant saß, versuchte sich zu erklären, was der Traum bedeuten mochte. Sein Vater hatte nie ein Verbrechen begangen, hatte stets seinen überlebenden Sohn bis zur Schwärmerei geliebt, war gestorben, bevor Damon Sheila kennengelernt hatte, hatte nie versucht, eine Freundin seines Sohnes für sich zu gewinnen und war gesegnet mit den sanftesten und liebenswürdigsten Manieren. War es möglich, daß mit dem Tod, mit der Verwesung des Körpers, auch ein fortschreitender Verfall der Seele eintrat? Oder verwandelte er, Roger Damon, im Unterbewußtsein des Schlafes das Bild seines Vaters als eines zärtlichen und liebevollen Mannes, wie er ihn gekannt hatte, in das eines mürrischen und widerwärtigen Gesellen, um der Versuchung zu entgehen, sich diesem einstmals lächelnden und ihm zuwinkenden Geist anzuschließen?

Was hatte die Zahl hundertzwanzig zu bedeuten?

Er hatte die Augen geschlossen und hielt sie mit den Händen bedeckt, während er sich über den Tisch neigte, um die anderen Gäste des Restaurants auszuschließen. Er war so tief in den Erinnerungen und Mutmaßungen befangen, daß er beinahe erschrak, als er die Stimme der Kellnerin vernahm, die ihn fragte: «Sonst noch einen Wunsch, Sir?»

«Nein, danke», sagte er. «Bitte die Rechnung.»

Er bezahlte seine Mahlzeit, gab ein Trinkgeld und ließ sich einen Dollar wechseln, weil er telefonieren wollte und nicht vom Büro aus anrufen mochte, denn er wollte vermeiden, daß Oliver das Gespräch ganz oder teilweise mit-anhörte. Der Anruf galt Lieutenant Schulter. Seit er und Sheila Zalovskys Nachricht an jenem Morgen vor dem Frühstück abgehört hatten, hatte er täglich Lieutenant Schulter zu erreichen versucht, aber jedesmal, wenn er anrief, teilte ihm der Mann in der Mordkommission mit: «Lieutenant Schulter ist nicht zu erreichen.»

«Wann kann ich ihn sprechen?»

«Weiß ich nicht. Er kann Sie ja zurückrufen.»

«Nein, danke. Ich rufe wieder an.»

Er fand eine Bar, ging hinein, bestellte einen Whisky, um seine ehrlichen Absichten zu bekunden, ließ ihn aber

auf der Bar stehen und suchte den rückwärtigen Teil des Raumes mit der Telefonzelle auf.

Diesmal hatte er Glück. Er wurde sofort mit dem Kriminalbeamten verbunden, und Schulters Stimme knarrte im Hörer: «Hier Lieutenant Schulter.»

«Lieutenant», sagte Damon. «Seit Tagen rufe ich immer wieder bei Ihnen an, aber ...»

«Ich war wegen eines Falles unterwegs. Gibt's was Neues bei Ihnen?»

Damon erzählte von der hinterlassenen Botschaft.

«Soso. Vor vier Tagen, sagten Sie?»

«Ja.«

«Nichts seitdem?»

«Nein, kein Wort.»

«Vermutlich hat er das Spiel satt», sagte Schulter. «Erst hat er Sie nachts wachgehalten, jetzt ruft er wahrscheinlich fünf oder sechs andere Leute an. Ich würde mir nicht allzu große Sorgen machen.» Damon merkte, daß Schulter das Interesse an diesem Fall zu verlieren begann. «Bisher haben wir noch nicht viel, womit wir was anfangen könnten. Wenn Sie wollen, können Sie auch zu Ihrem zuständigen Revier gehen und eine Anzeige gegen Unbekannt wegen obszöner und erpresserischer Telefonanrufe machen, obwohl ich bezweifle, daß man Ihnen dort besser helfen kann als ich. In New York finden pro Nacht wahrscheinlich an die zehntausend derartiger Telefonanrufe statt. Sind Sie mit Ihrer Liste fertig?»

«Ich arbeite noch daran», erwiderte Damon und kam sich vor wie ein säumiger Schüler, der seine Hausaufgaben nicht gemacht hat und erwischt wird.

«Wenn sich etwas ergibt, rufen Sie mich an», sagte Schulter. «Ach ja, ich habe übrigens diesen Burschen McVane unter die Lupe genommen. Da ist nichts. Seine Nachbarn sagen, er hätte sein Haus schon über ein Jahr lang abends nicht mehr verlassen und er hätte auch bestimmt kein Messer im Haus, womit man auch nur ein Steak schneiden könnte.»

«Danke, Lieutenant», sagte Damon, aber der Beamte hatte bereits aufgelegt.

Er ging zurück zur Bar, trank die Hälfte seines Whiskys, zahlte und gab dem Barmann ein reichliches Trinkgeld. Wer weiß, dachte er zynisch, wann ein Barmann einem zum Feind werden mag?

Aber er wollte noch nicht zurück ins Büro. Er wußte, daß er in den letzten Tagen unausstehlich gewesen war, Miss Walton brüsk abgefertigt, eine unsichtbare Wand des Schweigens zwischen seinem und Oliver Gabrielsens Schreibtisch errichtet, Miss Walton angeraunzt hatte, weil sie den Anruf eines Mannes zu ihm durchgestellt hatte, den er, wie sie hätte wissen müssen, verabscheute und zu vermeiden trachtete; und zum Schluß hatte er ihr erklärt, daß er von nun an nur noch die Anrufe seiner Frau und eines Mr. Schulter entgegennehmen würde.

Die Atmosphäre im Büro hatte alle diese Vorfälle widergespiegelt. Oliver und Miss Walton sprachen miteinander nur noch in gedämpftem Ton. Und wenn er durch die Tür ins Vorzimmer trat, und sei es auch nur für einen Augenblick, dann blieben beide stumm. Die Stille, fand Damon, war dann mit Händen zu greifen.

Während er nun an der Bar stand und auf den Rest seines Whiskys starrte, den er nicht mehr trinken mochte, stieg Scham in ihm auf, weil er seine eigenen Probleme auf die Schultern seiner treu ergebenen und nicht eingeweih-ten Freunde lud. Da kam ihm ein Gedanke, der seine Geister neu belebte. Er würde sich aufmachen und beiden, Miss Walton und Oliver, ein Geschenk kaufen und ihnen das Geschenk als Friedensangebot, als Schuldbekenntnis und als Versprechen für künftiges kameradschaftlicheres Verhalten überreichen. Der Einkauf für andere, der Versuch, genau die Geschenke zu finden, die den Getreuen Freude machen würden, war ein Gegenmittel gegen die eigene Wehleidigkeit. Und beim Gedanken an die Getreuen fiel ihm ein, daß er auch etwas für Sheila besorgen sollte.

Beim Verlassen der Bar kamen ihm die Straßen heller

vor, als sie beim Betreten gewesen waren; seit jener Samstagnacht, da er den Telefonhörer auf dem Nachttisch abgenommen hatte, hatte er sich nicht mehr so beschwingt gefühlt.

Zuerst Miss Walton. Das arme Ding; sie war zu dick, als daß man ihr Aussehen durch irgendeinen weiblichen Krimskrams hätte verschönern können, und der einzige Schmuck, den er je an ihr gesehen hatte, war ein kleines goldenes Kreuz, das sie immer an einer dünnen Kette um den Hals trug. Er hatte die Hoffnung, daß Saks vielleicht etwas im Angebot hätte, das ihr unter Umständen gefallen könnte. Er müßte eine einfühlsame Verkäuferin finden. Auf dem Weg zum Warenhaus schnalzte er mit den Fingern. Er wußte, wonach er schauen wollte. Miss Walton war es immer zu kalt im Büro. Sowohl er als auch Oliver verlangten so viel frische Luft, wie sie nur kriegen konnten, und wenn sie arbeiteten, hielten sie die Temperatur so niedrig wie möglich, ohne sich buchstäblich dem Tod durch Erfrieren auszusetzen. Miss Walton trug stets einen dicken Pullover bei der Arbeit, in stummem Protest gegen die Vorliebe ihrer Chefs für das New Yorker Klima. Sie trug ihn allerdings auch im Sommer und hatte sogar noch einen zweiten Pullover darunter, wenn die Klimaanlage in Betrieb war. Solange Damon zurückdenken konnte, war es immer derselbe Pullover; eine freudlose, maronenbraune Wolljacke, die sie selbst gestrickt hatte. Da sie in den Jahren, die sie im Büro arbeitete, immer dicker geworden war, mußte sie auch immer neue Pullover gestrickt haben, um ihre schwellende Masse zu umhüllen, doch sie zeigten immer denselben Stil und dasselbe schwere Maronenbraun. Er entschloß sich, ihr eine Wolljacke zu kaufen, da dies ihrem Geschmack zu entsprechen schien, aber in einer fröhlicheren Farbe.

Selbstzufrieden beschleunigte er seine Schritte. Der alte Kopf funktionierte noch, fand er. Es war die erste Entscheidung seit zehn Tagen, die nicht das Problem betraf, wie er es bei sich nannte - in Großbuchstaben.

Im Kaufhaus herrschte ein ansprechendes weibliches Summen. Frauen kauften leise. Das unterschied sich angenehm von dem hohen Diskant der Stimmen in Restaurants, wo Frauen sich zum Lunch versammelten - Restaurants, die er persönlich nach Möglichkeit mied.

Er fand die Abteilung, in der Damenpullover verkauft wurden. Als ihm das hübsche schwarze junge Mädchen, das ihn bediente - nachdem er ihr beschrieben hatte, was er suchte -, die Frage stellte: «Welche Größe, Sir?», war er ratlos. Er kannte die Größe der Jacken, die Sheila trug, und Sheila war eine kräftige Frau und trug zweiundvierzig. Soweit er es beurteilen konnte, war Miss Walton etwa zweimal so umfänglich wie Sheila, wenn auch nicht so groß. Er verstand nicht viel von Frauenkleidung, aber ihm war klar, daß er Größe vierundachtzig nicht verlangen konnte.

«Ja», sagte er zur Verkäuferin, «da bin ich nicht ganz sicher.» Er hob die Hände vor die Brust und beschrieb mit ihnen einen Halbkreis, der seiner Schätzung nach etwa den Rauminhalt erfaßte, den Miss Waltons Busen ausfüllte. «Ich würde sagen, das entspricht annähernd ihrer Größe.»

Die Verkäuferin lachte, zeigte dabei blitzende Zähne, und er lachte auch. Kaufen und Verkaufen war ein lustiges Unterfangen, ein freundliches Band zwischen den Rassen. «Ich fürchte, Sir, Sie werden hier nichts finden, das auch nur annähernd so groß ist. Ich schlage vor, daß Sie's in der Herrenabteilung probieren.»

«Danke», sagte er und begab sich zu den Fahrstühlen. Dabei mußte er denken: Wer auch das Personal für dieses Haus ausgesucht haben mochte - er hat eine gute Hand.

Er fand einen Pullover aus hellblauem Kaschmir, der ihm zwar zu groß war, als er ihn anprobierte, aber er kaufte ihn trotzdem, als der Verkäufer ihm versicherte, die Dame könne ihn Umtauschen, falls er ihr nicht passe. Er fand den Preis zwar haarsträubend hoch, aber er war nicht in der Stimmung, sich um Geld zu grämen. Schließlich zahlte er ja mit einer Kreditkarte von Saks, und die Rechnung wurde

erst am Ende des Monats präsentiert. Das gab dem Schmerz Aufschub.

Und da er sich nun mal in der Herrenkonfektion befand, meinte er, er könne sich eigentlich auch nach etwas Geeignetem für Oliver Gabrielsen umsehen. Er kannte Olivers Größe, weil Sheila für ihn zu Weihnachten einen Skipullover gekauft hatte.

Er stöberte glücklich zwischen den Gängen und in den Regalen mit Anzügen und Jacken und genoß das kleine Einkaufsfest; endlich begriff er, wie gern Frauen ganze Nachmittage beim Einkauf verbringen - und spürte doch zugleich, daß sich dies zu einer tödlichen Sucht auswach-sen konnte.

Er kaufte einen blauen Flanellblazer mit Messingknöpfen für Oliver und bat, auch diesen als Geschenk einzupak-ken. «Wäre das alles, Sir?» fragte der Verkäufer. «Nicht auch etwas für Sie?»

Damon zögerte eine Weile. «Warum eigentlich nicht?» fragte er. Alle rückten an diesem Nachmittag mit großartigen Ideen heraus. «Was schlagen Sie vor?»

«Ich kann Ihnen eine neue Auswahl an Corduroyjacken zeigen», sagte der Verkäufer. «Sie sind diese Woche im Schaufenster ausgestellt. Halten fast ewig. Besonders praktisch, wenn Sie mal aufs Land gehen.»

«Ja, das leuchtet mir ein.» Wieder eine glänzende Idee. «Vermutlich werde ich binnen kurzem meine gesamte Zeit auf dem Land verbringen.» Plötzlich wurde seine Vorstellung, in den Ruhestand zu treten und mit dem Blick auf den Long Island Sund in Connecticut zu leben - was bisher nur die müßige Vision einer unsicheren Zukunft gewesen war - zur Wirklichkeit.

«Kommen Sie bitte mit, Sir», sagte der Mann und führte ihn zu einem langen Regal, auf dem die Jacken aufgereiht hingen. «Welche Größe haben Sie? Sechsundvierzig?»

«Sie schmeicheln mir», sagte Damon. Der Nachmittag wurde immer besser. «Vierundfünfzig käme der Sache wohl näher.»

Der Verkäufer machte ein zweifelndes Gesicht, aber er holte eine naturfarbene Corduroyjacke vom Bügel. «Probieren wir das mal, nur der Größe halber.»

Sie paßte wie angegossen.

«Sie sind viel größer, als man denken sollte», sagte der Verkäufer.

«Nun ja», sagte Damon. «Würden Sie sie bitte schik-ken?» Er gab dem Mann seine Adresse. «Liefern müssen Sie morgens, wenn die Putzfrau im Haus ist. Ich sage ihr deswegen Bescheid.»

Wieder holte er die Kreditkarte aus der Brieftasche. Die Jacke kostete mehr als jeder komplette Anzug, den er in seinem Leben gekauft hatte, aber et hatte auch seit sechs Jahren keinen neuen Anzug mehr gekauft. Inflation, dachte er leichthin, da kann man nur grinsen und das Maul halten. Die Brieftasche war alt und verschlissen, wie er sah. Er wußte nicht mehr, wie lange er sie schon hatte. «Wo ist, bitte, die Lederabteilung?»

«Unten», sagte der Marin.

Leise vor sich hin summend, wanderte Damon zur Lederabteilung und kaufte sich eine Brieftasche aus Schweinsleder. Die Inflation, stellte er fest, hatte auch vor der Lederabteilung nicht haltgemacht. Schadet nichts.

«Soll ich sie als Geschenk verpacken?» fragte der Verkäufer.

«Nein. Sie ist für mich. Ich stecke sie einfach in die Tasche, wenn's Ihnen recht ist.» Er legte die alte Brieftasche auf die Glasvitrine, in der die Brieftaschen ausgelegt waren, und leerte sie - Kreditkarte, Führerschein, Sozialversicherungs-Ausweis, Geldscheine, sichtbare Beweise seiner Existenz als Bürger im Land seiner Wahl. Er verstaute sie alle sorgsam in der neuen Brieftasche und steckte diese dann in seine Brusttasche. Als er sich zum Gehen wandte, fragte der Verkäufer: «Entschuldigen Sie, Sir, was soll mit dieser hier geschehen?» Er hielt das rissige, abgegriffene alte Stück Leder hoch, als beschmutze er sich damit die Finger.

«Schmeißen Sie sie weg», sagte Damon großartig. Dann fiel ihm Sheila ein. Darf den Skipper nicht vergessen in dieser Fiesta der Selbstverwöhnung. Sie wäre böse, wenn sie wüßte, daß er sie zuweilen in Gedanken als Skipper be-zeichnete. Sie glaubte fest daran, daß in ihrem Haushalt alle Entscheidungen in gleichrangiger Übereinstimmung getroffen würden. Das war nicht der Fall. «Übrigens», fragte er den Verkäufer, «können Sie mir sagen, wo sich die Pelzabteilung befindet?»

Der Verkäufer sagte es, und abermals nahm er den Fahrstuhl, wobei er leicht an dem Karton mit Miss Waltons Strickjacke und Olivers Blazer trug. Roger Damon, Friedensbringer unter den Nationen, Verteiler von Gold, Wohlgefallen und Harmonie, aufsteigend in der Welt von Saks.

Die Verkäuferin, die ihn in der Pelzabteilung begrüßte, war eine hübsche grauhaarige Dame mit einer bildschönen Frisur. Sie entschuldigte sich, weil jetzt, zu Beginn des Frühlings, das Angebot geringer sei, aber sie würde sich glücklich schätzen, dem Herrn zu zeigen, was vorhanden war.

Die Jahreszeit spielte für Damon keine Rolle. Sheila würde noch viele Winter vorhanden sein. Er hatte in der Sonntagsausgabe des Times-Magazine eine Reklame für Sportpelze gesehen. Sheila könnte ein bißchen Sport gut gebrauchen, fand er. «Hier ist etwas in Zuchtnerz», sagte die Dame zu ihm. Es war ein heller dreiviertellanger Mantel mit Gürtel und einem Shawlkragen. Damon konnte sich nicht vorstellen, welchen Sport man in diesem Mantel betreiben könnte, aber er fragte nicht danach. Er fragte auch nicht, welchen Sport der Nerz in der Zuchtfarm betrieben hatte. Keine gefährdete Gattung. Seine ökologischen Prinzipien wurden nicht verletzt. Die elegante Dame, schätzte er, entsprach in etwa Sheilas Größe, Alter und Körperbau.

«Würden Sie den Mantel bitte anziehen, damit ich sehen kann, wie er an Ihnen aussieht?» fragte Damon. «Meine

Frau ist etwa so groß wie Sie und hat, wenn ich mich recht entsinne» - er versuchte zu lächeln, ohne daß ein Grinsen daraus wurde - «etwa die gleichen... äh ... Formen.» Und dann, um sich das Wohlgefallen der Pelzabteilung von Saks für alle Zeiten zu sichern, sagte er: «Sie ist schön.» Er setzte nicht hinzu, daß die Verkaufsdame silbergraues Haar hatte, während das Haar seiner Frau ein schimmerndes Schwarz war und zu der Farbe des Mantels einen noch auffälligeren Kontrast bilden würde.

An der grauhaarigen Dame, die als Modell auf und ab ging, den Shawlkragen bis zu den Ohren hochgestellt, die Hände in die tiefen Taschen versenkt, den Mantel weit geöffnet wie Schmetterlingsflügel, um das Futter aus gerippter Seide sehen zu lassen, sah der Mantel großartig aus.

«Ich nehme ihn», sagte Damon.

Die Frau sah ihn scharf an. «Möchten Sie sich nicht noch andere Mäntel ansehen? Und haben Sie den Preis gesehen?»

«Nein», sagte Damon und fügte unsinnigerweise hinzu: «Ich bin in Eile.»

«Sehr wohl, Sir.»

Kein Feilschen an diesem Nachmittag. Endlich gehörte er zu jenem höchst bürgerlich gesinnten Stamm der Amerikaner, den unersättlichen Konsumenten. Er schwebte über der Erde. Kauf, kauf, kauf und sing dir die Sorgen vom Leib.

Achtlos, mit einem Schnörkel, unterschrieb er den Zettel für die Kreditkarte, dieses Totem des Stammes, ohne auf den Preis zu sehen, und versicherte sich, daß die Verkäuferin den Mantel am nächsten Morgen zwischen neun und zwölf liefern lassen würde.

Als er durch den Ausgang im Erdgeschoß das Warenhaus verließ, dachte er einen Augenblick daran, ins Büro zu gehen, um Miss Walton und Oliver ihre Geschenke zu überreichen. Aber der Überschwang des Geldausgebens, den er noch nie erlebt und nie richtig bewertet hatte, hatte jetzt von ihm Besitz ergriffen. Der Nachmittag war noch

jung, und die Schätze der majestätischen Stadt waren um ihn gelagert und warteten auf seine Kreditkarte.

Er summte eine Melodie aus dem Musical Camelot, erinnerte sich an die Worte der Melodie «Der lust'ge Monat Mai» und sang sich im Kopf die Worte selber vor - «die Zeit für jede kesse Lust, verschämt und un ...».

Er mußte laut kichern, so daß ein vorübergehendes Paar ihn fragend ansah. Es war ja erst April. Nicht gar so weit entfernt, dachte er. Aufgrund von Verhältnissen, die seiner Kontrolle entzogen waren, eilte er der Jahreszeit um einiges voraus. Wohin jetzt, was für einen Laden aufsuchen? Eine schwierige Entscheidung. Das Echo des Songs in seinem Schädel traf die Entscheidung für ihn. Er bog von der Fifth Avenue ab und ging in Richtung Madison Avenue zum großen Musikladen an der Ecke. Musik besänftigt die wilde Brust: nächster Punkt auf der Tagesordnung. Er wußte nicht, wie lange er im Laden verweilte, den Katalog durchblätterte; er merkte nicht, wie der bedienende Verkäufer immer zutunlicher wurde, wenn er die Titel der Schallplatten laut aussprach, die er sich wünschte - die späten Quartette; Beethoven, mein Vater, mein Bruder; Chopin, stürmischer und fingerfertiger Pole, Hasser Rußlands, Mozart, der leuchtende Springquell, Liszt, dieser dunkle Rhetoriker, Brahms, ein tiefer, mächtiger Seufzer aus Europas Mitte, Mahler, Richard Strauss, die untergegangene Welt Wiens, Poulenc, leicht und glockenrein, nicht genügend geehrt für sein Schaffen, tant pis, Eigar, Ives, auf ins zwanzigste Jahrhundert, ihr Männer, Gershwin, die schrillen blauen Klänge der Straßen New Yorks, Copland, Appalachische Tänze, westliche Rhythmen, die rasenden Rhythmen der Maya in Mexiko, Schostakowitsch, Strawinsky - war das die russische Seele? Frag an bei Lenin oder Tolstoj. Die Liste wurde immer länger, der Verkäufer immer strahlender. Wir müssen auch einiges von den großen Solisten haben, Artur Rubinstein zur Eröffnung, Casals, Stern, Schnabel, auch wenn's eine alte Aufnahme ist, Horowitz, Segovia für den Flamenco, Ro-stropowitsch zum Vergleich mit Casals. Geh noch nicht fort, junger Mann, da sind noch Opern zu bedenken. Angefangen mit Verdis Falstaff, Cosi fan tutte und natürlich Die Zauberflöte. Ich will mich mit meiner Frau besprechen und morgen noch ein paar andere kaufen. Lieber kein Wagner, wenn's Ihnen nichts ausmacht. Na schön, vielleicht Die Meistersinger; Und wir dürfen die Dirigenten nicht beiseite lassen ... Bernstein, Karajan, Toscanini. Sie scheinen einer von den jungen Leuten zu sein, die auch mit den neuen Größen Bescheid wissen. Ich vertraue Ihnen, daß Sie mir von denen das Beste geben.

Ich glaube, das genügt für einen Tag, junger Mann. Aber es wäre Blasphemie, diese ganze gloriose Anthologie des Klanges dem krächzenden alten Plattenspieler im Wohnzimmer anzuvertrauen. Lassen Sie mich eins von den neuen Modellen hören. Er ließ sich einige der neuen elektronischen Plattenspieler vorführen. Diese cleveren Japaner! Eine jede dieser Schallplatten klang, als säße das Orchester mitten im Raum, rein, klangstark, nicht orientalisch. Er stellte sich vor, daß er auf der Veranda von Onkel Briancellas kleinem Haus in Connecticut säße, er selbst als Landjunker im feschen Corduroyjackett, das garantiert fast ewig halten würde; daß er bei Sonnenuntergang über die goldene Fläche des Long Island Sunds blickte, zum Klang engelreiner Stimmen alterte und daß tausend himmlische, nur für das eigene Ohr bestimmte Instrumente ertönten. Das Gerät, das er wählte, war nicht das billigste, aber auch nicht das teuerste. Er schrieb einen Scheck aus; die Zahlen seien nicht wichtig, erklärte er dem Verkäufer, der sich in seinen Träumen schon mindestens zum Vizepräsidenten der Gesellschaft ernannt sah, zu der dieser Laden gehörte. Er solle sicherstellen, daß alles am nächsten Morgen geliefert werde. Und er verließ in höchster Selbstzufriedenheit den Laden.

Er war überrascht, als er auf die Straße trat. Die Sonne stand niedrig am Himmel; es war nach sechs Uhr. New York war hundert Grand Canyons, die der Menschenstrom

gegraben hatte; die Sonne war ein sterbender Stern, der auf die Meadowlands in New Jersey niedersank. Alle großen Läden waren bereits für die Nacht geschlossen. Nachdem er sich jedoch die Musik ausgewählt hatte, die er in den letzten Jahren immer wieder hatte hören wollen, fiel ihm ein, daß es Bücher gab, die aus seiner Bibliothek verschwunden waren, die er jedoch in Connecticut um sich haben wollte; und daß es neue gab, die er in seinem tätigen Leben niemals Zeit gehabt hatte zu lesen. Gewiß könnte er sich ändern, könnte, entsetzt über die Summe, die er am heutigen Nachmittag ausgegeben hatte, zu seiner üblichen Sparsamkeit zurückfinden und in den kommenden Jahren des Alterns in der bloßen Erinnerung an die Bücher leben, die verschwunden waren, oder an jene anderen, die er von Freunden oder in öffentlichen Bibliotheken ausgeliehen und wieder zurückgegeben hatte. Glücklicherweise fiel ihm ein, daß die großen Buchläden in der Fifth Avenue den ganzen Abend geöffnet blieben. Als er vor langen Jahren nach New York zog, war es noch eine Stadt für Büchernarren; in fast jeder Seitenstraße gab es Läden, große, verstaubte Geschäfte, in denen alte bebrillte Angestellte, die man nach einem bestimmten Buch fragte, antworten mochten: «Ach ja, ich glaube, ich weiß, wo ich das wohl finden könnte.» Dann würden sie zwischen den knarrenden Regalen davongehen, um zehn Minuten später mit einer Schulausgabe von Burkes On Reconciliation with the Colonies oder einer Erstausgabe von Kiplings Barrack Room Ballads wieder aufzutauchen. Das Beste, was wir hatten, ist von der Flut der Zeiten weggespült, dachte er, von Sehnsucht gequält. Nimmermehr, nimmermehr, sprach der Rabe, nimmermehr.

Nicht zurückblicken. Vorausdenken. Generationen haben ihre eigenen Ansprüche. Raum ist zu einem der teuersten Güter auf diesem beengten, kleinen Auswuchs von wasserumgebenem Stein geworden. «Vergriffen» könnte leicht der Name eines jeden Verlags lauten, mit dem er jetzt zu tun hatte. Spreche mir keiner kummervoll von der

Höhe seiner Auflagen, denn zur Zeit von Scott Fitzgeralds Tod war kein einziges Buch aus seiner Feder mehr aufzutreiben, außer zu exorbitanten Preisen bei den Antiquaren, die auf den hinteren Seiten der Zeitschriften The Nation und The New Republic ihre Kleinanzeigen aufgaben. Halten wir uns nicht bei der Tatsache auf, daß der große Bestseller der letzten Jahre schon längst zu Makulatur zerfetzt worden ist.

Dennoch konnte man hier und da noch einen Schatz finden. Er dachte sich eine Liste aus, während er die Fifth Avenue entlangschritt. Die Liste war gewaltig. Als er an einer Verkehrsampel stehenbleiben mußte, dachte er darüber nach, was er den ganzen Nachmittag getan hatte - immer noch tat. Er hatte um sich und um die, die er - jeden auf seine besondere Art - liebte, eine Mauer von Dingen errichtet, von dauerhaften oder doch halbwegs dauerhaften Dingen: für Sheila einen Mantel, um sie für viele kommende Winter gegen den Wind zu schützen, er hatte Miss Walton, einer wetterfesten Blume an ihrem Schreibtisch, jetzt auf viele Jahreszeiten hinaus nach seinem demnächst fälligen Abgang Wärme verschafft; Oliver würde schick sein in seinem neuen Blazer für künftige Festlichkeiten in Long Island; er hatte seine Corduroyjacke, die garantiert fast ewig halten würde, hatte die Hunderte, Tausende von Konzerten, deren Anhörung und Verinnerlichung Jahre dauern würde. Die Bücher, die er soeben in seine Gedankenliste aufgenommen hatte, zusammen mit seiner eigenen überquellenden Bibliothek, versprachen Jahrzehnte ruhiger Nachmittage und Abende, bis man sie alle kannte. Er machte dem Tod eine lange Nase und ebenso Zalovsky; er hatte in den wenigen Stunden eines Aprilnachmittags seine Wette auf die Zukunft abgeschlossen und ging euphorisch auf den Buchladen zu, ja, er lächelte bei dem Gedanken: Auch wenn es Zalovsky auf irgendeine Weise gelänge, seine Hand auf alles Geld zu legen, das er besaß, dann würde sich die Summe sehr bald um den Betrag der heutigen Einkäufe drastisch vermindern.

Es war bezeichnend für ihn, daß er sich kein Fernsehgerät gekauft hatte, obwohl das Gerät, das sie zu Hause hatten, klein war, ein flimmerndes Bild produzierte und öfter kaputt war als heil. Das Fernsehen wies nicht in die Zukunft. Es gehörte dem Tag, dem Unmittelbaren, es überließ das Morgen dem Zugriff des Schicksals. Wenn er nach Connecticut zog, wollte er sein Gerät dem Roten Kreuz spenden.

Im Buchladen bestellte er zunächst die vollständige Ausgabe von Yeats' Gedichten, in ehrenvollem Gedenken an Maurice Fitzgerald und zur Lektüre für Oliver Gabrielsen - sofern dieser nicht in seinem blauen Blazer lieber modische Parties besuchte. Er war sich nicht schlüssig, was in diesen Regalen für Miss Walton von Nutzen sein könnte. Sie konnte die Kaschmirjacke nicht vierundzwanzig Stunden am Tag tragen. Er entschied sich für die Gedichte von Emily Dickinson, trockene, neuenglisch gefärbte Trostworte über ein Jahrhundert hinweg, von einer Jungfer zur anderen, um die einsamen Nächte von New York für die anhängliche, dienstbeflissene Seele, die in ihrem Fettwulst eingekerkert war, erträglich zu machen.

Das erste, was er für sich selbst orderte, war die zweibändige Ausgabe des ungekürzten Oxford English Dictionary im Mikrodruck, zu der ein Vergrößerungsglas geliefert wurde, um die Wörter lesbar zu machen. Schließlich, dachte er, zur Entschuldigung für diese Extravaganz, waren Wörter sein Beruf, und wenn man überhaupt etwas in diesem Jahrhundert als dauerhaft bezeichnen konnte, dann war es die englische Sprache.

Danach bestellte er eine hübsche Ausgabe der King-Ja-mes-Bibel in großem, elegantem Druck. Sein eigenes Exemplar war zerfleddert und abgegriffen; die Seiten vergilbten und der Druck schien von Jahr zu Jahr kleiner zu werden.

Und dann bestellte er in unordentlicher Reihenfolge Don Quijotte, die gesammelten Essays von Waldo Emerson, die Tagebücher der Brüder Goncourt, Miltons Verlorenes Paradies,

Ortegas Aufstand der Massen, Auden, Lowells The Confede-rate Dead, Freemanns gigantische Biographie von Robert E. Lee und zum Ausgleich die Memoiren von General Grant, Bände, die Marlowes Tamburlane und Dr. Faustus enthielten, The topless towers ofllium - Sweet Helen make me immortal with a kiss - dachte wehmütig daran, was das Wort «topless» in jenen Tagen bedeutete. Darauf dann Hugos und Rimbauds Gedichte, auf französisch. Lange Stunden des Eindringens in eine neue Sprache, die er seit seinem letzten Jahr im College nicht mehr richtig gepflegt hatte. Wer konnte es wissen - er und Sheila wollten vielleicht im Winter verreisen, wenn das Klima am Meer schwer zu ertragen war. Boswells Londoner Tagebücher wären vielleicht eine Reise anderer Art.

Mit Ausnahme von Hugo und Rimbaud hatte er die meisten Bücher schon früher einmal gekauft oder sich in Bibliotheken ausgeliehen; oder er hatte sie Freunden geborgt, die versprochen hatten, sie wiederzubringen, und es dann vergessen hatten. Man muß die Vergangenheit sammeln - köstliches Gepäck.

Die Liste, die er dem wartenden Verkäufer überreichte, war schließlich auf mehr als hundert Titel angeschwollen. Ein bloßer Tropfen in dem unendlichen Meer der Literatur, die die Zeiten zwischen den griechischen Dramatikern und Saul Bellow überspannte. Er käme vielleicht morgen wieder, sagte er dem Verkäufer, um mehr zu bestellen. Möge die Verzückung anhalten. Liebe Mrs. Genevieve Dolger mit ihrem Klagelied, die ihm diesen Nachmittag ermöglicht hatte. Gott segne ihr sentimentales, hausfrauliches Herz; mochten alle ihre Kuchen eine leckere Kruste bekommen. Mochte Zalovsky fluchen, wenn seine Visionen vom übel erworbenen Reichtum, den er vermutlich jetzt als sein rechtmäßiges Erbteil betrachtete, dahinschwanden. Mochte seine Stimme bettelhaft winseln, statt drohend zu höhnen. Als er am Tisch des Verkäufers stand und die lange Liste von Büchern überlas, die jetzt die seinen werden sollten, entschloß sich Damon fast freudig, von nun an

den automatischen Anrufbeantworter abzuschalten, die Anrufe persönlich entgegenzunehmen und sich beim nächsten Anruf kaltblütig bereitzufinden, mit Zalovsky zusammenzutreffen, ihm gelassen und furchtlos zu begegnen, ohne Ansehen von Zeit und Ort. An diesem Nachmittag hatte er sich ein Amulett erworben, einen Talisman, der ihn schützen würde. Das war zwar unvernünftig, wie er wußte, aber so empfand er eben; und er war bereit, danach zu handeln.

Er bat den Verkäufer, die Bücher für Oliver und Miss Walton als Geschenke einzupacken. Die anderen Bücher wollte er im Karton in seinem verschließbaren Kellerabteil aufheben. Er wollte die Kartons erst öffnen, wenn sie nach Connecticut übergesiedelt waren. Sonst würde Sheila vor Verzweiflung über das riesige neue Durcheinander, den sie in der Wohnung anrichteten, in Tränen ausbrechen.

Als er aus dem Laden ging, triumphierte er in der Vorwegnahme dieser gewaltigen Lesefreude, die vor ihm lag. Er war schon im Begriff, den Weg nach Hause einzuschlagen, als ihm einfiel, daß er am Nachmittag zwar für den Geist gesorgt, aber das Fleisch vernachlässigt hatte. In der Madison Avenue gab es einen hervorragenden Laden für Wein und Spirituosen, den er hin und wieder für besondere Gelegenheiten in Anspruch nahm, weil man dort das größte Angebot an Wein und Champagner in ganz New York finden konnte; und er beeilte sich, dorthin zu gelangen, bevor der Laden schloß. Dort schritt er dann zwischen den Regalen entlang und las die großen Namen auf den Etiketten: Montrachet, Chateau Lafite, Château Mouton-Rothschild, Chateau Tache, Corton Charlemagne, Moét et Chandon, Dom Perignon, Château Petrus, Chäteau Mar-gaux. Die Namen läuteten in seinem Kopf wie Hochzeitsglocken.

Ja, junger Mann, Sie können jetzt meine Bestellung entgegennehmen. Einen Karton hiervon, einen Karton davon, drei Kartons vom Lafite. Ich weiß, daß er mindestens acht Jahre lang nicht trinkbar sein wird. Ich habe keinen geeigneten Keller, um ihn in der Stadt zu lagern, aber Sie können ihn in Ihrem Lagerhaus aufbewahren, bis ich ihn brauchen kann. Ich habe vor, demnächst in mein Haus in Connecticut überzusiedeln; dort gibt es einen hervorragenden Keller. Ach so, es ist schwierig, wenn nicht gar gesetzwidrig, Wein oder Branntwein über die Staatsgrenze zu transportieren? Macht nichts. Wenn die Zeit reif ist, werde ich mir einen großen Möbeltransporter chartern, um die Kartons darauf zu verladen; gleichzeitig werde ich eine große Anzahl Bücher und Bilder und derartige Dinge transportieren und versehe mich keiner Probleme. Übrigens darf ich wohl vermuten, daß Sie etwas Champagner in Ihrem Kühlschrank haben. Ich hätte gern zwei Flaschen Mumm; packen Sie sie bitte sorgfältig ein. Die nehme ich gleich mit. Mit einem Schnörkel unterschrieb er einen Scheck über zweitausendsechshundertunddreiundsiebzig Dollar und vierzig Cents und ging aus dem Laden; die Champagnerflaschen kamen zu den Geschenken für Oliver und Miss Walton dazu - Geschenke, deren Überreichung bis morgen warten mußte, weil das Büro inzwischen geschlossen war. Beladen, wie er war, würde der Heimweg ihn allzu sehr ermüden; er nahm sich daher ein Taxi. Der Champagner hatte sicher noch die vorgeschriebene Temperatur, wenn er die erste Flasche für Sheila und sich selber öffnete.

Als er die Wohnungstür aufstieß, rief er «Sheila», erhielt aber keine Antwort. Das Licht in der Diele brannte, und als er die Pakete abstellte, sah er die Nachricht in Sheilas Handschrift auf dem kleinen Tisch:

Lieber Roger, Mutter hat einen Schlaganfall erlitten und ist in besorgniserregendem Zustand. Ich bin nach Burlington gefahren, wo sie im Krankenhaus liegt. Ich habe versucht, Dich im Büro zu erreichen, aber als Du um vier Uhr noch nicht zurück warst, mußte ich mich beeilen, um das Flugzeugzu erreichen. Oliver möchte, daß Du bei ihm wohnst, bis ich zurück bin oder, wenn Dir das nicht zusagt, will er zu Dir ziehen. Bitte, sei darin nicht widerspenstig.

Und schlag es Dir bitte aus dem Kopf, mir nachzufahren. Eine Klinik mit einer sterbenden alten Frau,, die selbst in ihren besten Tagen nichts von Dir wissen wollte, ist jetzt kein Aufenthaltsort für Dich. Zudem habe ich meine Schwester angerufen, und die wird auch da sein mit ihrem öden Mann, und ich weiß, was Du von denen hältst. Sie hat mir erzählt, daß Mutters Schwester, meine Tante, die Mutter von Gian-Luca, ebenfalls kommen will, und das ist eine Begegnung, die auch. ich am liebsten vermeiden würde, und mit der Du ganz sicher nicht belastet werden solltest. Bitte ruf mich im Holiday Inn von Burlington an, damit ich weiß, daß es Dir gutgeht. Und bete für Mutter.    Gruß Sheila

Langsam legte er den Zettel nieder; der Aufschwung, den er den ganzen Nachmittag gespürt hatte, schwand dahin und wich einem Gefühl der Schuld. Während er Geld ausgegeben hatte wie ein besoffener Ölsucher in Texas, dessen Bohrung soeben auf Öl gestoßen ist, hatte Sheila seiner bedurft, und er war nicht dagewesen. Er konnte die alte Dame nicht leiden, und sie hatte ihn bestimmt nie ausstehen können, aber er wünschte ihr nicht den Tod. Er wünschte niemandem den Tod. Oder daß irgendwer, und Sheila vor allen anderen, in dieser Woche mit dem Tod konfrontiert würde.

Er ging ins Wohnzimmer und machte Licht. Er sah, daß der automatische Anrufbeantworter ausgestöpselt war, und erinnerte sich an seinen Entschluß, das gleiche bei seiner Heimkehr zu tun. Telepathie. Er setzte sich schwerfällig nieder und starrte aufs Telefon. Sollte es sich nur einfallen lassen zu klingeln! Es klingelte nicht.

Er langte hinüber, hob den Hörer ab, wählte das Amt, erhielt die Auskunft in Vermont, die ihm die Nummer des Holiday Inn in Burlington mitteilte. Der Name paßte schlecht zu einem Hotel, in dem man abwarten mußte, ob die Mutter am Leben bleiben oder sterben würde. In früheren Tagen hatten die Amerikaner ihre Ortschaften treffender benannt - Tombstone, Death Valley, Laughing Water. Die Sprache, wie so manches andere, verfiel.

Sheilas Stimme klang gefaßt, als sie ans Telefon kam. Sie hatte bereits das Krankenhaus besucht, sagte sie, und war soeben ins Hotel zurückgekehrt, um sich dort einzutragen und etwas zu essen. Der Zustand ihrer Mutter sei unverändert. «Was immer das besagt», meinte Sheila. «Sie ist linksseitig gelähmt und kann nicht sprechen, und ich bin mir nicht sicher, ob sie mich erkannt hat. Man sollte es nicht für möglich halten, daß Vegetarier vom Schlag getroffen werden können.» Sie lachte bitter. «All diese Grasfresserei für nichts.»

«Sheila, Liebste», sagte Damon, «möchtest du nicht doch lieber, daß ich komme?»

«Ganz sicher nicht», sagte Sheila bestimmt. «Hast du Oliver schon angerufen?»

«Nein. Ich bin eben erst nach Hause gekommen.»

«Wirst du ihn anrufen?»

«Ja.»

«Du wirst doch heute nacht nicht allein in der Wohnung bleiben?»

«Nein. Das verspreche ich.»

«Roger ...» Sie zögerte.

«Ja, was ist?»

«Ich habe heute mit Oliver geluncht...» Sie ließ die Worte verklingen, als sei sie nicht sicher, wie sie weiterreden solle.

«Ja?» Damon war klar, daß sie neben allem anderen, das sie besprochen hatten, auch über ihn gesprochen hatten.

«Er hat rein zufällig dein Notizbuch gesehen, Roger», sagte Sheila. «Du hast es offen auf dem Schreibtisch liegenlassen.»

«Und?» Er durfte nicht wütend werden. Er und Oliver gingen dauernd zwanglos zwischen ihren Schreibtischen hin und her.

«Es war offen, und er hat den Anfang von deinen beiden Listen gesehen - persönliche Feinde und berufliche Feinde. Er konnte nur einen Namen erkennen: Machendorf. Ich

kann mir zwar vorstellen, warum du mit dieser Liste angefangen hast, aber...»

«Das erkläre ich dir, wenn ich dich sehe, Liebste», sagte Damon sanft.

«Was ich dir sagen will und was ich dir sagen muß: Oliver und ich haben unsererseits eine eigene Verdächtigenliste angefangen. Ich sage das ungern am Telefon, aber, wer weiß; eines Tages könnte es zu spät sein ...»

«Ich glaube, meine Aufzeichnungen sind ziemlich umfassend», sagte Damon, der bedauerte, daß er nicht früher aufgelegt hatte. «Ich glaube nicht, du oder Oliver könnten ...»

«Hast du an Gian-Luca gedacht?» unterbrach ihn Sheila. «Seine Mutter ist hier, und ich habe mich nach ihm erkundigt. Er ist aus ihrem Blickfeld verschwunden. Nach allem, was man weiß, könnte er ebensogut tot sein. Aber trotzdem ...»

«Ich werde wegen Gian-Luca die Augen offenhalten, falls er sich jemals sehen läßt», sagte Damon, der dem Gespräch ein Ende machen wollte.

«Noch eins», sagte Sheila beharrlich. «Oliver hat mir erzählt, daß Mr. Gillespie, der übergeschnappt ist...»

«Er hat sich seitdem nicht wieder sehen lassen», sagte Roger ungeduldig. «Ich habe tatsächlich den Eindruck, daß weder einer von denen, an die du und Oliver gedacht haben, noch einer von denen, die mir eingefallen sind, irgendwelche Bedeutung hat. Vielleicht ist niemand von irgendwelcher Bedeutung, oder es ist irgend jemand, der plötzlich vom Himmel fällt, jemand, der ...» Er geriet ein wenig ins Stottern. «Ach ja, es ist schwer in Worte zu fassen - einer, der unbekannt ist, ein ziellos böser Geist, und vielleicht erfahren wir's morgen oder erfahren's nie. Liebste», sagte er, «du hast jetzt genug Sorgen. Denke vorläufig nicht an diese. Bitte.»

«Nun gut», sagte sie. «Versprich mir nur noch einmal, daß du heute nacht nicht allein bleiben wirst.»

«Ist versprochen. Und noch eins ...»

«Was denn?» Sheilas Stimme klang ängstlich, als könne das «noch eins» sich als ein weiterer Schlag erweisen.

«Ich liebe dich», sagte Damon.

«Ach, Roger», sagte Sheila stockend. «Ich habe mir geschworen, nicht zu weinen. Gute Nacht, Liebling. Paß auf dich auf!»

Damon legte den Telefonhörer auf, schloß die Augen, dachte an die böse, alte, vegetarische Frau, die ihn nie hatte ausstehen können und nun vom Schlag getroffen und endlich sprachlos in einem Krankenhausbett lag. Es war kein glücklicher Monat. Das Sprichwort fiel ihm ein: «Ein Unglück kommt selten allein.» Gewiß, Sheila und er hatten eines erlebt. Nun seid bereit fürs nächste. Aber was mochte danach noch kommen?

Er öffnete die Augen und schüttelte den Kopf, um weitere schlimme Gedanken zu verjagen. Er war Sheila dankbar, weil sie ihn nicht nachkommen lassen und ihn vor dem Morast ihrer Familientrauer bewahren wollte; der verschlampten Schwester mit ihrem jämmerlichen Mann und der weinerlichen Tante, deren Sohn er die Treppe hinunterbefördert hatte.

Er erinnerte sich an den Tod seines eigenen Vaters, der kurz nach dem Krieg in einem Krankenhaus in New Haven gestorben war. Die ausgemergelte Hand, die Rogers Hand suchte, das letzte Band einer verfallenden Familie. Na schön, wenn Sheila auf Familienbesuch war, dann war die Zeit für ihn günstig, ebenfalls einen Besuch zu machen.

Er wählte Oliver Gabrielsens Nummer. «Mein Gott», sagte Oliver besorgt, «wo zum Teufel bist du gewesen?»

«Nicht weit weg», sagte Damon. «Ich mußte ein paar Einkäufe machen.»

«Du weißt von Sheilas Mutter ...»

«Ja. Ich habe eben mit Sheila gesprochen. Der Zustand ihrer Mutter ist unverändert.»

«Willst du zu mir kommen?» fragte Oliver. «Oder willst du lieber, daß ich zu dir in die Wohnung komme?»

«Weder - noch.»

«Roger», sagte Oliver beschwörend, «du kannst heute nacht nicht allein in deiner Wohnung bleiben.»

«Ich bleibe auch nicht», sagte Roger. «Ich verlasse die Stadt für ein paar Tage.»

«Wirst du mir sagen, wo du hinfährst?»

«Nein», sagte Damon. «Sieh zu, daß im Büro alles läuft. Ich melde mich.» Er legte auf. Oliver würde auf seinen blauen Blazer warten müssen.