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am nächsten morgen stand er früh auf und ging von seinem am Rande von Ford's Junction gelegenen Motel geradewegs zum Friedhof. Der Friedhof stieß mit einer Seite an die Gleise der New York-New Haven-Hartford-Eisen-bahnlinie und mit einer anderen an eine der beiden Hauptverkehrsstraßen. Er war gut gepflegt, gehörte aber wegen seiner Lage zwischen Kommerz und Transport nicht eben zu den Zierden des Städtchens, obwohl seine Bewohner, soweit bekannt, sich noch nicht darüber beschwert hatten. Seit Damon ihn bei der Beerdigung seines Vaters zum letzten Mal besucht hatte, war seine Belegschaft beträchtlich gewachsen.

Am Familiengrab der Damons standen drei Steine. Es war noch Platz für einen vierten - seinen eigenen. Der Vater war ein nachdenklicher und liebevoller Familienvater gewesen. Damon starrte auf die drei Gräber nieder - das seiner Mutter, seines Bruders Davey und seines Vaters; sie waren von sprießendem Aprilgras übergrünt. Bei der Beerdigung seiner Mutter war Damon nicht dabeigewesen; sie war gestorben, als er auf See war. Und nach Meinung beider Eltern war er zu jung gewesen, um bei der Beerdigung seines Bruders dabeizusein.

Es gab keine anderen Damons auf dem Friedhof, weil sein Vater als junger Mann von Ohio nach Ford's Junction übersiedelt war.

Hätte man Damon gefragt, warum er ausgerechnet an diesem Morgen nach so vielen Jahren zum Besuch des Familiengrabs gekommen sei, wäre es ihm schwergefallen, darauf zu antworten. Er wußte, daß es etwas mit den Träumen der letzten Tage zu tun hatte, in denen der Vater ihm erschienen war; und in seinem Alter war es mehr oder weniger natürlich, an den Tod und eine letzte Ruhestätte zu denken, aber der Entschluß, sich ein Auto zu mieten und nach Ford's Junction zu fahren, war gestern abend, nach dem Telefongespräch mit Sheila, instinktiv, fast automatisch erfolgt. Jetzt, wo er da war und den Menschen, die er einst geliebt hatte, seine Ehrerbietung erwies, spürte er ein Nachlassen der Spannung, ein wehmütiges, aber nicht leidvolles Friedensgefühl. Es wurde von dem Rattern eines nach New Haven fahrenden Zuges und den Geräuschen der Arbeit und der Gespräche an einer benachbarten Stelle, an der zwei Männer ein neues Grab aushoben, oder dem Geruch der frischen Erde - einem frühlingshaften, lehmigen Geruch, der des Todes spottete oder ihn zumindest erträglich erscheinen ließ - nicht beeinträchtigt.

Drei gute Menschen, die zu ihm gehört hatten; sein Vater, sanft und ehrbar und sehr arbeitsam, seine Mutter, ein Stab, auf den man sich stützen konnte zu jeder Zeit, sein Bruder, zu jung, um gesündigt zu haben. Familie, Familie...

Ja, es war ein guter Gedanke gewesen, von New York in die Heimat seiner Jugend zu fahren, sich auf seine Familie zu besinnen und selbst einmal nachzusehen, ob die schlichten Gräber würdige und angemessene Orte für ihre untadeligen und geliebten Seelen geblieben waren.

Am Tag, nachdem er das Requiem von Mozart gehört hatte, hatte er den Wortlaut der Messe nachgeschlagen. Sein Gedächtnis war gut, und sein Schullatein reichte so weit, daß er den ersten Abschnitt behalten konnte. Über den Grabsteinen sprach er sie sich vor:

Requiem aetemam dona eis, Domine, et lux perpetua luceat eis.

Te decet hymnus, Deus, in Sion, et tibi reddetur votum in Jerusalem.

Exaudi orationem meam, ad te omnis caro veniet.

Er überging die Wiederholung der ersten drei Zeilen der Messe und flüsterte die letzten beiden düster hallenden Bitten - «Kyrie eleison, Christe eleison».

Ehre deinen Vater und deine Mutter, wie der Herr dir geboten hat, auf daß deine Tage gemehret werden und es dir wohl ergehe . . .

Mit einem Gefühl der Scham, daß er ihre Pflege so viele Jahre anderen Menschen überlassen hatte, verließ er den Friedhof, fand in der Nähe einen Blumenladen, kaufte ein paar Zweige früh blühenden weißen Flieders und ging zurück zum Grab, wo er sorgsam die duftenden Blüten gegen die drei Grabsteine legte. Ruhet in Frieden, freundliche Seelen, dachte er, und bittet für mich.

Daß es dir wohl ergehe. . .

Unmöglich zu verhindern, daß sich irgendeine Form der Selbstsucht sogar in die innigsten Handlungen einschlich.

Mit einem letzten Blick zurück verließ er den Friedhof und fuhr langsam mit seinem Leihwagen durch das Städtchen.

In die Vergangenheit versenkt, entschloß er sich, die Örtlichkeiten seiner freudvollen Kindheit und Jugend aufzusuchen - ein alter Mann, der die Quellen seiner Erinnerung speiste, sich der Zeiten entsann, da er sorglos und ohne Wunden gewesen war, um damit, wenigstens für einen Tag, die Schicksalsschläge und die Abnutzung durch das Alter wettzumachen. Er wollte zu ihrem alten Haus gehen, beschloß er, wo er geboren war und wo er achtzehn Jahre gelebt hatte, bis es Zeit war für ihn, das College zu besuchen. Seither hatte er nicht mehr dort gelebt. Er wollte an der Schule Vorbeigehen, die er besucht hatte, sich der

Lateinklassen erinnern, der Verse von The Ancient Mariner, die der Englischlehrer vorgelesen hatte, sich an den Schul-ball erinnern, bei dem er zum ersten Mal mit einem Mädchen getanzt hatte, an das Footballfeld, wo er der Mannschaft an frostigen Oktobertagen zugejubelt hatte ... Vielleicht, dachte er, will ich auch einmal ins Telefonbuch hineinschauen, ob etwa ein paar Freunde, die ich mir als Kameraden fürs Leben vorgestellt und schon so bald vergessen hatte, im Städtchen geblieben sind.

Jetzt zu den Lebenden, dachte er, oder zu den noch Lebenden. Er ging ins Hotel zurück und rief, noch vor dem Frühstück, das Holiday Inn in Burlington an.

Sheilas Stimme am Telefon war ernst. «Ihr Zustand ist noch unverändert. Das sei ein gutes Zeichen, sagen die Ärzte. Ärzte ...» Sie seufzte. «Wir kleben an ihren Worten, versuchen, sie im möglichst günstigen Sinn zu deuten, legen unseren Glauben hinein. Das ist nicht ihre Schuld, aber man kommt davon nicht los. Wie steht's mit dir?»

«Gut», sagte er.

«Ist Oliver bei dir?»

«Nein. Ich bin gestern abend nach Ford's Junction gefahren. Ich bin hier in einem Hotel. Ich dachte, es wäre schön, mal ein paar Tage aus New York rauszukommen.»

«Ford's Junction», sagte sie fast vorwurfsvoll. «Hast du in diesen Tagen nicht ohnedies Erinnerungen genug?»

«Er hat mir gutgetan, dieser Morgen», sagte er. «Glaube mir. Es war die richtige Idee.»

«Ich will's hoffen.» Man hörte den Zweifel in ihrer Stimme. «Hör zu», sagte sie. «Ich kann nicht länger als ein paar Tage von der Schule wegbleiben. Bleib du nur, wo du bist, oder wandre umher, wo's dir gefällt. Aber komm erst wieder nach New York zurück, wenn ich auch zurückkommen kann. Ich hab's mir überlegt - die Osterferien fangen nächste Woche an, und dann können wir nach Old Lyme ins Camp fahren und uns gemeinsam entspannen und werden etwa zehn Tage lang keiner Menschenseele begegnen.

Wir können beide Ferien brauchen, und falls Mutters Zustand sich drastisch verändert, ist Burlington auch nicht so weit. Klingt dir das nicht auch wie eine glänzende Idee?»

«Ja, aber ...» Er wollte etwas über die Arbeit sagen, aber Sheila unterbrach ihn.

«Denk darüber nach», sagte Sheila. «Du brauchst dich jetzt nicht zu entscheiden. Ruf mich morgen früh an, und dann reden wir mehr darüber. Ich habe dem Arzt versprochen, vor zehn im Krankenhaus zu sein. Gehab dich wohl, mein Liebster! Und laß die Toten in Frieden ruhen.»

Erst fuhr er zu dem Haus, in dem er zur Welt gekommen war und wo er gelebt hatte, bis er auf das College ging. Als er in die vertraute Straße einbog, verlangsamte er die Fahrt vor dem alten Haus der Weinsteins. Wie alle anderen Häuser schaute es auf einen gepflegten Rasen, und wie alle anderen Häuser, die mit Brettern oder Schindeln verschalt waren, war es bescheiden und altmodisch, hatte eine behagliche überdachte Veranda und viktorianische Schnörkel als Zierat. Aber für Damon war es mit besonderen Erinnerungen verknüpft. Manfred Weinstein, ebenso alt wie er, war von seinem zehnten Lebensjahr an, bis sie sich getrennt hatten, um an verschiedenen Orten zu studieren, sein engster Freund gewesen. Manfred war einer der besten Sportler im Städtchen, er war der Star-Mittelfeldspieler in der Baseballmannschaft der Schule gewesen. Er war pummelig und hatte hellbondes Haar, eine Stupsnase und eine kindlich-rosige Gesichtsfarbe, die selbst während der Nachmittage in der Sonne niemals bräunte. Aber sein kindlich-weiches Aussehen täuschte. Seine Stimme war tief und ungewöhnlich laut für sein Alter, und während der Wettspiele konnte man sie über dem tosenden Lärm der Menschenmenge vernehmen, wenn er den Pitcher anfeuerte. Er war ein recht guter Schüler, mit einer besonderen Vorliebe für Bücher, vor allem für Dumas und Jack London; aber er war zu fanatisch darauf versessen, sich als

Baseballspieler zu vervollkommnen. Als guter Freund schlug ihm Damon, der selbst kein besonders guter Spieler war, ganze Nachmittage lang Bodenbälle zu, die Weinstein elegant hochnahm, bis sie schließlich die Letzten waren, die sich noch auf dem verlassenen Spielfeld tummelten, wenn sich die Dämmerung bereits auf das Städtchen senkte. Bei seinen Freunden galt es als ausgemacht, daß Weinstein schließlich eine der beiden großen Ligen schaffen würde. Jetzt erst fiel Damon auf, daß er Weinsteins Namen niemals auf den individuellen Leistungstabellen der National League oder der American League gesehen hatte, und er fragte sich, was da wohl schiefgelaufen sei.

Weinstein hatte in New Haven, am Arnold College, studiert, das seine Studenten für die Sportlehrerlaufbahn ausbildete. Damon, der damals schon plante, als Schauspieler den Broadway zu erobern, hatte das Carnegie-Technikum besucht, das eine hochangesehene dramatische Fakultät besaß. Zur Sommerzeit hatte Manfred in der Nachmittags-Liga auf Cape Cod gespielt, die ihre Spieler von den Colleges in New England bezog, während Damon in verschiedenen Sommertheatern aufgetreten war.

Als der Krieg ausbrach, meldete sich Manfred zu den Marinesoldaten; Damon dagegen hatte die Handelsmarine erkoren, weil sich seine Familie damals schon in finanziellen Schwierigkeiten befand und das Geld, das er als Seemann der Handelsflotte verdienen konnte, dringend nötig war, um Vater und Mutter über Wasser zu halten. Als Damon zum Begräbnis seines Vaters nach Ford's Junction zurückkehrte, hörte er, daß Manfred auf Okinawa schwer verwundet worden war und immer noch als Patient in einem Marinehospital behandelt wurde.

Während er langsam vorbeifuhr und das Weinstein-Haus betrachtete, fühlte Damon ein jähes Bedauern, daß durch die Zufälle von Zeit und Geographie die enge Freundschaft der Knabenzeit so hatte dahinschwinden können. Er wußte nicht, was Manfred mit seinem Leben angefangen hatte, wußte nicht einmal, ob er noch lebte

oder tot war; und er überlegte sich, ob sie sich wiedererkennen würden, wenn sie auf der Straße aneinander vorbeigingen.

Der behende junge Mittelfeldspieler war nicht der einzige Bewohner des Hauses gewesen, für den er sich interessiert hatte. Manfreds Schwester Elsie, ein Jahr älter als ihr Bruder, war das erste Mädchen, mit dem Damon ins Bett gegangen war - sie war achtzehn und er siebzehn Jahre alt. Sie war ein blondes, blauäugiges Mädchen mit einem süßen Gesichtchen gewesen, ein bißchen rundlich wie ihr Bruder, was ihr gut stand. Sie war ein schüchternes und romantisches Mädchen, obwohl ihr die etwas gebogene, schmale, längliche Nase eine exotische, fast schon strenge Schönheit verlieh; und sie sah älter aus, als sie war. Sie war eine der Besten in der Schule, eine wahre Leseratte, und half ihrem Bruder und Damon bei der Vorbereitung ihrer Geschichtsexamen, denn Geschichte war ihr Lieblingsfach. Sie hatte Damon anvertraut, daß sie an der Sorbonne in Paris studieren und in Europa umherreisen wolle, um die Schauplätze zu sehen, von denen sie gelesen hatte - Agin-court, das Amselfeld, die Schlachtfelder Napoleons, die Kirche von San Juan de Luz, wo Henri IV. die Prinzessin von Spanien geheiratet hatte und wo Velazquez gestorben war. Seit seinem zehnten Lebensjahr war Damon in sie verliebt, und er war von seinem Glück geblendet, als sie ihn zum ersten Mal geküßt und sich später von ihm hatte lieben lassen. Sie war damals noch unerfahren, genau wie Damon, und ihre Liebschaft war unbeholfen und kurz. Sie war deshalb kurz, weil Damon nach ihrem zweiten Rendezvous - es war eine hastige Angelegenheit, weil sie sich in Damons Zimmer befanden und er nicht wußte, wann seine Eltern zurückkommen würden - in seiner Unerfahrenheit und Scheu und bei einer nur sehr nebelhaften Vorstellung, welche Verhütungsmaßnahmen Elsie getroffen hatte, sie fragte, was sie tun würde, wenn sie schwanger würde.

«Ich würde mich umbringen», sagte sie gelassen.

Im Gedenken an diesen Nachmittag geriet Damon ins Grübeln über die drastische Wandlung der Sitten und Maßstäbe jugendlichen Verhaltens, die über Amerika hereingebrochen waren, seit er die höhere Schule besucht hatte. Abgesehen von Julia Larchs Sohn hatte er keine eigenen Kinder, aber bei den Teenager-Kindern seiner Freunde hatte er davon gehört, daß Jungen, die noch nicht einmal das Wahlalter erreicht hatten, Mädchen zu zwanglosen Wochenenden mit nach Hause brachten - wo ihre Eltern anwesend waren - und daß manche Mütter ihre Töchter vom fünfzehnten Geburtstag an die Pille nehmen ließen. Er war sich nicht sicher, ob das eine Änderung zum Guten oder Schlechten war, ob die Liebe, langfristig gesehen, dadurch gewann oder verlor, aber er bezweifelte, daß heutzutage ein achtzehnjähriges Mädchen den Entschluß äußern würde, sich wegen einer Schwangerschaft umzubringen.

Auf alle Fälle hatte er, durch ihre Worte erschreckt, Elsie nie wieder angerührt. Nachdem sie, ein Jahr vor ihm, von der Schule abgegangen war und das Städtchen verlassen hatte, um sich in Boston einen Sommerjob zu suchen und dann zu studieren, hatten sie sich nicht wiedergesehen. Manfred hatte sich nicht anmerken lassen, ob er von der Liebschaft zwischen seinem besten Freund und seiner Schwester etwas wußte, und als Damon an dem Haus vorbeifuhr, das er so gut gekannt hatte wie sein eigenes; überlegte er sich, ob Manfred aus Unwissenheit oder aus Taktgefühl geschwiegen hatte.

Damon, der sich an die unablässige und wesentliche Veränderung der New York umgebenden Landschaften und Ortschaften gewöhnt hatte, staunte, wie gleich sich diese Straße geblieben war, friedlich und mit dem Anschein, daß sie schon vor hundert Jahren genauso ausgesehen hatte und wahrscheinlich noch weitere hundert Jahre so aussehen würde. Der einzige Unterschied war der, daß die Bäume an den Straßenrändern seit seinem letzten Besuch ins Gigantische gewachsen waren; doch als er sich

seinem ehemaligen Elternhaus näherte, sah es ungefähr so aus, wie er es in Erinnerung hatte - nur hatte es bei seinem letzten Besuch, beim Tode seines Vaters, einen weißen Anstrich gehabt, und jetzt war es dunkelbraun mit roten Fensterläden. Sein Vater hatte es ihm testamentarisch vermacht, aber es war mit Hypotheken überlastet; und Damon, der zu dieser Zeit noch versuchte, sich im New Yorker Showbusiness einen bescheidenen Platz zu ergattern, mußte einsehen, daß er selbst mit den Einnahmen einer eventuellen Vermietung die jährlichen Zahlungen nicht würde leisten können. Er hatte es verkauft und sich glücklich geschätzt, daß er mit dem Erlös die letzten Schulden seines Vaters begleichen konnte.

Die Jahre vor seinem Tode waren für den kranken alten Mann nicht einträglich gewesen, und seine Versuche, die Spielzeugmanufaktur in New Haven am Leben zu erhalten, zu der er so viele Jahre hindurch täglich gefahren war, hatten alle vorhandenen Reserven aufgezehrt. Als er starb, besaß er keinen Pfennig mehr.

Damon hielt das Auto an, stieg aus und betrachtete das Haus. Der Rasen war gut gepflegt, ein Kinderwagen und ein Fahrrad standen auf der vorderen Veranda.

Alle zwei Jahre hatte er seinem Vater geholfen, das ganze Haus weiß zu tünchen, und ebenso den Schuppen, den sein Vater benutzte, um die von ihm entworfenen Spielsachen zu gestalten, kleine Modelle von Pferdefuhrwerken, bei denen das ganze Zaumzeug maßstabgerecht in Leder ausgeführt war, mit winzigen Messingschnallen; uhrwerkgetriebene Modelle altmodischer Lokomotiven mit Kohlentender und Personenwagen, kleine Schaukelpferde auf Kufen, Zinnsoldaten in Uniformen des Unabhängigkeitskriegs und des Bürgerkriegs, vollständig mit Gewehr und von Pferden gezogener Artillerie.

Sein Vater war geschickt gewesen mit den Händen und bescheiden in seinen Zielen; und auch wenn er zuletzt, auf dem Totenbett, Damon gesagt hatte, er habe sein Leben mit albernen Spielereien vergeudet, erinnerte sich Damon doch auch an die Stunden, die er vergnügt pfeifend im Schuppen bei seiner Holzschnitzerei und dem sorgfältigen Bemalen zierlicher Miniaturuniformen zugebracht hatte.

Innen war das Haus stets so ordentlich und aufgeräumt gewesen wie sein Äußeres und das Grundstück ringsum. Seine Mutter war eine überaus gewissenhafte Hausfrau, und obwohl sie drei Nachmittage in der Woche in dem kleinen Büro neben der Werkstatt in New Haven zuzubringen pflegte, wo sie die Geschäftsbücher führte, Rechnungen prüfte und Korrespondenz erledigte, war das Haus immer voller Wohlgeruch und fleckenlos rein. Wenn Damon sich an die strenge neuenglische Ordnung erinnerte, in der er erzogen worden war, mußte er unwillkürlich lächeln bei dem Gedanken an das Grauen, das seine Mutter beim Anblick der verstaubten Stapel von Büchern und Schallplatten empfunden hätte, zwischen denen ihr Sohn in seinen späteren Jahren lebte.

Er unterdrückte den Wunsch, aus dem Auto zu steigen und an die Haustür zu klopfen, seinen Namen zu nennen, zu erfahren, wer jetzt dort lebte und vielleicht einen Blick ins Innere zu erhaschen. Heimweh konnte allzu leicht in Masochismus ausarten, und er war kein Masochist. Als er gerade im Begriff war, seinen Wagen zu starten, öffnete sich die Haustür, und ein dunkelhaariger Junge trat heraus. Er war mit einer Corduroyhose und einer Trainingsbluse bekleidet und trug einen Baseballhandschuh. Damon starrte auf ihn wie gebännt. Das könnte derselbe Junge gewesen sein, den er zwischen den Taxis auf der Sixth Avenue hatte durchschlüpfen sehen, oder der Zwilling des Jungen im Fotoalbum, der er selbst einst gewesen war. Der Junge schob das Fahrrad von der Veranda, schwang sich hinauf, warf Damon in seinem geparkten Wagen einen neugierigen Blick zu und fuhr davon.

Damon schüttelte den Kopf, unwillig über sich selbst und die Streiche, die ihm von der Zeit und der Erinnerung gespielt wurden. Er ließ den Motor an und wendete den Wagen in die Richtung, aus der er gekommen war.

Thomas Wolfe hat es ungenau ausgedrückt, als er schrieb, daß man nicht heimkehren könne, fand Damon. Wolfe war heimgekehrt, allerdings erst nach seinem Tode. Man konnte heimkehren, aber es war klüger, es zu lassen.

Als er langsam die Straße hinauffuhr, sah er einen Mann etwa seines Alters vor dem Weinstein-Haus mit dem Spaten eine Blumenrabatte abstechen. Der Mann hatte gelichtetes graues Haar, und die kindliche Rundlichkeit war um die Leibesmitte zu festem Speck geworden, aber Damon erkannte ihn selbst auf eine Entfernung von zwanzig Metern. Es war Manfred Weinstein.

Damon zögerte, bevor er auf die Bremse trat. Was hatten sie sich nach all diesen Jahren noch zu sagen? Hatten die erwachsenen Männer jene unausgesprochenen Verheißungen verraten, die die beiden Jungen verbunden hatten? Würden sie nicht beide verlegen sein, sich schämen, voneinander enttäuscht sein? Sie hatten sich zwanglos am Tag nach den Entlassungsfeierlichkeiten in der Schule getrennt. «Bis auf bald! Laß mal von dir hören. Viel Glück.» -«Dir auch.» Was an der Oberfläche wie ein beiläufiger Sommerabschied ausgesehen hatte, hatte sich verbreitert, vertieft, war zum Spalt, zur Kluft, zum Abgrund geworden. Es gab so manchen Abgrund, den man besser unüber-brückt ließ.

Damon hatte seinen Fuß schon probeweise auf dem Bremspedal. Er nahm ihn herunter, fing wieder an zu beschleunigen. Aber es war zu spät. «Heiliger Bimbam!» Es war wirklich Manfred Weinstein, der auf ihn zuschritt, den Spaten noch in der Hand. «Roger Damon!»

Damon stieg aus dem Wagen, und eine kurze Weile standen sie regungslos voreinander, starrten sich töricht grinsend an. Dann schüttelten sie sich die Hände. Weinstein ließ den Spaten fallen, und sie umarmten sich, was sie als Jungen und junge Männer nie getan hätten.

«Was zum Teufel tust du hier?» fragte Weinstein.

«Ich bin hier, um dich zu besuchen», sagte Damon.

«Immer noch der beschissene alte Lügenbold», sagte

Weinstein. Seine Stimme war so tief und laut wie früher, und Damon hoffte, daß keine leicht zu schockierenden Nachbarn in der Nähe wären, die hörten, wie Weinstein seinen Gefährten aus der Knabenzeit begrüßte. «Bei mir steht Kaffee auf dem Herd. Komm rein. Wir müssen eine Menge Zeit aufarbeiten, du und ich.»

Sie saßen an dem gescheuerten Holztisch in der Küche des Weinstein-Hauses, wo Weinsteins Mutter, eine große dicke Frau, die in Damons Erinnerung stets eine gestärkte blaue Schürze mit weißer Spitzenborte trug, ihnen Milch und Kekse vorgesetzt hatte, wenn sie nachmittags vom Ballspielen kamen. Jetzt tranken sie Kaffee aus Bechern, den Weinstein hinten auf dem Herd in einem Topf warmhielt. Er lebte allein. Während Weinstein nach dem Krieg im Krankenhaus lag, hatte sein Vater das Herrenbekleidungsgeschäft verkauft, in dem Manfred nach seinem Abgang vom College gearbeitet hatte. Damon unterbrach den Fluß der Erinnerungen. «Warum in aller Welt hast du Schlipse und Smokings verkauft?» fragte er. «Ich dachte, du wolltest Baseballspieler werden.»

«Ich auch», sagte Weinstein wehmütig. «Die Brooklyn Dodgers und der Red Sox in Boston hatten schon ein Auge auf mich geworfen. Dann habe ich mich saublöd angestellt.»

«Das sah dir aber nicht ähnlich.»

«Denkste! Ich könnte aus meinen Fehlern einen Wolkenkratzer bauen. Wie alle anderen vermutlich auch.»

«Was hast du getan?»

«Ich habe in meinem letzten Jahr in Arnold gespielt. Wir lagen 7 :3 in Führung, und das Spiel war unterm Hut, und alle haben auf Leerlauf geschaltet, bis auf deinen heroischen Freund Manfred. Da kam ein Ball, der weit rechts von mir flog, aber zu weit für den Mann am dritten Mal, und ich habe einen Hechtsprung gemacht und ihn auch erwischt, aber ich war völlig aus dem Gleichgewicht, und da war erst mal ein langer, schwieriger Wurf. Ich hätte einfach den Ball behalten und dem Burschen seinen jämmerlichen

Schlag ins vordere Spielfeld lassen sollen; er hätte nichts dabei gewonnen. Statt dessen habe ich ihn wie ein Idiot seitlich über meinen Körper geworfen, und als mir der Ball gerade aus der Hand flog, hörte ich etwas in meiner Schulter krachen. Das war das Ende der Laufbahn. Innerhalb einer Sekunde.» Er seufzte. «Wer braucht einen Mittelfeldspieler mit einem lahmen Arm? Statt in den World Series um die nationale Meisterschaft zu spielen, endete ich, wie gesagt, als Verkäufer von Schlipsen und Smokings an rotz-nasige Yale-Studenten. Wie mein Vater zu sagen pflegte: Der Mensch muß essen. Er steckte voller weiser Sprüche dieser Art.» Weinstein grinste. «Immerhin bin ich froh, daß er da unten in Miami noch am Leben ist, fast neunzigjährig, ein fröhlicher Witwer unter grauhaarigen Damen -denn meine Mutter ruht sicher unter der Erde -, und er schickt mir immer noch hausgemachte Goldkörner der Philosophie aus dem Sonnenland. Ich habe nach dem Krieg geheiratet und eine recht gute Ehe geführt, so gut, wie eine Ehe nur sein kann. Meine Frau war eine gute Hausfrau, und sie hat nicht genörgelt, oder wenn sie's getan hat, dann weiß ich's nicht mehr, und sie hat mir zwei liebe Kinder geschenkt, einen Jungen und ein Mädchen, die sind jetzt erwachsene Leute und arbeiten in Kalifornien. Wechseln wir das Thema», sagte er brüsk. «Ich habe seit Jahren nicht mehr an diese Sekunde in New Haven gedacht. Ich weiß, was du treibst. Ich habe den bewußten Artikel über dich in der Zeitung gelesen. Du bist ganz schön auf der Höhe, oder?»

«Auf halber Höhe», sagte Damon. «Eine gute Frau. Die zweite. Ein Fehler, und danach habe ich aufgepaßt. Keine Kinder.» Und dann, in Erinnerung an Julia Larch: «Soviel ich weiß.»

«Ich hätte runterkommen und dich nach diesem Artikel besuchen sollen», sagte Weinstein.

«Hättest du's nur getan. Um alter Zeiten willen.»

«Alte Zeiten. Sekundenschnell vorbei.» Weinstein schloß einen Moment die Augen und wedelte dann mit der

Hand, als wolle er unsichtbare Spinnweben wegwischen. «Ich hörte, daß du nach mir gefragt hast, als du zur Beerdigung deines Vaters hier warst», sagte er, «und ich hatte vor, dir zu schreiben, aber ich war zu sehr damit beschäftigt, am Leben zu bleiben, um noch für andere Dinge Zeit zu haben.»

«Wie lange bist du im Krankenhaus gewesen?»

«Zwei Jahre.»

«Großer Gott.»

«Das war halb so schlimm», sagte Weinstein. «Niemand hat auf mich geschossen, und ich habe mich gebildet. Ich hatte nichts anderes zu tun, und ich habe alles gelesen, was ich in die Finger kriegen konnte.»

Damon fand, daß er alt aussah; die harten Linien in seinem Gesicht wurden schlaff. Der fesche Mittelfeldspieler war längst dahin. «Die Marinesoldaten...» Weinsteins Stimme war voller Wehmut. «Ich habe mich in der Woche nach Pearl Harbor gemeldet. Damals verkaufte ich Anzüge in meines Vaters Laden in New Haven und fand, das sei nicht der geeignete Platz, wenn die Amerikaner dabei wären, die Nazis zu bekämpfen.» Er lächelte bitter. «Ich habe nie einen Deutschen zu Gesicht bekommen. Was ich gesehen habe, waren zahllose kleine gelbe Gesichter. Die jüdische Frage ...» Er schnitt eine Grimasse. «Den Gojim zu beweisen, daß die Juden einen Sack haben, selbst wenn das bedeutet, daß darauf geschossen wird. Vielleicht haben die Israelis diesen Eifer ein wenig gedämpft.» Er zuckte die Achseln. «Man weiß ja nie, ob man das Richtige oder das Falsche tut. Ich hab's zum Artilleriesergeant gebracht. Irgendwo im Haus liegt ein Ordensstern. Den habe ich, glaub ich, dafür bekommen, daß ich noch lebe.» Er lachte leise. «Als ich endlich aus dem Krankenhaus heraus war, hatte das Leben eines Ladenschwengels im Herrenausstat-tungsladen eines anderen keine große Anziehungskraft für mich. Ein Freund von mir, ein Kamerad aus meiner Einheit, war Wachtmeister bei der Polizei in New Haven und überredete mich, dort einzutreten. Das war kein schlechtes Le-

ben. Für mich hatte es eine besondere Bedeutung. Ich will nicht tönen wie George Washington oder wie ein pensionierter Admiral mit blutunterlaufenen Augen, aber man kämpft mit anderen Mitteln für sein Land. Vielleicht bin ich sentimental, aber wenn man sein Leben aufs Spiel setzt, dann übernimmt man auch gewisse Verantwortungen. Wenn dieses Land Schiffbruch erleiden sollte, dann ist die Mißachtung von Recht und Gesetz daran schuld. Überfälle bei hellem Tageslicht, Rassenkrawalle, Attentate, Politiker, die rechts und links stehlen, ganze Bezirke, die in Flammen aufgehen, um Versicherungssummen zu kassieren, Kinder, die mit stumpfnasigen Revolvern Cowboy und Indianer spielen, pfundweise Rauschgift kaufen und dann über die Wehrpflicht ein Geschrei erheben; der Verein <Ein Gewehr für Jedem, der erreichen will, daß jeder nervöse Irre zu Hause ein ganzes Waffenarsenal hortet, Leute, die ihr Auto fahren, als seien sie Apache-Indianer auf dem Kriegspfad.» Er grollte jetzt; die Stimme dröhnte durch das alte Haus. «Ich war eine Zeitlang bei der Verkehrspolizei, und wenn ich die Leute anhielt, die mit hundertfünfzig Sachen durch die Stadt fuhren, und sie daran erinnerte, daß in Connecticut die Höchstgeschwindigkeit siebzig Meilen pro Stunde beträgt, dann sahen sie mich an, als hätte ich ihnen gerade erzählt, ihre Mutter sei eine Hure, und sie hätten schon beinahe mal den Gouverneur des Staates gelyncht, weil sie glaubten, die Geschwindigkeitsbegrenzung wäre sein Einfall, und er hätte die Ehre des Staates besudelt, weil er plötzlich die geringste Unfallrate in Amerika hatte.» Er mußte über sich selber lachen. «Jetzt töne ich wie ein Prediger beim Erweckungsfest der Baumwollpflücker. Aber wer nicht an Recht und Gesetz glaubt, der glaubt an gar nichts. Ich habe eine Menge korrupter Bullen gesehen, aber das ändert nichts an der Idee. Außerdem hatte der Job für mich seinen Reiz. Vielleicht habe ich mich einfach daran gewöhnt, mit Schußwaffen und harten Burschen umzugehen ...» Er sprach schon fast entschuldigend. «Auf alle Fälle habe ich vor fünf Jahren den Dienst quittiert, keine schlechte Pension, Lieutenant bei der Kriminalpolizei, das ist jetzt alles vorbei, gut, schlecht oder unentschieden. Ich arbeite im Garten, spiele etwas Golf, mache den Schiedsrichter bei lokalen Baseballspielen, gehe rüber zum Feld der Oberschule und versuche den Mittelfeldlern beizubringen, wie man für schnelle niedrige Bälle in die Hocke geht; gelegentlich besuche ich die Kinder in Kalifornien. Ich laufe hin und her in diesem alten Haus; es ist um Meilen zu groß für mich, aber das Städtchen hier ist nett, und es ist das einzige Zuhause, das ich je gekannt habe, und ich habe nicht die geringste Absicht, es aufzugeben ...» Wieder lachte er leise. «Ja, da hast du's nun, Roger, das Leben von Manfred Weinstein in zwei Minuten. Nicht viel Stoff für ein Buch, oder?»

«Nicht so, wie du's darstellst, nein», sagte Damon.

Manfred lachte glucksend. «Einer der Gründe, weswegen ich dich immer mochte», sagte er, «war der, daß ich bei dir niemals richtig angeben konnte, selbst als ich damals im dritten Schuljahr 0.356 geschlagen habe. Ich bin froh, daß du dich nicht geändert hast.»

«Ich kenne einen anderen Polizisten, der bei den Marinesoldaten gedient hat», sagte Damon. Ihm wurde bewußt, daß er den gutmütigen alten Mann, der ihm gegenüber am Küchentisch saß und aussah wie jedermanns Großvater, und Lieutenant Schulter mit der knarrenden Stimme und dem steinernen Gesicht miteinander verglichen hatte/ «Einen Mann namens Schulter.»

Weinstein machte ein überraschtes Gesicht. «Ich habe von ihm gehört. Wir haben Flugblätter von ihm bekommen. Mordkommission in New York.»

«Das ist er.»

«Was zum Teufel hast du mit einem Bullen von der Mordkommission zu schaffen?»

Damon seufzte. «Das ist eine lange Geschichte.»

«Wir haben den ganzen Tag Zeit. Wenigstens ich.» Ein hartes Glitzern erschien in Weinsteins Augen, und einen Augenblick konnte Damon den Artilleriesergeanten sehen,

den Großstadtkriminaler, und erkennen, daß Manfred kein angenehmer Partner war, wenn er einen Fall bearbeitete.

«Na schön», sagte Damon, «es hat mit einem Anruf angefangen ...» Dann schilderte Damon den ganzen Hergang, Zalovskys Drohung, die Nachricht auf dem Anrufbeantworter, die Gespräche mit Schulter, die Listen (unter Auslassung seiner Träume), die Begegnung auf der Straße mit einem Mann, der seit Jahren tot war, den Jungen mit dem Baseballhandschuh in der Sixth Avenue, der sich erst vor einigen Minuten drei Türen von dem Haus entfernt, in dem sie jetzt saßen, auf ein Fahrrad geschwungen hatte. Weinstein hörte gespannt zu, forschte in Damons Gesicht, während dieser sprach, als ob er dort Aufschluß suche, und ließ jetzt ahnen, daß er und Schulter, bei aller noch so großen physischen Verschiedenheit, psychisch vieles gemeinsam hatten. Was die Franzosen la deformation du metier nennen. Da spukte doch noch mehr Französisch in seinem Gedächtnis, als er sich selber zugestand.

«Tatsächlich», sagte Damon, «zählen die Menschen, die meine Frau und ich als potentielle Täter ins Auge gefaßt haben, eigentlich nicht als Bedrohung. Kann sein, daß sie mir so weit feindlich gesinnt sind, um mich ein bißchen ärgern zu wollen, aber das ist auch alles. Ich habe lediglich versucht, ein paar Namen für Schulter zusammenzustellen. Ehrlich gesagt, Manfred, habe ich den Eindruck, daß die ganze Affäre nichts auf sich hat», sagte er im Bewußtsein, daß er sich wiederholte; «ich könnte ebensogut ein Pendel benutzen oder wahllos einen Namen aus dem Telefonbuch nehmen. Wenn wir nicht im zwanzigsten Jahrhundert lebten, dann würde ich die Religion bemühen und einen Priester ersuchen, den Dämon auszutreiben. Damon, Damon -das kommt sich verflixt nahe, stimmt's?»

«Was sagt dein Instinkt dazu?» fragte Weinstein. «Danach würde ich mich richten.»

Damon zögerte; er dachte an die Träume und Gesichte seit dem ersten Anruf. «Ich glaube, irgendwo da draußen ist jemand, der mich umbringen will.»

«Das ist mir schon klar. Wie willst du damit fertig werden, wenn du wieder nach New York kommst?» fragte Weinstein.

«Ich habe mich entschieden. Bei seinem nächsten Anruf - sei es Tag- oder Nachtzeit - will ich auf die Straße gehen und mich mit ihm treffen. Dann soll ein für allemal Schluß

sein.»

«Hast du das Schulter gesagt?»

»Noch nicht.»

«Willst du's ihm sagen?»

«Ja.»

«Willst du wissen, wie er reagiert, wenn du's ihm sagst?»

Weinsteins Stimme war hart geworden. «Er wird dir genau das sagen, was ich dir jetzt sage - daß du verrückt bist. Was der Bursche auch sein mag, er wird bewaffnet sein. Und außerdem wahrscheinlich so hirnverbrannt wie nur möglich. Du kannst dich glücklich preisen, wenn er dich nur entführt und irgendwo versteckt hält und auf das Lösegeld wartet, falls er hinter Geld her ist. Ich weiß nicht, was du in letzter Zeit getan oder gelesen hast, aber weißt du denn nicht, daß die Menschen heutzutage in ganz Amerika schon um einen Parkplatz, einen Dollar, um Wechselgeld oder ein Päckchen Zigaretten aufeinander einstechen oder schießen, bloß weil der eine weiß ist und ein anderer schwarz ...?»

«Ich muß mit der Sache so oder so fertig werden, Manfred», sagte Damon. «Sie macht mich wahnsinnig. Ich habe das Gefühl, daß ich in einem Gespensterhaus sitze und daß irgendwer irgendwo wie bei einer Voodoozeremonie Nadeln in eine Puppe sticht; und die Puppe bin ich.» •

Weinstein stand auf und goß Kaffee in Damons Becher, dann in den seinen. Er stellte den Topf wieder auf den Herd, rührte etwas Zucker in den Becher; das leise Klirren des Löffels gegen den Becherrand war das einzige Geräusch in dem leeren Haus. Er legte den Kopf zurück und blinzelte besorgt gegen die Decke, als sei er tief in Gedan-

ken und versuche, ein verzwicktes Problem zu lösen; dann rieb er sich eine Seite seines Gesichts, wobei die Stoppeln seines eintägigen Bartes in der Handfläche ein kratzendes Geräusch verursachten.

Damon betrachtete ihn schweigend und bedauerte halb, daß er aus dem Auto ausgestiegen war und nun diesen wiedergefundenen alten Freund mit seinem Problem belastete, aber zugleich auch erleichtert, daß er es mit einem Mann teilte, dem sein weiteres Leben am Herzen lag und dessen Beruf es gewesen war, mit Verbrechern umzugehen und sie hinter Gitter zu bringen.

Schließlich sprach Weinstein, knapp und mit Autorität: «Auf keinen Fall», sagte er, «wirst du mit ihm, wer es auch sei, allein Zusammentreffen. Am besten machen wir's so: Wir fahren zusammen nach New York, und ich bleibe bei dir. Nacht und Tag ...»

«Aber ...» wollte Damon einwenden.

«Kein Aber.»

«Das kann Wochen, Monate dauern, bis der Mann mich anruft. Vielleicht nie. Ich kann dich doch nicht aus deinem Haus lotsen, dich einer Gefahr aussetzen ...»

«Ich habe Zeit im Überfluß», sagte Weinstein.

«Unsere Wohnung ist klein. Sheila und ich haben ein Doppelbett. Der einzige Platz, den ich dir zum Schlafen anbieten kann, ist die Couch in dem kleinen Zimmer, in dem ich gewöhnlich arbeite ...»

«Ich hab schon schlechter geschlafen. Schließlich schulde ich dir einen Gefallen nach all den vergeudeten Nachmittagen, an denen du mir Bodenbälle zugeschlagen hast.»

«Ein hübscher Gefallen», sagte Damon ironisch. «Auch wenn ich den Ball mal falsch geschlagen hätte, wäre die Gefahr nicht sehr groß gewesen, daß du dadurch getötet worden wärst.»

«Trink deinen Kaffee», sagte Weinstein. «Er wird kalt.» Er schlürfte aus dem eigenen Becher. «Hier hab ich nichts zu tun. Und mir gefällt die Aussicht, mal wieder einen

Schweinehund aus dem Verkehr zu ziehen.» Er lächelte, zufrieden wie ein Kind. «Das wird ein Spaß. Wenn er Sperenzchen macht, habe ich meine Pistole bei mir.» Er grinste satanisch, als verspreche er sich eine besondere Lustbarkeit. «Es wird auch langsam Zeit, daß ich meinen alten Hintern aus dem Ruhestand hervorhole. Schon jetzt fühle ich mich jünger. Ruf lieber bei deiner Frau an und sag ihr, daß du einen Logiergast mitbringst. Es ist außerdem an der Zeit, daß ich diese Dame kennenleme.»

«Okay, okay», sagte Damon. «Wenn du dich aufführen willst wie ein verdammter Narr - ich bin dir dankbar.»

«Wann willst du fahren?» fragte Weinstein. «Hast du hier in der Stadt noch was zu erledigen?»

«Eigentlich nicht. Was ich tun wollte, habe ich erledigt», sagte Damon und dachte an die Fliederzweige auf den Gräbern. «Ich habe mich tatsächlich nur umgesehen, als ich dich erblickte.»

«Sehr freundlich, alter Kumpel.» Weinstein lächelte. «Ich muß mich nur noch rasieren, als Gentleman verkleiden und die Pistole ölen. Hast du dein Hotelzimmer schon geräumt?»

«Nein.»

«Wenn du mich in einer Stunde abholen kommst, bin ich bereit. Weißt du auch, wie du zurückfahren mußt?»

«Wenn ich mich verfahre, frage ich nach dem Weg, Manni», lächelte Damon. Niemand, so hatte Weinstein ein für allemal klargestellt, dürfe ihn Manni nennen statt Manfred, und Damon hatte es nur ein- oder zweimal getan, wenn er auf seinen Freund wütend war oder ihn nek-ken wollte. Dann fragte er wieder ernst: «Glaubst du wirklich, daß du den Revolver brauchst?»

«Wir sind hier nicht in England, Roger. In den U. S. of A. gebrauchen Polizisten den Revolver. Wenn sie ihn vierundzwanzig Stunden zu Hause ließen, gäbe es überall, in jeder Stadt des Landes, eine zweite Bartholomäusnacht.»

«Hast du schon mal jemanden getötet?» Während Damon die Frage aussprach, bedauerte er sie bereits.

«Ich war in der Marineinfanterie. Wir waren nicht da, um Pingpong zu spielen.» Weinsteins Antwort klang belustigt.

«Ich meine, im Zivilleben.»

«Für einen Polizisten gibt es kein Zivilleben. Zwei. Ich habe zwei Männer in dem von dir so genannten Zivilleben getötet. Ich kann nur sagen, sie hatten's verdient. Und ich habe für jeden dieser Schufte eine Medaille bekommen. Keine Angst, ich schieße nicht, wenn ich nicht muß. Und ich versuche, den Schaden möglichst gering zu halten.»

«Über eins bin ich froh, alter Mittelfeldspieler», sagte Damon. «Daß du auf meiner Seite bist.» Beide standen auf. «Hör zu, Manfred», sagte Damon, «ich hätte dich gern schon früher etwas gefragt.»

«Und was wäre das?» Weinstein sah ihn argwöhnisch an.

«Was macht Elsie?»

«Sie ist tot», sagte Weinstein knapp. «Sie hat ihre Religion gewechselt und hat sich der Christian Science angeschlossen. Deswegen wollte sie auch keinen Arzt aufsuchen. Sie ist vor sechzehn Jahren gestorben. Sonst noch Fragen?»

Seine Stimme war barsch.

«Nein.» Noch ein Traum, dachte Damon, noch ein Schatten in der Prozession. «Ist sie jemals nach Europa gekommen?»

«Nein. Sie hat so einen Scheißkerl in Boston geheiratet, der es an keinem Arbeitsplatz länger als zwei Wochen geschafft hat, und sie mußte ihn unterhalten. Er war ein verkrachter Schriftsteller und gab furchtbar damit an, daß er ein Atheist sei, und machte sich über die Juden lustig, die, wie er sagte, den Pesthauch des Christentums über die Welt gebracht hätten - seine eigenen Worte Elsie mußte mich mehr als einmal zurückhalten, wenn ich den Kerl verprügeln wollte. Ich glaube, sie ist seinetwegen zur Christian Science übergetreten. Der Schweinehund lebt noch. Großes Pech. Das letzte Mal, daß ich von ihm gehört habe, baute er gerade diese verdammten Begegnungsgruppen auf, du weißt schon, wo jeder den anderen <fühlt>. Auf was die Leute alles reinfallen, wenn sie aufhören, an Gott zu glauben. Wie hältst du's damit, Roger?» fragte er herausfordernd.

«Halbe-halbe», sagte Damon.

«Besser als null-null», sagte Weinstein. «Wenn ich meine Religion ändern wollte, dann nur, um Katholik zu werden. Die vergeben den Sündern. Ein bißchen davon kann jeder brauchen. Ich habe mir den Mund fusselig geredet, als ich Elsie klarmachen wollte, sie könne zu den Priestern gehen, wenn sie nicht mehr Jüdin sein wollte; das hat Form und Rituale und eine weit zurückreichende Geschichte, und zumindest haben sie in den Kirchen bessere Musik.» Er lachte säuerlich. «Weshalb hast du mit ihr gebrochen?»

«Darüber möchte ich lieber nicht reden.» Man konnte einem religiösen Mann nicht erzählen, daß seine Schwester im Alter von achtzehn Jahren gedroht hatte, wegen der Folgen einer Affäre mit seinem besten Freund Selbstmord zu begehen.

«Auf alle Fälle hast du dir eine Menge Scherereien erspart. In mancherlei Hinsicht war sie furchtbar töricht. So, jetzt nichts wie weg. Und fahr vorsichtig. Ich will nicht, daß du dir den Hals brichst und mich um meinen Spaß betrügst. Ich gehe mit dir zu deinem Wagen.»

Sie traten auf die sonnige Straße, und Damon stieg in sein Auto. Bevor er den Motor anließ, sah er Weinstein nachdenklich an, in dessen Gesicht die Furchen von Alter, Leid und Brutalität tief eingegraben waren; aber die kalten blassen Augen waren jugendlich klar. «Du warst so ein ruhiger, friedlicher Junge», sagte Damon. «Ich kann mich nicht entsinnen, daß du dich je geprügelt hättest. Wer hätte gedacht, daß aus dir so ein harter alter Knabe werden würde?»

Weinstein grinste. «Ich», sagte er.

als damon wieder im motel war, rief er sein Büro an und ließ sich mit Oliver verbinden.

«Wo bist du?» fragte Oliver besorgt. Wenn Oliver, wie in diesem Augenblick, nervös war, wurde seine Stimme hoch und quiekend.

«Außerhalb der Stadt», sagte Damon. «Aber nicht weit weg. Ich bin nach dem Lunch wieder zurück.»

«Was macht Sheilas Mutter?»

«Unverändert. Sheila muß mindestens bis Mittwoch in Burlington bleiben.»

«Willst du heute nacht bei Doris und mir wohnen, oder soll ich zu dir rüberkommen?»

«Weder - noch.»

«Roger», sagte Oliver vorwurfsvoll, «Sheila wird mir böse sein. Sie wird denken, daß ich euch beide verraten habe. Wenn dir etwas passiert, wird sie's mir zur Last legen.»

«Sie wird nichts denken und sie wird niemand was zur Last legen. Ich habe es so eingerichtet, daß ein Freund bei mir einzieht und bleibt.»

«Das denkst du dir doch nicht aus, oder?»

«Habe ich dich schon mal angelogen?»

«Nur gelegentlich», sagte Oliver.

Damon lachte. «Diesmal nicht.»

«Proctor hat angerufen. Er will, daß du ihn zurückrufst. Er sagt, es sei wichtig. Er muß vor dem Wochenende eine Entscheidung treffen.»

«Ruf ihn an und sage ihm, daß ich am Nachmittag zurückrufe. Und mach dir keine weiteren Sorgen.»

«Ich werd's versuchen», sagte Oliver matt.

Damon legte auf, packte seine Sachen, bezahlte seine Rechnung und fuhr zu Weinstein, um ihn für die Fahrt nach New York abzuholen.

Als sie die Wohnung betraten, sah Damon voller Überraschung, daß die Diele vollgepackt war mit Bücher- und

Schallplattenpaketen, mit den Kartons, die Sheilas Pelzmantel, die Geschenke für Oliver und Miss Walton und die Corduroyjacke enthielten, die er für sich selbst gekauft hatte. Die zwei Flaschen Champagner, die er mit nach Hause gebracht hatte und die jetzt nicht mehr kalt waren, standen ebenfalls da. Er hatte seinen Einkaufsbummel vergessen und der Reinemachefrau auch keine Anweisungen hinterlassen, was sie mit dem Zeug anfangen solle.

«Du meine Güte», sagte Weinstein, «was ist denn das hier - eine Weihnachtsbescherung?»

«Ich habe gestern ein paar Sachen eingekauft», sagte Damon. War es wirklich erst gestern gewesen? Es schien Monate her. «Ein paar Dinge, die man unbedingt braucht, Bücher, Schallplatten und dergleichen.»

«Was ist denn da drin?» Weinstein deutete auf einen Riesenkarton.

«Das muß der Plattenspieler sein, den ich bestellt hatte.»

«Was bedeutet das alles? Bereitest du dich auf einen Nuklearüberfall vor?»

Damon lachte. «Nicht ganz so grimmig. Ich will ihn in unser Haus in Old Lyme bringen.» Während der Fahrt hatte er Weinstein von dem Haus erzählt und ihm erklärt, weswegen er Sheila am Abend nicht kennenlernen würde. «Das ist für meinen Alterssitz in den Wäldern gedacht und soll mich daran erinnern, was die Zivilisation in der großen Stadt geleistet hat.»

«Die Zivilisation in der großen Stadt wäre sehr viel erträglicher», sagte Weinstein trocken, «wenn sie nur dem hier Vorhandenen gliche.»

Sie gingen durch das Wohnzimmer, in dem sich Weinstein wohlgefällig umsah, und betraten den kleinen Raum, wo Damon arbeitete. «Hier wirst du wohl schlafen müssen.» Damon wies auf die kurze, schmale Couch.

«Welch ein Glück, daß ich nie zu meiner rechtmäßigen Größe emporgewachsen bin», sagte Weinstein. «Das wird reichen. Aber ich warne dich, ich schnarche.»

«Ich werde meine Tür zumachen.»

«Meine Frau hat immer behauptet, mein Schnarchen könne man bis Poughkeepsie hören. Eine Tür hilft dagegen nur wenig», sagte Weinstein. «Ich sehe übrigens, daß du zwei Schlösser an deiner Haustür hast. Das obere ist neu. Hast du das gerade erst angebracht?»

«Nach dem ersten Anruf.»

«Wie viele Leute haben Schlüssel dazu?»

«Nur Sheila und ich und die Putzfrau.»

«Vielleicht wäre es nützlich, wenn ich mal mit der Putzfrau sprechen könnte.»

Damon lachte. «Sie ist eine große, fette, schwarze Dame mit einer mächtigen Altstimme. Sie singt in ihrem Kirchenchor in Harlem. Wir sind schon mehrmals hingegangen, um sie zu hören. Sie arbeitet seit fünfzehn Jahren für uns, und wir lassen Geld im Haus liegen, Sheilas Schmuck ... sie hat niemals etwas angerührt. Das einzig Schlimme, das sie in ihrem Leben getan hat, war, einen falschen Ton zu singen, als sie erkältet war.»

«Okay», sagte Weinstein. «Streichen wir eine Altstimme. Verlaß dich trotzdem nicht allzu sehr auf Sicherheitsschlösser.»

«Tu ich nicht. Deswegen bin ich froh, dich bei uns zu haben, auch wenn ich nicht zum Schlafen komme.»

In diesem Moment klingelte das Telefon an beiden Apparaten - dem im Schlafzimmer und dem im Wohnzimmer. Weinstein sah Damon fragend an. «Willst du's annehmen?»

«Natürlich. Meine schöne Freundin ruft niemals am Nachmittag an.»

Es war Sheila. «Ich habe im Motel in Ford's Junction angerufen», sagte sie, «und da hat man mir gesagt, daß du ausgezogen bist. Ich dachte mir, daß du inzwischen zu Hause sein mußtest. Ist Oliver bei dir?»

«Nein.»

«Du hast mir versprochen, daß du nicht allein in der Wohnung bleiben würdest», sagte sie vorwurfsvoll.

«Ich bin nicht allein. Ich habe einen alten Freund bei mir. Du erinnerst dich an Manfred Weinstein aus Ford's Junction. Ich habe dir von ihm erzählt, aus unserer Kinderzeit. Jetzt stellt sich heraus, daß er ein pensionierter Polizeilieutenant ist. Er hat sich netterweise erboten, sich um alter Zeiten willen an mich zu heften wie ein Blutegel. Außerdem ist er schwer bewaffnet.» Damon sprach leichthin, als sei die Anwesenheit eines Hausgastes, der ein Schulterhalfter trug und darin eine stumpfnasige Pistole, Kaliber 38, eine amüsante Marotte.

«Denkst du dir das aus?» fragte Sheila argwöhnisch. «Damit ich mir keine Sorgen mache?»

«Du kannst ja mal mit ihm sprechen. Manfred», sagte er, «komm her und unterhalte dich mit der Dame des Hauses.»

«Gnädigste», sagte Manfred mit, wie gewöhnlich, dröhnender Stimme ins Telefon, «ich möchte mich sehr herzlich für Ihre Gastfreundschaft bedanken.»

Wenn Klangstärke beruhigend wirkte, dachte Damon, dann müßte Sheila beruhigt sein. Weinstein tönte wie ein zweihundertzwanzigpfündiger Bassist.

Weinstein hörte eine Weile zu, und Damon, der neben ihm stand, vernahm die Beunruhigung in Sheilas Stimme, wenn er auch die einzelnen Wörter nicht verstehen konnte.

«Machen Sie sich keine Sorgen, Gnädigste», sagte Weinstein, «er wird so sicher sein wie ein Baby in Mutters Schoß. Hoffentlich habe ich sehr bald das Vergnügen, Sie kennenzulernen.» Er gab den Hörer an Damon zurück. «Sie möchte noch mit dir sprechen.»

«Roger», sagte Sheila, «Mr. Weinsteins Angebot, sich um dich zu kümmern, ist zwar sehr nett, aber ich wünschte mir doch, daß ich gleich jetzt zu dir kommen und nach dem Rechten sehen könnte. Nur - es geht nicht. Mutters Zustand ist unverändert. Sie liegt im Koma, sagen die Ärzte, was immer das heißen mag. Am Dienstag kommt ein bedeutender Spezialist aus Boston, und bis der sie untersucht

hat, muß ich mindestens hier bleiben. Ich habe die Schule angerufen, und die haben mir versichert, daß sie auch ohne mich zurechtkommen. Es ist ein beruhigendes Gefühl, nicht unentbehrlich zu sein.» Sie lachte ironisch.

«Für mich bist du unentbehrlich.»

«Was glaubst du wohl, was du für mich bist?» Sheilas Stimme hatte sich zum Flüstern gesenkt. «Mr. Weinstein ist hoffentlich nicht leichtsinnig, oder?»

«Ich kann nur sagen, daß er als Junge sehr besonnen war», sagte Damon mit dem Versuch zu scherzen, «und er ist kaum gealtert. Beeile dich nicht meinetwegen mit der Rückkehr. Mir geht's prima. Wie Manfred gesagt hat: wie einem Baby in Mutters Schoß.»

«Ich wünschte, das könnte ich glauben», sagte Sheila gequält. «Auf alle Fälle, besauf dich nicht mit deinem Krimi-nal-Freund.»

«Er trinkt nur Kaffee.»

«Trink nicht zu viel Kaffee.» Es war ein kläglicher kleiner Scherz.

«Und du, töne nicht wie eine jiddische Mama», sagte Damon mit einem noch kläglicheren Scherz. Aber Sheila lachte, wenn auch nicht recht überzeugend.

«Laß dir's gutgehen, mein Schatz», sagte sie. «Und ruf mich oft an. Es ist der einzige Lichtblick in der hiesigen Düsternis.»

«Ich hoffe, der Spezialist in Boston kann was helfen.»

«Hier ist keiner sehr optimistisch. Das Schlimmste wäre, wenn ihr Zustand so bliebe wie jetzt. Monate, Jahre ...» Sheilas Stimme brach. «Es ist furchtbar. Ich schaudere, wenn ich das Zimmer betrete. Ich sehe sie dauernd vor mir, wie sie als junge Frau war. Und es regnet hier oben. Wie ist es in New York?»

«Heiter. Ein bißchen Smog.»

«Amüsier dich mit deinem Freund. Ich bin jetzt froh, daß du ihn gefunden hast. Sag ihm, ich mag einen Mann, der laut und klar redet. Sag ihm aber auch, ich hoffe, daß er seine Waffe nicht gebrauchen muß.»

«Ich werd's ihm sagen.»

«Ich muß jetzt Schluß machen. Ich rufe von einer Telefonzelle im Krankenhaus an, und draußen wartet eine Frau.» Kindlich hauchte sie einen Kuß in die Sprechmuschel.

Damon legte langsam auf.

«Die Dinge stehen nicht allzu gut in Burlington, stimmt's?» fragte Weinstein. Er hatte das wechselnde Mienenspiel in Dämons Gesicht beobachtet, als dieser am Telefon sprach.

«Ja, das Alter», sagte Damon. Sheilas Mutter war nur ein paar Jahre älter als er, und das traurige Wort galt ihm so sehr wie ihr.

«Was willst du jetzt tun? Ich könnte dir helfen, die ganzen Sachen im Flur zu verstauen. Und ich könnte den Plattenspieler an das Radiogerät anschließen. Ich bin im Haus für derartige Dinge ganz gut zu gebrauchen und erinnere mich, daß du als Junge grauenhaft ungeschickt warst.»

«Daran hat sich nichts geändert», sagte Damon. «Sheila läßt mich nicht mal allein eine Glühbirne einschrauben. Aber ich bin hungrig und möchte zu Mittag essen.» Er hatte zeitig gefrühstückt, und es war schon ein Uhr. «Und ich muß den Wagen uptown fahren und der Hertzvertretung zurückgeben. Dann, finde ich, sollten wir uns im Büro sehen lassen. Ich habe tagelang geschwänzt, und die Arbeit wird sich auf meinem Schreibtisch türmen.»

«Großartig», sagte Weinstein. «Ich bin selber hungrig, und außerdem möchte ich gern sehen, wie dein Büro aussieht und mich ein wenig mit deinem Partner unterhalten.»

«Mach nicht zu viel her von dieser Angelegenheit. Ich habe ihn sowieso schon reichlich nervös gemacht.» Damon dachte mit Beschämung an sein Verhalten in den letzten Wochen zurück. «Ich war wie ein Zombie im Büro. Und er ist ein schüchterner, gelehrter junger Mann; er ist mir wohlgesinnt und muß inzwischen den Eindruck haben, daß ich sowieso schon spinne.»

«Keine Angst», sagte Weinstein. «Ich werde keine Foltermethoden anwenden.» Um dann hinzuzufügen: «Noch nicht.»

Als sie nach dem Lunch ins Büro kamen, stellte er Weinstein als einen Herrn vor, der zusätzliche Lektoratsarbeit für sie übernehmen werde, da sich seit dem Erfolg von Klagelied das Volumen der eingegangenen Manuskripte mehr als verdoppelt habe. Mr. Weinstein würde eine Zeitlang seine Lesearbeit im Büro leisten, um sich an ihre Routine zu gewöhnen. Damon wußte, daß dies merkwürdig klang, aber es war besser, als die Mitarbeiter wissen zu lassen, sie könnten jeden Augenblick bei einem Feuergefecht in die Schußlinie geraten.

Dann überreichte er Miss Walton und Oliver ihre Geschenke. «Ich weiß, daß ich in den letzten Tagen ein unmöglicher Zeitgenosse gewesen bin, und dies ist nur ein bescheidener Versuch, es wiedergutzumachen.»

Miss Walton versuchte mit mäßigem Erfolg, ihre Tränen herunterzuschlucken, als sie die Schachtel öffnete und den Kaschmirpullover erblickte. Ihr Kinn bebte, als sie Damon einen scheuen Kuß gab, was sie sonst nur tat, wenn sie Weihnachten einen Bargeldbonus erhielt. Sie drang darauf, den Pullover gleich anziehen zu dürfen. «Was für eine zartfühlende Art, mir nahezulegen, daß dieses schäbige alte Ding» - angewidert hielt sie den ungefügen, handgestrickten, stumpfroten Cardigan, den sie fast zehn Jahre lang täglich getragen hatte, in die Luft - «eine Scheußlichkeit war.» Sie stopfte ihn in den Papierkorb, kicherte und sagte: «Auf ewig Lebewohl, du elender Fetzen.»

Oliver riß die Verpackung von dem Yeatsbuch, bevor er sich den größeren Karton mit dem Blazer ansah, den Damon ihm gleichzeitig überreicht hatte. Wie gewöhnlich, stellte Damon mit Belustigung fest, kamen bei seinem weißblonden Partner Bücher vor allem anderen. Oliver blickte Damon vorwurfsvoll an, als er den Titel sah. «Roger», sagte er, «du glaubst doch nicht, daß ich keinen Band Yeats zu Hause hätte?»

«Ich wette mit dir um zehn Dollar, wenn du danach suchst, wirst du wohl feststellen müssen, daß jemand ihn sich geschnappt und praktischerweise vergessen hat, ihn zurückzugeben.»

Oliver lachte. «Jetzt, wo du's sagst», meinte er, «fällt mir auf, daß ich ihn seit langem nicht mehr gesehen habe.» Dann öffnete er den großen Karton, nahm den Blazer heraus, zog ihn an und stolzierte auf und ab wie ein Mannequin. Er paßte wie angegossen. Dann zog er ihn wieder aus und hing ihn sorgsam in den Schrank. «Der ist zu fein für wochentags», sagte er. «Viel zu extravagant, Roger. Tut mir gut, daß du mal nicht aufs Geld gesehen hast. Allerdings wird's mich auch was kosten.» Er lächelte dankbar, und Damon fürchtete schon, daß auch ihm die Tränen lockersäßen. «Meine Frau wird wild sein vor Neid, und ich werde ihr einen ähnlichen kaufen müssen.»

«Das wird dich keinen Cent kosten. Ich kauf ihr auch einen», sagte Damon großartig. «So wie ich dich behandelt habe, bist du wahrscheinlich zu Hause eine Plage gewesen. Sag ihr, es ist eine Friedensgabe vom Chef. Und nun, alle wieder an die Arbeit.»

Dann durchstöberte er den Manuskripthaufen, zog einen Roman von zwölfhundert Seiten eines völlig unbekannten Autors hervor und überreichte ihn Weinstein, der es sich bereits auf einer der Tür gegenüberstehenden Couch bequem gemacht hatte. «Hier», sagte Damon, «das sollte dich für den Rest des Nachmittags in Atem halten.» Dann zog er sich die Jacke aus, hing sie auf und setzte sich an seinen Schreibtisch. Er sah, daß Weinstein seine Jacke anbehielt, und hoffte, daß Oliver diese Förmlichkeit nicht auffallen würde. Als Weinstein das Büro für kurze Zeit verließ, kam Oliver an Damons Tisch und fragte leise, so daß Miss Walton ihn nicht hören konnte: «Wo hast du denn diesen Burschen aufgegabelt?»

«Er ist ein alter Freund von mir», sagte Damon. «Sein

Hauptfach war englische Literatur. Er ist besonders bewandert in Krimis.»

«Er sieht nicht aus wie ein literarischer Typ.»

«Du auch nicht. Literarische Typen kommen heutzutage in allen Verpackungen.»

«Wieviel zahlst du ihm?» Hin und wieder versuchte Oliver sich wie ein Partner zu gebärden.

«Nichts», sagte Damon. «Wir wollen sehen, wie er sich macht, bevor wir eine endgültige Entscheidung treffen. Ich bezahle ihn aus meiner eigenen Tasche.»

Oliver wollte protestieren, aber Damon winkte ab. «Das ist nur fair. Wir haben bloß deshalb so viel Überhang, weil ich lange Zeit alles habe schleifenlassen. Psst, da kommt er.»

Kurz vor Geschäftsschluß klingelte das Telefon. Es war Schulter. «Ich habe Neuigkeiten für Sie, Damon. Können Sie mich in zehn Minuten treffen? Gleiche Stelle wie letztes Mal?»

Damon spürte beim Ton dieser Stimme einen Schauder der Beunruhigung. «Ich komme. Ich bringe einen Freund mit, wenn Sie nichts dagegen haben.»

«Kann er den Mund halten?»

«Garantiert.»

«Zehn Minuten», sagte Schulter und hing auf.

Er saß in der Bar, trug denselben hochgeschlossenen Mantel und den lächerlich kleinen Hut und sah geheimnisvoll und bedrohlich aus, als Damon und Weinstein eintraten. Weder stand er zur Begrüßung auf, noch streckte er die Hand aus, als Damon Weinstein vorstellte, sondern knurrte nur und schlürfte seinen Kaffee. Die Kellnerin erschien, und Weinstein bestellte auch einen Kaffee. Damon bat um ein Bier. Immer wenn er mit Schulter sprach, spürte er, wie ihm die Kehle trocken wurde.

«Mr. Weinstein weiß, wer Sie sind», sagte Damon. «Auf beruflicher Basis.»

«Was wollen Sie damit sagen?» fragte Schulter argwöhnisch. «Beruflich?»

«Er war Kriminalbeamter bei der Polizei in New Haven. Jetzt ist er pensioniert. Ich kenne ihn seit meiner Kindheit. Er wohnt jetzt bei mir - funktioniert gewissermaßen als eine Art Leibwache bis unser kleines Problem gelöst ist.»

Schulter sah Weinstein mit neu erwachendem Interesse an, während dieser mit flinken Augen im Raum umherblickte und alles wahrnahm, die anderen Gäste und die Hantierungen der Kellnerinnen und der Barmixer.

«Bewaffnet?» fragte Schulter.

«Ich bin bewaffnet», erwiderte Weinstein, der jetzt Schulter ansah und ein wenig lächelte.

«Das empfiehlt sich auch.»

«Mit freundlicher Genehmigung der Polizeidienststelle von New Haven.»

«Haben Sie was dagegen, wenn ich bei der Polizei in New Haven nachfrage?»

«Habe nichts dagegen», sagte Weinstein. «Vorname ist Manfred.»

«Ich habe noch nie von einem Polizisten namens Manfred gehört», sagte Schulter.

«Es gibt für alles ein erstes Mal.» Weinsteins Lächeln verstärkte sich.

«Und nun», sagte Damon, «was ist Ihre Neuigkeit, Lieutenant?»

Schulter wartete, bis die Kellnerin Weinsteins Kaffee und Damons Bier serviert hatte. Als sie fort war, sagte Schulter: «Es handelt sich um die Larches. Mrs. Larch ist vor zwei Tagen in eine Irrenanstalt eingeliefert worden.»

«Großer Gott«, sagte Damon. Die Beunruhigung, die ihn bei Schulters Anruf befallen hatte, war berechtigt gewesen. Seit Zalovskys Anruf hatte sich das Unheil um ihn ausgebreitet wie konzentrische Wellen um einen Stein, der in den Teich geworfen wird. Und er war der Stein.

«Sie lief nackt auf der Straße umher», sagte Schulter. «Dann stellte sich heraus, daß sie schon fast ein Jahr lang in psychiatrischer Behandlung war. Der Psychiater sagt, sie

leide an Schizophrenie. Ich fand, Sie sollten das wissen.»

«Danke», sagte Damon dumpf.

«Übrigens», sagte Schulter, «behauptet ihr Psychiater, sie hätte ihren Mann niemals wissen lassen, wer der Vater des Kindes ist. Sie hätte sich das Ganze ausgedacht. Mr. Larch ist, nach der Ausage aller Nachbarn, ganz verrückt nach dem Kind.»

«Nochmals danke.»

Weinstein machte ein erstauntes Gesicht. «Wer ist Mrs. Larch, Roger? Und was hat sie mit dir und dem Lieutenant zu schaffen?»

«Erklär ich dir später», sagte Damon.

«Gibt's was Neues bei Ihnen, Damon?» fragte Schulter. »Mehr Anrufe?»

Damon schüttelte den Kopf. «Nichts Neues. Keine Anrufe.»

«Ich würde Ihnen raten, eine Zeitlang Ihre Frau aus dem Verkehr zu ziehen.» Das war kein Rat, sondern eine Anweisung.

«Sie ist gegenwärtig nicht in der Stadt.»

«Sehen Sie zu, daß sie wegbleibt. Gut» - Schulter stand auf, zog den absurden Hut tief ins Gesicht - «ich muß nun weiter. Herr Kriminalrat», sagte er zu Weinstein mit einer Spur von Bosheit in der Stimme, «schießen Sie sich nicht ins Bein, wenn Sie Ihre Knarre ziehen.»

«Ich will's versuchen», sagte Weinstein liebenswürdig. «Bisher habe ich's noch immer geschafft.»

Schulter sah verdrossen zu Boden. «Ich hoffe, Sie haben Glück. Lassen Sie sich Zeit mit Ihren Drinks und rufen Sie mich an, wenn sich was tut.»

Damon und Weinstein betrachteten den breiten, bulligen Rücken, wie er sich durch die Tür schob und auf der Straße verschwand: «Liebenswürdiges Bürschchen, stimmt's?» sagte Weinstein. «Kein beflissener Bewunderer der Polizeipräfektur von New Haven. Und nun erzähle mir von Mrs. Larch.»

Damon erzählte, und Weinstein hörte schweigend zu. Noch während er sprach, bemerkte Damon das Mißfallen im Gesicht seines Freundes.

Als er geendet hatte, sagte Weinstein: «Für einen erwachsenen Mann hast du dich wahrhaftig aufgeführt wie ein verdammter Trottel. Läßt deinen Schwanz für die Familie denken. Du hast Schwein, daß sie's nur ihrem Psychiater erzählt hat. Würdest du im umgekehrten Fall dem Ehemann verübeln, wenn er dich zur Zielscheibe machte?»

«Red nicht daher wie ein verdammter Rabbi», sagte Damon ärgerlich. «Hast du dich nie für einen Nachmittag mit einem Mädchen davongeschlichen? Wenn du nein sagst, glaub ich dir nicht.»

«Jedenfalls habe ich mich vorgesehen. Von mir laufen keine unehelichen Kinder rum.»

«Da bist du ja fein raus», sagte Damon. «Bete für das Heil meiner Seele, wenn du das nächste Mal in einen Tempel gehst.»

«Reg dich ab, alter Freund», sagte Weinstein. «Was geschehen ist, ist geschehen. Jetzt müssen wir nur überlegen, was man dagegen tun kann.»

«Na schön», sagte Damon etwas besänftigt.

«Glaubst du nicht, daß das den Ehemann auf die Palme bringt?» fragte Weinstein. «Seine Frau in der Klapsmühle und du mit deinem Bild in der Zeitung und mit Artikeln, die erzählen, was für ein großartiger Mann du bist und wieviel Geld du verdienst.»

«Wer weiß. Vielleicht wäre es das beste, wenn ich ihn anriefe.»

«Wozu?» Weinstein schien überrascht.

«Um ihm - zum Beispiel - die Wahrheit zu sagen. Manche Menschen, darunter auch ich, haben die Gewohnheit, ihr Gewissen zu erforschen.»

«Gewissen ist beschissen», sagte Weinstein ungehalten. «Was soll das werden - Jom Kippur, als Versöhnungstag für die Gojim? Wenn der Mann schon vorher Grund hatte, dich zu erschießen, dann tut er's mit zehnmal größerer

Wahrscheinlichkeit, wenn du ihn anrufst. Er hat ohnedies schon genug Ärger. Nur um eine verstiegene egoistische Vorstellung zu befriedigen, wie sich deiner Meinung nach ein aufrechter Verführer benehmen sollte, lädst du ihm einen neuen Affen auf den Buckel. Auf alle Fälle war, nach deiner Darstellung, die Dame über einundzwanzig und wußte genau, was sie tat. Und woher willst du wissen, daß da nicht zu gleicher Zeit zwanzig andere Knaben drin waren?»

«Gewiß», sagte Damon, «das wäre eine Möglichkeit.»

«Wohl doch mehr als eine Möglichkeit. Sie mag jetzt irre sein, aber vor elf Jahren war sie nicht irre. Du hast Schulter gesagt, ich sei dein Leibwächter. Ich merke schon, daß ich auch noch dein Geisteswächter sein muß.»

Damon war von Weinsteins Heftigkeit erschüttert, aber auch von dessen höhnischen Anspielungen auf sein Gewissen verletzt. Der Jugendfreund war zum Ankläger geworden, und einen Augenblick bedauerte er, daß Weinstein ihn erkannt hatte, als er an dem Rasenstück vorbeifuhr, wo Weinstein das Blumenbeet abstach. «Du redest wie ein Bulle», sagte er. «Wenn ein Verbrechen nicht ausdrücklich im Gesetzbuch steht, dann drehst du dich um und blickst in die andere Richtung, auch wenn das Verbrechen direkt unter deiner Nase stattfindet.»

«Das kannst du zweimal sagen, daß ich wie ein Bulle rede», sagte Weinstein. «Und ein Bulle läuft nicht rum und schafft sich Ärger. Wenn dich dein Gewissen zwickt, dann mach einem Waisenhaus eine Schenkung. Oder geh zur Beichte und bekenne, daß du ein Sünder bist und vorhast, nicht wieder zu sündigen, und wirf eine Zehn-Dollar-Note in die Armenkasse.» Nichts war mehr von Jugendfreundschaft in seiner Stimme. «Und noch eins. Wie denkst du dir das mit deiner Frau? Was, glaubst du, wird sie tun - sagen: Willkommen zu Hause, ich bin entzückt, daß du endlich eine Familie hast? Werd doch erwachsen, Roger. Du steckst schon tief genug drin. Buddele das Loch nicht noch tiefer.»

«Du sprichst zu laut», sagte Damon. «Die Leute schauen schon her, um zu sehen, was das Gebrüll bedeuten soll. Vielleicht kommt einmal die Zeit, wo sie's wissen muß, und dann werde ich sprechen.»

«Ich hoffe, dieses Gespräch wird nie stattfinden. Und falls es doch stattfindet, dann sieh zu, daß ich nicht dabei bin.»

Sie gingen schnell downtown durch die zunehmende Dämmerung; keiner von ihnen sprach. Als sie schließlich an der 14ten Straße anlangten, war Damons Unmut geschwunden. Er blickte den Freund von der Seite an. Weinstein machte ein eigensinniges Gesicht.

«He, Mittelfeldler», sagte Damon. «Waffenstillstand?»

Einen Augenblick ließen Weinsteins Züge keine Änderung erkennen. Dann grinste er. «Na sicher, alter Kumpel», sagte er. Er streckte die Hand aus und schlug Damon freundschaftlich auf den Arm.

Bevor sie zum Essen gingen, half er Damon, die Bücher in den Keller zu schaffen und die Schallplatten einzuordnen. Damon hing Sheilas neuen Mantel in ihren Schrank, und Weinstein fing an, den Tonarm des Plattenspielers zu montieren und einen Draht für die Radioantenne zu spannen. Es dauerte nicht lange, und Damon machte sich einen Drink zurecht und schlürfte ihn genüßlich, nachdem er die erste Platte, das Triplekonzert von Beethoven, aufgelegt hatte.

Mitten hinein in die Schallplatte klingelte das Telefon. Damon erstarrte. «Na, mach schon», sagte Weinstein. «Antworte.»

Damon stellte sein Glas ab, ging zum Telefon, zögerte, seine Hand schwebte über dem Apparat, dann nahm er den Hörer ab. «Hallo», sagte er.

«Ich bin's, Oliver. Ich ruf nur an, um dir zu sagen, wenn ich wegen des Yeats gewettet hätte, dann hättest du die Wette gewonnen.» Er lachte. «Ich habe überall gesucht. Er ist nicht im Haus. Du bist ein weiser alter Bibliothekar, Partner. Bis Montag dann. Schönes Wochenende. Wir fah-

ren morgens zu den Hamptons raus, und ich möchte dir verkünden, daß dabei der Blazer seine erste Bewährung bestehen muß.»

Weinstein hatte Damon aufmerksam beobachtet. Als Damon auflegte, sagte er: «Nun?»

«Das war Oliver Gabrielsen. Wegen eines Buches.»

«Hör zu, Roger», sagte Weinstein. «Ich will auf keinen Fall dein Telefon beantworten. Wenn der bewußte Kerl anruft, dann soll er nicht wissen, daß noch ein zweiter Mann im Haus ist.»

«Recht hast du.»

«Und ich will auch nicht am zweiten Apparat mithören», sagte Weinstein. «Ich will nicht, daß er's zum zweiten Mal klicken hört.»

«Daran hätte ich nicht gedacht.»

Weinstein nickte. «Du bist in einer anderen Berufssparte.»

«Ich lerne schnell.»

«Ein Jammer», sagte Weinstein. «Ich hoffe, du gehst darin nicht zu weit - jederzeit argwöhnisch gegen alles und jeden wie ich. Wo ist deine Küche? Soll ich für uns Abendbrot machen? Ich habe mich seit dem Tod meiner Frau zu einem recht guten Koch entwickelt.»

«Ich habe nichts im Haus», sagte Damon. «Und ich will dich als willkommenen Gast mit einem feinen, unkriminell gekochten französischen Diner ehren.»

«Ich komme widerstandslos mit, Wachtmeister», sagte Weinstein. «Laß die Tänzerinnen aufmarschieren.»

Tänzerinnen waren zwar nicht da, aber Weinstein arbeitete sich fröhlich durch eine Terrine Zwiebelsuppe und ein Steak marchand de vin. Der Ober sah geringschätzig auf ihn herab, wenn er an dem Tisch bediente, weil Weinstein gleich, als sie sich gesetzt hatten, einen schwarzen Kaffee bestellte und eine zweite Tasse verlangte, um das Steak herunterzuspülen, während Damon sich an einer halben Flasche kalifornischen Rotweins labte.

Weinstein schob mächtig ein, vertilgte ein halbes Dutzend Brotscheiben und aß Unmengen Pommes frites. Aber am Ende der Mahlzeit, die er mit einem großen Stück Apfeltorte mit Eis und einer weiteren Tasse Kaffee gekrönt hatte, lehnte er sich zurück und sagte: «Ach ja, ich hätte diesem Zeug wirklich Gerechtigkeit widerfahren lassen, als ich noch jung war und richtigen Hunger hatte, aber nie genügend Geld, woanders zu essen als in einfachen Kneipen. Na schön», sagte er, «wenn mein Job auch weiterhin so aussehen soll, dann hätte ich nichts dagegen, wenn sich der Bursche nicht vor meinem neunzigsten Geburtstag zeigt. Ach, Roger -» mit sentimentaler, leiser Stimme -«wir waren so gut befreundet... alle diese Jahre ...» Er machte eine große umfassende Geste mit seinen Händen, als wolle er die verlorenen Jahrzehnte einfangen. «Warum haben wir mit unserem Wiedersehen gewartet, bis etwas so Scheußliches passierte?»

«Weil die Menschheit ihre besten Dinge niemals so einfach bekommt», sagte Damon beklommen.

In dieser Nacht schlief Damon ohne Träume, obwohl das Schnarchen der Schilderung von Weinsteins Frau entsprach und das Haus vom regelmäßigen Crescendo und Diminuendo in seiner Atmung widerhallte. Da kein Wecker Damon weckte, denn es war Samstag und deshalb kein Arbeitstag, schlief er bis fast zehn Uhr, später als je seit der Zeit, da er einst in der Handelsmarine, nach einer Fahrt, in deren Verlauf sechs Schiffe eines Geleitzugs versenkt worden waren, seinen Urlaub genommen hatte.