17

DAS WOCHENENDE VERLIEF ANGENEHM. Es Stellte sich heraus,

daß Weinstein ein Filmnarr war, mit einer speziellen Vorliebe für Filme über Verbrecher und Mörder. Bei den ern-

stesten Szenen lachte er fröhlich, etwa wenn sich die Detektive mit verdächtigen Gestalten Feuergefechte lieferten oder wenn sie komplizierte Anschläge so unbeirrbar entwirrten, daß keiner unter den Zuschauern - und schon gar nicht Weinstein - ihnen folgen konnte. Dazwischen bedachte er Damon mit Geschichten aus seinem eigenen Leben bei der Polizei. New Haven, so lernte Damon in diesen zwei Tagen, war nicht nur die Heimstatt der Yale Univer-sity. Damon genoß die zwei Tage und bedauerte nicht länger, daß er an Weinsteins Haus vorbeigefahren war, als sein alter Freund gerade begonnen hatte, seinen Garten für die Frühlingssaat vorzubereiten.

Am Sonntag ließ sich Weinstein nicht nehmen, das Mittagessen selbst zuzubereiten: Rinderschmorbraten auf Yankee-Art mit Kartoffelpüree, jungen Erbsen, einer dik-ken Soße und Apfelkuchen. Mit einer Schürze um den umfänglichen Leib, die Ärmel hochgekrempelt, so daß die kräftigen behaarten Unterarme sichtbar wurden, und dem Revolverknauf, der aus dem über die Brust geschnallten Halfter hervorragte, bot er einen befremdlichen Anblick in der kleinen Küche, wo er sich mit den Töpfen und Pfannen zu schaffen machte. Anschließend räumte er alles geschickt wieder auf wie der gewiefteste Küchenchef. Damon mußte über seinen Anblick lachen, als er, von dem Duft verlockt, die Küche betrat.

Weinstein sah ihn verdrossen an. «Was gibt's da zu lachen?» fragte er.

«Dich», sagte Damon versöhnlich. «Es riecht köstlich.»

«Das ist nur so ein Standardessen», sagte Weinstein. «Du solltest mal meine Mahlzeiten kosten, wenn ich wirkliche Kenner am Tisch habe.»

Nach dem Essen besuchten sie eine Bar südlich vom Washington Square. Sie war spärlich, aber gemütlich beleuchtet, und während die anderen Trinker an der Mahagonibar in einiger Entfernung kaum mehr sichtbar waren, gab es genügend Licht, um die Gesichter in der Nähe zu erkennen. Am hinteren Ende der Bar, hoch oben auf dem Regal, stand ein Fernsehgerät. Es zeigte das Bild, aber der Ton war gnädig abgestellt.

Der Eigentümer, Tony Senagliago, hielt Trinken für eine seriöse Beschäftigung. Indem er dem Geschmack seiner Gäste am Fernsehprogramm mit der Darbietung stummer Bilder entgegenkam, die einen ständig wechselnden Regenbogen von Farben in den Raum warfen, zeigte er sein Verständnis dafür, daß seine besten Gäste in aller Stille oder in ruhigem Gespräch mit ihren Freunden trinken wollten. Dies war keine Bar, in der die Leute Umschau hielten nach Mädchen oder Männern. Frauen, die allein, in Paaren oder zu dritt kamen, wurden mit aller gebotenen Höflichkeit an eigene Tische geleitet. Wenn sie darauf bestanden, an der Bar zu sitzen oder zu stehen, sagte Tony bedauernd: «Na schön, dagegen gibt's kein Gesetz», und sorgte dafür, daß sie von seinen Barmixern mit äußerster Langsamkeit bedient wurden. Er hatte keine Angst, als männliches Chauvinistenschwein bezeichnet zu werden, und Damon mochte und bewunderte ihn dafür. Tony war ein nachdenklicher Leser, und in den guten alten Zeiten des Greenwich Village hatte eine große Anzahl von Schriftstellern in seinem Lokal «anschreiben» lassen. Wenn in Damons Büro ein besonders gutes Buch anfiel, erhielt Tony stets ein Exemplar; und wenn Tony es gelesen hatte, hörte Damon mit Respekt auf seine Meinung.

«Hübsches Lokal«, sagte Weinstein, der sich umsah, nachdem sie nebeneinander auf den hohen Stühlen an der Bar Platz genommen hatten.

«Für angenehme Nachmittage und Abende», sagte Damon. «Was wünschen der Herr?» fragte er in Gedanken an den Barmann in der Sixth Avenue, wo er den Anrufbeantworter hatte liegenlassen und beim Versuch, einen Streit zu schlichten, niedergeschlagen worden war. Dies, dachte er, war eine bessere Bar und eine glücklichere Stunde.

Ausnahmsweise bestellte Weinstein ein Bier. Als Damon von seinem Scotch mit Soda trank und Weinstein von seinem Bier, sagte dieser: «Ein Bier wird mich nicht um-

bringen. Obwohl die Ärzte schwören, daß ein einziger Teelöffel von diesem Zeug einen Süchtigen wieder umkippen läßt.»

«Du?» fragte Damon überrascht. «Warst du mal ein Trinker?»

«Sagen wir, ich hatt's mit dem Alkohol», sagte Weinstein ernst. «Ich bin mit meiner Frau im Wagen gegen einen Baum gefahren, und danach habe ich abgeschworen. Das war vor acht Jahren. Hast du gewußt, daß meine Mutter im ganzen Haus Whiskyflaschen versteckt hatte?»

«Nein.»

«Hatte sie aber.» Damon schüttelte erstaunt den Kopf. Diese vollendet mütterliche Dame mit ihrer blauen Schürze mit Spitzensaum, die ihnen nachmittags Milch und Kekse vorgesetzt hatte! Die Straße, in der er als Junge gelebt hatte, war nicht so unschuldig gewesen, wie sie in seiner Erinnerung lebte.

Seit ihrer Auseinandersetzung am Freitagabend hatten sie nicht wieder über Julia Larch und ihren Sohn gesprochen. Nach Damons Ansicht wiegte sich Weinstein in der Überzeugung, diesen Streit gewonnen zu haben; und Damon hatte die Absicht aufgegeben, sich mit Julias Mann in Verbindung zu setzen. Weinstein war ganz offensichtlich nicht der Mann, der gewöhnt war, bei einem Streit den kürzeren zu ziehen.

«Trinken», sagte Weinstein, «ist wie Radfahren - auch wenn man's noch so lange sein läßt, vergessen tut man's nie.» Er hatte sein Glas ausgetrunken und verlangte ein zweites Bier. «Wenn ich ein drittes bestelle, darfst du mir mit meiner Erlaubnis den Arm brechen.»

«Das macht dich menschlicher», sagte Damon. «Endlich mal eine Schwäche.»

«Wenn Schwäche menschlich ist», sagte Weinstein düster, «dann bin ich so beschissen menschlich, wie's nur geht.» Darauf wechselte er abrupt das Thema. «Ich habe nicht den Eindruck, daß wir deinem Oliver Gabrielsen etwas vormachen können.»

«Wie meinst du das?»

«Als du aus dem Zimmer gegangen warst, um mit Miss Walton etwas zu bereden, hat er mich gefragt, warum ich mir nicht die Jacke ausziehe. Es sei warm im Büro, sagte er, und es würde mir behaglicher sein. Und während er mit mir sprach, hat er dauernd auf den Wulst unter meiner Achsel geguckt. Und er hat mich gefragt, wo ich mein Literaturexamen gemacht hätte.»

«Was hast du darauf gesagt?»

«Ich habe einen Ort in Oklahoma erfunden. Ich muß mir den Namen merken, falls er mich wieder fragt. Christliche Universität in Butnam. So hieß mein Chef im Dienst.»

Damon lachte. «Wie ich Oliver kenne, schlägt er's nach. Wenn er dir nun erzählt, daß sie nicht existiert?»

«Dann sage ich ihm, sie hätte während des Krieges den Betrieb eingestellt.»

«Wäre es nicht einfacher, wenn du ihm gleich die Wahrheit sagtest? Über den größten Teil des Vorgefallenen weiß er ohnehin Bescheid. Meine Frau hat ihm alles erzählt.»

Weinstein machte ein ärgerliches Gesicht. «Warum bestehst du eigentlich so auf der Wahrheit? Es ist wie eine Art Besessenheit. Hast du nie die Regel gehört: <Nur soviel wissen lassen wie unbedingt nötig?>»

«Ja, die hat man auf das Manhattan-Projekt angewandt, als man die Atombombe baute. Den Leuten nur soviel davon erzählen, wie sie für ihren Job wissen mußten, und kein Wort mehr.»

«Das ist eine gute Regel», sagte Weinstein. «Überall. In der Regierung, beim Polizeidienst, in der Ehe. Findest du es nötig, daß deine Frau über dich und diese Verrückte in Indiana Bescheid wissen muß?»

«Nicht gerade jetzt, nein.»

«Was soll das heißen, nicht gerade jetzt? Niemals. Du sagst mir, daß du eine gute Ehe führst. Welchem Zweck sollte es, zum Teufel noch mal, dienen, wenn du sie zerstörst?»

«Lassen wir das mal fürs erste, ja?» sagte Damon. «Aber da wir schon mal von der Ehe sprechen, wie kommt es, daß du nicht wieder geheiratet hast?»

«Ich würde gern behaupten, für mich gebe es im Leben nur eine Frau», sagte Weinstein. «Aber da würde ich lügen. Die Ehe . . .» Er zuckte die Achseln und tat einen langen Zug von seinem zweiten Bier. «Wer würde mich schon heiraten? Ein fetter alter Polyp mit einem Gesicht wie der Strand von Iwo Jima und mit einer Pension, die gerade für Fleisch und Kartoffeln reicht. Was meinst du, würde ich kriegen? Eine altjüngferliche Schullehrerin, die bisher von jedem Mann, dem sie begegnet ist, verschmäht wurde, eine Witwe mit gefärbtem Haar und Titten runter bis zur Taille, die unter Personalien inseriert hat und einen männlichen Gefährten mit gleichgerichteten Interessen sucht, eine geschiedene Frau mit fünf Kindern, die Polizisten bevorzugt, weil ihr früherer Mann Verkehrspolizist gewesen ist? Nee . . .» Er trank mit einem zweiten mächtigen Zug das Bier aus. «Ich habe gewaltige Hochachtung vor zwei Dingen: vor mir und Sex. Ich würde sie verlieren, wenn ich nur das eine verdammte Wörtchen aussprechen würde: <Ja.>» Er starrte trübsinnig in das leere Glas, das vor ihm auf dem Tresen stand. «Die jüdische Religion empfiehlt, wenn eine Ehefrau stirbt, solle der Mann die Schwester der Frau heiraten. Ich habe meine Frau recht gern gehabt, und dagegen hätte ich auch nichts einzuwenden.»

«Und warum tust du’s dann nicht?»

«Meine Frau hatte keine Schwester.» Er lachte heiser wie ein routinierter Komiker, der den eigenen Witz belacht.

Als das letzte Geschepper verklungen war, fragte Damon: «Bist du eigentlich ein gläubiger Jude?» Im Weinstein-Haus hatte er niemals besondere Anzeichen von Frömmigkeit entdeckt.

«Wie man’s nimmt», sagte Weinstein, sofort wieder ernst, «ich esse zwar Schweinefleisch, und das einzige

Mal, daß ich in einer Synagoge war, mußte ich darin eine Verhaftung vornehmen, aber ich bin unzweifelhaft Jude, ob’s mir gefällt oder nicht. Ich habe die Bibel gelesen, aber. . .» Er schüttelte den Kopf. «Gläubig, nein, ich glaube nicht, daß man mich so bezeichnen kann. Religion ...» Er furchte die Stirn, als fiele es ihm schwer, seine Gefühle in Worte zu fassen. «Das ist wie eine riesige runde Wolke, in der sich ein Mysterium verbirgt.» Er hielt die Hände auseinander, als umfaßten sie eine große unsichtbare Kugel. «So groß wie der Planet, vielleicht wie das gesamte Sonnensystem, vielleicht ist es so groß, daß es nur in Lichtjahren gemessen werden kann. Und jede Religion krebst an der Außenseite dieser Wolke entlang, wobei die eine Religion vielleicht einen kurzen Blick auf einen Teil des Wolkeninneren erhascht, eine andere einen Wimpernschlag auf eine zweite, und so weiter und so fort, und niemand kriegt je den Wolkenkern zu sehen. Oder wie mein beschissener Schwager, der Atheist, zu sagen pflegte, vielleicht ist die ganze Geschichte nur erfunden, um die Menschen zu trösten, weil jeder weiß, daß wir sterben müssen, und die Religion liefert die große Lüge. Was ist die große Lüge? fragst du. Unsterblichkeit.» Er schnitt eine Grimasse, als sei das Bier in seinem Magen sauer geworden. «Er war so verdammt selbstsicher, daß man ihm hätte in den Arsch treten mögen. Ich kann es nicht ausstehen, wenn Menschen einer Sache sicher sind, die man nicht mit Zahlen oder Arithmetik oder zumindest mit sachverständigen Zeugen belegen kann. Sagen wir es so: soweit ich in Frage komme, sind die Geschworenen noch draußen am Beraten.» Er spielte zerstreut mit seinem leeren Glas auf dem Tresen. «Trost. Das ist kein schlechtes Wort. Aber von mir selber weiß ich ganz sicher, daß ich zu einem griesgrämigen alten Mann geworden bin. Nichts tröstet mich. Ich fühle mich nicht durch die Tatsache getröstet, daß ich sterben werde. Oder daß du sterben wirst. Eins weiß ich jedenfalls: daß ich mich nie über den Tod meiner Frau trösten werde. Und wenn es sich wirklich her-

ausstellen sollte, daß ich eine unsterbliche Seele habe, dann wäre das die schlimmste Strafe von allen. Ich möchte todsicher nicht auferstehen, wenn die Posaune zum Jüngsten Gericht bläst. Und was die Vergebung anlangt, so können wir - wie ich schon neulich gesagt habe - alle etwas davon brauchen; aber ich habe mir selbst noch nicht vergeben, daß ich diesen dämlichen Wurf vom hinteren Mittelfeld versucht habe, und das ist schon beinahe fünfzig Jahre her. Ach ja ...» Er machte eine unwillige Geste. «Nächtliches Biergeschwätz.» Er rief den Barmann und bestellte noch ein Glas. «Roger», sagte er, «die Erlaubnis, mir den Arm zu brechen, ist aufs nächste Glas verschoben.» Er versuchte zu lächeln. «Vielleicht solltest du Schulter mal fragen, wenn du ihn siehst, was ihn denn tröstet. Tut mir leid», sagte er, «daß ich soviel rede. Über Dinge, von denen ich einen Dreck verstehe. Ich lebe schon so lange allein, daß mir der Mund überläuft, wenn ich in Begleitung ausgehe.»

«Ich bin verheiratet, und ich lebe nicht allein», sagte Damon, «aber auch mir läuft ziemlich oft der Mund über. Du solltest mich mal hören, wenn ich auf das Thema Ronald Reagan oder das Theater am Broadway zu sprechen komme.» Er sagte es leichthin, um Weinsteins Tiefsinn zu zerstreuen, aber er merkte, daß es ihm mißlang.

«Die Welt...» sagte Weinstein verdrießlich. Er schüttelte den Kopf und sprach nicht weiter, als spotte, zumindest für diesen Abend, das Übel der Welt seiner Darstellungskraft. Er wandte sich kurz ab, um die Bilder auf dem Femsehschirm anzustarren. Es handelte sich um eine Werbung für eine Bierbrauerei. Man sah brillant fotografierte Bilder von gigantischen Männern, weißen und schwarzen, die in gleißender Sonne an einem Ölbohrturm arbeiteten und dabei weidlich schwitzten, während sie Rohre herbeischleppten, Gelenke montierten, sich mit riesigen Ventilen mühten. Als dann die Sonne mit goldenem Glanz unterging, hörten die Männer mit der Arbeit auf, legten ihr Handwerkszeug nieder, warfen ihre Denimjacken und

Anoraks über die Schulter und begaben sich fröhlich in eine Bar, wo ihnen inmitten von stummem Gelächter und Rückenklopfen schäumende Biergläser vorgesetzt wurden - aber wegen der Rundfunkgesetze sah man sie nicht trinken.

«So ein Mist», sagte Weinstein knurrig. «Die fröhliche Rassengemeinschaft der amerikanischen Arbeiter. Wen wollen die eigentlich verhohnepiepeln?» Mit einem mächtigen Schluck trank er sein Bier aus. «Nichts wie raus hier.»

Als sie wieder in der Wohnung anlangten, war es schon fast Mitternacht, und Weinstein gähnte. Bevor er das kleine Zimmer aufsuchte, in dem er schlief, sagte er: «Tut mir leid, daß ich heut abend den Mund so weit aufgerissen habe. Ich werde am Morgen ein besserer Gesellschafter sein. Schlaf wohl, Junge.»

Bevor Damon in seinem eigenen Bett lag und das Licht ausmachte, lärmte Weinsteins Schnarchen schon durch die Wohnung.

Das Läuten des Telefons weckte ihn. Er hatte tief geschlafen und schien durch ein dunkles Gewässer aufwärts zu schwimmen, um an die Oberfläche zu kommen. Er drehte sich im Bett herum und nahm den Hörer ab. Er war sich bewußt, daß das Schnarchen aus dem Nebenzimmer aufgehört hatte. Das leuchtende Zifferblatt der Nachttischuhr zeigte zwanzig Minuten nach drei.

«Damon?» Er erkannte die Stimme. «Zalovsky. Ich muß Sie sprechen. Sie haben zehn Minuten. Ich bin ganz in Ihrer Nähe...»

«Augenblick», sagte Damon. «Ich schlafe noch.»

Er sah, daß sich die Tür seines Schlafzimmers öffnete; wie eine Silhouette vor dem Licht, das vom Korridor hereinströmte, stand in ihrem Rahmen Manfred Weinstein im Pyjama.

«Hören Sie gut zu», sagte Zalovsky. «Ich erwarte Sie, wie

ich sagte, in zehn Minuten. In den Washington Mews. Ich hoffe, Sie wissen, wo das ist.»

«Ich weiß, wo es ist.»

«Ein hübsches dunkles Plätzchen für eine kleine ernsthafte Unterhaltung. Wenn Sie wissen, was Ihnen frommt, dann versuchen Sie keine Tricks. Halten Sie sich für gewarnt.»

«Ich bin gewarnt.»

Zalovsky legte auf.

«Das war er», sagte Damon, als er den Hörer wieder auf die Gabel legte.

«Dachte ich mir», sagte Weinstein.

«Er ist in den Washington Mews. Wir sind heute abend auf dem Weg von der Bar dort vorbeigegangen. Man gelangt von der Fifth Avenue hinein, kurz bevor man zum großen Platz kommt. Am anderen Ende der Mews ist ein Fußgängerdurchlaß.»

«Ich bleibe dir auf der Spur», sagte Weinstein. «Vielleicht siebzig bis achtzig Meter hinter dir.»

«Gib mir ein bißchen Zeit, damit ich mit ihm reden und feststellen kann, was er eigentlich will», sagte Damon, als er anfing, sich anzukleiden.

«Keine Angst. Ich bin da, wenn du mich brauchst. Wie fühlst du dich, Junge? Nervös?»

«Nicht besonders. Vor allem neugierig.»

«Wacker.» Weinstein ging zurück in sein Zimmer, um sich anzuziehen.

Sie gingen nicht zusammen aus dem Haus. Weinstein wartete, nachdem Damon das Haus verlassen hatte, noch fast eine Minute unten im Vestibül und begann erst Damon zu folgen, als dieser gerade um die Ecke in die Fifth Avenue einbog.

Auf der Avenue war sehr wenig Verkehr. Gelegentlich sauste ein Auto vorüber, und Damon ging an den einzigen Leuten vorbei, die zu sehen waren, zwei Betrunkenen, die einander die Arme um die Schultern gelegt hatten und heiser sangen, während sie unsicher die Straße entlangschwankten. Sie sangen den Song der Artillerie Die Lafetten,, sie rollen entlang', und Damon kam zu dem Schluß, daß sie Kriegskameraden gewesen waren.

Damon ging schnell. Er hatte einen klaren Kopf und war bemerkenswert ruhig. Er blickte nicht zurück, ob Weinstein ihm folgte. Als er zum Eingang der Washington Mews gelangte, blieb er stehen. Die kleine Straße, tatsächlich mehr ein Durchgang als eine Straße, war bis auf einen blassen Lichtschimmer, der von einem einzigen erleuchteten Fenster nahe dem Eingang der Mews herrührte, dunkel. Auf der Straße, die nur etwa hundert Meter lang war, konnte er nirgends eine Bewegung entdecken. Er ging auf der Straßenmitte bis zur Pforte am anderen Ende.

Der Lärm der zwei singenden Betrunkenen kam näher, als sie sich dem Eingang der Mews näherten, und Damon bekam es mit der Angst, daß durch irgendeinen hämischen Zufall einer von ihnen oder beide in einem der hübschen Häuser wohnten, die die kopfsteingepflasterte Straße säumten. Er befand sich etwa zwanzig Meter von dem letzten Haus entfernt, als sich ein Schatten, der in der Dunkelheit nur ein etwas tieferer Schatten war, aus einem flachen Hauseingang löste. «Gut», sagte die wohlbekannte Stimme, «Sie können da stehenbleiben.»

Damon konnte das Gesicht des Mannes nicht sehen und seine Größe und Gestalt nur ahnen.

«Na endlich», sagte Damon kühl, «was, zum Teufel, soll das Ganze eigentlich heißen?»

«Ich hab Ihnen doch gesagt, keine Tricks, oder?» Der Schatten kam näher.

«Ich bin hier, oder nicht? Allein.» Damon unterdrückte den fast unwiderstehlichen Drang, sich kurz umzusehen, ob Weinstein in Sicht sei.

«Sind die da Ihre Freunde?»

«Wer, die da?»

«Die zwei singenden Kerls.»

«Ich weiß nicht, wer die sind. Zwei Besoffene. Ich habe sie auf dem Hinweg überholt.»

«Sie kommen sich wohl ziemlich gerissen vor, oder? Besoffene. Wo haben Sie den Trick aufgeschnappt?»

Das lärmende Singen war jetzt lauter geworden und hallte zwischen den Häusern wider. Damon drehte sich um. Die beiden Männer waren am Eingang zu den Mews stehengeblieben: zwei dunkle Gestalten, die sich gegen das schwache Licht der Straßenlaternen in der Fifth Avenue abhoben. Die Betrunkenen schienen den Bewohnern der Mews ein Ständchen bringen zu wollen. Dann löste sich ein Schatten von der Mauer des einen Gebäudes nahe dem Eingang und geriet in den Lichtschein des einzigen erleuchteten Fensters der Straße. Es war Weinstein.

«Scheiße», sagte Zalovsky. Er versetzte Damon einen heftigen Stoß, so daß dieser gegen einen Türeingang stolperte. Es gab einen ungeheuren Knall, als Zalovsky feuerte und Damon Weinstein zu Boden gehen sah. Damon warf sich auf Zalovsky und schleuderte ihn zur Seite. Ein zweiter Schuß dröhnte. Dem folgte ein Schmerzensschrei, und Damon sah einen der Betrunkenen auf der Straße zusammensacken. Zur gleichen Zeit erhellten sich die Vorderfenster des Hauses gegenüber den beiden miteinander ringenden Männern. Zalovsky war außerordentlich kräftig und riß seinen Arm aus Damons Griff. Da er gegen das Licht stand, konnte Damon seine Züge nicht erkennen. Zalovsky atmete schwer. «Verdammter Scheißkerl», sagte er, «das soll dir schlecht bekommen.»

Damon rannte zum Eingang der Mews. Er war erst knapp fünf Meter gelaufen, als wieder ein Schuß fiel. Aber diesmal kam er von vorn. Weinstein, auf den Pflastersteinen kniend, hatte gefeuert.

Er hörte Zalovsky ächzen, darauf das Geräusch von Metall auf den Steinen. Er wandte sich um und blieb stehen. Zalovsky rannte von ihm fort zum rückwärtigen Eingang der Mews. Er hielt sich den rechten Arm und rannte unbeholfen und doch schnell. In zwei Sekunden war er durch das Tor und verschwunden.

Damon eilte zu der Stelle, wo Weinstein, nicht mehr kniend, ausgestreckt auf dem Rücken lag. Sein Blut war dunkel auf den Pflastersteinen.

Von weit her hörte man das Jaulen der ersten Polizeisirene.