«Wenn Sie mich morgen früh wieder wiegen, Miss Medford», sagte er zu der Schwester, «möchte ich wetten, daß ich mindestens zwei Pfund schwerer bin.»

Miss Medford war skeptisch. Als sie ihn am Morgen gewogen hatte, hatte er, Skelett, das er immer noch war, bloße hundertachtunddreißig Pfund auf die Waage gebracht.

Mrs. Dolger verließ ihn mit vielen kleinen fahrigen Gesten, die zu ihrer neuen Frisur, dem eleganten grünen Tweedkostüm und der Krokodilledertasche nicht recht passen wollten. «Wenn ich irgend etwas für Sie tun kann», sagte sie an der Tür, «was es auch sei, mein lieber Roger, dann brauchen Sie es nur zu sagen.»

Ihm war klar, daß sie damit nicht nur im Sinn hatte, ihm noch eine Torte zu backen, wenn er es verlangte, und er hoffte, daß Miss Medford, die so scharfäugig war wie ein vorgeschobener Artillerieposten, aus Mrs. Dolgers Worten nicht mehr heraushörte als ein großzügiges Angebot ihrer Dienste als Bäckerin.

Er war auch erleichtert, daß Sheila an jenem Tag nach Burlington fahren mußte, weil sich ihre Mutter soweit vom

Schlaganfall erholt hatte, daß sie wieder nach Hause konnte, und Sheila gebeten hatte, ihr dabei zu helfen. Sheila glaubte, die Genesung ihrer Mutter deute darauf hin, daß die Lawine von Unglücksfällen, die über sie, ihre Mutter und Damon in den letzten Monaten niedergegangen war, zu Tale gerollt sei. Wenn Sheila dieses Gefühl hatte, war Damon um ihretwillen glücklich. Er persönlich hielt den Umstand, daß eine alte Frau, die ihn stets mißbilligt hatte, wieder sprechen und im fernen Vermont aus dem Bett aufstehen konnte, kaum für ein Ereignis, das ihm eine schnelle Erlösung prophezeite.

Viel verheißungsvoller war es für ihn gewesen, daß er zwei Stück Apfeltorte hintereinander hatte essen können, obwohl er am nächsten Morgen, als er von Miss Medford gewogen wurde, immer noch bloße hundertachtunddreißig Pfund auf die Waage brachte.

22

«herr Doktor.» Sheila saß in Zierfandlers Sprechzimmer. Auf seiner Seite des Schreibtischs fummelte Zierfandler nervös mit einem Bleistift herum. «Herr Doktor», sagte sie, «wir bringen ihn einfach nicht dazu, etwas zu essen, solange er in diesem Krankenhaus ist. Er hat vor zwei Wochen zwei Stück Apfeltorte gegessen, die ihm eine Freundin mitgebracht hat, und das war's - abgesehen von diesem elenden Pulver, das wir nach Ihrer Anweisung mit Wasser oder Milch anrühren.»

«Es ist lebenserhaltend», sagte Zierfandler. «Es enthält alle Vitamine, Proteine, Mineralien ...»

«Es erhält nicht sein Leben», sagte Sheila. «Er will sein Leben nicht erhalten. Wenn wir Glück haben, können wir ihn beschwatzen, täglich ein halbes Glas von dem Zeug zu schlucken. Er will nach Hause. Das wird ihm das Leben erhalten.»

«Ich kann die Verantwortung nicht übernehmen ...»

«Ich werde die Verantwortung übernehmen», sagte Sheila. Ihr Zorn, den sie noch beherrschte, der aber trotzdem unverkennbar war, kam ihr zustatten. «Wenn nötig», sagte sie und bediente sich der Drohung, die gewirkt hatte, als sie Damon aus der Intensivstation herausgeholt hatte, «gehe ich morgen zu einem Anwalt und erwirke eine Verfügung, daß Sie ihn in meine Obhut entlassen.»

«Sie riskieren dabei, daß Sie Ihren Gatten umbringen», sagte Zierfandler, aber Sheila wußte, daß er sich geschlagen gab.

«Dieses Risiko nehme ich auf mich», sagte sie.

«Wir müssen noch eine ganze Reihe von Tests machen.»

«Dafür räume ich Ihnen drei Tage ein», sagte Sheila unter Mißachtung aller Höflichkeitsfloskeln. Jede Verstellung war jetzt geschwunden; sie waren Gegner, und der Sieg des einen bedeutete eine schmähliche Niederlage des anderen.

Damon ließ die Röntgenaufnahmen, die Computertomographie und die Blutentnahmen ohne Klage oder ein Zeichen des Interesses über sich ergehen. Sheila hatte ihn von ihrer Unterredung mit Dr. Zierfandler nicht in Kenntnis gesetzt, und er hatte sich damit abgefunden, daß er das Krankenhaus nicht mehr lebend verlassen würde. Der New York Times konnte er immer noch keinen Sinn abgewinnen, und die einzige Nahrung, die er ohne Würgen zu sich nehmen konnte, war immer noch der eisgekühlte Ananassaft. Seine Gedanken schweiften umher; und als Sheila ihm erzählte, daß Manfred Weinstein ihr aus Kalifornien geschrieben habe, weinte er und sagte: «Er hat einen falschen Wurf in seinem Leben getan», als sei der lange Wurf aus dem Mittelfeld sein - Damons - Fehler gewesen. Er konnte sich erinnern, daß eine Dame im grünen Kostüm in sein Zimmer gekommen war und ihm ein Stück Apfeltorte gegeben hatte, aber an den Namen der Frau konnte er sich nicht erinnern. Miss Medford zwang ihn von Zeit zu Zeit,

aus dem Bett aufzustehen und mit einem Stock im Gang auf und ab zu gehen; nachdem er jedoch einmal am Ende des Korridors aus dem Fenster geguckt hatte, interessierten ihn diese Spaziergänge nicht mehr, und Miss Med-fords Versicherung, daß sein Schritt von Tag zu Tag kräftiger werde, schien ihm äußerst unwichtig.

Er lebte ein bißchen auf, als ihm Sheila nach zwei Tagen mit Röntgenaufnahmen, Tests und Untersuchungen mitteilte, daß die Ärzte ihn einstweilen für gesund erklärt hatten.

Aus reinem Aberglauben teilte Sheila ihm nicht mit, warum er diese ganzen Untersuchungen über sich ergehen lassen mußte. Um ihn nicht enttäuschen zu müssen, wollte sie bis zum letzten möglichen Augenblick vor seiner Befreiung warten, ehe sie ihm die Neuigkeit mitteilte. So war es Miss Medford, die ihm die frohe Botschaft überbrachte. «Sie stehen heute früh in der Zeitung, Mr. Damon», sagte Miss Medford, als sie ins Zimmer trat, um die Nachtschwester abzulösen. Sie wedelte mit einem Exemplar der Daily News. «Da, in dieser Spalte! Da ist von einer Frau die Rede, die ein Buch geschrieben hat, und Ihre Agentur hat mit ihr einen Vertrag über ein paar Milliarden Dollar abgeschlossen oder so ähnlich.»

«Was man vor acht Uhr morgens liest, sollte man nie glauben», sagte Damon. Er machte sich noch Gedanken über Dr. Zierfandlers eisige Haltung, als dieser um sechs Uhr früh seine Morgenvisite machte.

«Es heißt da, daß Sie heute nach Ihrem furchtbaren Schicksalsschlag, der Schießerei in der Fifth Avenue, wie sie es nennen, aus dem Krankenhaus entlassen werden. Man glaubt, Sie seien dabei verwundet worden. Dr. Ro-garth ist nicht erwähnt.» Miss Medford lachte hämisch. Sie gehörte nicht zu den Bewunderern dieses Arztes. Wenn er - was selten vorkam - bei Damon Visite machte, während sie Dienst tat, hatte sie sich aufgeführt, als sei sie gerade in diesem Augenblick aus dem Gefrierfach ihres Kühlschranks genommen worden. «Wollen Sie's lesen?»

«Nein, danke», sagte Damon. «Ich habe keine besondere Vorliebe für Märchen. Wie kommt bloß solcher Quatsch in die Zeitungen?»

«In jedem Krankenhaus, wo ich bisher gearbeitet habe, gab es immer jemanden - eine Schwester, einen Arzt, Pfleger, Sekretär, der einen von der Presse kennt - einen Vetter oder Freund, irgend jemanden, der ihnen gegen gewisse Informationen Karten für Premieren beschafft... Glauben Sie ja nicht, daß wir hier eine Ausnahme sind.»

«Hat Ihnen denn jemand gesagt, daß ich heute rauskomme?»

«Nein», gab Miss Medford zu. «Kein Wort.»

«Lassen Sie mich weiterschlafen», sagte Damon. «Ich hatte so einen hübschen Traum, in dem ich mit meinem Vater zum Footballspiel ging.»

Erst als Sheila mit frischen Hemden und frischer Unterwäsche ankam, ihn aus dem Bett holte und anfing, ihn anzuziehen, begriff er, was mit ihm geschah, und brach in Tränen aus. «Oliver wartet unten», sagte Sheila, «mit einem Mietwagen. Wir fahren aufs Land nach Old Lyme. Wir können dich nicht drei Stockwerke hoch zu unserer Wohnung klettern lassen, und weder Oliver noch ich können dich tragen.»

Die Schwester ließ es sich nicht nehmen, ihn in einen Rollstuhl zu setzen und bis zum Eingang des Krankenhauses zu schieben, obwohl Damon protestierte, weil er auf seinen eigenen zwei Beinen das Krankenhaus verlassen wollte und sich kräftig genug fühlte, es zu schaffen.

Es war ein milder, sonniger Frühlingstag, und Damon tat einen tiefen Atemzug, als er durch die Tür rollte und dann langsam und mühevoll aufstand. Er sah Oliver lächelnd neben dem Mietauto stehen. Damon winkte munter mit dem Krückstock, den ihm das Krankenhaus verschafft hatte. Alles war scharf gezeichnet - Oliver, die Knospen an den Bäumen, die den Hof säumten, die Form seiner eigenen Hand, die den Stock hielt.

Er fühlte sich weder krank noch gesund, fühlte nur eine vibrierende Wachsamkeit; die hellen Farben im Freien ließen ihn blinzeln. Er hörte hinter sich die leise Stimme von Miss Medford, die Sheila letzte Anweisungen für die Behandlung der Wunde auf seinem Rücken gab; sie war immer noch nicht verheilt. Er machte einen Schritt in Olivers Richtung. Dann sah er einen Mann in einer blauen Windjacke hinter dem Auto hervortreten, das neben Olivers Wagen geparkt war. Damon wußte, wer es war, aber warum er es wußte, war ihm schleierhaft. Der Mann ging zwei Schritte auf ihn zu. Damon konnte sein Gesicht erkennen. Es war schlaff und rund und gelblich wie feuchter Teig; die Augen des Mannes sahen aus, als seien sie ihm ins Gesicht gestanzt worden. Der Mann zog etwas aus der Tasche. Es war eine Pistole, und er zielte damit auf Damon.

Endlich, dachte Damon mit sinnverwirrter Erleichterung, komme ich den Dingen auf den Grund.

Ein Schuß dröhnte. Damon blieb stehen. Jemand schrie. Dann brach der Mann auf der Straße zusammen, einen knappen Meter von der Stelle entfernt, an der Oliver stand und die Autotür offenhielt.

Schulter tauchte, mit einer Pistole in der Hand, von irgendwoher auf, und mit ihm zwei andere große Männer, die ebenfalls Pistolen hielten.

Damon ging gelassen zu der Stelle, wo Schulter und die beiden anderen Männer sich über den Körper beugten, der auf dem Pflaster lag. Schulter kniete nieder, legte sein Ohr auf die Brust des Mannes und stand wieder auf. «Er ist tot», sagte er. «Endlich haben die verflixten Zeitungen mal was Nützliches gedruckt. Ich hatte so eine Ahnung, daß er sich zeigen würde.» Er funkelte vor Vergnügen, wie ein Jäger, der soeben einen kapitalen Hirsch zur Strecke gebracht hat, dessen eindrucksvolles Geweih eine großartige Trophäe über dem Kamin abgeben würde. «Kennen Sie ihn?»

Damon blickte nieder auf den toten Mann, dessen Jacke mit glänzendem Blut bedeckt war. Das Gesicht war friedlich. Damon hatte es nie zuvor gesehen. «Das könnte jeder Mann sein», sagte er verwundert zu Sheila, die ihn mit den Armen umschlungen hielt. «Er hat seine Botschaft nicht ausgerichtet.»

Er saß in Old Lyme im Garten und blickte auf den Sund hinaus. Es dämmerte, und die Lichter entlang der Küste leuchteten nach und nach auf; das Wasser hatte sich in dunklen Stahl verwandelt. Aus dem Innern des Hauses hörte er Sheila leise vor sich hin summen, während sie das Abendessen bereitete. Er war hungrig. Abgesehen von Frühstück, Mittag- und Abendessen machte Sheila für ihn um elf Uhr morgens und um fünf Uhr nachmittags und bevor sie schlafen gingen in dem raschelnden alten Haus, das knarrte wie ein Boot im Seewind, einen Milchbecher mit Ei. Er hatte in den zwei Wochen zehn Pfund zugenommen und ging ohne Stock im Garten umher.

Schulter hatte sie einmal besucht. «Es ist doch verdammt merkwürdig. Wir haben keinen Fetzen gefunden, der ihn identifiziert hätte. Keinen Führerschein, keine Kreditkarte oder was es sonst gibt. Niemand hat die Leiche für sich beansprucht. Die Pistole war eine alte deutsche P38, die wahrscheinlich irgendein Gl aus dem Krieg mit nach Haus gebracht hat. Die kann leicht schon durch zwanzig Hände gegangen sein. Das ist alles, was wir wissen. Sonst nichts.» Schulter schüttelte verwundert den Kopf. «Der kam stracks aus dem Nirgendwo. Vom Straßenpflaster. Aus der Gosse. Von nirgendwoher», sagte er.

«Nirgendwo», sagte Damon in der Dämmerung vor sich hin. Er dachte daran, daß er gewünscht hatte, im Krankenhaus sterben zu dürfen, und daß er sich nicht gefürchtet hatte, als er den Mann mit der Pistole hinter dem geparkten Auto auftauchen sah.

Sheila, noch in der Schürze, kam mit zwei Gläsern Whisky-Soda aus der Küche; eins für ihn und eins für sie. Er nahm sein Glas, während sich Sheila auf dem Stuhl neben ihm setzte; und beide blickten hinaus auf den dun-

kelnden Sund. Er griff nach ihrer Hand. «Du Heilende», sagte er. «Lebenspendende.»

«Daß du mir nur nicht sentimental wirst auf deine alten Tage», sagte Sheila. «Ich bin nur die Dame, die dir vorm Essen den Whisky bringt.»

«Welch ein angenehmes Fleckchen Erde», sagte Damon, und sie tranken sich zu.