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Drei Jahre nach dem Unfall war Megan Bookman körperlich wie geistig in guter Verfassung, auch wenn sie gelegentlich eine Beklemmung überkam, ein Gefühl, als ob ihr die Zeit davonliefe oder sich jeden Augenblick ein tiefes Loch unter ihr öffnen könnte. Das war keine höhere Intuition, nur eine Konsequenz der Tatsache, dass sie mit 30 Jahren bereits verwitwet war. Eine Liebe, die sie für beständig gehalten hatte, ein Mann, von dem sie geglaubt hatte, sie würde mit ihm alt werden: All das war ihr ohne Vorwarnung genommen worden. Aber diese Empfindung, dass irgendwo eine Glocke ihre letzte Stunde schlug, würde wieder vorbeigehen; so war es jedes Mal.
Sie stand an der Zimmertür ihres einzigen Kindes und sah zu, wie der Junge an seinem mit diversem Zubehör ausgestatteten Computer saß und Recherchen über irgendetwas anstellte, das ihn zurzeit faszinierte.
Woodrow Bookman, den alle Woody nannten, hatte in seinen elf Lebensjahren noch kein einziges Wort gesprochen. Bei seiner Geburt und noch ein paar Jahre danach hatte er geschrien, aber nie mehr, seit er vier Jahre alt geworden war. Er lachte, aber nur selten über etwas, das zu ihm gesagt wurde oder über einen komischen Anblick.
Oft lag die Ursache seiner Heiterkeit in seinem Inneren und blieb seiner Mutter ein Rätsel. Bei ihm war eine seltene Form von Autismus diagnostiziert worden, aber in Wirklichkeit wussten die Ärzte wohl einfach nicht, was sie von ihm halten sollten.
Zum Glück legte er nicht diejenigen mit Autismus in Verbindung gebrachten Verhaltensweisen an den Tag, die für das Umfeld besonders belastend waren. Er neigte nicht zu emotionalen Zusammenbrüchen, war nicht unflexibel. Solange er in Gesellschaft von Personen war, die er kannte, zog er sich nie zurück, wenn er berührt wurde, und litt auch nicht psychisch unter körperlichem Kontakt, wenngleich er Fremden mit Misstrauen, oft auch mit Angst begegnete. Wenn jemand etwas zu ihm sagte, hörte er aufmerksam zu, und er war mindestens so gehorsam, wie Megan es in ihrer Kindheit gewesen war.
Er ging nicht zur Schule, erhielt aber auch keinen Privatunterricht. Woody war der ultimative Autodidakt. Wenige Monate nach seinem vierten Geburtstag hatte er sich selbst das Lesen beigebracht, und drei Jahre später war er fähig gewesen, Texte auf College-Niveau zu lesen.
Megan liebte Woody. Wie hätte es auch anders sein können? Er war in Liebe gezeugt worden. Während er in ihr herangewachsen war, hatte sein Herz zu schlagen begonnen. Und ihrer Ansicht nach schlugen ihre Herzen auch all diese Jahre später immer noch im Gleichklang.
Davon abgesehen war er so niedlich wie die Kinder in der Süßigkeitenwerbung und auf seine eigene, spezielle Weise voller Zuneigung. Dabei ließ er zwar zu, dass man ihn umarmte und küsste, tat dies aber nie selbst. Doch in ungewöhnlichen Momenten legte er manchmal seine Hand auf ihre, oder er berührte erst ihr pechschwarzes Haar und dann sein eigenes, als ob er sagen wollte, er wisse, dass er es von ihr geerbt habe.
Er stellte selten Blickkontakt her, aber wenn er es tat, funkelten manchmal nie vergossene Tränen in seinen Augen. Damit sie zu diesen Anlässen nicht glaubte, dass er traurig sei, schenkte er ihr immer ein Lächeln, beinahe ein Grinsen. Wenn sie fragte, ob seine Tränen Freudentränen waren, nickte er. Aber er konnte – oder wollte – ihr nicht erklären, was ihn so freute.
Diese Kommunikationsschwierigkeiten führten dazu, dass sie ihr Leben nicht so teilen konnten, wie Megan es sich wünschte, und das machte sie immer wieder traurig. Der Junge hatte ihr tausendmal das Herz gebrochen, es mit seiner Liebenswürdigkeit aber auch tausendmal wieder geheilt.
Sie hatte sich nie gewünscht, dass er normal und gesund sei, denn dann wäre er ein anderer Junge gewesen. Sie liebte ihn trotz – zum Teil sogar wegen – der Herausforderung, der sie sich zusammen stellen mussten.
Jetzt fragte sie ihn von der Tür aus: »Ist alles okay, Woody? Geht’s dir gut?«
Er blieb ganz auf seinen Computer konzentriert und drehte ihr den Rücken zu, hob jedoch den rechten Arm, streckte ihn ganz aus und deutete mit dem Zeigefinger zur Decke. Schon vor langer Zeit hatte sie gelernt, dass dies eine positive Geste war, die mehr oder weniger besagte: Ich bin auf dem Mond, Mom.
»Na gut. Es ist jetzt acht. Um zehn gehst du ins Bett.«
Er machte eine kreisende Bewegung mit dem Zeigefinger. Dann sank seine Hand wieder auf die Tastatur herab.