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Woody brauchte nie mehr als fünf Stunden Schlaf. Vielleicht hatte er als pausbäckiges Baby länger geschlafen, aber trotz seines außergewöhnlichen Gedächtnisses war ihm von seiner Kindheit nur die Erinnerung an ein Mobile geblieben, das über seinem Kinderbett hing: farbenprächtige Lucite-Vögel in Korallenrosa, Gelb und Saphirblau, die kreisten und kreisten und fröhliche prismatische Schatten an die Wände warfen. Vielleicht war dieses Mobile der Grund, weshalb er so viele Jahre später immer noch manchmal davon träumte, fliegen zu können.
Alle medizinischen Autoritäten waren sich darüber einig, dass der Mensch acht Stunden Schlaf pro Nacht benötigte. Weniger Schlaf führte angeblich zu Konzentrationsschwierigkeiten und Störungen der Denkprozesse. Wahrscheinlich wurden die meisten Leute, die als Landstreicher, Betrüger oder Serienkiller endeten, durch Schlafmangel zu dem, was sie waren. So lautete jedenfalls die Theorie. Wenn Woody hingegen zu lange im Bett blieb, führte gerade das dazu, dass er sich benebelt fühlte und an bleibenden Aufmerksamkeitsstörungen litt. Um Punkt 3:50 Uhr öffneten sich seine Augen mit einem beinahe hörbaren Klick! und er war hellwach ohne die geringste Chance, wieder einzuschlafen.
Das war ihm peinlich. Er unterschied sich auf unzählige Weisen von anderen Menschen. Wenn er auch acht Stunden Schlaf benötigt hätte wie jeder andere, hätte er sich weniger anders gefühlt.
An diesem Mittwochmorgen tat Woody das, was er nach dem Aufstehen immer tat. Er hatte seine festen Abläufe. Feste Abläufe waren seine Rettung. Die Welt war riesig und komplex, sie war Teil eines noch größeren und komplexeren Sonnensystems, einer gewaltigen Galaxie, eines endlosen Universums – Billionen von Sternen! –, und darüber wollte er lieber nicht allzu lange nachdenken. Es waren zahllose Entscheidungen zu fällen, es gab unzählige Dinge, die einem zustoßen konnten. Die vielen Möglichkeiten konnten zu lähmender Unentschlossenheit führen, und all die Gefahren konnten bewirken, dass man vor Angst regelrecht versteinerte. Aber feste Abläufe machten das Endlose endlich und beherrschbar. Also nahm er seine übliche Vier-Minuten-Dusche, zog sich an und ging leise nach unten.
Er durfte sich selbst ein Frühstück mit Getreideflocken und Toast machen, aber zum Essen war es noch zu früh.
Es war ihm ohnehin lieber, mit seiner Mutter zu frühstücken, wenn sie morgens aufstand. Er sagte zwar nie ein Wort dabei, hörte ihr aber gern zu. Manchmal sagte sie ebenfalls nicht viel, und auch das war für ihn in Ordnung, solange sie nicht aus Traurigkeit schwieg.
Er merkte es immer, wenn sie traurig war. Ihre Traurigkeit durchfuhr ihn wie ein heranwehender Eisregen und kühlte ihn zum gleichen Zustand ab, den er sonst nie erlebte.
Aus einer Küchenschublade nahm er eine Taschenlampe des Typs Bell and Howell Tac Light sowie seine altbewährte Attwood-Signalhupe. Letztere bestand aus einer kleinen Sprühdose, an deren oberem Ende eine rote Plastikhupe befestigt war, die ein ohrenbetäubendes WAAAAAAHHHH erzeugen konnte. Damit ließen sich gefährliche Tiere zuverlässig abschrecken, auch wenn er solche Tiere nur selten gesehen und die Hupe erst zweimal benutzt hatte.
So ausgerüstet trat er an das Tastenfeld der Alarmanlage an der Hintertür. Er gab die vier Ziffern ein, und die aufgenommene Stimme sagte: »System deaktiviert.« Die Lautstärke war sehr niedrig eingestellt, damit seine Mutter von nichts anderem geweckt werden konnte als dem Alarmton selbst.
Die hintere Veranda war mit zwei Teakholzstühlen mit dicken blauen Kissen ausgestattet, zwischen denen ein kleiner Tisch stand. Ein Schaukelsitz hing an Edelstahlketten. Überall um ihn herum war Dunkelheit.
Woody fürchtete sich nicht vor der Nacht.
Die Nacht konnte magisch sein. In den dunklen Morgenstunden, wenn seine Mutter noch schlief, waren ihm schon manche coole Dinge passiert. Einmal hatte er eine dicke Opossummutter über den Rasen watscheln sehen, gefolgt von ihren Babys. Ihre winzigen Augen hatten vor Neugier gefunkelt, als sie ihn entdeckt hatten. Er hatte Füchse, zahllose Kaninchen und ganze Hirschfamilien gesehen. Das Einzige, was er mit einem lang gezogenen Hupen vertrieben hatte, waren Waschbären gewesen, die sich ihm fauchend und mit gefletschten Zähnen genähert hatten.
Durch seinen Gehorsam hatte er sich das Recht verdient, nachts so lange auf der Veranda zu sitzen, wie er wollte, solange er immer darauf achtete, die Tür nicht abzuschließen, damit er sich jederzeit schnell zurückziehen konnte. Er durfte aber nicht allein in den Garten hinausgehen. Es war ein großer Garten, beinahe drei Morgen groß, und am hinteren Ende wartete der Wald.
Im Wald lebten Tiere, die noch gefährlicher waren als die angriffslustigen Waschbären. Mutter Natur hatte nichts Mütterliches an sich. Mom sagte, die Natur sei eher wie eine manisch-depressive Tante, die einen meistens freundlich behandelte, sich aber hin und wieder in eine richtige Hexe verwandeln konnte. Dann beschwor sie tödliche Stürme herauf und rief bösartige Tiere herbei, große Berglöwen mit langen Reißzähnen, die sich, wenn sie die Wahl hätten, immer für zartes Kinderfleisch entscheiden würden.
Er setzte sich auf die Verandatreppe. Seine Mutter erwartete von ihm, dass er auf einem der Stühle oder auf der Schaukel saß, dass er vielleicht am Geländer stand. Aber auf den Stufen war er näher am Geschehen, falls wirklich etwas geschah. Außerdem hielt er sich immer noch an die Regeln, vor allem an die Grundregel, dass er den Garten nicht betreten durfte. Die Taschenlampe lag unbenutzt neben ihm. Die Hupe hielt er in der rechten Hand.
Der Mond schwebte im Westen dahin, war noch nicht ganz hinter den Bergen verschwunden und strahlte hell wie eine exotische Qualle im Meer des Alls. Am Himmel funkelten mehr Sterne, als Woody jemals hätte zählen können. Nach dem Tod seines Vaters – Mord! – hatten sie die geschäftige Stadt im Silicon Valley verlassen, von dem seine Mutter sagte, dass es eher ein Gedanke als ein realer Ort sei. Sie waren hierhergekommen, an den Rand der Gemeinde Pinehaven in Pinehaven County, wo keine städtische Lichtverschmutzung das Licht der Sterne abschwächte.
Woody saß noch nicht länger als zehn Minuten auf der Treppe, als die drei Hirsche aus der Dunkelheit kamen: ein Bock mit einem prächtigen Geweih, eine Hirschkuh und ein vielleicht fünf Monate altes Kalb mit noch fleckigem Fell. Im Winter, wenn es ganz ausgewachsen war, würde es seine Flecken verlieren.
Hirsche zogen nicht immer im Familienverbund umher, oft reisten sie in kleinen Herden, ebenso oft allein. Aber im vorigen Jahr war eine Familie wie diese drei Monate lang fast jede Nacht hierhergekommen, angezogen vom Süßgras des Rasens. Woody hatte sich mit ihnen angefreundet, hatte Äpfel für sie zerteilt, die Stücke auf die Verandatreppe gelegt und sich zu einem Stuhl zurückgezogen. Nach und nach hatten sie genug Vertrauen gewonnen, um die Äpfel von der untersten Stufe zu fressen, während er auf der obersten saß. Am Ende hatten sie ihm die Stücke sogar mit ihren weichen Lippen aus den Händen genommen.
Aber diese drei Besucher waren nicht dieselben wie im letzten Jahr. Woody erinnerte sich an die Fellzeichnung der erwachsenen Tiere, und diese sahen anders aus. Die Hirsche bemerkten ihn und verhielten sich vorsichtig, blieben beim Grasen auf Abstand, wobei ein Hauch Mondlicht auf ihren schattenhaften Umrissen lag.
Manchmal fragte er sich, was mit dieser anderen Familie passiert war, ob eines oder mehrere der Tiere von Jägern getötet worden waren, ob vielleicht ein Berglöwe die Hirschkuh oder ihr Kalb erwischt hatte. Eine Familie zusammenzuhalten und zu beschützen war sehr, sehr schwer.
Er traute sich nicht, in die Küche zu gehen, ein paar Äpfel zu schneiden und zu versuchen, diese neuen Hirsche zur Treppe zu locken. Schon durch das Aufstehen allein konnte er sie verscheuchen. Aber wenn sie noch ein paarmal wiederkamen und sich an seine Anwesenheit gewöhnten, könnte er beginnen, sich mit ihnen anzufreunden.
Fürs Erste hatte er genug Freude daran, sie einfach nur zu beobachten. Sie bezauberten ihn. Sie waren schön und würdevoll, aber weder ihre Schönheit noch ihre Würde war das, was ihn am meisten berührte. Was ihn faszinierte, fesselte, bannte, war die Tatsache, dass es drei waren, die zusammen und in Sicherheit unter den Sternen ästen, furchtlose Wesen in dieser Welt der Furcht. Sie wirkten, als ob sie für immer zusammen sein würden.
Die Nacht war so still, dass Woody das Gefühl hatte, die Lichtjahre entfernten Sterne brennen zu hören. Aber was er hörte, war natürlich nur das Blut, das durch die Blutgefäße in seinen Ohren zirkulierte.
Er flüsterte: »Hallo.«
Obwohl der Junge mit leiser Stimme gesprochen hatte, hob der Bulle den gehörnten Kopf und starrte ihn an.
Für einen langen Moment betrachteten sie einander. Dann flüsterte Woody: »Ich hab dich lieb«, denn der Hirsch konnte den Augenblick durch kein falsches Wort verderben, und die Kluft, die zwischen den Arten lag, stellte sicher, dass keiner von ihnen sich oder den anderen in Verlegenheit bringen konnte.