12
Am Mittwochnachmittag war Megan Bookman in ihrem Atelier im Erdgeschoss. Sie hörte sich eine Sonate von Beethoven an, die Pathétique, während sie an einem Gemälde arbeitete. Die großen Fenster boten gutes Licht aus dem Norden. Der Raum roch nach Terpentin, Standöl und Farbe, ein Geruch, der für sie duftete wie Rosen.
Sie hatte die meiste Zeit ihres Lebens gemalt und verkaufte ihre Arbeiten seit dem Jahr ihres College-Abschlusses. Das wunderbare Jahrzehnt mit Jason und Woodys spezielle Bedürfnisse hatten ihre Produktion verlangsamt, aber sie hatte nie aufgehört, ihre Motive und Techniken zu verbessern.
Als sie Jason verloren hatte und sich damit abfinden musste, Woody allein großzuziehen, wurde die Malerei für sie zur langsamen, aber sicheren Heilmethode gegen die Trauer. Außerdem war es das, was ihr die Zuversicht gab, sich ohne Angst der Zukunft zu stellen. Nachdem sie ein Jahr lang als Witwe lange, beschwingte Stunden in ihrem Studio verbracht hatte, war es ihr gelungen, einen Vertrag mit einer großen Kunstgalerie zu schließen, die über Verkaufsstellen in New York, Boston, Seattle und Los Angeles verfügte.
Ihr künstlerischer Ansatz bestand in einer Zurückweisung alles Modischen von Picasso über Kandinsky bis Warhol sowie in einer Annäherung an den Realismus. Ihre Motive entstammten ihrer näheren Umgebung. Sie bildete sie mit großer Sorgfalt und sehr detailgetreu ab, aber gleichzeitig mit einem eigenwilligen Gespür für die Gesamtkomposition und die Komplexitäten des Lichteinfalls. All dies verlieh selbst den alltäglichsten Szenen etwas Magisches, sogar Übernatürliches.
Diese Herangehensweise würde ihr kaum den Zuspruch der engstirnigen Kritiker einbringen, die sich dem Postmodernismus verschrieben hatten. Dennoch war ihre Arbeit im Laufe der letzten 18 Monate in den passenden Kreisen zunehmend positiv gewürdigt worden und ins Gespräch gekommen.
Es war ihr egal, ob das Kritikerlob für ihre Werke zu- oder abnahm. Sie malte, um sich selbst zufriedenzustellen. Ihr erstes Leben hatte mit Jasons Tod geendet, und sie war zutiefst dankbar für ihre Entdeckung, dass es noch ein Leben nach dem Leben gab. Ihre Kunst und ihr Kind genügten ihr. Alles andere, was die Zukunft noch bringen mochte, war ein zusätzliches Geschenk.
Weil sie die Nummer ihres Smartphones nicht leichtfertig herausgab, hatte sie auch einen Festnetzanschluss im Haus. Das Studiotelefon stand auf einem Tisch neben ihrer Staffelei. Als es klingelte, war ihr die Nummer des Anrufers unbekannt, aber sie legte den Pinsel hin, drehte sich auf ihrem Hocker um und nahm den Hörer ab.
»Hallo?«
»Megan? Megan Bookman?«
»Am Apparat.«
»Hier ist Lee Shacket.«
Sie wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Ihre gute Laune wurde ein wenig schlechter. »Lee, wie geht’s denn so?«
»Großartig. Mir geht’s großartig.« Er klang etwas überdreht. »Kann mich nicht beklagen. Überhaupt nicht. Und dir?«
Sie war für kurze Zeit mit ihm ausgegangen, bevor sie Jason begegnet war, aber zwischen ihnen hatte die Chemie nicht gestimmt, keine Nähe war entstanden. Er war süß, ziemlich ernst. Manchmal konnte er sehr unterhaltsam sein und warf mit Übertreibungen um sich wie der verstorbene Komiker Robin Williams. Er arbeitete hart und hatte große Träume, die eher auf charmante Weise naiv als großspurig waren. Aber im Wesentlichen war er ein junger Mann gewesen, der noch mitten in seiner Entwicklung steckte und zu sehr mit sich selbst beschäftigt war, um sich viele Gedanken um andere zu machen. Schließlich hatte Jason in Lees Treiben genug Intelligenz und Selbstdisziplin erkannt, um ihn Dorian Purcell zu empfehlen, und tatsächlich war Lee die Karriereleiter schneller und viel höher emporgestiegen als Jason.
»Es läuft alles ganz gut«, antwortete sie. »Ich habe gemalt, versucht, eine gute Mom zu sein, du weißt schon.«
»Wie geht’s dem Kind? Dem Jungen. Wie kommt der Junge klar?«
»Woody? Der kommt zurecht. Hat alle Hände voll zu tun damit, er selbst zu sein.«
Seit einer betrieblichen Veranstaltung vor acht oder neun Jahren hatte Megan keine Gelegenheit mehr gehabt, sich mit Lee Shacket zu unterhalten. Er hatte nicht angerufen, um sein Beileid auszusprechen, als Jason gestorben war.
»Du bist wieder nach Pinehaven gezogen. Da bist du auch geboren worden, nicht? Bist du nicht in Pinehaven auf die Welt gekommen?«
»Ja. Ist ruhig hier. Eine gute Umgebung für Woody.«
»In Pinehaven ist nicht viel los. Da gibt’s nicht viel Glamour.«
»Ist mir lieber so«, sagte sie. Sie fragte sich, aus welchem Grund er anrief, was er von ihr wollte.
»Bist du finanziell gut versorgt, Megan?«
Die Frage kam ihr merkwürdig vor. »Wie bitte?«
»Ich weiß, dass Dorian sich nicht vernünftig um dich gekümmert hat, nachdem Jason gestorben war.«
Jason hatte über Aktienoptionen verfügt, die sie und Woody wohlhabend gemacht hätten, wenn auch nicht wirklich reich. Aber der Arbeitsvertrag hatte eine ungewöhnliche Vesting-Klausel enthalten, die mehr als eine Auslegung zuließ, und Dorian hatte sich als nicht besonders großzügig einer Witwe gegenüber erwiesen.
»Wir kommen zurecht«, versicherte sie Shacket.
»Das war nicht korrekt. Dorian kann so ein sturer Drecksack sein. Du hättest ihn verklagen sollen.«
»Er hatte die tieferen Taschen. Das hätte sich jahrelang hingezogen, ohne eine Garantie, dass ich gewonnen hätte.«
»Es ist so falsch. Jason hätte gewollt, dass du ihn verklagst. Er hatte verdient, was Dorian dir vorenthalten hat.«
»Ich habe getrauert, außerdem musste ich mich um Woody kümmern. Wir hatten genug. Ich wollte mich nicht in ein Gerichtsverfahren stürzen.«
»Dorian hat mich auch reingelegt. Er hat mich vorgeschoben, damit ich mich für ihn opfere, er hat mich übers Ohr gehauen, aber am Ende war ich trotzdem reich. Ich habe 100 Millionen gemacht.«
Sie wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Anfangs war Shackets Stimme voll ätzender Wut gewesen, dann voller Stolz.
Er redete schnell weiter, offenbar ohne ihre kurze Sprachlosigkeit zu bemerken. »Wenn du irgendwas brauchst, egal was, kannst du auf mich zählen. Ich habe die nötigen Mittel. Was immer du brauchst. Alles.«
Sie hatte sich vielleicht sechs Mal mit Lee Shacket getroffen. Sie hatte in ihm einen besseren Jungen gesehen als den Mann, zu dem er sich schließlich entwickelt hatte – einer, der sich eine freche Selbstsicherheit aneignete, um die Bescheidenheit und die Selbstzweifel seiner Jugend loszuwerden. Vielleicht hätte sie ihn lieber gemocht, wenn er zugelassen hätte, dass aus diesem Jungen ein anderer Mann wurde. Lee hatte fast 14 Jahre lang keine Rolle in ihrem Leben gespielt. Er war nur ein Geschäftspartner von Jason gewesen, dem sie nur selten begegnet war. Sie und ihn verband nichts von Substanz; da war nie etwas gewesen. Sie konnte sich nicht vorstellen, was er mit dieser seltsamen Unterhaltung bezweckte.
»Das ist nett von dir, Lee. Sehr aufmerksam von dir.« Tatsächlich fand sie sein Angebot nicht nur unerklärlich, sondern auch etwas beängstigend. »Aber Jason hat uns durch die Versicherung und so weiter genug hinterlassen, und meine Gemälde verkaufen sich gut. Wir kommen zurecht, wirklich.«
»Wenn man 100 Millionen gemacht hat«, gab er zurück, »dann will man auch was zurückgeben. Mir geht das ständig durch den Kopf. Ich will einfach, dass du weißt, du und das Kind, der Junge, dass ich für euch da bin. Ihr seid mir nicht egal. Ich bin da.«
Wieder machte er sie sprachlos.
Selbstvergessen faselte er einfach weiter, ohne Megans unbehagliches Schweigen auch nur zu bemerken. »Warst du schon mal in Costa Rica? Ist toll dort, ein wunderbarer Ort. In der blauen Karibik. Das ist anders als das Meer bei Kalifornien. Still, wie ein Juwel. San José, die Hauptstadt, ist eine kultivierte Stadt. Freundliche Leute, tolles Nachtleben. Wenn man in Costa Rica 100 Millionen hat, ist das so, als wenn man hier ’ne Milliarde hätte, ach was, zwei oder drei Milliarden. Ich gehe nach Costa Rica, Megan. Ich steig aus aus diesem Hamsterrad. Ich werd mich zurücklehnen, das Leben genießen, wirklich leben, solange ich noch jung bin. Aber nichts ist so gut, wie es sein sollte, wenn man allein ist. Was ich brauche, ist jemand, mit dem ich das alles teilen kann. Das zwischen uns beiden, das war was ganz Besonderes. Wirklich besonders. Ich war noch zu unreif, zu verzweifelt, um Erfolg zu haben, zu bescheuert, um zu begreifen, was das zwischen uns war. Aber ich hab es immer bedauert, dass wir uns voneinander entfernt haben. Wenn du mir eine zweite Chance gibst, würdest du das nicht bereuen. Ich werde mich gut um dich kümmern, Megan, um dich und den Jungen. Niemand könnte sich besser um euch kümmern.«
Sie fragte sich, ob er betrunken war. Oder high. Er sprach schnell, aber nicht undeutlich. Egal ob er es im Rausch ausgesprochen hatte oder nicht – dieses Angebot kam aus heiterem Himmel, war unvernünftig und zutiefst peinlich.
Früher wäre sie unter diesen Umständen vielleicht unhöflich geworden, aber der liebe Woody hatte ihr Geduld beigebracht. Sie wählte ihre Worte mit Bedacht. »Ich fühle mich geschmeichelt, dass du nach all den Jahren immer noch so eine hohe Meinung von mir hast, Lee. Auch wenn ich sicher bin, dass ich das nicht verdient habe. Nicht nur junge Männer können unreif sein. Auch junge Frauen können das ganz gut. Aber ich habe Woody. Er verlässt sich auf mich. Im Moment ist Woody alles, was ich will, alles, was ich brauche. Ich könnte ihn unmöglich mit nach Costa Rica nehmen. Ein Ausflug zum Friseur macht ihn emotional schon völlig fertig, und er braucht Tage, um sich von einem Zahnarzttermin zu erholen. Ich fürchte, du unterschätzt, wie sehr es das Leben verändert, ein pflegebedürftiges Kind zu haben.«
Nach seinem Wortschwall war er nun derjenige, der schwieg. Dann sagte er: »Aber es muss Costa Rica sein. Ich habe alles geplant. Der Weg ist auch vorbereitet. Das kann ich nicht mehr ändern. Ich könnte dich in den Plan integrieren, dich und den Jungen, aber ich kann mir keinen neuen Plan ausdenken, nicht jetzt, nicht nachdem … Gib mir eine Chance. Sag mir nur, dass du drüber nachdenken wirst, Megan. Denk bis morgen drüber nach und ruf mich dann an. Bitte ruf mich morgen an.«
Er gab ihr die Nummer und sie schrieb sie auf, ohne die Absicht, ihn wirklich anzurufen. »In Ordnung, aber ich fürchte, unsere Zeit ist vorbei, Lee. Für mich ist das am besten, was am besten für Woody ist, und das ist nicht Costa Rica. Du hast einen Wohlstand erreicht, um den dich viele beneiden würden, und ich habe keinen Zweifel, dass du eine findest, mit der du ihn teilen kannst. Du hast es verdient, glücklich zu sein. Glücklicher, als du mit mir wärst.«
Er begann sie wieder zu bedrängen, und sie log, um diese quälende Unterhaltung beenden zu können. Sie behauptete, Woody rufe nach ihr, er habe einen seiner Wutanfälle – die er in Wahrheit nie hatte –, und sie müsse sofort zu ihm.
Nachdem sie aufgelegt hatte, wandte Megan ihre Aufmerksamkeit der Leinwand zu, an der sie gearbeitet hatte. Ihr Garten diente als Bildhintergrund. Der Zeitpunkt, den sie abbilden wollte, war etwa um vier Uhr morgens. Der Mond war die einzige Lichtquelle. Seine schaurige Leuchtkraft war eine Metapher für das Licht im Herzen der Welt, das unsichtbare Licht in allen Dingen. Daher stellte sie es zwar realistisch dar, arbeitete jedoch mit leichten Übertreibungen. Bestimmte blasse Elemente der Komposition schienen den Mondschein aus dem Inneren abzustrahlen: die Apfelstücke in der Hand des Jungen, sein Gesicht, das weiche Fell der drei Hirsche, die weißen Blüten des Apfelbaums. Und über allem ragte der dunkle Wald auf.
Soweit sie wusste, war Woody nach Einbruch der Dunkelheit nie allein in den Garten gegangen. Er hatte die Hirsche zur Verandatreppe gelockt, damit sie ihm aus der Hand fraßen. Manchmal musste eine Künstlerin die Ereignisse so darstellen, wie sie gewesen sein könnten, etwas anders, als sie wirklich gewesen waren, um ihr wahres Wesen treffender zum Ausdruck zu bringen.
Und was war das wahre Wesen von Lee Shackets Anruf?
Was das anging, war sie ratlos.
Weil es ihr nicht gelang, wieder in die richtige Stimmung zu kommen, stellte sie ihren Pinsel in einen Krug Terpentin.
Sie ging zur hohen Glastür und den angrenzenden Fenstern, die für ausreichend Licht aus dem Norden sorgten. Dies war zwar nicht der Rasen, der auf ihrem Gemälde zu sehen war, aber der Wald umschloss auch diesen seitlichen Garten und wirkte hier etwas näher als an der Rückseite des Hauses.
Wenn ein Narzisst wie Shacket 100 Millionen Dollar zur Verfügung hatte, verfiel er sicher nicht in Melancholie, wurde nicht sentimental und grübelte nicht über die Vergangenheit oder verpasste Gelegenheiten nach. Er zog los und kaufte sich, was er wollte, ob es nun ein Ferrari war oder eine hübsche Begleiterin mit langen Beinen und üppigen Kurven.
Er musste betrunken gewesen sein. An dem Ort, von dem er angerufen hatte, war es vielleicht schon viel später als halb drei am Nachmittag, und vielleicht hatte er schon früh mit dem Trinken angefangen.
Es war nie seine Sache gewesen, über seine Gefühle zu sprechen. Er hatte nur über seine Absichten gesprochen, bei denen er keinen Widerspruch duldete, und über seine großen Ziele, von denen er sicher war, dass er sie erreichen würde. Er hatte sie nicht geliebt, nur gewollt. Wenn die Wirkung des Alkohols nachließ, würde er bereuen, was er getan hatte. Er würde sie nicht wieder anrufen. Und falls doch, würde Megan nicht ans Telefon gehen.
Die Lichtqualität hatte sich geändert, nicht nur weil der Nachmittag vorbeiging, sondern auch, weil der Himmel sich mit blassgrauen Schuppen bedeckte und sein feines blaues Kleid durch eine Schlangenhaut ersetzte.
Wie immer war der Tag voller Magie, aber es war nicht diejenige, die sie auf diese spezielle Art verzauberte, die sie brauchte, um der Darstellung von Woody und den Hirschen gerecht zu werden.
Jeden Montag, Mittwoch und Freitag kam Verna Brickit für einfache Hausarbeiten vorbei und kochte am Ende eine Mahlzeit, die Megan zum Abendessen wieder aufwärmen konnte. Sie musste bereits in der Küche sein; bestimmt würde sie eine Kochassistentin zu schätzen wissen und sich gern mit Megan unterhalten.
Sie säuberte ihre Pinsel, verstaute ihre Farben und wusch sich die Hände im angrenzenden Badezimmer.
Als sie sich im Spiegel über dem Waschbecken betrachtete, war sie überrascht, so viel unverwechselbare Beklemmung in ihrer Miene, ihren Augen zu sehen. Lee Shackets Wiedereintritt in ihr Leben hatte sie mehr erschüttert, als sie sich eingestehen wollte.
Schon immer war er von einer dunklen Energie erfüllt gewesen, und nach und nach kehrte ihre Erinnerung daran zurück. Er hatte nur eins von ihr gewollt und sie wie ein geübter Puppenspieler so geschickt manipuliert, dass sie es in ihrer jugendlichen Naivität zuerst nicht bemerkt hatte. Als sie begann, ihn zu durchschauen, hatte er versucht, ein anderes Mädchen als Waffe einzusetzen. Wie hatte sie noch gleich geheißen? Clarissa? Ja. Er hatte die Drohung von Clarissas sexueller Verfügbarkeit eingesetzt, um Megan zu manipulieren, und sie hatte zugelassen, dass er auf diese Weise aus ihrem Leben verschwand.
Und so sollte es auch bleiben.
Sie ging in die Küche und hielt nach Verna Brickit Ausschau.