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Als Kipp Durst bekam, fiel es ihm nicht schwer, Wasser zu finden.

Der Lake Tahoe war einer der tiefsten und reinsten Seen der Welt. Es war ohne ernste Risiken möglich, aus den Bächen zu trinken, die in ihn mündeten.

Das Wasser war kühl und sauber.

Er hielt beim Trinken inne, um die Fische zu beobachten, sah ihre Flossen unter der gekräuselten Oberfläche, als sie durch die sonnendurchfluteten Becken schwammen, in denen das Wasser des Bachs sich auf dem Weg nach unten sammelte.

Der Hunger stellte sich als das größere Problem heraus.

Als Hund war er von Natur aus ein Jäger. Aber er hatte noch nie gejagt.

Nur damals, als Dorothy den Ball versteckt und ihm aufgetragen hatte, ihn zu suchen. Er hatte den Ball tausendmal gefunden, aber er hatte ihn nie gefressen.

Die Wiesen waren voller Kaninchen, die im Sonnenlicht Gras knabberten. Als sie Kipp entdeckten, erstarrten die meisten, versuchten, sich unsichtbar zu machen, oder rannten erschrocken davon.

Einige Kaninchen beäugten ihn argwöhnisch und fraßen dann weiter, als hätten sie seine Schwäche wahrgenommen.

Kipp war körperlich stark, 30 Kilogramm Muskelfleisch und Knochen. Auch geistig war er stark.

Aber was seine Emotionen betraf … Sein Mitgefühl kollidierte nach wie vor mit seinen Instinkten.

In der Natur ernährten sich diejenigen mit den scharfen Zähnen von denen, deren Zähne stumpf waren. Die Starken beherrschten die Schwachen.

Aber er war ein Hund, der die höhere Intelligenz eines Menschen besaß, wodurch er weder ganz Hund noch ganz Mensch war.

Intelligenz ließ Kultur entstehen, aus Kultur entstand Ethik.

Obwohl seine Gestalt die eines Hundes war, war er geistig sowohl Hund als auch Mensch. Dafür hatte jemand schon vor seiner Geburt gesorgt.

Für Dorothy war er wie ein Kind gewesen. Seine Kultur und Ethik stammten von ihr, waren die eines Menschen.

Manche menschlichen Wesen konnten ihre Mitmenschen im Zorn, zu ihrem eigenen Vorteil oder auch einfach nur aus Freude am Nervenkitzel umbringen.

Aber so dekadent waren weder Dorothy noch Kipp.

Die meisten Menschen konnten töten, um sich zu verteidigen, und dazu war auch Kipp fähig, Dorothys Kind.

Doch die Kaninchen stellten für ihn keine Bedrohung dar. Ebenso wenig wie Eichhörnchen oder Feldmäuse.

Er lief über Wiesen und durchquerte kleine Wälder, in denen es vor Gelegenheiten zum Mittag- und Abendessen nur so wimmelte, und sein Hunger wuchs.

Es hatte den Anschein, dass er alle Wesen, die keine scharfen Zähne hatten, töten konnte, wenn es um Leben und Tod ging. Kaninchen und Eichhörnchen waren schließlich weder Hunde noch Menschen.

Sie gehörten nicht zu seiner Art. Die Natur sah vor, dass er sie sich nahm, wenn er sie brauchte. Sie waren Beute.

Aber an diesem Punkt, unter diesen Umständen, wurde der Segen menschlicher Intelligenz für ihn beinahe zu einem Fluch. Er kannte Mitgefühl.

Gnade. Erbarmen.

Das waren beschwerliche Werte.

Mitgefühl. Gnade. Erbarmen.

In Momenten wie diesem wurde der Geruchssinn zum philosophischen Problem.

Der Geruchssinn war ein zentraler Bestandteil des Hundelebens. Er war ganze 20-mal stärker als der des Menschen. Seine Nase verfügte über 44 Muskeln, während die menschliche Nase nur vier hatte.

Allein sein Geruchssinn lieferte ihm mehr Informationen als alle fünf menschlichen Sinne zusammen. In diesem Fall waren es zu viele.

Jedes unter den niederen Tieren erfreute sich am Leben. Kipp konnte ihre Lebensfreude riechen, so deutlich und stechend wie den Gestank ihrer Exkremente, wie Moschus, Atem und warmes Blut.

Mitgefühl, Gnade und Erbarmen auf der einen, der Überlebensinstinkt auf der anderen Seite.

Die Menschen lösten das Problem – zumindest teilweise – dadurch, dass sie Distanz zwischen sich und manche ihrer Nahrungsquellen brachten. Sie erfanden Schlachthäuser und den Beruf des Schlachters.

Kipp besaß keine Kreditkarte, mit der er einen Schlachter bezahlen konnte.

Was er gerade erlebte, nannte man einen »Gewissenskonflikt«.

Sein Hunger wuchs.

Weil er körperlich vollständig und geistig zur Hälfte ein Hund war, begab er sich nicht geradewegs zu dem Jungen, den er finden wollte, und stillte auch nicht geradewegs seinen Hunger.

Das Bedürfnis eines Hundes, herumzutollen, lenkte ihn ab.

Ein kleiner Schwarm Schmetterlinge fesselte ihn. Er versuchte nicht, sie zu beißen, sondern hüpfte hinter diesen strahlenden Wundergestalten her, bestaunte ihren mühelosen Tanz durch die Luft.

Etwa 800 Meter weiter trieb ein Folienballon über ein Feld, der nicht mehr ganz aufgepumpt war, vom Helium aber noch in der Luft gehalten wurde.

Das Wort ›Happy‹ stand darauf, in deutlich lesbaren roten Buchstaben.

Kipp verfolgte den Ballon.

Die zweite Textzeile verschwand immer wieder in den tiefen Falten des Materials und kam wieder zum Vorschein. Sie lautete ›Birthday‹.

Er hatte solche Ballons schon einmal gesehen. Aber dieser erschien ihm unwiderstehlich merkwürdig, weil er so fehl am Platz war.

Das helle, spiegelnde Stück Folie, das über diese einsame Wiese schwebte, faszinierte ihn. Es schien irgendetwas zu bedeuten.

Kipp verfolgte den Ballon, sprang hoch und biss nach dem langen roten Band, das daran hing. Seine Zähne bissen in die leere Luft. Frustriert sprang er beim nächsten Mal höher, noch höher.

Gerade als er sich selbst dafür rügte, dass er seinem inneren Welpen nachgegeben hatte, stellte sich heraus, dass der Ballon tatsächlich eine Bedeutung hatte.

Er fand einen flatternden Vogel, der auf dem Boden lag. Einer seiner Flügel war gebrochen.

Verängstigt verdrehte das Tier die Augen und hackte mit dem Schnabel, ohne einen Laut von sich zu geben. Schreck und Schmerz hatten seinen Gesang verstummen lassen.

Dem Vogel konnte nicht geholfen werden. Sein Schicksal war es, von einem Falken, einem Fuchs oder irgendeinem anderen Tier geholt und lebendig aufgefressen zu werden.

Kipp dachte für eine Minute darüber nach.

Tut mir leid, Kleiner.

Mit einer Vorderpfote stellte er sich auf den Vogel, legte sein ganzes Gewicht hinein und brach ihm das Genick.

Wenn Menschen ins Kino gingen, um eine Tragödie zu sehen, handelte es sich um ein Schauspiel, in dem irgendeine großartige Person aus großer Höhe fiel, zu Fall gebracht vom Schicksal oder einem charakterlichen Fehler.

Kipp hatte sich mit Dorothy Komödien und Tragödien im Fernsehen angeschaut.

Ein Vogel konnte keinen Charakterfehler haben. Und doch spielten Vögel wie auch alle anderen kleinen Tiere jeden Tag tragische Rollen.

In dieser schönen, aber harten Welt gab es keine Spezies, die vom Schicksal verschont blieb.

Es war ein fetter Vogel. Unter den Federn spürte Kipp saftiges Fleisch.

Er wandte sich ab, rührte das Tier nicht an. Am Tragischen fand er keinen Geschmack.

Etwa eine Meile weiter nahm er ein vertrautes, köstliches Aroma wahr. Hamburger auf einem Grill.

Und nicht nur Hamburger. Auch Würstchen.

Von diesem Duft angezogen rannte er auf eine dichte Baumreihe zu, durch einen immergrünen Wald, dann auf einen Campingplatz, auf dem einige Zelte und kleine Wohnmobile standen.

Menschen. Erwachsene und Kinder.

Er kannte tausend Tricks und Kniffe, sich bei ihnen einzuschmeicheln. Jemand würde ihn füttern.

In seinem Hunger vergaß er für einen Augenblick, dass nicht alle Menschen gut waren. Selbst wenn 100 von ihnen es waren, gab es immer noch einen, der böse Absichten hatte.