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Shacket ruft sie von einem Motelparkplatz am Rand von Truckee, Kalifornien, an, nördlich des Lake Tahoe. Er schüttet ihr sein Herz aus, gesteht, dass er einen Fehler gemacht hat, indem er sie damals nicht gründlich genug umworben hat. Er bietet ihr die Welt an, die Welt in Costa Rica. Zuerst scheint sie sich über seinen Anruf zu freuen. Aus ihrem Tonfall glaubt er herauszuhören, dass es ihr leidtut, nicht für ihn die Beine breit gemacht zu haben. Denn wenn er und nicht dieser hinterhältige Jason sie geschwängert hätte, dann würde es keinen Woody geben, keinen geistig behinderten, stummen Jungen, der ihr jeden Tag zur Last fällt. Er und Megan hätten zusammen einen schönen Sohn gezeugt, einen gut aussehenden, verdammt schlauen kleinen Kerl, auf den sie stolz gewesen wären. Also: Ja, zuerst glaubt er, dass sie ihn will, ihn braucht, dass er sie am Haken hat.

Aber dann schleicht sich ein überheblicher Ton in ihre Stimme, eine Gemeinheit, die ihm nicht gefällt, die er nicht verdient hat, die er nicht ertragen kann. Ich fürchte, du unterschätzt, wie sehr es das Leben verändert, ein pflegebedürftiges Kind zu haben. Hält sie ihn für dumm? Warum sollte er nicht wissen, wie sehr dieses schwachsinnige, stumme Kind ihr Leben versaut hat? Ich fürchte, unsere Zeit ist vorbei, Lee. Als ob vor ihrer Tür noch 20 andere Typen stehen, die 100 Millionen in der Tasche haben. Als ob sie ihm je genug Zeit gelassen hätte. Aber ihre Zeit ist nie vergangen, weil sie ihm nie genug davon gegeben hat, ihm nie die Chance gegeben hat, sie festzuhalten und ihr zu zeigen, was ihr entgeht, wenn sie auf ihn verzichtet. Für mich ist das am besten, was am besten für Woody ist, und das ist nicht Costa Rica. Glaubt sie wirklich, dass er nicht merkt, dass sie ihn mit Scheiße bewirft? Verdammt, er kann es regelrecht riechen. Was sie eigentlich damit sagen will, ist, dass so ein kleiner Schwachkopf, der noch nicht einmal reden kann, interessanter ist als Lee Shacket, dass sie das Leben in einem Hinterwäldlerkaff wie Pinehaven weißen Stränden, der blauen Karibik und dem Luxus vorzieht – wenn sie sich dafür mit Lee Shacket abgeben müsste.

Je wütender er auf Megan wird, desto mehr Hunger bekommt er. Er ist hungriger denn je, unmenschlich hungrig. Vor fünf Stunden hat er in Bishop vor einem Saftladen angehalten, dem irgendein hirnverbrannter Kritiker drei Sterne gegeben hat, wo man aber nicht einmal fähig war, ihm einen Hamburger so zuzubereiten, wie er ihn wollte. Zweimal hat er ihn zurückgehen lassen und versucht, ihnen zu erklären, was er unter rare versteht. Beim dritten Mal ist es immer noch nicht richtig. Der Geschäftsführer kommt an seinen Tisch und sagt: »Sir, was Sie offenbar möchten, ist ein Tatarbeefsteak als Burger, aber so leid es mir tut, wir sind kein Restaurant, das Ihnen das anbieten kann. Bei rohem Rinderhackfleisch gibt es gesundheitliche Bedenken.« Shacket würde am liebsten Messer und Gabel nehmen, diesen Drecksack aufschlitzen und ihm genau zeigen, was rare ist. Aber stattdessen bestellt er noch zwei Burger, die kein bisschen besser durchgebraten sind als der medium rare- Bratling, den sie ihm bereits serviert haben. Er isst alle drei Burger, aber nur eins der Brötchen und keine Fritten. Er bezahlt, gibt aber kein Trinkgeld.

Auf dem Weg nach draußen lächelt die Kellnerin ihn an und wünscht ihm einen schönen Tag. Sie erinnert ihn an seine labile Mutter, die sich geweigert hat, ihre Medikamente zu nehmen. Sie konnte ihn so heftig ohrfeigen, dass seine Lippe aufplatzte, ihn an den Haaren ziehen, bis er geweint hat. Dann konnte sie wieder mit scheinbarer Aufrichtigkeit behaupten, sie liebe ihn mehr als ihr Leben. In diesem Moment ist die Kellnerin seine Mutter, und Shacket hat noch eine Rechnung mit ihr zu begleichen.

»Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie wie diese Schauspielerin aussehen, Riley Keough?«, fragt er.

Die Frau ist Mitte 20 und so schüchtern, dass sie rot wird. »Oh, die ist wunderschön. Ich laufe jetzt lieber nicht zum Spiegel, sonst bin ich nur enttäuscht.«

»Ist auch besser so. Das war nämlich gelogen. Sie haben ein Gesicht wie ’ne Scheißhausratte. Jeder, der Sie bumst, will hinterher Selbstmord begehen.«

Die Freude in ihrer Miene weicht Schmerz, weicht verblüffter Wut.

»Schönen Tag noch«, fügt er hinzu und geht.

Er weiß schon lange, dass Grausamkeit eine Form von Macht ist, aber bis vor Kurzem hatte er diese Waffe noch nicht seinem Arsenal hinzugefügt.

Jetzt, ein paar Stunden später, muss er wieder etwas essen. Das Motel, vor dem er gehalten hat, verfügt über einen eigenen Diner. Aber er will nicht hineingehen und schlechtes Essen bestellen, wie er es zuvor getan hat. Außerdem ist er zu wütend auf Megan, dieses bissige Miststück. Sie hält sich für zu gut für ihn. Wenn er jetzt in das Restaurant geht, wird er seine Wut an einer Kellnerin oder jemand anderem auslassen, das Essen wird grauenvoll sein und er wird eine Szene machen. Er darf nicht vergessen, dass er, den Angaben in seinem Führerschein zum Trotz, nicht Nathan Palmer ist. Er ist Lee Shacket, früherer CEO von Refine, und er flieht wegen der Ereignisse in Springville, Utah. Ja, er hat sein Erscheinungsbild verändert, aber es wäre dennoch ein Fehler, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Er kann immer noch essen, wenn er bei Megan ist. Sie wird es so zubereiten, wie er will. Sie wird alles so machen, wie er will. Er begreift jetzt, was er vor all den Jahren falsch gemacht hat. Er ist zu nett zu ihr gewesen, hat zu viel Rücksicht auf ihre Gefühle genommen. Bei einer unterkühlten Schlampe wie Megan Grassley Bookman kommt man mit Liebenswürdigkeit und Rücksichtnahme nicht weit. Er wird ihr geben, was sie verdient hat, was sie will, ohne es selbst zu wissen. Und wenn sie nach mehr bettelt, wird er sie stehen lassen, wird sie im beschissenen Pinehaven zurücklassen und nach Costa Rica fliegen.

Es sind vielleicht noch 90 Meilen bis zu ihrem Haus. Noch vor Einbruch der Nacht wird er dort sein. Sie werden ihr Wiedersehen feiern, sich über die alte Zeit unterhalten, und er wird das mit ihr machen, wozu er damals nicht den Mut hatte. Ich fürchte, unsere Zeit ist vorbei, Lee. Sie wird einsehen, dass sie sich irrt. Er wird die Zeit zurückdrehen. Ihre Zeit wird wiederkommen, und ob. Ich fürchte, du unterschätzt, wie sehr es das Leben verändert, ein pflegebedürftiges Kind zu haben. Er wird ihr zeigen, was sie wirklich fürchten sollte, dieses Miststück. Außerdem wird er ihr zeigen, dass ihr verändertes Leben sich noch einmal ändern kann, zum Besseren, indem er dem kleinen, stummen Bastard einfach die Kehle durchschneidet.

Er startet den Motor und steuert den Dodge Demon vom Parkplatz auf die I-80 nach Westen. Nach 24 Meilen wird er die Interstate verlassen und auf die State Route 20 abbiegen. Sein ganzes Leben lang ist er ungerecht behandelt, benutzt und fallen gelassen worden, als Sündenbock benutzt. Abgesehen von Dorian Purcell haben das alle getan, von Jason Bookman bis zur heißen Megan Grassley, aber das wird er sich nicht mehr gefallen lassen. Er spürt, wie eine Macht in ihm wächst, ein neuer Lee Shacket. Er verwandelt sich in jemanden, zu dem niemand Nein sagen kann, jemanden, der sich nicht an Regeln halten muss, der immer bekommt, was er will. Jemand, wie ihn die Welt noch nie gesehen hat. Etwas Besonderes. Etwas.