16
Er war ein Glückspilz.
Kinder rannten, hüpften und tobten überall auf dem Campingplatz herum. Sowohl jüngere als auch ältere Kinder schafften gern heimlich etwas zu essen beiseite, um es Hunden zu geben.
Sein Glück war auch, dass er hier offenbar der einzige Hund war, den die Kinder füttern konnten. Sie warfen Bälle und ließen Frisbees fliegen, aber keine Vierbeiner beteiligten sich an ihren Spielen.
Es hatten noch nicht alle mit dem Kochen angefangen. Es war noch etwas zu früh für das Abendessen.
Aber mindestens zwei Männer standen trotzdem schon an ihrem tragbaren Grill bereit. Der Duft von Holzkohle lag in der Luft.
Einer der Köche marinierte Steaks in einer tiefen Pfanne. Er hatte gerade seine Kohlen angezündet.
Er war schlank, stark gebräunt und hatte zurückgegeltes Haar.
Auf seinem T-Shirt leuchtete der Spruch ›Fork Off‹ unter dem Bild einer Grillgabel mit drei Zinken. Zwei davon waren nach unten gebogen. Nur die mittlere war gerade.
Der Kerl machte keinen sehr freundlichen Eindruck. Er roch nach Neid und Wut.
Der zweite Mann ließ Hamburger-Patties auf einer gasbetriebenen Bratplatte brutzeln. Auf seinem Grill schwitzten und schwollen Würstchen.
Kipp begab sich näher ans Geschehen, platzierte sich neben dem Grillmeister mit den billigeren Fleischsorten.
Dort saß er, wischte mit dem Schwanz über den Boden, stellte die Schlappohren so weit auf, wie er sie aufstellen konnte, und neigte den Kopf. Spielte den Niedlichen.
Dabei konnten Kipp nur wenige das Wasser reichen.
Hunde waren zwar unfähig anzugeben, aber ebenso wenig zu falscher Bescheidenheit in der Lage. Die Dinge waren, wie sie waren, mehr gab es nicht zu sagen.
Der Grillmeister gehörte zu der Sorte Mensch, die mit Tieren sprach. Er war zwar kein Doktor Dolittle. Er begann keinen Dialog mit ihnen. Aber er schien nett zu sein.
Er roch nach Freundlichkeit und er trug kein T-Shirt mit derben Sprüchen.
Er nannte Kipp »Kumpel«: Er sagte: »Ich hatte mal so einen wie dich, als ich noch klein war.«
Statt mit dem Schwanz über den Boden zu wischen, klopfte Kipp nun damit.
»Hast du dich verlaufen, Kumpel?«
Kipp hörte auf, mit dem Schwanz zu klopfen.
Wenn er sich verlaufen hatte, machte ihn das sympathischer, was die Wahrscheinlichkeit erhöhte, dass man ihn füttern würde.
Tatsächlich traf das jedoch nicht zu. Er wusste, wohin er wollte. Der murmelnde Junge in der Leitung zog ihn an.
Hätte er gewinselt und wie ein Schauspielhund so getan, als hätte er sich verlaufen, wäre das eine Lüge gewesen.
Die Mitglieder des Mysteriums logen keine Menschen an, die nach Freundlichkeit rochen. Das war zwar kein unumstößliches Gebot, aber doch eine ernst zu nehmende Regel.
Menschen zu täuschen, die nach Wut oder Neid – oder Schlimmerem – rochen, war gerechtfertigt, denn diese waren gefährlich. Sie zu täuschen konnte überlebenswichtig sein.
»Hast du Hunger, Kleiner?«
Kipp klopfte wieder mit dem Schwanz, fester als zuvor.
Der Mann, der nach Freundlichkeit roch, kam offenbar auch ohne Täuschung durch ein Winseln zu dem Schluss, dass ein verlorener, hungriger Hund vor ihm saß. »Ich hab was für dich.«
Mit einer Zange legte er ein großes, nicht ganz durchgebratenes Hamburger-Patty auf einen Pappteller. Daneben ein fettes Würstchen.
»Wenn die ein bisschen abgekühlt sind, kannst du sie haben.«
Jetzt konnte Kipp winseln, denn jetzt war es ein Winseln der Dankbarkeit.
Der Mann bückte sich, untersuchte Kipps Halsband und sagte: »Kein Name. Keine Telefonnummer. Vielleicht hat man dir einen Chip injiziert.«
Kipp war nicht gechippt, aber im Verschluss seines Halsbands war ein GPS mit einer kleinen Lithiumbatterie enthalten.
Dorothy hatte nicht befürchtet, dass er weglaufen würde. Aber sie hatte sich Sorgen gemacht, dass ihn jemand entführen könnte.
Nachdem er ein paar Hamburger gewendet hatte, schnitt der Mann den Burger und das Würstchen, die er für Kipp beiseitegelegt hatte, in Stücke, damit das Fleisch schneller abkühlte.
Eine Frau führte vier Kinder zu einem Picknicktisch in der Nähe. Die zwei Jungen und zwei Mädchen hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit ihr und dem freundlichen Mann. Es waren ihre Welpen.
Auf dem Tisch standen Kartoffelsalat, Chips, Nudelsalat und noch andere Dinge, die einen wunderbaren Duft verströmten.
Die Frau trug einen Servierteller mit gebratenen Hamburger-Patties und Würstchen zum Tisch. Die Kinder jubelten und begannen, sich Sandwiches zu basteln.
Es war ein fröhlicher Ort.
Der nette Mann stellte den Pappteller auf den Boden. Das Fleisch war ausreichend abgekühlt, und Kipp fraß es genüsslich.
Er winselte nicht nach mehr. Das wäre undankbar von ihm gewesen.
Außerdem waren da noch die Kinder am Tisch, die sich über ihr Festmahl hermachten. Er musste nichts weiter tun als in der Nähe zu bleiben. Dann würde er noch mehr bekommen.
Tatsächlich musste er aufpassen, um nicht so viel anzunehmen, dass ihm schlecht wurde. Es war alles köstlich.
Es war ein schöner Moment, das Essen und auch alles andere. Jeder in dieser Familie roch richtig, roch sicher. Von ihnen ging kein Geruch von Wut, Neid oder anderen bitteren Dingen aus.
Dann tauchte der Hasser hinter Kipp auf, aber dieser roch ihn zu spät.
Der Hasser hakte eine Leine an Kipps Halsband ein, zog sie stramm und fragte den freundlichen Mann: »Ist das Ihr Hund?«
»Ich schätze, der hat sich verlaufen. Wir hatten vor, ihn mit nach Hause zu nehmen.«
»Das ist ein hundefreier Campingplatz«, verkündete der Hasser. »Er darf hier nicht sein. Ich nehme ihn jetzt mit.«
Seine Hose und sein Hemd waren kakifarben wie eine Uniform.
»Wir können ihn auch gern mitnehmen, wenn wir übermorgen abfahren«, erwiderte der freundliche Mann.
»Dann wird er nicht mehr hier sein«, gab der Hasser zurück.
Er zog heftig an der Leine, um Kipp zu zeigen, dass er die Kontrolle hatte. Dann ging er über den Platz in Richtung des Büros beim Eingang.
Kipp folgte ihm ohne Widerstand. Dies war kein netter Mann. Er würde auf Widerstand vielleicht mit Gewalt reagieren, sobald sie außer Sichtweite waren.
Der Gestank von Hass war intensiver und angsteinflößender als jeder andere Geruch, abgesehen von gewissen Düften, die verschiedene Arten von Verrückten verströmten.
Manchmal roch eine Person nach Hass und Verrücktheit. Dieser Mann roch nur nach Ersterem.
Möglicherweise würde es schwer werden, ihm zu entkommen. Das hing davon ab, was er hasste und wie sehr.
Hasser lebten, um zu hassen, um Macht auszuüben über diejenigen, die sie hassten. Sie waren davon besessen. Konzentriert. Unnachgiebig.
Das Büro des Campingplatzes befand sich in einer kleinen Blockhütte am Ende des Zufahrtswegs vom Highway.
Kipp wollte nicht hineingehen.
Sein Halsband war zu eng, um hinauszuschlüpfen.
Er würde nicht zubeißen, höchstens unter den extremsten Umständen. Das war eine Regel des Mysteriums. Und sie bestand zu Recht.
Vielleicht würde noch jemand im Büro sein, jemand, der nicht so böse war wie dieser Mann.
Sie stiegen die Treppe hinauf und traten ein.
Es war niemand da. Nur Kipp und der Hasser.