17

Der Verlauf des Tages folgt Lee Shackets Stimmung. Die Sonne verblasst hinter grauen Schleiern, geschmeidig wie der Satinstoff im Inneren eines Sargs. Die Wolkendecke senkt sich herab wie ein schwerer Deckel. Der späte Nachmittag verdüstert sich zu einer langen, mürrischen Dämmerung.

Er verlässt die I-80 und wechselt auf eine zweispurige staatliche Autobahn, die sich hebt und senkt und den natürlichen Konturen des waldigen Geländes folgt, blühende Wiesen schneidet und über viele Meilen nur hier und dort den Blick auf isolierte menschliche Behausungen freigibt. Zwischen den Bäumen ballen sich die Schatten drohend zusammen. Die spätsommerlichen Wildblumen, die einmal in hellen Farben geleuchtet haben, scheinen nun auf den Feldern zu schwelen wie Bruchstücke eines glühenden Meteors, der in die Erdatmosphäre eingedrungen und zersprungen ist.

Shackets unablässiger Hunger ist nicht nur eine Gier nach Nahrung, sondern auch nach Gerechtigkeit, nach einer Transformation des Opfers, das er immer gewesen ist, in eine noch undefinierte, aber wunderbare Erhabenheit, von der er spürt, dass er sie erlangen wird. Ein Druck baut sich in ihm auf wie Dampf in einem Kochtopf, psychischer Druck, aber auch eine Art machtvolle Eskalation seiner körperlichen Fähigkeiten. Stunde um Stunde fühlt er sich stärker; seine Sicht wird schärfer, sein Gehörsinn verbessert sich.

Was er spürt, hat etwas mit dem zu tun, was in der Refine-Anlage in Springville, Utah, geschehen ist. Man hat dort Altersforschung betrieben mit dem Ziel, die menschliche Lebensdauer zu verlängern. Auf Dorian Purcells Weisung hin konzentrierten sich die gut finanzierten Experimente auf Archaeen, die dritte Domäne der zellulären Lebewesen. Die erste Domäne sind die Eukaryoten, zu denen auch Menschen und andere höhere Organismen gezählt werden. Die zweite sind die Bakterien. Die mikroskopisch kleinen Archaeen, die keinen Zellkern haben, wurden lange für eine Bakterienart gehalten. Aber sie verfügen über einzigartige Eigenschaften, so können sie etwa den horizontalen Gentransfer bewirken. Eltern geben ihre Gene vertikal an ihren Nachwuchs weiter. Archaeen hingegen geben ihr genetisches Material horizontal weiter, von einer Spezies zur anderen. Man beginnt erst langsam damit, ihre geheimnisvolle Rolle in der Entstehung des Lebens auf der Erde zu verstehen. Vielleicht ist es Wahnsinn, zu versuchen, sie zur Verbesserung des menschlichen Genoms und zur Verlängerung der menschlichen Lebensspanne einzusetzen.

Aber obwohl Shacket die Ereignisse in Springville zunächst für eine Katastrophe gehalten hat, beginnt er, sich zu fragen, ob nicht das Gegenteil der Fall ist. Auch wenn er vielleicht Hunderte Milliarden – vielleicht sogar Billionen – von programmierten Archaeen eingeatmet hat, in denen die lebensverlängernden Gene vieler Arten enthalten sind, ist es vielleicht ein Fehler gewesen, das Leck in den Isolationslaboren der Organismen als katastrophalen Notfall zu betrachten. Einer der hochrangigen Wissenschaftler – oder Dorian selbst – hat es jedoch offenbar für genau das gehalten und das Sicherheitsprogramm gestartet, durch das der Komplex abgeriegelt und schließlich niedergebrannt wurde.

Shacket ist als Einziger entkommen. Er hat gegen die Regeln verstoßen, indem er nicht an Bord geblieben ist. Zum Teufel mit den Regeln. Er hat das Richtige getan, das Richtige für sich. Nach seiner panischen Flucht aus Utah hat er Zeit gehabt, die Fassung wiederzugewinnen und noch einmal in Ruhe über die möglichen Konsequenzen der Springville-Katastrophe nachzudenken.

Er fühlt sich zum ersten Mal in seinem Leben frei. Frei. Er fühlt, wie eine gewaltige Kraft in ihm wächst, auch ein aufregendes, neues Selbstvertrauen. Während er von Utah nach Nevada fährt und durch die kalifornischen Berge nach Westnordwest reist, hat er den Eindruck, alles bloß Menschliche hinter sich zu lassen. Was, wenn der horizontale Gentransfer durch die Archaeen dazu führt, dass die Sterblichkeit aus seinem Genom entfernt wird? Was, wenn das Desaster in Springville überhaupt keines war, sondern ein großer, wenn auch unbeabsichtigter Erfolg, von dem er als Einziger profitiert? Er verspürt eine befriedigende Verachtung für alle, denen er es früher recht machen wollte. Er verwandelt sich, entwickelt sich zu etwas Überlegenem, und die Aussicht, es allen zu beweisen, löst einen Nervenkitzel aus. Er wird tun können, was immer er will, mit wem er will – angefangen mit Megan Bookman, diesem eiskalten Miststück, dem jemand Demut beibringen muss. Er wird sie beherrschen.

Vielleicht muss er aber auch gar nicht auf Megan warten. Vielleicht hat seine Verwandlung ihm bereits die Macht gegeben zu tun, was er will, sich zu nehmen, was er will. Vor ihm auf dem einsamen State Highway hat ein Wagen auf dem breiten, rechten Seitenstreifen angehalten. Ein Mann wechselt gerade den linken Hinterreifen. Eine junge Frau steht daneben und sieht zu. Sie trägt Shorts und ein Neckholder-Oberteil. Und sie ist heiß. In Shackets Leben hat es immer Frauen gegeben, die er wollte und nicht haben konnte, Frauen, die auf seine Annäherungsversuche mit Desinteresse oder sogar Spott reagiert haben. Diese hier sieht aus wie eine dieser Frauen. Sie sieht aus wie sie alle.

Er verlangsamt den Wagen, lenkt den Dodge Demon von der Straße und hält hinter dem anderen Auto. Es ist ein schwarzer Shelby Super Snake, ein typischer Sportwagen, dessen Neupreis wahrscheinlich bei 125.000 Dollar liegt.

Er steigt aus, lächelt, spielt den barmherzigen Samariter. »Brauchen Sie Hilfe dabei?«

»Bloß ein platter Reifen«, erwidert der Mann, der neben dem hinteren Radkasten hockt und mit einem Radmutternschlüssel hantiert. »Hab ihn schon fast gewechselt.«

»Ist der schöne Wagen hier ein Shelby?«

»Super Snake, das Modell vom letzten Jahr«, bestätigt das Arschloch stolz.

In beiden Richtungen ist weit und breit kein anderes Fahrzeug in Sicht.

»Das ist echte Power, Sir. Ein toller Schlitten. Aber auf so einer Nebenstraße können Sie den doch gar nicht richtig ausreizen.«

»Nicht wenn man nicht an einem Baumstamm landen will«, stimmt der Super-Snake-Typ zu. »Aber damit durch die Kurven zu fahren, das macht schon Spaß.«

»Für Kurven scheinen Sie sich ja sehr zu interessieren.«

Das Arschloch hört den Spott in Shackets Stimme und springt sofort auf, das Werkzeug in der Hand.

Shacket deutet auf die Frau und sagt: »Die Schlampe, die Sie da haben, ist aber nicht das neueste Modell.«

»Bist du nicht ganz richtig im Kopf?«, fragt ihn der Super-Snake-Typ.

Er ist groß, stämmig wie ein Linebacker, mit Armen wie ein Gewichtheber. Er hat noch nie im Leben klein beigegeben. Einer, der es gewöhnt ist, andere Männer mit nicht mehr als einem Stirnrunzeln einzuschüchtern.

»Nein, Sir, mit mir ist alles in Ordnung«, erwidert Shacket.

Unter der niedrigen Wolkendecke ist es still. Keine Verkehrsgeräusche sind zu hören. Motorengeräusche hätte er gehört, noch bevor ein Fahrzeug in Sicht kam, vielleicht eine halbe Minute oder länger vorher.

Er grinst. »Nichts, das man nicht mit so einem schönen Stück Arsch wie ihrem kurieren könnte.«

»Steig ins Auto, Justine«, sagt der Kerl zu dem Miststück. Er geht auf Shacket zu. Seine Miene ist hart wie ein Vorschlaghammer. Seine Größe erfüllt ihn mit Selbstvertrauen und er hält den Radmutternschlüssel so, als ob er jemandem damit den Schädel einschlagen möchte.

Die Frau rührt sich nicht, als ob sie vor Angst wie gelähmt wäre. Vielleicht ist sie auch aufgeregt, glaubt, dass hier nichts Schlimmes passieren kann. Geilt sich daran auf, wie ihr Mann anderen Kerlen die Scheiße aus dem Leib prügelt.

Wie ein düsteres Omen fliegen drei Raben über sie hinweg, ohne zu krächzen. Ihre Flügel schneiden mit scharfem Schweigen durch die Luft. Alles scheint nun eine wichtige Bedeutung anzunehmen.

Shacket zieht den mit Hohlspitzmunition geladenen Heckler & Koch Compact .38 unter seinem Sakko hervor, marschiert auf den Linebacker zu und pumpt ihm vier Kugeln in den Leib.

Justine erwacht aus ihrer Erstarrung und schreit. Sie ist eine echte Jamie Lee Curtis, die scream queen der Sierra Nevada. Sie dreht sich um und rennt davon, schwingt ihre langen, glatten Beine.

Ihr starker Mann klappt mausetot zusammen und rollt die Böschung hinunter ins hohe Gras, schlaff wie ein Sack Kartoffeln. Seine Muskeln nützen ihm nichts mehr.

Darum geht es: das Kommando zu haben, die Macht zu haben, ohne Angst zu sein, unantastbar. Shacket ist ein neuer Mann, ein sich erneuernder Mann, und er verändert sich schnell, wird zu einem anderen, zu etwas anderem.

Die Frau läuft mitten über den Highway nach Westen. Anscheinend hofft sie, dass ein anderes Auto oder ein Lastwagen kommen wird.

Statt Sneakern oder anderem praktischem Schuhwerk trägt diese Schlampe Sandalen mit erhöhten Absätzen. Sie stolpert einmal, dann noch einmal. Eine Sandale fliegt davon. Sie hüpft weiter.

Ihr hastiger, nutzloser Fluchtversuch bringt Shacket zum Lachen. Er folgt ihr.

Eine schwarze Feder schwebt vor Shacket herab, die ein Rabe hoch oben verloren hat. Er schnappt sie aus der Luft, steckt sie sich in die Tasche, ein Symbol des Todes, das ihm geschenkt wurde als Zeichen seiner neuen Macht, um ihm zu versichern, dass er entscheiden darf, wer lebt, wer stirbt und wie schwer die Verurteilten leiden müssen, bevor sie zugrunde gehen. Alles wirkt jetzt wie ein Omen, gewinnt an Bedeutung.

Er steckt die Pistole ins Halfter, rennt hinter der Frau her und packt sie an ihren langen Haaren. Er reißt sie von den Beinen. Justine fällt auf die Fahrbahn. Shacket versetzt ihr einen Faustschlag, der sie benommen macht und erschlaffen lässt.

Er fühlt sich so stark, wie ihr toter Freund ausgesehen hat. Er hebt sie von der Asphaltdecke auf, als ob sie nichts wiegen würde, trägt sie zum Straßenrand, lässt sie fallen und verpasst ihr einen Tritt, nach dem sie den Hang hinabrollt.

In einem Fieber aus Begierde und Triumph läuft er zu der Frau hinunter, die im hohen Gras versucht, wieder aufzustehen. Er wirft sich auf sie, hält sie unter sich fest. Sie erholt sich von seinem Schlag und wehrt sich. Aber dieser Kampf ist vorbei, bevor er richtig begonnen hat. Sie ist die Gazelle und er der Löwe, sie die Fliege, er die Spinne.

Nun ist der Motor eines Lkw zu hören, der sich oben auf dem Highway nähert. Niemand kann sie hier im Gras liegen sehen, mindestens sechs Meter tiefer als die Straßendecke. Obwohl es unwahrscheinlich ist, dass jemand im Lastwagen Justine hören würde, wenn sie schreit, stößt Shacket ihr einen Handballen unters Kinn und drückt fest zu, schließt ihr den Mund und schiebt ihren Kopf nach hinten. Ihr geschmeidiger Hals biegt sich, ihr Schrei bleibt in ihrer Kehle gefangen.

Vielleicht werden die zwei Autos, die hintereinander auf dem Seitenstreifen dieser einsamen Straße stehen, dem Lastwagenfahrer merkwürdig vorkommen. Aber da in keinem der Wagen jemand sitzt und niemand Zeichen gibt, dass er Hilfe benötigt, gibt es keinen Grund, anzuhalten und sich die Sache näher anzusehen. Tatsächlich würde ein weiser Mann in dieser oft gesetzlosen und gefährlichen Zeit lieber in Bewegung bleiben und es vermeiden, in irgendetwas hineingezogen zu werden.

Nach dem Motorengeräusch zu schließen, wird der Laster langsamer, und Justine scheint für einen Moment neue Hoffnung zu schöpfen. Sie bäumt sich unter Shacket auf, versucht, mit zusammengebissenen Zähnen zu schreien. Er drückt ihr den Handballen heftiger unter das Kinn. Ihr straffer, geschmeidiger Körper windet sich unter ihm. Ihre völlige Hilflosigkeit, seine absolute Macht: Obwohl keiner von ihnen nackt ist, ist dies der erotischste Moment in Shackets Leben, und er verliert jede Hemmung.

Justine macht sich falsche Hoffnungen. Der Lastwagen beschleunigt wieder und das Geräusch wird leiser. Sie hört auf, sich zu wehren, beendet ihren Versuch zu schreien. Die Stille der Wildnis senkt sich auf sie herab, tiefer als vorher. Kein Insekt summt, kein Vogel singt, als hätte jedes Lebewesen hier bemerkt, dass ein einzigartiger Mann ihre Welt betreten hat, einer, der verändert ist und sich weiter verändert, einer, der weder den Regeln der Menschen noch denen der Natur folgt, der nichts fürchtet, der selbst zu fürchten ist.

Er nimmt seine Hand von Justines Kinn und hofft, dass sie für ihn schreien wird, für ihn allein, jetzt, da sie niemand sonst mehr hören kann. Sie blickt von unten in sein Gesicht, reißt die blauen Augen weit auf, bläht die Nüstern, keucht und sagt nur: »Bitte.«

Shacket mag, wie sich das anhört: dieses Wort, dieses klägliche Flehen, diese Anerkennung der Tatsache, dass er die absolute Macht über sie besitzt.

»Sag das noch mal.«

»Bitte. Bitte, tun Sie mir nichts.«

Eigentlich hat er vor, sie zu vergewaltigen. Aber zu seiner und ihrer Überraschung beißt er sie. Sie schreit. Er beißt noch einmal, und das Beißen ist wundervoll, beglückend, das Erfüllendste, das er je getan hat.

Ihr Schrecken versetzt ihn in Ekstase.