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Woody in seinem Zimmer. Am Computer. Auf der Suche nach Gerechtigkeit.

Sie sagten, Woodys IQ sei 186. Seine Lesegeschwindigkeit betrug 160 Wörter pro Minute. Wenn man 160 von 186 abzog, erhielt man die Zahl der Buchstaben im Alphabet.

Er war am 26. Juli um vier Uhr morgens geboren worden. Der Juli war der siebte Monat des Jahres. 26 mal sieben ergab 182. Wenn man dazu vier addierte für die Stunde seiner Geburt, erhielt man seinen IQ.

Heute war Mittwoch. Woodys Dad war an einem Mittwoch gestorben. Seit seinem Tod waren exakt 164 Wochen vergangen. Woody hatte am zweiten Jahrestag seines Ablebens mit der Arbeit an seinem Werk Die Rache des Sohnes: Gewissenhaft gesammelte Beweise für monströse Bosheit begonnen, vor 60 Wochen, als seine Hackerfähigkeiten so ausgereift waren, dass kein Sicherheitssystem, keine digitale Verteidigung ihn aufhalten konnte. Wenn man 60 von 164 abzog, hatte man die Anzahl der Seiten des Dokuments, das die Mörder seines Vaters überführen würde.

Keine dieser Zahlen – von seinem IQ und der Lesegeschwindigkeit bis hin zur Seitenzahl des Berichts – hatte irgendeine nützliche Bedeutung. Es waren mathematische Zufälle oder vielleicht Muster, die auf eine Reihe von Algorithmen hindeuteten, die dem Geschehen im Universum zugrunde lagen. Aber selbst wenn das der Fall war, waren diese Algorithmen so tief in die Matrix der Realität verwoben, dass sie sich dem menschlichen Verstand entzogen.

Jedenfalls gehörte es zur Funktionsweise von Woodys Verstand, diese Zufälle oder geheimnisvollen Muster überall aufzuspüren.

Diese mentale Eigenart, das Erkennen obskurer Muster, half ihm dabei, seinen Weg durch alle Ebenen des Internets zu finden, vom World Wide Web, das jedermann benutzte, über die entlegenen Archive des Deep Web bis hin zu den bedrohlichen Abwegen des Dark Web.

Für Woody war das Internet wie ein anderer Planet. Jede Seite war ein Dorf oder eine Stadt mit eigenen Vierteln und Straßen. Es war eine Welt, die er auf quasi magische Weise durchquerte, indem er eine kurze Zauberformel eintippte und sich mit einem Klick von einem Kontinent zum anderen teleportierte.

Er hatte in zahlreichen Computersystemen Backdoors geöffnet und Rootkits installiert, die es ihm ermöglichten, oft zurückzukehren und die Archive so unauffällig zu durchsuchen, dass selbst die besten IT-Sicherheitsleute kaum in der Lage waren, seine Aktivitäten zu bemerken.

Nur für den Fall, dass ihn jemand beim Durchforsten seiner Daten ertappte, griff er nie direkt aus Pinehaven auf diese Backdoors zu, verschleierte seine Identität auf dem Umweg über zahlreiche Telekommunikationsgesellschaften und benutzte andere Tricks, um jeden zu verwirren, der versuchte, seine Besuche zurückzuverfolgen.

Nach mehr als einem Jahr intensiver Bemühungen hatte er, ausgehend von einer bekannten Tatsache, mehr als 100 Seiten mit Beweisen zusammengetragen. All dieses Material hätte selbst ein vom Justizminister ernannter Spezialanwalt mit einem ganzen Trupp von Ermittlern nicht einmal innerhalb eines Jahrzehnts entdecken können. Wenn man ein hochleistungsfähiges autistisches Genie war, konnte eine Entwicklungsstörung, die mit der einzigartigen Fähigkeit einherging, sich über lange Zeit intensiv auf scheinbar banale Sachverhalte zu konzentrieren, zu einem wertvollen Vorteil werden.

Die bekannte Tatsache, von der er ausgegangen war, war die Enttäuschung seines Dads über seinen Boss Dorian Purcell, den Multimilliardär. Woody hatte einmal gehört, wie seine Eltern sich über Purcells »Erlöserkomplex« unterhalten hatten. Sein Dad hatte die Absicht geäußert, zu kündigen, sobald ihm gewisse Aktienoptionen sicher seien, bevor er »Vorhaben von Dorian unterstützen« müsse, die »einfach nur verrückt« seien.

Nachdem er in das Computersystem von Parable, Inc. eingedrungen war – die Muttergesellschaft von Purcells Geschäftsimperium –, hatte Woody Dorians E-Mail- und Telefonverzeichnisse aufgespürt. Diese hatten ihm den Weg zu einem ganzen Netzwerk anderer Personen gewiesen, über die einiges in Erfahrung zu bringen war. Viele dieser Individuen, von denen es Hunderte gab, hatten auch gegenseitig ihre Kontaktdaten gespeichert, ein richtiges Elitenetzwerk. Aber er hatte festgestellt, dass in 16 dieser Verzeichnisse ein seltsamer Name auftauchte, der ihn faszinierte – Gordius.

Als Autodidakt, der sich mit vier Jahren selbst das Lesen beigebracht und drei Jahre später bereits Universitätstexte gelesen hatte, außerdem als in sich gekehrter Autist, der nicht jeden Tag mehrere Stunden mit sozialen Interaktionen verbrachte oder sich mit den Dingen beschäftigte, die die meisten Leute interessierten, blieb ihm jede Menge Zeit. Die angenehmste Art, diese Stunden zu füllen, bestand darin, Dinge zu lernen. Eines der Themengebiete, mit denen Woody sich sehr gern beschäftigt hatte, war die klassische Mythologie gewesen.

In der griechischen Mythologie war Gordius ein Bauer, der zum König von Phrygien wurde. Er hatte einen extrem komplizierten Knoten gebunden – den berühmten Gordischen Knoten –, den niemand lösen konnte. Als Alexander davon erfahren hatte, dass derjenige, der diesen Knoten löste, dazu bestimmt war, über ganz Asien zu herrschen, hatte er ihn schlicht und einfach mit seinem Schwert durchgeschnitten.

Dieser Mann, der in den Kontaktverzeichnissen von 16 Personen zu finden war, hieß Alexander Gordius. Für jemanden, der nicht über Woodys außergewöhnliche mentale Fähigkeiten verfügte, hätte dieser Name ausgesehen wie jeder andere auf dieser langen Liste. Aber ihm schien es unwahrscheinlich, dass jemand die Namen sowohl des Schöpfers des Gordischen Knotens als auch des Mannes trug, der ihn mit dem Schwert zerschlagen hatte.

Er hatte den Eindruck, es hier vielleicht mit einer Tarnidentität zu tun zu haben.

Woody war neugierig genug gewesen, mehr über diesen Mr. Gordius erfahren zu wollen. Durch eine Backdoor bei dem Telekommunikationsunternehmen, bei dem dieser Account registriert war, begann er eine Suche und fand heraus, dass die Rechnungsadresse von Alexander Gordius eine offene Handelsgesellschaft mit Sitz in Kalifornien war. Diese gehörte einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung in Delaware … Und von hier aus nahm die Suche noch einige unerwartete Wendungen.

Er hatte ein paar Tage gebraucht, um herauszufinden, dass eine verwirrende Vielzahl von Kapitalgesellschaften, hinter denen sich Gordius versteckte, auf die eine oder andere Weise mit Refine, Inc. verbunden war, deren Mutterfirma wiederum Parable, Inc. war. Schließlich hatte er sich durch die Backdoor in das Computersystem von Refine eingeschlichen. Dort hatte er die E-Mail-Daten von Alexander Gordius gefunden und geknackt – was ihn zu der Erkenntnis führte, dass es sich bei Gordius tatsächlich um Dorian Purcell handelte.

Dorian hatte dem äußerst exklusiven, elitären Kreis aus 16 Personen Essays geschickt, in denen es um ernste Menschheitsprobleme ging – und Lösungsvorschläge gemacht. Oft kontroverse Vorschläge. Er sprach über alles, von Überbevölkerung bis zu sinkenden Bevölkerungszahlen, von globaler Erwärmung bis zu globaler Abkühlung, von der Kernfusionsenergie zur Praktikabilität Millionen Morgen großer Solarfarmen, über mögliche Wege, Krebs zu heilen, und die Möglichkeit der drastischen Verlängerung der menschlichen Lebensspanne.

Einiges von dem, was Purcell schrieb, war intelligent, durchdacht, vielleicht sogar durchführbar. Aber vieles war so banal wie hochtrabend. Mit Computern, Festkörpertechnik und vielen verwandten Themenfeldern kannte er sich aus, aber er hielt sich für einen Experten auf allen Gebieten. Woody hatte zwar viel gelernt und sich eingeprägt, aber ihm war sehr wohl bewusst, dass es große Wissensbereiche gab, in denen er ahnungslos war und es wahrscheinlich auch immer bleiben würde. Es war einfach nicht genug Zeit. Er wusste, was er nicht wusste. Dorian Purcell hingegen schien nicht zu wissen, was er nicht wusste.

Das E-Mail-Verzeichnis von Alexander Gordius enthielt die 16 Namen, die Woody bereits kannte, aber zusätzlich fand er noch drei weitere, sehr lange E-Mail-Adressen, die nicht aus Namen, sondern nur aus einer Reihe unzusammenhängender Buchstaben, Zahlen und Symbole bestanden. Er begriff, dass es sich dabei um Seiten im Dark Web handeln musste. Solche sorgfältig geschützten Adressen erhielt man vor allem von Gleichgesinnten. Vielleicht waren es Bezugsquellen für Drogen oder Kinderpornos, vielleicht waren hier auch Waffenhändler aktiv, die illegale Dinge wie Maschinengewehre, C-4-Sprengstoff und Boden-Luft-Raketen anboten.

Woody hatte gezögert, sich diese Seiten anzusehen. Er hatte tagelang darüber nachgedacht.

Schließlich hatte er sich für eine entschieden, deren Adresse aus 46 Zeichen bestand, und hatte die Seite unter dem Schutz des E-Mail-Accounts von Alexander Gordius geöffnet.

Ein schwarzer Bildschirm war aufgetaucht, auf dem ein Wort in weißer Druckschrift zu lesen war: ›Tragedy‹Tragödie.

In den nächsten drei oder vier Minuten folgte eine Reihe von Videoclips verschiedener bundesweiter und lokaler Nachrichtensender. Sie zeigten Fotos von Menschen, die gestorben waren, Videos von Flugzeugwracks, deren Trümmerteile auf Feldern verteilt lagen, von zerstörten Autos, brennenden Gebäuden und dahinrasenden Rettungswagen mit flackernden Blaulichtern, von Krankenhäusern und düster dreinblickenden Polizeibeamten und Ärzten in weißen Kitteln, die vor Mikrofonen standen. Die Bilder wurden durch Audioaufnahmen ergänzt, durch die Stimmen der Nachrichtensprecher und der grimmig blickenden Behördenvertreter in den Clips: »Starben durch die Stichflamme einer heftigen Gasexplosion … beging Selbstmord, indem er sich am Dachsparren einer Scheune erhängte … kam bei einem merkwürdigen Unfall ums Leben … Der für seinen Tod Verantwortliche beging Fahrerflucht … ein sinnloser Drive by- Anschlag, den man Mitgliedern einer Gang zuschreibt, die die Stadt heimsucht … ein Mord in Verbindung mit einem Selbstmord, der diese noble Gegend erschüttert hat … ein plötzlicher Schlaganfall im jungen Alter von 38 … einer der drei Toten bei dem vermuteten Terroranschlag, für den noch niemand die Verantwortung übernommen hat …«

Als ein Foto von Jason Bookman aufblitzte, hatte Woody sich so erschreckt, dass er nur noch die letzten Worte gehört hatte: »… beim Absturz eines firmeneigenen Hubschraubers.«

Dann verschwand das Gesicht seines Vaters, und weitere Tragödien wurden gezeigt, bis die Begrüßungssequenz zum Ende kam. Der Bildschirm wurde wieder schwarz. Dann tauchten zwei Wörter in weißer Druckschrift auf: ›Passwort eingeben‹.

Natürlich war Woody kein Nutzer der Dienste, die hier angeboten wurden, was immer es auch war. Daher besaß er auch kein Passwort.

Er hatte die Seite verlassen.

Dann hatte er lange dagesessen und den Bildschirm angestarrt. Vielleicht eine Stunde. Vielleicht zwei. Er hatte nachgedacht.

Schließlich hatte er einen Stift und einen Notizblock genommen, sich noch einmal über den Alexander-Gordius-Account eingeloggt und die 46 Zeichen lange E-Mail-Adresse eingegeben.

›Tragedy‹.

Die Montage aus Bildern und Tönen begann wieder. Während die Nachrichtensprecher und andere über die Toten sprachen, notierte Woody sich die Namen der Opfer.

Diesmal war er auf das Auftauchen des Fotos von seinem Dad vorbereitet. Wie zuvor folgte auf das Standbild ein Video des schwelenden Helikopters. »Jason Bookman, die rechte Hand des Parable-Gründers Dorian Purcell, und sein Pilot sind heute beim Absturz eines firmeneigenen Hubschraubers ums Leben gekommen.«

Am Ende dieser Einleitung erschien wieder die Aufforderung: ›Passwort eingeben‹.

Woody hatte die Dark-Web-Seite geschlossen, sich aus dem Computersystem zurückgezogen, das die Alexander-Gordius-Mailarchive enthielt, war rückwärts durch die Reihe falscher Identitäten nach Pinehaven zurückgekehrt, in dieses Haus, dieses Zimmer, und hatte seinen Computer ausgeschaltet.

Das war vor ein paar Monaten gewesen. Seitdem hatte er sorgfältige Nachforschungen über die 41 Todesfälle angestellt, auf die die Video-Einleitung zu dieser Webseite Bezug nahm.

Selbst wenn einige dieser Unfälle den Behörden verdächtig vorgekommen sein mochten, war doch keiner dieser Fälle deshalb neu aufgerollt worden.

Die Gerichtsmediziner der verschiedenen Städte hatten bestätigt, dass die Selbstmorde tatsächlich Selbstmorde gewesen waren.

Keines der Attentate durch Gangmitglieder oder Terroristen hatte Festnahmen von Tätern nach sich gezogen.

Vielleicht konnten gewisse unterschwellige Muster im Zusammenhang mit diesen Ereignissen nur von einem besessenen, hochleistungsfähigen, autistischen Jungen mit einem IQ von 186 bemerkt werden, der Tausende Stunden Zeit hatte, um solche Nachforschungen anzustellen. Nur zwei andere der 41 Todesfälle waren mit Dorian Purcell in Verbindung zu bringen.

Was nicht mehr bedeutete, als dass Purcell nicht der einzige Nutzer dieses Dark-Web-Service war.

Diese Seite verfolgte nicht das Ziel, die Zerbrechlichkeit des Lebens darzustellen. Es war keine Gedenkstätte, keine Internet-Klagemauer, an der man über die Tragik der menschlichen Existenz lamentieren konnte.

Woche für Woche, Monat für Monat hatte Woody immer mehr überzeugende Indizienbeweise dafür zusammengetragen, dass es sich bei Tragedy um eine Organisation handelte, die Auftragsmorde durchführte.

Er hatte sorgfältig darauf geachtet, nicht noch einmal auf die Seite zurückzukehren, aus Angst, dass die Betreiber vielleicht einen Weg kannten, wiederkehrende Besucher aufzuspüren, die kein Passwort eingegeben hatten. Sowohl unter dem Namen des Milliardärs als auch unter Nutzung der Gordius-Identität hatte er sich in den E-Mail-Archiven von Dorian Purcell herumgetrieben, war jedoch nicht in der Lage gewesen, irgendein Passwort aufzuspüren, das zu der Dark-Web-Seite passen konnte.

Dieser Mittwoch war ein schicksalhafter Tag, exakt 164 Wochen nach Jason Bookmans Tod, auf den Tag genau 60 Wochen, seit Woodrow Bookman seine Ermittlungen begonnen hatte. 164 minus 60 ergab die Seitenzahl von Die Rache des Sohnes: Gewissenhaft gesammelte Beweise für monströse Bosheit, obwohl er diese Länge nicht bewusst angestrebt hatte. Bloß Zufall. Oder eine Konsequenz der mysteriösen Algorithmen, die den Abläufen im Universum zugrunde lagen.

Woody hatte vor, seiner Mutter das Dokument am nächsten Morgen zu zeigen. Zuerst wollte er jedoch noch einmal ins Dark Web zurückkehren, um sich zu vergewissern, dass diese finstere Seite immer noch aktiv war und dass das Einleitungsvideo noch so war, wie er es vor einigen Monaten gesehen hatte.

Wie zuvor verschleierte er seine Identität über mehrere Zwischenstationen, bevor er in den Refine-Computer durch die Backdoor eindrang, die er vor langer Zeit eingerichtet hatte. Er benutzte den Alexander-Gordius-Account, um die 46 Zeichen der Dark-Web-Adresse einzugeben.

Schwarzer Bildschirm, weiße Schrift: ›Tragedy‹.

Tränen trübten ihm die Sicht, als er das Gesicht seines Vaters sah.

Meistens versteckte er seine Trauer vor seiner Mutter. Bei den seltenen Gelegenheiten, wenn sie ihn in einem traurigen Moment ertappte, lächelte Woody oder lachte sogar. Sie fragte, ob das Freudentränen seien, und er nickte. Ja.

Wenn er sie weinen sah, beschämten ihn ihre Tränen, weil er wusste, dass es keine Freudentränen waren, aber auch deshalb, weil er das Gefühl hatte, sie trösten zu müssen. Aber er war, wer er war – der katastrophale Woody –, und es gab nichts, das er dagegen ausrichten konnte, also wurde aus seiner Beschämung eine Demütigung. Er wollte nicht, dass seine Tränen seine Mutter demütigten.

Das Video endete und auf dem Bildschirm erschien wieder das Kommando: ›Passwort eingeben‹.

Er starrte auf diese Wörter und fragte sich, wie viel man wohl bezahlen musste, um jemanden so umbringen zu lassen, dass es wie ein Unfall, Selbstmord oder ein terroristischer Anschlag aussah. Er hatte kein Geld. Seine Mom kaufte für ihn alles, was er brauchte. Er konnte sie nicht bitten, dafür zu bezahlen, dass Dorian Purcell von einem Lastwagen überfahren wurde oder eine hohe Treppe hinunterfiel. Dafür würde sie vielleicht ins Gefängnis kommen. Dort würde es ihr nicht gefallen.

Woody selbst hätte kein Problem damit gehabt, ins Gefängnis zu gehen. Es störte ihn nicht, allein in einem kleinen Zimmer zu sein und nichts zu tun zu haben außer zu lesen und nachzudenken. Aber man schickte natürlich keine elfjährigen Kinder in den Knast. Jedenfalls würden die Mörder, die hinter Tragedy steckten, Purcell wahrscheinlich nicht einmal für eine Fantastilliarde Dollar töten. Soweit Woody es beurteilen konnte, richtete sich diese Auftragskiller-Website ausschließlich an böse Menschen, die sehr, sehr, sehr gern wollten, dass gute Menschen starben. Wäre es andersherum gewesen, wäre es also ihr Geschäftsmodell gewesen, darauf zu warten, dass gute Menschen böse Menschen ermorden ließen, hätten sie wahrscheinlich nicht viele Kunden gefunden. Denn gute Menschen lösten ihre Probleme nicht auf diese Art. Das war einer der Gründe dafür, dass schlechte Menschen so lange mit ihrer Schlechtigkeit durchkamen.

Vielleicht hätte er noch länger die Wörter ›Passwort eingeben‹ angestarrt und dabei über Gut und Böse nachgegrübelt, aber dann geschah etwas Seltsames und Erschreckendes. Die beiden Wörter verschwanden vom Bildschirm, und nach ein paar Sekunden völliger Schwärze erschienen drei andere in weißen Buchstaben: ›Du schon wieder‹.