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Im Arbeitszimmer im Haus am See lief eine Reihe von Videos, in denen die verstorbene Dorothy Hummel ihre erstaunlichen Erlebnisse mit Kipp festgehalten hatte. Rosa Leon, die sich nach der Mitteilung, dass sie das Vermögen ihrer Arbeitgeberin geerbt hatte, immer noch in einem angenehmen Schockzustand befand, sah sich fasziniert eines nach dem anderen an.
Dorothy erzählte zur Kamera gewandt, wie sie Kipp von einem Züchter gekauft hatte, als dieser 16 Wochen alt gewesen war, ein schnell wachsendes Fellknäuel voller Temperament und Neugier. Sie hatte schon vorher Hunde besessen, immer Golden Retriever, und sie kannte sich mit Welpen aus, daher erkannte sie schon nach wenigen Tagen, dass Kipp anders war als seine Artgenossen.
Sie fütterte ihn zweimal täglich, einmal um sieben Uhr morgens, einmal um 15:30 Uhr am Nachmittag. Am dritten Tag hatte Kipp sich angewöhnt, jedes Mal fünf Minuten vor der Fütterung zu Dorothy zu gehen. Er setzte sich vor sie hin und tastete sanft und höflich mit der Vorderpfote nach ihrem Fuß. Dorothy sagte, sie habe schon vorher Hunde gehabt, die über ein intuitives Gespür für Zeit verfügt hatten, aber eine Woche nachdem sie sich kennengelernt hatten, trieb der kleine Kipp es noch einen Schritt weiter. Dorothy hatte sich auf einem Sessel zusammengerollt und war in einen Roman vertieft, und Kipp hatte keinen Fuß, nach dem er tasten konnte. Er bellte nicht viel, daher lief er, als sie sein ungeduldiges Auf-und-ab-Laufen nicht zur Kenntnis nahm, in die Küche, sprang auf einen Stuhl, holte ihre Armbanduhr, die sie abgenommen hatte, trug diese in der Schnauze zu ihr und ließ sie auf ihren Schoß fallen.
Als Dorothy klar wurde, dass es Zeit für sein Futter wurde, war sie verblüfft über Kipps Tat. Sie stand auf und sah ihn an, und er erwiderte ihren Blick, als ob er sagen wollte: Na, was sagst du dazu?
Sie hatte schon immer so mit Hunden gesprochen, als ob diese sie verstehen könnten. Daher kam sie sich kein bisschen albern vor, als sie ihn nun fragte, ob er wisse, wozu eine Armbanduhr da sei. Zur Antwort lief er zum Torbogen zwischen dem Wohnzimmer und dem Flur im Untergeschoss, und sie folgte ihm. Er führte sie zur Standuhr im Eingangsfoyer. Armbanduhr und Standuhr. Dann drehte er sich um und tappte durch den Flur zur Küche. Dorothy folgte dicht hinter ihm; sie sah ihn vor der Tür zur Vorratskammer stehen und zur Wanduhr hinaufblicken.
Sie hatte ihr iPhone vom Tisch genommen und ein Video aufgenommen, das sie später auf ihren Computer kopiert hatte. Rosa sah es jetzt. Dorothy bat Kipp, ihr den Kühlschrank zu zeigen, und er ging dorthin. Dann bat sie ihn, zur Spüle zu gehen, und er tat es. Sie bat ihn, zur Kochfläche zu gehen, zur Hintertür, zur Müllpresse, zur Flurtür, zur Tür des Waschraums, und er tat es, tat es, tat es, wobei er die ganze Zeit mit dem Schwanz wedelte.
Am nächsten Tag hatte Dorothy sich eine Videokamera gekauft.
Als ob ihm Zweifel gekommen wären, ob es richtig war, seine Außergewöhnlichkeit zu enthüllen, weigerte sich Kipp, diese Vorstellung zu wiederholen. Auf ihr Bitten reagierte er mit Gähnen und verwirrten Mienen, spazierte zu seiner nächsten Schlafstelle und machte ein Nickerchen.
Doch im Laufe der nächsten Wochen stellte Kipp fest, dass er ein Hund war, der Geschichten liebte. Also konnte er sich nicht mehr verstellen und den dummen Hund spielen.