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Rosa Leon brauchte einen Drink. Sie trank nicht oft Alkohol, nur hin und wieder eine Flasche eiskaltes Corona. Am selben Tag war sie nicht nur Millionärin, sondern auch die neue Versorgerin eines superintelligenten Hundes geworden. Das verlangte nach etwas Stärkerem als Bier.
Dorothy hatte sich abends gern einen oder zwei Cocktails gegönnt. Ihr Arbeitszimmer enthielt einen Tischkühlschrank und eine Eismaschine.
Im Kühlschrank befand sich unter anderem Wodka mit Zitronenaroma.
Rosa suchte sich ein Glas, schüttete etwas Eis hinein und goss sich einen Doppelten ein. Dann kehrte sie zurück zum Bürostuhl, zum Computer – und zu diesen erstaunlichen Videos.
Nach dem Tag, an dem die Sache mit der Armbanduhr passiert war, waren fast zwei Wochen vergangen, in denen Kipp den dummen Welpen gespielt hatte. Er war besorgt gewesen, weil er seine wahre Natur schon so früh nach seiner Ankunft bei Dorothy enthüllt hatte – vielleicht hätte er das besser überhaupt nie getan.
Im Mysterium gab es unterschiedliche Ansichten darüber, wem gegenüber und wann die Wahrheit offenbart werden sollte. Die Regeln verboten solche Enthüllungen gegenüber jedem, der nach Hass roch. Man durfte sich nur denjenigen anvertrauen, die nach Freundlichkeit und Liebe rochen, die keinen Hauch von Neid oder Gier an sich hatten.
Sicherlich war Dorothy eine rechtschaffene Person, aber der junge Kipp war bei seinem Trick mit der Armbanduhr und allem, was folgte, zu voreilig gewesen. Im Mysterium wusste man aus Erfahrung, dass die Leute auf diese Enthüllung sorgfältig vorbereitet werden mussten. Sie konnten besser damit umgehen, wenn sie zunächst nach und nach den Verdacht schöpften, dass sie es mit einem Hund zu tun hatten, der mehr war als nur ein Hund.
Kipps Liebe zu Geschichten hatte es ihm unmöglich gemacht, sein großes Geheimnis über Jahre oder auch nur Monate zu hüten. Dorothy hatte ihr Leben lang viel gelesen, ebenso wie ihr Mann Arthur. Bücher stellten den Großteil der Dekorationsgegenstände im Haus, und die Einrichtung der Zimmer richtete sich nach der Position der Bücherregale. Wenn sie kochte oder sich mit einem ihrer großen Puzzles beschäftigte, hörte sie sich dabei keine Musik, sondern Hörbücher an. Dabei konnte der Hund nicht verbergen, dass die Stimme des Erzählers ihn in seinen Bann schlug. Egal ob er saß oder sich in einer anderen Position ausgestreckt hatte, er ließ den MP3-Player nie aus den Augen. Er schlief auch nie, wenn ein Hörbuch lief. Dorothy beobachtete ihn dabei verstohlen und sah, wie unerwartete Wendungen in den Geschichten ihn unweigerlich erschreckten, wie gewisse emotionale Szenen dazu führten, dass er hechelte, winselte oder schnaubte, und zwar auf eine Weise, die zu den Umständen passte, in denen sich die Figuren befanden.
An einem Dezembertag hatte Dorothy den Morgen und den Nachmittag in der Küche verbracht, um für die kommenden Weihnachtstage zu backen. Dabei hatten sie sich Eine Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens angehört. Beim Kapitel Der letzte Geist, in dem der Geist der zukünftigen Weihnacht Scrooge am Tag, an dem der kleine Tim starb, ins Haus der Cratchits brachte, zog sich Kipp ans andere Ende der Küche zurück, setzte sich mit dem Gesicht zur Wand und ließ den Kopf hängen. Dorothy beobachtete ihn für einen Moment und pausierte dann die Wiedergabe, um ihn zu fragen, ob er traurig sei. Kipp blickte über die Schulter zu ihr zurück und stieß ein wehmütiges Winseln aus.
Als Rosa sich jetzt das Video ansah, in dem Dorothy all das erzählte, wurde ihr bewusst, dass der Bericht ihrer Wohltäterin sie ebenso fesselte, wie die Weihnachtsgeschichte Kipp gefesselt hatte. Sie fragte sich, warum ihr keinerlei Zweifel kamen. Nun, zum einen war Dorothy weder leichtgläubig noch eine Lügnerin gewesen. Rückblickend erkannte Rosa nun, dass sie selbst mit Kipp Momente erlebt hatte, in denen er Verhalten gezeigt hatte, das gewöhnliche Hunde nicht zu zeigen schienen. Bei anderen Gelegenheiten war er so schlau gewesen, dass es ihr etwas unheimlich war. Intuitiv hatte sie bereits gewusst, dass irgendetwas an Kipp auf wunderbare Weise fremdartig war. Aber ihr hartes Leben hatte sie gelehrt, alle Annahmen über Magie in der Welt von sich zu weisen und sich immer an den kalten, nüchternen Verstand zu halten.
Auf dem Computerbildschirm leitete Dorothy den Rest ihres Berichts mit einem breiten Lächeln und einem Kopfschütteln ein. »Also habe ich ihm erklärt, dass der Geist der zukünftigen Weihnacht Scrooge nicht zeigt, was sein wird, sondern nur, was sein könnte. Ich habe den MP3-Player auf den Boden gelegt, habe ihm gesagt, dass der kleine Tim nicht sterben wird, dass ich den Rest des Buchs aber nur abspielen würde, wenn er aufhört, so zu tun, als wäre er ein gewöhnlicher Hund.
Er rannte zum Player, blieb davor stehen, starrte darauf hinunter und wedelte wild mit dem Schwanz. Ich habe ihn wieder eingeschaltet, und er blieb während des Rests der Geschichte bewegungslos sitzen und hörte zu. In dieser Nacht habe ich eine noch recht grobe Version dieses pedalbetriebenen Laserpointers entworfen, den ich dann später verfeinert habe und den Kipp benutzt hat, um Buchstaben des Alphabets anzuleuchten und so mit mir zu sprechen. Ich muss sagen, Rosa, ich habe mich wie ein verzaubertes Kind in einem Märchen oder irgendein kleines Mädchen in einem Spielberg-Film gefühlt. Gleichzeitig habe ich mich gefragt, ob ich verrückt werde, eine klapprige, alte Frau, die ihren Sinnen nicht mehr trauen kann. Aber ob ich nun klapprig bin oder nicht, ich habe die fantastische Wahrheit über Kipp herausgefunden.«