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Ein paar Minuten lang wurde Rosa von einem Gemisch aus Emotionen überschwemmt, wie sie es noch nie erlebt hatte. Die Zeit, die sie mit Dorothys Videoaufnahmen verbracht hatte, hatte ihre Trauer noch verstärkt. Und doch waren die Videos von Dorothy und Kipp, die mithilfe des Wandalphabets und des Laserpointers miteinander kommunizierten, fesselnd und beschwingend. Die Traurigkeit kämpfte in ihr mit Hochgefühlen wie nie zuvor. Die Verwunderung, die aus dem Verstand kam, und das Staunen, das aus dem Herzen kam, verbanden sich zu einer Ehrfurcht, die so schwer auf ihr lastete, dass sie nicht mehr vom Stuhl aufstehen konnte. Und dann tat sie es doch.

Sie ging zum Wandalphabet und starrte es eine oder zwei Minuten lang an, bevor sie sich vor den motorisierten Laserpointer kniete. Das Gerät war nach Dorothys Entwurf von einem hiesigen Mechaniker namens John Cobb angefertigt worden. Mr. Cobb hatte sich gefragt, wofür sie so ein Ding brauchte. Sie hatte ihm weisgemacht, dass es für den Gebrauch in Klassenzimmern bestimmt sei und dass sie nicht mehr darüber sagen wolle, weil sie vorhabe, nach einer Testperiode ein Patent dafür anzumelden. Mit dieser Lüge gab Cobb sich zufrieden. Wahrscheinlich hätte es nicht so gut funktioniert, wenn sie ihm eröffnet hätte, dass sie das Gerät brauchte, um besser mit ihrem Hund kommunizieren zu können.

Mit einem Kippschalter an der Mittelsäule ließen sich der Laserpointer sowie der Motor einschalten, der die Maschine antrieb. Der Pointer befand sich in einer kardanischen Aufhängung und schwenkte nach dem Einschalten sofort herum, um den roten Punkt auf den Buchstaben ›A‹ zu richten. Die Vorrichtung wurde über vier angeschrägte Pedale gesteuert. Von links nach rechts: Das erste Pedal bewegte den Punkt nach oben, das zweite nach unten, das dritte nach links und das vierte nach rechts. Sie waren darauf ausgelegt, mit einer Pfote bedient zu werden, aber Rosa konnte sie ebenso gut mit der Hand betätigen.

Nach ihrer Erinnerung an das, was sie in einem der Videos gesehen hatte, gab Rosa die Antwort auf eine Frage ein, die Dorothy an Kipp gerichtet hatte, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie aufwendig diese Form der Kommunikation gewesen sein musste. »Du sagst, du kannst mit anderen deiner Art aus der Ferne kommunizieren. Aber wie?«

Sie drückte die Pedale, und der Laserpointer richtete sich nacheinander auf die Zeichen, die Kipp ausgewählt hatte. Dorothy hatte vom Tisch aus zugesehen und mitgeschrieben.

»Telepathie. Vögel haben auch eine Form davon, deshalb können alle Mitglieder eines Schwarms im selben Moment die Flugrichtung wechseln. Elefanten haben es auch, die kommen von weit her, um einem von ihnen, der im Sterben liegt, zur Seite zu stehen. Aber die Telepathie des Mysteriums ist viel stärker. Wir nennen es die Leitung.«

Die Ersten ihrer Art hatten entweder in dem genetischen Labor, in dem man sie gezüchtet hatte, Englisch gelernt, oder sie hatten es sich nach ihrer Flucht angeeignet, vielleicht indem sie den Menschen zuhörten, die sich um sie kümmerten. Die Antworten auf solche Wie-Fragen ihrer Erschaffung lagen im Nebel verborgen. Derzeit jedoch erhielten die jungen Hunde die englische Sprache sowie Pakete mit anderem Wissen von ihren Ältesten über die Leitung. Es dauerte nur Minuten und ähnelte der Installation eines Programms.

Viele Hightech-Experten wie der extravagante Elon Musk sowie der weniger bekannte Ray Kurzweil träumten von der Singularität – dem Moment, in dem menschliche und maschinelle Intelligenz verschmolzen und den Beginn der posthumanen Ära einläuteten. Sie behaupteten, dass menschliche Gehirne, denen man ein neurales Implantat injiziert hatte, sich telepathisch miteinander verbinden und riesige Wissens- und Theoriegebäude, deren Vermittlung durch einen Lehrer Jahre gedauert hätte, praktisch ohne Zeitverzögerung austauschen könnten.

Zumindest dieses eine Ziel des Singularitätskults hatte das Mysterium erreicht, ohne dass seine Mitglieder zum Teil Maschinen sein mussten. Sie wussten nicht, wie es dazu gekommen war, ob ihre Schöpfer dies geplant hatten oder ob die Telepathie eine unerwartete Folge der gentechnischen Verbesserung ihrer Intelligenz war. Was der Fall war, war der Fall; sie hielten es nicht für nötig, zu viel darüber nachzugrübeln.

Rosa schaltete den motorisierten Laserpointer ab, stand auf und blieb für einen Moment dort stehen. Sie fürchtete sich davor, Kipp aufzusuchen, wo immer er sich in seiner Trauer verkrochen hatte, und zu versuchen, mit ihm ein neues Leben zu beginnen. Er hatte Dorothy mit solcher Hingabe geliebt. Niemand hatte Rosa je mit dieser Heftigkeit geliebt. Sie bezweifelte, dass das überhaupt möglich war. Sie war kein so besonderer Mensch wie Dorothy, und für Kipp konnte sie nur eine Enttäuschung sein.

Sie ging zu den Fenstern, die einen Blick auf den Wald boten. Dort sorgte die dichte Wolkendecke für frühes Dämmerlicht. Ein Nebel stieg von der Oberfläche des Sees auf und kroch zwischen den Bäumen hindurch. Die Millionen kleiner Tropfen in ihm spiegelten das schwache Tageslicht und fluoreszierten, als ob es sich nicht um eine Nebelwolke handelte, sondern um den gespenstischen Schein von Geisterlegionen, die das Ende des Tages heimsuchten.

Rosa Leon empfand nicht nur Staunen über den lieben Kipp und das Mysterium, sondern ihr war auch schmerzlich bewusst, mit welcher tiefen Einsamkeit sie sicherlich zu kämpfen hatten, selbst wenn die Telepathie ein starkes Band zwischen ihnen knüpfte. Vielleicht verstand sie es deshalb so gut, weil sie von einem Vater verlassen worden war, der sie als den »Fehler eines Fehlers« bezeichnet hatte, weil ihre Mutter sie nicht geliebt hatte und weil sie aufgewachsen war, ohne die Art von Zuwendung zu erfahren, die es ihr erleichtert hätte, Freundschaften zu schließen.

Schließlich gab es nur 86 von ihnen. In einer so kleinen Gemeinschaft musste es bis zu einem gewissen Grad auch Existenzängste geben. Sie konnten aussterben, nur weil sie so wenige waren. Neue Mitglieder des Mysteriums machten sich nur so selten in der Leitung bemerkbar, dass man annehmen musste, dass die Gensequenz, die sie unter allen Hunden einzigartig machte, nicht einfach von Generation zu Generation weitervererbt wurde. Soweit Dorothy und Kipp es hatten feststellen können, war er der Einzige aus seinem Wurf, der ein Mysterier war.

Obwohl einer wie Kipp durchaus in einem Wurf zweier gewöhnlicher Hunde auftauchen konnte, war das doch sehr selten, was darauf schließen ließ, dass das Gen der Mysterier entweder beim weiblichen oder beim männlichen Elternteil rezessiv war. Das hatte dazu geführt, dass die Regeln des Mysteriums eine Zeit lang vorschrieben, dass seine Mitglieder sich nur mit anderen ihrer Art paaren durften. Aber weil die Zahl der männlichen und weiblichen Mitglieder nicht immer im Gleichgewicht war, gab es Zeiten, in denen manche von ihnen keine unmittelbare Aussicht auf einen Partner hatten. Derzeit gab es mehr männliche als weibliche Mitglieder.

Zwei weitere Faktoren hemmten das Wachstum ihrer Gemeinschaft. Der erste war die Monogamie. In der Natur gab es viele Arten, die lebenslange Partnerschaften eingingen. Auf Hunde traf dies für gewöhnlich nicht zu, aber die Mysterier hatten beschlossen, dass es für sie zutraf, und sie waren ihren Partnern so treu, wie es vielleicht die meisten Menschen nicht waren. Aus irgendeinem Grund zeugten sie auch nicht so große Würfe wie gewöhnliche Hunde. Manche Weibchen waren unfruchtbar, manche Männchen steril, und selbst wenn ein Wurf gezeugt wurde, waren es nie mehr als drei Welpen. Oft gab es auch überhaupt keinen Wurf, sondern nur einen einzigen Welpen.

Da er keine Aussicht auf eine Partnerin hatte und seine geliebte menschliche Begleiterin nicht mehr bei ihm war, blieb Kipp nur noch die Gemeinschaft der Leitung. Diese war zwar kostbar, aber sie genügte einer so geselligen Art wie ihm nicht. Rosa war der Ansicht, dass er etwas Besseres verdient hatte als sie.

Sie seufzte und sagte: »Aber du wirst dich wohl mit mir begnügen müssen, lieber Kipp.«

Als der aufsteigende Nebel zwischen den Nadelbäumen hervordrang und den Garten vor der Steinterrasse erreichte, wandte Rosa sich vom Fenster ab und machte sich auf die Suche nach dem trauernden Hund, der mehr war als nur ein Hund, der vielmehr etwas war, das sie nun hegen und pflegen musste wie das Kind, das sie nie bekommen hatte.

Sie fing in der Küche mit der Suche an, da diese und die Bibliothek zu Kipps Lieblingszimmern gezählt hatten. Schon bevor sie zur Leichenhalle gefahren war, um Absprachen zu treffen und der Einäscherung beizuwohnen, hatte sie eine Schüssel mit Futter und eine mit frischem Wasser für Kipp hingestellt. Beide Schüsseln waren noch unberührt.

Vielleicht hatte er vor Traurigkeit keinen Hunger gehabt, aber Golden Retriever waren Vielfraße. Auf jeden Fall hätte er jedoch Wasser gebraucht.

Beunruhigt, wenn auch noch nicht alarmiert, ging Rosa im Erdgeschoss von Zimmer zu Zimmer und rief seinen Namen. Ihre Stimme hallte durch die Räume und klang schaurig hohl, als wären alle Möbel entfernt, die Fenster mit Brettern vernagelt und das Haus einfach dem gnadenlosen Fortschreiten der Zeit überlassen worden.

Während sie die Treppe zum Obergeschoss hinaufstieg, rief Rosa mit drängender Stimme: »Kipp! Wo bist du, Kipp?«

Ihre Beunruhigung wuchs zu einer schrecklichen Vorahnung heran, einer bohrenden Furcht, dass sie schon jetzt bei der Erfüllung dieser größten Pflicht ihres Lebens versagt hatte. Sie suchte Zimmer um Zimmer ab, Wandschränke, Flure, spähte unter dieses und hinter jenes Möbelstück, durchforstete das ganze Obergeschoss zweimal von einem Ende zum anderen, ging wieder nach unten, begann auch dort noch einmal von vorn. Aber sie hörte nichts, sah nichts, fand keine Spur von ihm. Kipp war verschwunden.